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Kind - Stiefkind - Ziehkind - Pflegekind

von Elisabeth Glettler

An die Inhalte der Schreibaufgaben in der Volksschule kann ich mich nur mehr bruchstückhaft erinnern, nur, dass es häufig Sätze zu schreiben gab. Sätze mit den verschiedensten Wörtern, die mit unserem Leben zu tun hatten, mit den Jahreszeiten und den Festen, mit Berufen. Diesmal sollte es um die Familie gehen, um die Vornamen und die Nachnamen, also die Familiennamen. Das Fräulein schrieb die Worte auf die Tafel, wir sprachen sie nach und mussten sie schließlich auswendig schreiben. In der Bubenreihe gelang dies Günther fehlerlos. Wem es in der Mädchenreihe gelang, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war ich nicht dabei. So durfte Günther die beiden Worte und einen seiner Aufgabensätze auf die Tafel schreiben: Vorname, Nachname! Die Aufgabe lautete nun aber nicht, die beiden Worte x-mal zu schreiben, sondern:

Ich heiße: ……………

Meine Mutter heißt: ……………

Günther schrieb: „Ich heiße Günther Peinhaupt.“ - „Fräulein, was muss ich schreiben, weil ich wohne bei der Ziehmutter“, wollte ich wissen. Nun zeigten gleich mehrere auf, und nacheinander erfuhren wir, dass da bei jemandem der Vater gefallen war, es dort einen Stiefvater gab, und die Traude bei der Großmutter wohnte. Das Fräulein blieb freundlich, wollte aber schließlich die Erklärungen zu Ende bringen, indem sie sagte: „Fragt zu Hause, wie sie alle heißen und was sie sind, morgen dürft ihr eure Sätze vorlesen.“ Ich wollte immer vorlesen, mein Ziehbruder war meist froh, wenn das Fräulein ihn übersah, er war ein Stiller, wie die Mutter sagte.

Fräulein Pechmann erkundigte sich am nächsten Schultag, ob wir denn alle unsere Eltern um Hilfe gebeten hätten, und kontrollierte die Aufgaben, indem sie einige vorlesen ließ. Manche Kinder waren mit vier oder fünf Sätzen fertig. Da gab es die Eltern und drei Kinder, und alle hatten den gleichen Familiennamen. Viele waren es aber nicht, die eine so leichte Aufgabe hatten. Da gab es welche, die schrieben zehn und mehr Sätze, weil auch die Großeltern bei ihnen wohnten, es eine große Kinderschar gab, oder sie bei Bauern wohnten mit Knecht und Dirn und deren Kindern. Manche hatten nur drei verschiedene Familiennamen stehen, dazu gehörte auch ich. Die Ziehmutter, der Ziehvater und die beiden Ziehbrüder hatten den Familiennamen Pojer, die Ziehschwester hieß Gams. In meinem Heft stand nun schwarz auf weiß, wie mich niemand, aber auch gar niemand nannte: Elisabeth Horn.

Es wimmelte nur so von verschiedenen Namen! Was aber das Verwirrende war: Es gab zusätzlich zu den Wörtern Vater und Mutter noch die Wörter Ziehvater, Ziehmutter, Pflegevater, Pflegemutter und Stiefvater zur Auswahl. Die Stiefmutter wurde nicht genannt, wahrscheinlich gab es die nur im Märchen! Bei den Wörtern Ziehvater und Ziehmutter nahm das Fräulein mein Heft in die Hand: „Weißt du auch, was Ziehmutter heißt?“, fragte sie mich. Wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich drüben in Nußdorf eine leibliche Mutter hatte, aber es war nicht bekannt, wo mein Vater sich aufhielt. Fräulein Pechmann tadelte meine Unwissenheit nicht, wie gesagt, sie war ein gutes Fräulein.

Für mich war alles einfach, ich war es so gewohnt und mir ging es gut, wenn auch mein Ziehvater nicht viel Notiz von mir nahm, ganz im Gegensatz zu seiner Stieftochter Herta, die ihn mit ihrer Geschicklichkeit beeindruckte. Auch für meinen Ziehbruder Walter hatte es so, wie es war, seine Ordnung.

Ich war im Alter von sechs Monaten von meiner Ziehmutter aufgenommen worden. Ich war also ein Ziehkind. Vor mir hatte sie bereits zwei Pflegekinder betreut. Ein Bub, der nur ganz kurz bei ihr war, hatte wohl durch mehrere Pflegeplätze Schaden genommen und konnte mit drei Jahren weder reden noch war er rein. Er wurde schließlich von einer Verwandten aufgenommen. Gut erging es ihm nie. Vor mir hatte sie das Kind ihrer Schwester in Pflege, das unheilbar krank war und mit zwei Jahren verstarb.

Als sich mein erster Pflegeplatz, auf den ich im Alter von sieben Tagen kam, als untragbar erwies, sprach meine Taufpatin, die gleichzeitig die Dienstherrin meiner leiblichen Mutter und meines zukünftigen Ziehvaters war, diesen an, ob sie nicht ein Ziehkind aufnehmen würden. Im Graben hätten sie ja genug Platz, und ein bisschen Geld gäbe es auch von der Fürsorge. Meine leibliche Mutter hatte bereits einen Sohn auf einem Pflegeplatz untergebracht, zwei Kinder – zwei Mädchen – hatte sie bei sich, mehr Kinder gingen sich bei der Arbeit einer Dirn nicht aus. Nein zu sagen wäre dem Ziehvater nicht möglich gewesen, denn er war vom Schloßmoar abhängig, hatte Wohnung und Arbeit dort. So kam ich in diese Familie, die fortan meine bleiben sollte.

Mutter, Vater, Tochter, Sohn, beide im Volksschulalter in Sonntagskleidung
Die Autorin mit Zieheltern und Ziehbruder im Sommer 1947

Wenn ich nun meine Schulzeit von der ersten bis zur fünften Klasse hernehme, ist sie wahrscheinlich ein Abbild des Dorfes, der Höhen und Gräben rundum. Am häufigsten wohnten wohl Geschwister unter einem Dach, gefolgt von Halbgeschwistern. Nicht selten brachte die Frau ein lediges, häufig auch mehrere ledige Kinder in die Ehe mit, und es wurden dann eheliche geboren, die allesamt miteinander aufwuchsen. So war es auch bei meiner Ziehschwester. Bis sie ihrer Mutter in den Graben folgte, lebte sie bei der Großmutter in Enzersdorf. Sie war fünf Jahre alt, als sie Großmutter, Onkel, Tanten und Spielgefährten verlassen musste. Die gleichzeitige Gewöhnung an ihre Mutter, die sie nur von sonntäglichen Besuchen kannte, an einen jüngeren Halbbruder und den Stiefvater fiel ihr schwer wie auch das Leben in der Einsamkeit.

Die Mutter konnte mit dem Kind, das seine Verzweiflung über das Verlorene in Aufsässigkeit zeigte, nicht umgehen, ebenso wenig wie mit dem ständigen Weinen des Zweijährigen, der sich nicht anders ausdrücken konnte. Sie war selbst mit ihrem Einzug im Graben in eine neue Welt gestellt worden – als Ehefrau, als Mutter von zwei ihr fast fremden Kindern, nun für alle verantwortlich, und dazu kam noch zusätzlich die Betreuung der Tiere des Bauern. (...)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Kind - Stiefkind - Ziehkind - Pflegekind

Verfasst von Elisabeth Glettler

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, St. Georgen ob Judenburg
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Kein siebenter Tag. Kindheit in der Einschicht" von Elisabeth Glettler, S. 26 ff.

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