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Musik und Singen ein Leben lang

von Maria Brümmer

Als Kind und Schülerin sang ich schon im Kirchenchor und Gesangverein mit. Auch in der Schule wurde früher viel gesungen. Heute kann ich noch alle Kirchenlieder und das mit neunundsiebzig Jahren.

Sonntags habe ich viel gesungen mit meinen Freundinnen, denn werktags mußten wir arbeiten. Wir waren zwölf Kinder daheim, und Freizeit gab es nicht viel, bis alles versorgt war. Wir hatten eine kleine Landwirtschaft, Vater gestorben, infolge einer Kriegsverletzung. Nach einem Jahr bekamen wir einen Stiefvater, der war aber nicht gut und verhaute uns schrecklich. Er war meistens dem Alkohol zugetan, deshalb war daheim kein Grund zum Singen.

Aber mit meinen Freundinnen, da gingen wir Sonntag nachmittag auf den Rossberg, der war fast an unserem Haus. Wir sangen ein-, zwei- und dreistimmig, es hörte sich sehr schön an. Wir sangen: „Wanns Dörflein traut zu Ende geht“, „Am Brunnen vor dem Tore“, „Heidschi bum baidschi“, „Am Holderstrauch“, „Mädel, ruck, ruck, ruck“, „A Bauernmädel mag i net“, „D’ Pfannaflicker“, „Lustig ist’s Zigeunerleben“, „Sonntag ist’s auf allen Wipfeln“, „Uff der schwäbscha Eisenbahne“, „O Schwarzwald, o Heimat“, „Schatz, i mag di net“, „Im schönsten Wiesengrunde“, „Jetzt gang i ans Brünnele“, „Rosenstock, Holder blüht“, „O Bua, was kost dei Heu“, „O du lieber Augustin“, „Uff em Bergle bin i g’sessa“, „Wenn alle Brünnlein fließen“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Am Neckar, am Neckar“, „Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal“, „Hab oft im Kreise meiner Lieben“, „Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten“, „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“, „Wer recht in Freuden wandern will“, „Auf dem Berg so hoch da droben“, „Dort unten in der Mühle“, „Drunten im Unterland, da ist’s halt fein“, „Kein schöner Land in dieser Zeit“, „Der Mond ist aufgegangen“, „Freut Euch des Lebens“. Alle diese Lieder sind nicht abgeschrieben, was mir gerade so einfällt, sicher gibt es noch viel mehr.

Der Vater meines Stiefvaters, also mein Großvater, war ein lustiger Mann, sehr arm. Er war Schuhmacher. Immer wenn ich zu ihm ging und Schuhe brachte oder holte, sagte er: „Komm Maidle, sitz na, mir singet.“ Er spielte den Pfarrer, ich war das Volk. Er sang die heilige Messe, alles in lateinisch, ich konnte auch alles. Das machte ihm viel Freude. An einem Sonntag stieg er einmal in der Kirche auf die Kanzel und wollte predigen. Da haben sie ihn heruntergeholt. Er bekam einige Monate Gefängnis. Ab diesem Tag ging er nie mehr in die Kirche. Wir beide sangen immer miteinander. Weil er sehr arm war, klopfte er auch Steine für die Gemeinde, damals zwei Mark für einen großen Haufen. Großvater war nicht gern allein, und ich mußte ihm helfen, und wieder sangen wir Kirchenlieder. Seine Frau konnte er nicht mitnehmen. Sie war so dick wie lang, also ein Pfannkuchen.

In meinem Heimatdorf, es heißt Bühler-Zell und gehört zum Kreis Schwäbisch Hall, ohne Bahnstation, ist eine schöne Grotte. Da steht die heilige Maria mit dem Jesuskind, fast in Lebensgröße. Der Fußweg führte uns, wenn wir zu unseren Feldern gingen, durch die Grotte. Ich sang immer der heiligen Maria ein Lied auf meine Weise und zwar: „O heilige Maria, hasch Du’s aber schee, und i ben vom Schaffe fast halbe hee“. In unseren Wäldern gab es damals viele Heidelbeeren, Him- und Brombeeren. Zentnerweise sammelten wir Kinder Pfifferlinge, die wurden nach dem Putzen verkauft, damals noch fünf Pfennig für das Pfund. Wir Kinder bekamen aber nichts dafür. Die Mutter brauchte das Geld dringend. Auf dem Heimweg gingen wir auch durch die Grotte. Wir sangen sehr laut und mit Begeisterung: „Mariechen war ein Frauenzimmer, so schön und tugendhaft“, dazu spielte meine Schwester Lydia Mundharfe (Goschenhobel). Ach, erschraken wir, als die Eltern da knieten beim Gebet.

