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Krieg in Wien

von Erika Parovsky

Meine Kindheit verlief, bis zu einem Zeitpunkt, ab dem alles zusammenbrach, eher harmonisch. Ich war die Jüngste von drei Schwestern. Meine Mutter war zu Hause, mein Vater war bei der ab 1938 so bezeichneten „Deutschen Reichsbahn“ beschäftigt, meine Schwestern gingen zur Schule. Endlich war es auch für mich so weit. Als ich mein zweites Schuljahr beginnen sollte, hieß es plötzlich: „Es ist Krieg.“ Meine einzige Furcht bestand darin, nicht mehr zur Schule gehen zu können. Zum Glück war es nicht so.

Für unsere Familie änderte sich aber doch Einiges. Meine älteste Schwester Trude musste zum Arbeitsdienst (RAD), nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte. Mein Vater wurde nach Saporoschje (Russland) versetzt, wo er einen Staudamm bewachte. In meiner Vorstellung musste er Tag und Nacht Wache stehen. Ein Jahr später kam meine mittlere Schwester Eva in die Lehrerbildungsanstalt, die als Internat geführt wurde. Ich war also mit meiner Mutter allein.

Nachdem 1943 auch noch meine Klasse nach Pilsen evakuiert wurde und ich nicht mitfahren durfte, war ich völlig verzweifelt. Ich reagierte – heute würde man sagen „psychosomatisch“ – und wurde krank. Keiner wusste, was ich haben könnte. Da kam meiner Mutter eine Idee, sie brachte mir ein kleines Säckchen mit Zuckerln (was nur im Schleichhandel zu bekommen war). Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so erfreut über ein Geschenk, wie über dieses kleine Säckchen mit Süßigkeiten. Es machte mich gesund.

Meine Mutter war daraufhin der Meinung, ein Tapetenwechsel wäre das Beste für mich, außerdem gab es schon häufig Bombenangriffe auf Wien. Sie brachte mich ins Weinviertel nach Mailberg, dort besuchte ich eine achtklassige Volkschule. Ich schloss mich sofort den schrecklichsten Bauernlümmeln an und legte mir eine besonders derbe Sprache zu, um nicht als zimperlich zu gelten. Meine Mutter war ziemlich entsetzt über diese Entwicklung und brach das Experiment ab. Wieder in Wien, traf ich in den Weihnachtsferien 1944/45 meine alten Klassenkameradinnen, deren Lager aus Sicherheitsgründen nach Mayerling verlegt worden war. Ich durfte diesmal mitfahren und war überglücklich. Der Drill dort war mir gleichgültig – Hauptsache, ich hatte meine Freundinnen wieder.

Eines Tages im März wurden manche Kinder abgeholt, auch meine Schwestern kamen und brachten mich nach Hause. Im KLV-Lager wussten wir Schüler nichts über die politische Lage, unsere Lehrer vermutlich schon, sagten uns aber nichts davon.

Wien glich einem Ameisenhaufen. Menschen fuhren in alle möglichen Richtungen, es hieß, die Russen würden bald hier sein. Die Gräuelpropaganda tat ihre Wirkung. Man hatte den Eindruck, alle Welt rannte herum, ohne ein Ziel zu haben. Auch wir, meine Mutter, meine Schwestern und ich fuhren sinnloserweise zu irgendwelchen Bauern, wo wir uns so schlecht benahmen, dass meine Mutter es vorzog, mit uns wieder zurückzufahren.

Meine Mutter, die immer gutes Benehmen verlangt hatte, ließ uns jede Dummheit durchgehen. Wir gingen bei Fliegeralarm auf das Dach statt in den in den Keller und nach der Entwarnung auf die Strasse, um Bombensplitter zu sammeln.

Zu den Bomben kamen neue Geräusche hinzu. Erst ein Pfeifen, dann ein Krach, später wussten wir, dass es die „Stalinorgel“ war, die sich so anhörte. Alle Leute übersiedelten in ihre Keller, auch wir. Eine Woche lang wurden die russischen Truppen am Donaukanal aufgehalten, und von beiden Seiten flogen die Geschosse über uns hinweg.

