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"Wenn wir die Mutter nicht gehabt hätten ..."

von Maria Giefing

Wenn wir die Mutter nicht gehabt hätten, hätten wir verhungern müssen, weil unser Vater keine Arbeit gehabt hat. Die Mutter ist in der Früh nach Bernstein und Landsee gegangen und hat Fer­kel bei einem Bauern gekauft. Dann hat sie sie heimgetragen. Wir waren auf der Schön daheim. Auf d’ Nacht ist sie mit den Ferkeln heimgekommen, oft ist ihr der Vater mit einer Stalllaterne entgegengegangen. Oft hat er die Mutter aber gar nicht mehr gefunden. Da ist sie schon daheim gewesen, und er ist erst dann mit der Laterne wieder gekommen. Am nächsten Tag in der Früh ist sie um drei, halb vier aufgestanden und hat die Ferkeln wieder in den Buckelkorb eingefasst. Da hat sie oft zu mir gesagt: „Morgen darfst ned in die Schule gehen, weil morgen musst mit mir nach Mattersburg mitgehen!“ Da hat sie die Ferkeln wieder genommen und hat sie nach Mattersburg gebracht. Das waren vier Stunden von der Schön bis Mattersburg! Und ich hab immer geweint, weil ich hab nicht mitgehen wollen! Ich wollte in die Schule gehen! Aber es ist mir nix anderes über geblieben. Sie hat gesagt: „Wennst mir eines trägst, ist das schon was wert!“ Dann sind wir halt nach Mattersburg gegangen. Vor Mattersburg im Wald waren Zigeunerhäusel, dort haben die Zigeuner gelebt. Von dort ist es dann auch noch fast über eine Viertelstunde gewesen, bis wir wirklich in den Markt hineingekommen sind. Wenn ich heute da vorbeifahre, sag ich: „Mei, wie oft bin ich da gangen mit den Ferkeln!“ Wenn wir sie angebracht haben, also wenn wir sie verkau­fen haben können, dann sind wir mit dem Autobus nach Sieggraben gefahren und von dort wieder heimgegangen auf die Schön.

Wenn die Mutter sie angebracht hat, ist sie am nächsten Tag mit dem Geld wieder nach Bern­stein, wo sie die Ferkel gekauft hatte, gegangen und hat dort die Ferkel bezahlt. Sie hat kein Geld gehabt, dass sie die Ferkel schon vorher hätte bezahlen können. Dort haben sie sie ja schon ge­kannt, haben gewusst, dass sie ihnen das Geld eh bringt. So hat sie den Weg eben zweimal machen müssen. Wenn sie die Ferkel nicht angebracht hat, ist sie hausieren gegangen, also von einem Haus zum anderen, und hat da geschaut. Dann hat sie mit dem Preis wieder runtergehen müssen. Wie sie das dann mit dem Bauern gemacht hat, das weiß ich nicht mehr. Wenn, dann sind höch­stens ein paar Schilling über geblieben. Na, das war schon was. Wir haben wirklich eine sehr harte Zeit gehabt.

Meine Mutter ist auch immer wieder nach Wiener Neustadt ins Versatzamt gegangen. Da hat sie Gewand hintragen können und hat dafür eventuell noch ein bisserl Geld gekriegt.

Buchcover - zwei Mädchen tragen eine Milchkanne in Händen
Informationen zum Artikel:

"Wenn wir die Mutter nicht gehabt hätten ..."

Verfasst von Maria Giefing

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt / Burgenland, Mattersburg, Bernstein
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch:

Johann Hagenhofer, Gert Dressel (Hg.): Lebensspuren II. Arbeit und Freizeit im Land der tausend Hügel, Lichtenegg 2009; S. 63 f.

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