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"Höhepunkte waren, wenn fremde Leute kamen"

von Ernestine Holzbauer

Meine Eltern und ich lebten bis 1946 bei den Großeltern in der „Sägemühle“ (Gemeinde Krum­bach). Sägemühle deshalb, weil es dort neben einem Gasthaus mit einer Fleischhauerei und einer Landwirtschaft auch eine Mühle und ein Sägewerk gab. Eigentlich hieß die Rotte „Löder“. Die Landwirtschaft und das Gasthaus waren von meinen Großeltern Alois und Theresia Gremel ge­pachtet. Trotz Krieg und sehr bescheidenen Verhältnissen hatte ich eine schöne Kindheit. Es gab in der Nachbarschaft viele Kinder, und nachdem wir uns immer selbst überlassen waren – die Väter im Krieg, die Mütter auf den Feldern –, waren wir immer im Rudel unterwegs.

Höhepunkte waren, wenn fremde Leute kamen, zum Beispiel Bosniaken mit ihren riesigen Bauchläden. Man konnte dort vom Schuhband über Rasierklingen bis zum Schmuck so ziemlich alles erwerben. Ich erinnere mich noch sehr genau an ein Paar Goldringe – tropfenförmig mit blauem Stein. Ich bettelte meine Mutter an, sie zu kaufen – ohne Erfolg. Unser Dienstmädchen, die Grete, kaufte sie. Am nächsten Tag kam sie mit kohlschwarzen Ohrringen daher, das Gold hat­te sich über Nacht in Nichts aufgelöst. Vor jedem Tragen wurden diese Ohrringe dann mit Sidol poliert.

In ebenfalls guter Erinnerung sind mir noch die sogenannten „Fechter“ oder „Umageher“. Das waren meist ehemalige Knechte oder Mägde, die aufgrund ihres Alters oder wegen eines Gebre­chens von ihrem Hof weggeschickt worden waren. Sie gingen von Bauernhaus zu Bauernhaus, manche Häuser ließen sie allerdings aus, weil sie dort nichts „erwarteten“. Sie erbettelten sich Essen und ein Nachtquartier. Nachdem meine Großmutter dafür bekannt war, dass sie jedem, der anklopfte, etwas gab, war halt fast jeden Tag ein Fechter bei ihr zu Gast. In der Küche stand etwas abseits ein Tisch mit ein paar Sesseln, an dem diese Leute ihre Suppe löffelten. Das war der Fechtertisch. Abseits mussten sie deshalb sitzen, weil sie meist Flöhe hatten. Manche dieser Umageher und Fechter wussten sehr viel von der Welt draußen zu erzählen, wenn auch ihre Geschichten nicht immer der Wahrheit entsprachen. Nachtquartier bekamen sie im Stall, in der Strohhütte oder auf dem Heuboden. Vorher nahm ihnen Großvater aber sämtliche Zünder ab, damit sie das Haus nicht durch einen Brand gefährden konnten.

ein Landstreicher mit Hut und zwei Hunden
Der "Kropfbertl" bzw. "Hundsbertl" übernachtete mit seinen Hunden im Stall und verwendete für sich und seine Tiere das gleiche Essgeschirr. Für die Verpflegung verrichtete er auch kleine Arbeiten in seinen Stammhäusern (hier in Zöbern, 1958)

Vom Burgenland kamen immer wieder Händler mit ihren Pferdewagen. Wir nannten sie ein­heitlich „Krowodn“, auch wenn sie vielleicht nicht immer der Volksgruppe der Kroaten ange­hörten. Sie brachten Körbe, riesige Siebe zum Reinigen des Getreides und allerlei Kleingeräte für den Haushalt mit. Viele Waren befestigten sie an den Außenwänden ihrer Planwagen, man konnte von weitem schon das Scheppern hören. Meist waren diese Familien auch Scherenschleifer oder Kesselflicker. Diesen fahrenden Händlern wurde aber auch nachgesagt, dass sie durchaus „manch loses Gut“ aus den Häusern ohne Bezahlung mitgehen ließen, besonders beliebt waren Hühner.

Buchcover - zwei Mädchen tragen eine Milchkanne in Händen
Informationen zum Artikel:

"Höhepunkte waren, wenn fremde Leute kamen"

Verfasst von Ernestine Holzbauer

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch:

Johann Hagenhofer, Gert Dressel (Hg.): Lebensspuren II. Arbeit und Freizeit im Land der tausend Hügel, Lichtenegg 2009; S. 114 f.

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