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Somnifen - Mutti will nur noch sterben!

von Ilse Brandt

Freitag, 9.3.62

Hurra, Walter ist zu Besuch in Bodenteich! Als ich meinen Eltern freudestrahlend erzählte, daß er heute abend in der Jugendgruppe sein würde, erblaßte Mutti und Vati fragte ganz nervös: "Dabei bleibt es dann wohl hoffentlich!" - "Wobei?" - "Bei eurem Rendezvous in der Gruppe. Danach kommst du sofort nach Haus, verstanden?!" "Klar, Vati." Der Gruppenabend war wunderschön. Walter war im Mittelpunkt und ich war stolz auf ihn. Als Verabschiedung gab es nur einen kurzen Kuss, denn ich wollte auf keinen Fall Ärger zu Hause riskieren. In Steno:Was ich mir für morgen einfallen lasse, weiß ich noch nicht.

Mann mit Gitarre umringt von vielen Personen
Geburtstagsständchen von Walter, 1961

Sonnabend, 10.3.62

Morgens hat Mutti nicht mit mir gesprochen, sie blieb im Bett, weil sie keine Luft kriegt. Nachmittags fragte ich Vati, ob ich mit Walter spazieren gehen kann, da seufzte er nur und meinte, er könne mich ja nicht einsperren. Wir schlenderten im glitzernden Schnee den Petersberg hoch und erinnerten uns wehmütig, wie alles im letzten Jahr dort mit dem Johannisfeuer angefangen hat... Ich war wieder so.... naja, ich wußte, was wohl kommen sollte, aber ich hatte Angst, daß uns jemand sehen würde.... Ich ließ ihn lange zappeln, bis er mich endlich im Dunklen umarmen durfte. - Er wollte meine Stimmung ausnützen und mich überreden, mit in sein Hotelzimmer zu kommen. Aber ich blieb hart. Ich muß hart bleiben und ich will auch. Also schlenderten wir noch ein wenig in der Dunkelheit über den Leinenberg. Er legte seinen Mantel über mich, als es anfing zu regnen. Ich fühlte mich warm und geborgen.

Sonntag, 11.3.62

Mutti war gestern den ganzen Tag nicht aufgestanden und blieb auch heute im Bett. Ich brachte ihr eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Semmel und sagte, daß ich in die Kirche gehen würde.  Sie murmelte nur: "Wer's glaubt, wird selig." - In Steno: Wie kommt es bloß, daß Mutti immer alles weiß? - Natürlich traf ich mich mit Walter. Wir gingen die Häcklinger Straße entlang. Walter sprach von "unserer" Zukunft, wir waren uns wieder einig, standen an einen Baum gelehnt und sahen uns in die Augen, als ich plötzlich einen Mann auf uns zukommen sah. Ich schämte mich und mein Herz klopfte. Wenn meine Eltern erfahren, daß ich nicht wirklich in der Kirche war.... Wir trennten uns und ich lief über die Neustädter Straße nach Hause, wo Mutti gerade im Nachthemd herumgeisterte und den Suppenrest von gestern auf den Herd stellte. - Ich begann, den Tisch zu decken und dann ging das Theater los: Sie riß mich von der Bestecklade weg und meinte,  d a s   könnte sie auch noch allein machen. Zum Tisch decken bräuchte ich nicht nach Hause zu kommen. Ich sollte doch gleich mit Walter nach Wolfsburg fahren und für ihn den Haushalt führen. Sie schrie, weinte, klapperte mit der Ofenlade, zog mich an den Schultern, sah mir böse in die Augen und verschwand dann wieder im Schlafzimmer. -

In Steno: Hatte mich Vati heute verfolgt, oder haben sie einen Detektiv bestellt, der uns beobachten soll? - Ich verließ ohne Mittagessen das Haus und lief zu Walter ins Hotel. Er redete so ernst mit mir, fand Muttis Vorschlag, zu ihm nach Wolfsburg zu gehen, gar nicht so schlecht und stellte dann fest, daß eine richtige Mutter nie so handeln würde. "Wenn man jemanden wirklich liebt, ist man bereit, ihn für einen anderen herzugeben, weil man will, daß der geliebte Mensch glücklich wird," sagte er und ich grübelte, ob ich Mutti glücklich machen würde, wenn ich mich von Walter trennen würde, so wie ich auch schon Hering "geopfert" hatte.... Nein, das werde ich nicht.  - Mir kullerten die Tränen herunter, Walter streichelte mich, wir waren uns ganz nahe und so einig, - und genau in diesem Augenblick tat Mutti zu Hause etwas Furchtbares.....

Als ich am Spätnachmittag ins Wohnzimmer kam, saß Vati im Ohrensessel und streichelte Waldi. Er war blaß und seine Stimme zitterte, als er mir sagte, daß Mutti die halbe Flasche von ihrem Schlafmittel Somnifen ausgetrunken hat. Er schluchzte: "Mutti will sterben, Mutti will nur noch sterben, Ilse." Ich rief Frau Dr. Sauer an, die gleich einen Krankenwagen beauftragte. Mutti wurde mit Blaulicht ins Krankenhaus Wittingen gebracht und ich durfte während der Fahrt neben ihr sitzen. Eigentlich fand ich das ja ganz aufregend, aber so durfte ich wohl nicht denken. Bei der Aufnahme sagte eine Schwester: "Das hat uns gerade noch gefehlt, wir sind übervoll!" Vati war mit dem Auto nachgekommen, aber wir wurden beide gleich wieder weggeschickt. Auf der Heimfahrt fragte er mich leise: "Wer ist nun schuld, du oder ich?" "Wahrscheinlich ich," sagte ich brav. "Aber ich habe sie geheiratet und nach Bodenteich geholt und meinetwegen haben wir keine eigenen Kinder." "Ihr habt doch mich," sagte ich und war überrascht und erfreut, daß er über dieses Thema sprach. "Aber sie hat Angst vor dem, was in dir steckt." "Vati, bitte, erzählt mir doch, was ihr über meine Herkunft wißt." "Ach, eigentlich gar nichts," sagte er und ich wußte, daß er log!

