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Leere Weihnachten

von Heike Possert-Lachnit

Man schrieb das Jahr 1984, und im Dezember wurde die Hainburger Au besetzt. „Wir waren seit Beginn der Anti-AKW-Bewegung aktiv gewesen und sind dabei sogar einmal am ‚langen Marsch’ von Salzburg bis nach Zwentendorf marschiert, immer auf der Bundesstraße 1, um gegen die Umwelt- und Energiepolitik der damaligen Regierung zu protestieren.

Jedenfalls ist genau zu Weihnachten die Hainburger Au besetzt worden, und da war für uns klar: wir müssen auch dorthin. Das war wichtig, weil Familien mit Kindern bei so einer Besetzung der Aktion mehr Gewicht verleihen.“

Der Ablauf gestaltete sich aber ein wenig schwierig. Die beiden Kinder waren damals neun und sechs Jahre alt. „Es war ja Weihnachten... Die ganzen Geschenke in den Rucksäcken mitnehmen? Wer weiß, ob man dann in der Au überhaupt zum Feiern kommt. Nein, das wäre sicherlich zu kompliziert geworden. Da haben wir uns gedacht, wir feiern einfach vor.

Also haben wir, ich glaube am 21. Dezember, die Bescherung vorgezogen. So richtig mit Kekse backen (die waren auch gleichzeitig als Proviant für die Au gedacht), Lieder singen, Geschenke - halt das volle Programm.“

Dann war es endlich soweit. Alles Weihnachtliche war erledigt, warme Sachen für alle waren eingepackt, und am nächsten Morgen sollten sie vom Treffpunkt Uni-Eingang in die Au abfahren. „In dieser Nacht ist mein Sohn Stefan erkrankt. Er hatte hohes Fieber, der Beginn einer Kinderkrankheit – ich glaube, es waren die Masern. Aus war es mit der Au für die Familie, an ein Wegfahren war nicht mehr zu denken.

Von dieser Enttäuschung abgesehen, hatten wir noch ein ganz anderes Problem: Wir hatten ja Weihnachten bereits gefeiert. Und am 24. Dezember stellte sich die Frage: Was tun? Noch einmal feiern, das ging natürlich nicht. Aber irgendwie entkommst du diesem Fest nicht. Alle anderen haben gefeiert, das Fernsehprogramm war ganz auf Weihnachten ausgerichtet, nur wir hatten schon alles hinter uns. Das wurde dann auch so ein komischer, leerer Abend. Damals hab ich mir gedacht: So müssen sich ganz überzeugte Atheisten fühlen, die Weihnachten gar nicht feiern und auch keine Kinder als Vorwand und Möglichkeit zum Feiern haben. Du kannst dich diesem Fest einfach nicht entziehen.“

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Leere Weihnachten

Verfasst von Heike Possert-Lachnit

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien
  • Zeit: 1984

Anmerkungen

Der Beitrag basiert auf einem Interview durch das Grazer "Büro der Erinnerungen" und ist abgedruckt in dem Sammelband:

Elke Murlasits, Maria Froihofer (Hg.): weihnachten. Erinnerungen und Gedanken, Graz: Leykam Verlag 2006; S. 147.

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