Einmal, plötzlich, stand ein völlig blutüberströmter, russischer Soldat in unserem Keller. Keiner muckste sich. Der Verwundete legte sich ins erste Bett, es war das meiner Mutter. Plötzlich tauchte mein Vater auf und verteilte uns in andere Keller. Ich kam zu einer alten Frau, die mich unter ihre Tuchent steckte. Noch wusste ich es nicht, aber damit hatte sie mich vor einer Vergewaltigung gerettet. Leider habe ich nie in Erfahrung bringen können, wie sie hieß oder wo sie lebte. Ich hätte mich gerne bei ihr bedankt. Meine Schwestern hatten dieses Glück nicht.

Trude und Eva holten mich am nächsten Morgen und brachten mich aus dem Haus auf die Strasse. Auf dem Weg, der am Hof vorbeiführte, verlangten sie von mir, nicht in den Hof hineinzusehen. Später erfuhr ich, dass dort die Toten gelegen hatten Meine Eltern habe ich niemals mehr gesehen.

Wir gingen die Taborstraße entlang in Richtung Donaukanal. Es lagen Tote, Zerfetzte, einzelne Körperteile, kaputte Geschütze und vieles mehr herum. Es gab noch keine Möglichkeit über den Donaukanal zu kommen, es schwammen tote Körper von Menschen und Pferden im Wasser. Eiligst wurde ein provisorischer Holzsteg gebaut. Alles das lief wie in einem Film vor mir ab. Es war nicht ich, die das erlebte, wer es war, wusste ich nicht.

Meinen Schwestern muss es ähnlich ergangen sein. Wir gingen, als dies möglich war, über diesen Steg und immer weiter bis nach Hietzing, wo meine Oma, meine Tante Herta und mein Onkel Peter wohnten. Sie brachten uns auf den zerbombten Dachboden des Hauses, wo ich in einen todesartigen Schlaf verfiel. Am liebsten wäre ich nie wieder aufgewacht.

Wir blieben einige Wochen am Dachboden. Dort erfuhr ich, dass meine beiden Schwestern mehrmals vergewaltigt wurden. Ab dieser schrecklichen Nacht des 13. Aprils war alles anders geworden. Wir hatten keine Eltern mehr, nur mehr eine Großmutter, die ab nun unseren Haushalt führte.

Der Dachboden, auf dem wir hausten, war durch Bomben teilweise zerstört, und man konnte nachts den freien Himmel sehen. Auf mich hatte das einen sehr beruhigenden Einfluss. Auch Hietzing war vorerst von russischen Soldaten besetzt, man hörte nachts die Schreie der Frauen die von betrunkenen Soldaten bedroht wurden, das war auch der Grund, warum wir weiterhin am Dachboden blieben. Im Garten meines Onkels weideten die Pferde des Militärs und scharrten einen versteckten Benzinkanister frei. Daraufhin sperrten sie meinen Onkel in die Garage und vergewaltigten meine Oma, die über 70 Jahre alt war, und meine Tante. Meine kleine Cousine Ute war damals noch kein Jahr alt, sie blieb verschont.

Wien wurde bald in vier Zonen eingeteilt. Hietzing wurde britisch, unsere Wohnung im 2. Bezirk, lag im russischen Sektor. Nach einigen Tagen, ging mein Onkel Lixl, der in der Familie als schwarzes Schaf galt, nachsehen, wie es bei uns aussah. Soldaten, die darinnen einquartiert gewesen waren, hatten das Klavier als Toilette verwendet, und alles war in einem schrecklichen Zustand.

Ab September, zogen wir nach einigen Putzaktionen, in unsere elterliche Wohnung zurück. Der Schulbetrieb wurde in Wien wieder aufgenommen. Für uns begann ein neuer Lebensabschnitt, allerdings mit sehr veränderten Vorzeichen. Wir versuchten, das Beste daraus zu machen.

Broschüren-Cover
Informationen zum Artikel:

Krieg in Wien

Verfasst von Erika Parovsky

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 2. Bezirk / Wien, 13. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist der Broschüre "Projekt Lebensläufe. Erinnerungen an bewegte Zeiten, 1934-1945" entnommen.

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