Montag, 12.3.62

Bevor ich zum Bus ging, lief ich noch zum Hotel "Braunschweiger Hof", wo Walter  - immer noch -  schlief. Ich klopfte an seine Tür, er öffnete verschlafen und ich erzählte mit wenigen Worten, was passiert war. Er umarmte mich und sagt: "Sei tapfer! Du bist nicht schuld. Komm zu mir nach Wolfsburg." Daran konnte ich jetzt nicht im entferntesten denken und beeilte mich, den Bus zu erwischen. In Wittingen raste ich zum Krankenhaus, um Mutti einige Sachen zu bringen. Sie lag  wie tot an Strippen, abgestellt im Bad, weil alle anderen Zimmer belegt waren. Den Magen konnte man nicht mehr auspumpen, aber man hatte ihr eine Bluttransfusion gegeben und Sauerstoff zugeführt. "Der Körper wird es schon verkraften," sagte eine Krankenschwester zu mir und wollte mich wohl trösten. Ganz langsam ging ich die Bahnhofstraße entlang, obwohl ich schon viel zu spät dran war.

Ich habe Frau Steffens erzählt, was vorgefallen ist, - die war so lieb zu mir, gar nicht wie eine Chefin, - und bot mir an, nach Hause zu gehen, falls ich es wollte. Herr Steffens rief  im Hof aus seinem Mercedes heraus: "Frl. Brandt, wenn Sie irgendwelche Hilfe brauchen, lassen Sie es mich wissen, ja?" Wenn ich ganz ehrlich bin, muß ich gestehen, daß ich eigentlich gar keine richtige Angst um Mutti hatte. Ich bin mir sicher, daß sie wußte, wieviel sie nehmen darf, um nicht zu sterben. Abends nach der Arbeit ging ich noch einmal zu ihr und siehe da, sie schimpfte schon auf die Schwestern und wollte unbedingt mit nach Hause. - In Steno: Bleib da Mutti, wir wollen dich nicht!

Am Bodenteicher Bahnhof standen Valko und Walter, beide ziemlich betroffen und unbeholfen mir gegenüber. Walter war wütend auf meine Eltern und das tat mir trotz allem weh, denn Vati tat mir leid. Walter fährt morgen wieder zurück nach Wolfsburg.

Mittwoch, 14.3.62

Im Büro sagen alle, daß ich von zu Hause ausziehen soll, wenn Mutti wieder zurück ist. Es würde mich schon reizen, ein eigenes Zimmer zu haben, aber würde ich mit meinem Gehalt allein leben können? Ich weiß ja nicht einmal, was ein Zimmer kostet. Und ich weiß auch nicht, ob ich als Kind einfach von zu Hause weggehen darf.

Donnerstag, 15.3.62

Mutti ist wieder zu Hause. Komisch, ich umarme sie ohne Liebe. Dafür habe ich Vati umso mehr lieb. Ich glaube, er geht kaputt. Er ißt nicht mehr richtig, raucht viel und trinkt so oft vom Stonsdorfer-Kräuterlikör, weil er Magenweh hat. Mutti redet nicht, weint nicht und guckt glasig.

Freitag, 16.3.62

Zu Hause ist alles in Unordnung (Übrigens, mein Tagebuch schließe ich jetzt immer im Büro ein!) Es gibt kein gemeinsames Frühstück mehr, Vatis und Muttis Betten sind am Abend noch nicht gemacht. Waldi läuft draußen herum, sieht verwahrlost aus, - die Post liegt seit Montag ungeöffnet auf dem Bürotisch und die Tankstelle ist schmutzig und verölt. "Muttis guter Geist fehlt," sagt Vati. "Sie will einfach nicht mehr. Wollen wir beide ausreißen?" - Es war wohl nicht sein Ernst. Vati tut mir so leid.

Abends war ich in der Jugendgruppe. Alle schwärmten noch von Walter und jeder wußte über Mutti Bescheid. Ich habe so gar kein Gefühl für alles. Ich schäme mich nicht, ich habe keine Angst, ich bin auch nicht richtig wütend, nicht verzweifelt, - ich fühle gar nichts .

Buchumschlag: "Petticoat und Pferdeschwanz"
Informationen zum Artikel:

Somnifen - Mutti will nur noch sterben!

Verfasst von Ilse Brandt

Auf MSG publiziert im November 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Niedersachsen, Bodenteich
  • Zeit: 1962

Anmerkungen

Aus: Brandt, Ilse (2001): Petticoat und Pferdeschwanz...als Omi ein Teenager war! Bodenteicher Tagebücher 1956-64, S. 213ff.

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