Der Stiefvater schimpfte und sagte: „Ihr Saumädel, schämt ihr Euch nicht?!“ - der hatte es grad nötig, meistens besoffen. An diesem Abend bekamen wir nichts zu essen. Dafür klauten die großen Brüder einen ganzen Laib Brot im Keller und ein Stück Rauchfleisch im Kamin. Zum Trinken gab es gratis Gänsewein von Hahnen, das wir in einem Eimer mitnahmen ins Heu, und wir waren auch satt.

Am Heiligen Abend gab es bei uns keine Geschenke. An Weihnachten morgens rief die Mutter die Treppe rauf und sagte: „Kinder aufstehn, das Christkind war da.“ Wir kamen in unseren kurzen Hemdchen und froren. Nachthemden oder Schlafanzüge gab es damals noch nicht, wenigstens für uns nicht. Da stand der Christbaum mit den brennenden Kerzen, darunter für jedes Kind drei Taschentücher, ein Teller mit fünf Brötchen, eine Puppe für alle (selbstgemacht), die Kleider angenäht und mit Sägmehl ausgestopft. Die ganz Kleinen bekamen ein Spielzeug zum Ziehen. Dann wurde „Ihr Kinderlein kommet“ und „Stille Nacht“ gesungen, das war's. Nun schnell anziehen und in die Kirche. Der Stiefvater lag noch im Bett, weil er spät von der Wirtschaft kam.

Einmal kaufte mein großer Bruder Josef der Mutter einen Plattenspieler zu Weihnachten. Er kostete fünfundzwanzig Mark. Wir hatten aber nur fünf Mark. Eine Schallplatte dazu bekamen wir geschenkt. Es war „Heinzelmännchens Wachparade“ und auf der anderen Seite „Groß­müt­terchen“. Das war eine Freude für uns Kinder.

Am Sonntag, wenn der Stiefvater fort war, wurde in der Stube getanzt. Die Buben luden die Mädchen vom Dorf ein, da ging es lustig zu. Einer mußte immer aufpassen, wenn der Stiefvater um die Ecke kam, dann schnell alles aufgeräumt, die Stühle auf den Platz und zum Hinterausgang das Haus verlassen.

Meine Mutter und Großmutter hörte ich nie singen, die hatten nichts zu lachen und zu singen erst recht nicht.

Die Leute in meinem Dorf waren fast alle katholisch und sehr fromm. Jährlich wurden Wallfahrten gemacht in die nächsten Dörfer oder Wallfahrtsorte. Es war ein Muß, dabei zu sein. Auf dem ganzen Weg wurde gesungen und gebetet. Natürlich wurde uns Kindern dies oft langweilig. Absichtlich sangen wir oft ganz laut und falsch, und der Pfarrer schaute grimmig nach hinten. Manchmal schubste einer den andern in eine frische Kuhflade. Der sah dann nicht mehr zum Anbeißen aus. Mit lauter Blödelei flog der Erwin den Abhang hinunter und brach sich den Fuß, so mußte er von den Erwachsenen getragen werden bis zum nächsten Dorf, dort zum Arzt und mit einem Leiterwagen heimgefahren werden. Das war die Wallfahrt nach Untergrönigen bei Aalen.

Einmal gings mit dem Fahrrad, mein Stiefvater, meine große Schwester und ich, nach Ellwangen auf den schönen Berg. Wir sollten singen oder beten unterwegs, aber wir sangen lieber. Der Stiefvater ging in Ellwangen gleich in die Wirtschaft, Anni und ich in die Wallfahrtskirche zum Singen. Er sang, das heißt grölte, auf dem Heimweg auf seinem Fahrrad und schwankte.

