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Hast du schon viele geküsst?

von Ilse Brandt

Neujahr 1960

So, jetzt beginnt mein neues Tagebuch, und ich habe gleich sooooo etwas Herrliches hineinzuschreiben!

Eigentlich wollte ich gestern abend nicht zum Tanzen gehen, weil nämlich mein augenblicklicher Schwarm, Klaus Mathias vom Bundesgrenzschutz, überraschend nach Hause fahren mußte. Seine Mutter ist krank und meine Mutti wollte auch nicht so gern, daß ich gehe. Also dachte ich, bleibe ich einfach zu Hause. Dann rief aber Doris an und Vati sagte, ich soll doch gehen, denn es sei ja nur einmal im Jahr Silvester. Da bin ich losgerast, erstmal um Lieschen abzuholen. Wir umärmelten uns vor Freude mitten auf der Straße. Dann gingen wir schnurstraks ins Schützenhaus, wo  nur Besoffene auf der Tanzfläche  herumtorkelten.

Festlich gekleidete Menschen an einem Ball

Wir hatten wieder "unseren" Tisch gleich vorn an der Theke.  Bald kam auch Doris und so langsam fing das Tanzen an. Zuerst holte mich Eckhard Busch, dann so ein paar Doofis und danach Horst Bartelt. Eigentlich fand ich es ja noch ziemlich bescheiden, aber ich machte ein strahlendes Gesicht und ein paar Witze und dachte mir im Inneren: Mach dir nichts draus, du hast ja deinen Klaus. Wenn ich da gewußt hätte, was noch kommen sollte...!

Dann kam wieder dieser Blonde, der schon mal beim Konzert mit mir getanzt hatte und im Kino mal neben mir saß und mein Programmheft haben wollte. Der sieht prima aus und ist vor allen Dingen größer als ich und wird 22! Erst hatte ich mir ja ein wenig Hoffnung gemacht, aber als er dann immer bei Mecki und Monika Synder saß und andauernd mit denen tanzte, gab ich die Hoffnung auf. Dann tanzte ich mit einem, der sah zwar im Gesicht gut aus, war aber knapp genau so groß wie ich, wenn nicht sogar kleiner. Das hab ich nicht so gern, aber immerhin lud der mich zu 2(!) Glas Sekt ein. Das war das einzige, was ich an dem Abend zu trinken bekam, ... aber ich bekam was anderes!

Um Mitternacht tanzte ich mit Bartelt und der Blonde mit Monika Synder. Dann gab es den Tusch und das Neue Jahr war da!! Alle gratulierten und umarmten sich. Ich wäre gern mit Horst Bartelt in die Bar gegangen, aber der ist ja immer zu geizig, also gingen wir beide raus zu den anderen und hörten die Knallerei an, d.h. ich hielt mir die Ohren zu! Horst hielt seine Arme um meine Taille und kam mir ziemlich nahe, aber ich wich aus, wie es sich gehört. Warum weiß man nie, wie der andere wirklich denkt?

Ich ging mit Horst Bartelt wieder rein und als ich gerade am Tisch saß, kam der Blonde auf mich zu. Er wünschte mir alles Gute und lud mich zu einem Sekt in die Bar ein. Da war es aber übervoll und so gingen wir gleich wieder raus, sausten quer über den Saal, riefen allen Prosit Neujahr zu und verzogen uns dann in den kleinen angebauten Raum. Karla Vietmeyer und Marlies Pollehn saßen da schon  mit  Herrenbegleitung und schmusten, weil es da so schummerig war. Wir setzten uns auch hin. Er sah mich an. Sehr tief in die Augen. Er faßte meine Hände, meine Arme. Ich lehnte mich zurück, aber er warf mir eine Papierschlange um den Hals und zog mich zärtlich zu sich. Ich legte meine Hände an seine Brust und wir sahen uns wieder in die Augen, d.h. ich wurde dann ganz verlegen und sah nach unten. - Und dann, dann küßte er meine Schulter, meinen Hals, mein Haar, .. ich wußte nicht, was ich sagen sollte und lächelte nur. Dann hob er mit dem Zeigefinger mein Kinn und sah mich wieder ganz ernst an, so furchtbar ernst, und küßte mich auf den Mund, dann auf die Stirn. Ganz zart.  Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter, an sein Gesicht und zitterte am ganzen Körper. - Es war so schön, in den Armen eines Mannes zu liegen, seinen warmen Körper und seine Küsse zu spüren. Oh, war ich glücklich. Schließlich passiert so etwas nicht alle Tage (bei Ortrud vielleicht). "Hast du schon viele geküßt?" fragte ich ihn leise und wußte gleich, daß das eine blöde Frage war. Er schüttelte ganz ernst den Kopf.

"Sag mir doch bitte deinen Vornamen," bat ich ihn. Er küßte mich noch einmal auf die Stirn und sagte: "Das ist jetzt nicht wichtig, wir werden uns doch wiedersehen, oder?" - Ohje, jetzt fängt das wieder an. - Nein, ich durfte nicht an später denken. Ich dachte nur, daß dieses jetzt das erste Mal war, daß mich ein Mann küßt und ich es mir nie erträumt hätte, daß es gerade heute passiert, wo doch Klaus nicht da ist.

Komisch, ich kann mir jetzt - wenn ich das schreibe - gar nicht vorstellen, daß ich mich von Klaus küssen lassen würde. Ob ich ihn überhaupt einlade zum Abschlußtanz, jetzt wo das hier passiert ist?

