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Ich wurde soeben 14 Jahre

von Lotte Engler

Mein Vater kam, als Jude, am 15. November 1938 (nach der Reichskristallnacht) ins KZ, meine Mutter in ein Umerziehungsheim nach Klosterneuburg und wir Kinder in die Kinderübernahmsstelle im 9. Bezirk. Von dort wurden wir in ein von Vinzentinerinnen geführtes Heim in der Rückertgasse überstellt. Ungefähr im Jahr 1940 kamen die Mädchen, aus Platzmangel, in ein Heim in die Wexstrasse, wo wir bis Kriegsende bleiben konnten. Wir besuchten im Haus eine achtklassige Volkschule.

Im September 1944 begannen, die Bombardierungen Wiens. Der Keller unseres Heimes war nicht sicher genug, so gingen wir beim ersten Sirenengeheul in die Hauptschule am Leipzigerplatz. Dieser Luftschutzkeller war sehr überlaufen, auch der Luftschutzwart war von einer so großen Kinderschar nicht begeistert. Daraufhin beschlossen unsere geistlichen Schwestern mit uns in die Seelsorgeräume des Churhauses am Stephansplatz zu fahren, um bei Fliegeralarm in den Katakomben Schutz zu finden. Der Eingang war in der Wollzeile in dem Durchhaus, in dem sich heute der Stadtheurige Figlmüller befindet. Nach den Angriffen gingen oder fuhren wir nach Hause, ohne sicher zu sein, ob unser Heim noch stehen oder zerbombt sein würde.

Im März 1945, die Russen kamen immer näher und die wildesten Gerüchte machten die Runde. Die Schwestern beschlossen mit uns gänzlich ins Churhaus zu übersiedeln, weil ihnen der Anweg zu gefährlich erschien, außerdem erfuhren wir, dass die Sprengung der Brücken über den Donaukanal geplant sei. Eile war geboten. Mit einem Pferdewagen wurden Holzpritschen, Essen und andere Dinge ins Churhaus gebracht Wir Kinder durften eine Schultasche vollpacken und sollten so viel Kleidung als möglich anziehen, dann marschierten wir los.

Ab Ostersonntag waren wir in den Räumen der geistlichen Herren untergebracht. Es waren schreckliche Tage, über unsere Köpfe hinweg tobte der Krieg. Bomben fielen, und die deutschen Truppen, die noch im zweiten Bezirk waren, nahmen die Innenstadt unter Feuer. Wir wussten selbst nicht, was uns mehr Angst machte.

Am 8. April, Weißer Sonntag, wir waren soeben im Keller beim Gottesdienst, fielen Bomben auf das Churhaus und zerstörten den vierten Stock. Schutt, Staub und dicke Holzbalken wurden zum Fenster hereingeschleudert, wir waren auch hier nicht mehr sicher. Bei diesem Angriff wurde auch das Thonethhaus in Brand geschossen, und die geistlichen Herren liefen zum Löschen, um zu verhindern, dass der Brand auch noch auf den Stephansdom übergreifen konnte. Vorübergehend, während die Priester beim Löschen waren, durften wir in ihren Keller, sogar in die Notbetten.

Am 13. April hieß es: „Brand aus!“, die Helfer kamen zurück, wir mussten eine neue Aufenthaltsmöglichkeit finden. Die Schwestern brachten uns durch den zerstörten Dom ins „Erzbischöflische Palais“, von dort in die Katakomben. Diesen Anblick, des mit Scherben, Schutt und Asche bedeckten Bodens und des verbrannten Chorgestühls werde ich nie mehr vergessen. Über uns gab es nur mehr den Himmel, das Dach war eingestürzt. Kardinal Innitzer versorgte uns mit warmem Essen. Um noch die restlichen Sachen zu holen, musste ich einige Male durch den zerstörten Dom, in dem ein Toter lag, nur mit Packpapier bedeckt. Einmal folgte mir ein Soldat, während ich das Essen durch die dunklen Gänge trug. Jetzt wussten wir, dass wir auch in den Katakomben nicht mehr sicher waren. Ein russischer Offizier stellte mit einem Schreiben das Churhaus unter Schutz und übergab es Herrn Prälat Hugl, trotzdem gelangten einige betrunkene Russen bis in unsere Unterkunft und randalierten.

Die Kinder, die mit verschränkten Armen auf den Tischen geschlafen hatten, drängten sich aneinander, schrieen und weinten. Es war klar, dass wir hier nicht wirklich sicher waren. Da bemerkten wir erst, dass wir ganz alleine waren, ohne die Schwestern, die uns betreuen sollten. Wir waren sehr verunsichert. Am nächsten Tag kamen die Schwestern in Zivilkleidung wieder und wir flüchteten gemeinsam zu Fuß durch die von Kriegsresten verstopften Strassen. Im 18. Bezirk, in der Antonigasse, in dem Kloster das ebenfalls den Vinzentinerinnen gehörte, fanden wir Aufnahme. Wir waren in Sicherheit und unser erstes Abendessen waren Mehlsterz und Vogerlsalat! Für uns war der Krieg zu Ende.

Broschüren-Cover
Informationen zum Artikel:

Ich wurde soeben 14 Jahre

Verfasst von Lotte Engler

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk, Stephansplatz / Wien, 20. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist der Broschüre "Projekt Lebensläufe. Erinnerungen an bewegte Zeiten, 1934-1945" entnommen.

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