Einmal mußte ich mit dem Stiefvater nach Hohenstein wallfahren, das mochte ich gar nicht. Je zwei Stunden nur durch den Wald. Aber da sang ich nicht. In die Kirche ging er auch nicht mit, sondern gleich in die Wirtschaft. Ich sang in der Kirche, wie die Mutter es sagte, auch für sie. Als die Kirche aus war, dachte ich: „Jetzt gibt es was zum Essen“, aber er sagte: „Nein, du weißt doch, es ist Fastenzeit.“ Aber er hatte gegessen. Bald fing die Nachmittagskirche an, und er meinte: „Geh noch mal in die Kirche, dann hilft’s besser, und bet und sing für mich auch!“ Als die Kirche aus war, und wir heim wollten, konnte er fast nicht mehr laufen, so voll war er. „Komm, wir müssen doch heim und haben einen weiten Weg durch den Wald, und bald wird es dunkel.“ Mit viel Zureden ging er mit. Im Wald fiel er hin und kam nicht mehr hoch, und er schlief ein. Da klaute ich ihm sein Leberwurstbrot aus der Kitteltasche, dann war mir wohler. Mit viel Mühe kamen wir zu Hause an.

In den Herbstferien mußten wir älteren Kinder zu den großen Bauern zum Kartoffelnauflesen. Dazu mußten wir früh aufstehen, je eine dreiviertel Stunde durch den Wald laufen, bis wir bei dem jeweiligen Bauern waren. Dabei wurde viel gesungen, daß es durch den ganzen Wald schallte. Das machte ich gerne, weil es da genügend zum Essen gab. Bei einem Bauern gab es immer schlechte und fette Wurst, das konnte ich schon als Kind nicht essen. Ich gab es heimlich dem Hund auf dem Acker, und der spuckte danach ganz fürchterlich.

Mit vierzehn Jahren ging ich von zu Hause fort, zuerst in eine Bäckerei. Um sechs Uhr morgens mußte ich Brötchen austragen. Dabei pfiff ich den ganzen Weg, und die Leute nannten mich den „pfeifenden Bäckerbua“.

Nach eineinhalb Jahren ging es ins Hotelfach. Nach zwei Jahren wechselte ich wieder, hab mich da von der Küche bis zum Büfett hochgearbeitet. Überall gefiel es mir gut und ich hatte nie Heimweh. Gegenüber war da eine Schneiderwerkstatt. Diese Schneider saßen erhöht, damit sie ganz am Fenster waren und gut sahen. Wenn ich in die Vorratsräume oder in die Weinkeller ging, pfiff ich aus vollem Hals, ich war ein richtiger Lausbub. Sofort gingen da die Fenster in der Schneiderei auf, und sie pfiffen mit.

Einer gab Zeichen, das hieß: Wann können wir uns sehen? Nach anfänglichem Zögern willigte ich ein. Es wurde meine erste große Liebe. Mit groß Ausgehen war damals nicht viel drin, es ging spazieren. Auf Stuttgarts Höhen, da ist der Zoyser-Wald, ein nettes Anlägle mit Bänken und einsamen Plätzchen. Dort brachte mir der Alfons das Tanzen bei, nach dem Schlager, der damals neu war: „Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein, in den siebten Himmel der Liebe, die Erde vergeht und wir zwei sind allein, in dem siebten Himmel der Liebe. Komm laß uns träumen bei leiser Musik und von dem romantischen Märchen vom Glück. Ich tanze mit Dir...“ Leider kam der Alfons bei einem Skiunfall ums Leben.

Hitlerlieder hab ich nie gesungen. In meinem ganzen Leben hab ich nie „Heil Hitler“ gesagt. Darauf bin ich heut noch stolz, und es ging auch so.

1940 habe ich geheiratet und bekam zwei Töchter. Viele Kinder- und Gute-Nacht-Lieder wurden da gesungen, auch beim Geschirrspülen oder Wandern. Z.B. „Kommt a Vogerl geflogen“, „Hänschen klein“, „Strie, stra, Stroh“, „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“, „Wiede wiede Wenne heißt meine Gluckhenne“, „Die Gänschen laufen barfuß“, „Ich geh mit meiner Laterne“, „Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne“, „Bruder Jacob“, „Schneeflöckchen Weißröckchen“, „Suse, liebe Suse“, „Brüderchen, komm tanz mit mir“, „Peterchen, mein gutes Peterchen“, „Hoppe, hoppe Reiter“, „Alle meine Entchen“, „Wer will a lustiger Handwerker sein“, „Ade zur guten Nacht“, „Schlaf, Kindlein, schlaf“, „O wie wohl ist mir am Abend“, „Abend wird es wieder“, „Maikäfer flieg“, „Der Mai ist gekommen“, „Sommerzeit hin, Sommerzeit her“, „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“, „Winter ade“, „Wer im Januar Geburtstag hat“, „Viel Glück und viel Segen“, „Zum Geburtstag viel Glück“, „Fröhlich sei das Weihnachtsessen, Ostern, Geburtstag, ...“, „Im Märzen der Bauer“, „Alles neu macht der Mai“, „Die Vögel wollten Hochzeit machen“.