Wir saßen ungefähr eine viertel Stunde da und ich hatte alles um mich herum vergessen: daß Karla und die Pollehn daneben saßen, daß man mich vom Saal her sehen konnte, daß Mutti einen Nervenzusammenbruch kriegen wird, wenn sie das erfährt.....

Ich sollte um eins nach Hause gehen, und so erhoben wir uns, ich war ganz verträumt und sah nur, daß Gudrun doof guckte, Monika Synder noch doofer und Mecki ganz wütend. Mein Gott, die laufen dem wohl alle nach! Naja, so wie der ist.... Mecki hängte sich an ihn und mauzte: "Du hast heute erst einmal mit mir getanzt!" Ob er die auch schon geküßt hat? - Ich sagte dann leise zu ihm: "Ich muß jetzt nach Hause, dann kannst du ja mit Mecki tanzen!" - "Wenn ich das wollte, könnte ich es ja jetzt schon tun", sagte er darauf und strich mir übers Haar und dann tanzten wir noch einmal. Ich sah immerzu nur nach unten, weil ich glücklich war und das sollte jetzt keiner sehen. Da flüsterte er mir ins Ohr: "Du hast doch so ein hübsches Gesicht, schau mich doch an."  Als ich gerade hochsah, wollte er mich küssen, aber ich - zack-zack! - bin ihm ausgewichen. Monika Synder hatte das wohl beobachtet und rief mir zu : "Nicht so zaghaft, Ilse!" - Er faßte mich fester und sagte: "Laß die nur reden, bleib wie du bist! - Und sei mir nicht böse, wenn ich nachher mit denen tanze."

Ich glaube, er machte sich lustig über diese Gänse, die ihm so nachlaufen. Ich werde nie einem Mann nachlaufen, wenn ich merke, daß er mich nicht mehr mag! - Ich machte mich dann auf den Heimweg. Erst war ich traurig, daß er nicht gefragt hat, ob er mich begleiten darf, aber dann wußte ich, daß es so sein sollte: Vati und Mutti kamen mir nämlich entgegen. Na, wenn die mich mit ihm gesehen hätten, wenn er vielleicht gerade....

Um 2 Uhr lag ich im Bett, es war so wunderschön! Was wird das neue Jahr bringen? Werde ich verliebt sein? Werde ich viele Tränen vergießen? Wird mit der Schule in Uelzen alles klappen? Lieber Gott, steh mir auch in diesem Jahr bei und gib mir Kraft, alles Schwere zu ertragen. Gute Nacht!

Bis 10 Uhr gepennt. - Nachmittags nach Braunschweig zu Onkel Albert und Tante Else gefahren, alles Gute zum neuen Jahr gewünscht. - Alle haben geredet, aber ich habe nur weitergeträumt von gestern... Zu Hause haben wir abends eine Feuerzangenbowle gemacht. Ich war ganz beschwipst. Ich mußte doll aufpassen, daß ich nicht in meiner Glückseligkeit etwas von heute nacht ausplauderte.

Sonnabend, 2. 1.60

Ich hatte vergessen aufzuschreiben, daß ich mich mit dem Blonden heute um 3 Uhr bei Blome treffen wollte. Aber er war nicht da! - Ich lief zu Lieschen und wir beide schoben die Straße rauf und runter, eine Stunde lang, aber er kam nicht. Doris hatte mir heute morgen gesagt, er hätte nachher noch ganz schön oft mit Mecki getanzt! Naja, so ungern wird er es nicht getan haben! - Soll er! - Ich habe ja Klaus Mathias!

Wir möchten am 16. Januar zur Maskerade gehen, Lieschen als Sonnenblume und ich als Gigi. Ich darf sogar.

Sonntag, 3.1.60

Heute hatte ich gar keine Lust zur Tanzstunde, aber es war dann doch schön. Es waren 7 Herren und 21 Mädchen, jetzt mußten teilweise zwei Mädchen zusammen tanzen. Ich bin dann meistens der "Herr", das ist ganz lustig. Forst  hat sich gewundert, daß Klaus nun doch nach Hause gefahren ist, - am Mittwoch soll er wohl wieder da sein.

Montag, 4.1.60

Mutti ist heute nacht ausgezogen, weil Vati so geschnarcht hat. Im Wohnzimmer hat sie sich erkältet. Sie lag den ganzen Tag im Bett und ich mußte zu Dr. Hinze Schlaftabletten für sie holen, dann kann Vati ruhig schnarchen.

Dienstag, 5.1.60

Ich habe mittags Rosenkohl gekocht und den Rest vom Braten warmgemacht, weil Mutti immer noch nicht aufstehen konnte. - Dann habe ich den Weihnachtsbaum geplündert und alle Sachen auf den Dachboden gebracht. Als ich nachmittags Strümpfe zu Otto's gebracht habe zum Laufmaschen-Aufnehmen, hat mich Frau Otto nach Strich und Faden über Mecki und den Blonden ausgehorcht. Er heißt übrigens auch Klaus. Sie mag ihn gern und hat nichts dagegen, wenn ihre Tochter mit ihm geht. - (Ha, wenn die wüßte, was das für einer ist!)

Ach, wenn mein Klaus Mathias  doch bald wieder käme.

(...)

Buchumschlag: Petticoat und Pferdeschwanz
Informationen zum Artikel:

Hast du schon viele geküsst?

Verfasst von Ilse Brandt

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Niedersachsen, Bodenteich
  • Zeit: 31.Dezember 1959 bis 1.Jänner 1960

Anmerkungen

Aus: Brandt, Ilse (2001): Petticoat und Pferdeschwanz...als Omi ein Teenager war! Bodenteicher Tagebücher 1956-64, S. 147f.

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