Da wären noch die vielen Auszählverse. Meine Tochter Brigitte hatte auch Lust und Freud an Musik und ging zum Ballett. Ich begleitete sie oft bei ihren Auftritten, in unserem schönen Ludwigsburger Schloß und bei Vereinen.

Bald bekam ich eine Enkeltochter, die ich zehn Jahre lang groß zog, damit meine Tochter noch ins Geschäft konnte. Nun war Leben im Haus, da meistens sechs bis acht Nachbarskinder da waren. Mit vier Jahren fingen sie schon zu flöten an. Wenn die Nachbars-Oma Geburtstag hatte, sangen und flöteten sie am Gartenzaun, und der Oma kamen fast die Tränen, so gerührt war sie. Bald kamen noch zwei Enkelkinder von meiner Tochter Brigitte, die nur einige Häuser von mir wohnt. Die Carolin lernte auch Flöte in der Musikschule. Auch da wurde erzählt und gesungen, hauptsächlich beim Gute-Nacht-Sagen. Die beiden Enkeltöchter waren auch der Grund, daß ich noch mit vierundsiebzig Jahren zum Schreiben anfing.

An Weihnachten, wenn alle da sind, ist großes Musizieren und Singen angesagt. Inzwischen sind noch zwei Urenkel dabei, die auch schon mitmachen. Da kommen alle Weihnachtslieder dran: „Stille Nacht“, „Ihr Kinderlein kommet“, „Herbei, o ihr Gläubigen“, „Still, still, weils Kindlein schlafen will“, „O Tannenbaum“, „Es ist ein Ros’ entsprungen“, „O, du fröhliche, o du selige“, „Macht hoch die Tür“, „Vom Himmel hoch“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“, „Niklaus ist ein guter Mann“.

Wenn meine Mutter Geburtstag hatte, gings in die Heimat. So um die fünfzig Personen waren wir da, mit Kindern, Enkeln und Urenkeln. Da wurden Schnaderlhüpfel gesungen und gespielt mit Ziehorgel, Flöte und Mundharfe. Über jedes Familienmitglied wurde etwas gedichtet, dazu der Refrain: „Trulla, trulla“ oder „Vide ra la la“.

Unser bekanntes Ludwigsburger Marktplatzfest, der Pferdemarkt, Venezianische Messe, Krämermärkte und 1998 zum hundertfünfzigjährigen Revolutionsjahr: Alles ist sehenswert, alles mit viel Musik. Überall bin ich noch dabei. Oft gehe ich ins Theater oder ins Konzert. Bei meinem Kegel­ausflug, oder im Urlaub mit Bekannten, bei längerer Autofahrt wird gesungen. Auch beim Kartenspielen wird gedichtet und gesungen.

Meinem Nachbarn, der von Düsseldorf ist, wenn der mich ärgert, sing ich: „Ach wärst Du doch in Düsseldorf geblieben“. Den ganzen Tag läuft bei mir das Radio, wenn ich im Garten arbeite, hängt es an einem Baum, in der Waschküche, überall ist das kleine Radio dabei. Wenn Besuch da ist, und ich muß geschwind in den Keller, z.B. einen Sprudel holen, sing ich: „Einen Sprudel muß ich holen, tra, la, la“, was allgemeines Gelächter auslöst.

Selbst meine Beerdigungslieder hab ich schon festgelegt, man kann ja nie wissen. Das wär’s: „Largo“ von Händel, Oper Xerxes, „'s ist Feierabend“. Aber ich bet jeden Tag: Herr ich bin bereit, aber 's passiert ja net.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Musik und Singen ein Leben lang

Verfasst von Maria Brümmer

Auf MSG publiziert im September 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Baden-Württemberg, Schwäbisch-Hall; Stuttgart; Ludwigsburg
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1990er Jahre

Anmerkungen

Der Text wurde nach einem Schreibaufruf der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen" im Jahr 1998 verfasst und ist veröffentlicht in dem Sammelband:

Dorothea Muthesius (Hg.): "Schade um all die Stimmen ..." Erinnerungen an Musik im Alltagsleben (2001), S. 57 ff.

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