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Rekrutenausbildner in Lauban

von Ferdinand Barnreiter

(…) Mitte November kehrte ich nach fünf Urlaubswochen zur Genesungskompanie nach Lauban zurück. Vom Kompanieführer über die Stimmung in der Heimat befragt, erwähnte ich den Bombenabwurf amerikanischer Luftwaffe über unser Dorf. Ich berichtete auch von meiner irrtümlichen Todesnachricht und den tristen Aussichten auf das zu erwartende Kriegsende.

Ich wurde als Gruppenführer zur Marschkompanie abgestellt. Alsbald wurde bekannt gegeben, dass aus Lauban ein feldmäßiges Bataillon mit Kommandeur und Tross zum Partisaneneinsatz in die Slowakei abfahren würde. Als Gruppenführer diesem Bataillon zugeteilt, erklärte ich dem Kompanieführer, dass ich bei Kampfeinsätzen in zwei Russlandwintern jeweils an beiden Füßen Erfrierungen davongetragen hatte. Ich sei nicht gewillt, mir diesen Winter ein drittes Mal die Füße zu erfrieren. Im Austausch mit Gruppenführern der Rekrutenkompanie wurde mir mit drei Kameraden eine Ausbildnerplanstelle bei der Rekrutenkompanie angeboten. Ohne zu zögern übersiedelten wir in die Ausbildnerstube.

Feldpostbrief Faksimile aus der Druckfassung

Die von uns auszubildenden Rekruten waren großteils siebzehnjährige Schüler und Studenten aus Görlitz. Sie kannten sich gut mit den Waffen aus, da sie bereits bei der Hitlerjugend daran unterwiesen wurden. Wir hatten nun die Aufgabe, sie für den Fronteinsatz als Infanteristen auszubilden. Der Gruppenführer Obergefreiter Zwirner, welcher schon seit zwei Jahren bei der Rekrutenkompanie Dienst versah, machte uns neu hinzugekommenen Gruppenführern stets Vorschriften. Er sprach viel von Angriffsstrategien und vergaß dabei, dass sich die deutschen Armeen an allen Fronten auf dem Rückzug befanden.

Eines Tages wurde die praktische Unterweisung am Maschinengewehr infolge Schlechtwetters am Dachboden des Kasernengebäudes vorgenommen. Mit verbundenen Augen hatte ich das Maschinengewehr zerlegt und wieder zusammengebaut.

Obergefreiter Zwirner forderte mich zum Duell in dieser Disziplin auf. Während Rekruten unserer beider Gruppen im Kreise standen und unserem Wettkampf zusahen, kamen Kompanie- und Bataillonsführer zur Inspektion vorbei. Nach Meldung über unsere Demonstration mussten wir beide diese Übung am Maschinengewehr gegen die Stoppuhr wiederholen. Mein Herausforderer war um wenige Sekunden schneller. Ich hatte aber bemerkt, dass er in der Eile das Zweibein und den Kolben nicht eingerastet hatte. Sein MG am Trageriemen genommen und geschüttelt, schon waren das Zweibein und der Kolben samt Feder abgesprungen. Der Beifall war auf meiner Seite und ich erklärte meiner Gruppe, dass es besser wäre, ein paar Sekunden länger zu brauchen, aber dafür ordentlich zu sein. Im Einsatz, vor allem im tiefen Schnee, wäre die Feder nicht mehr aufzufinden und das Maschinengewehr nutzlos gewesen.

Um den Alltagstrott des Kasernenlebens etwas zu vergessen, besuchten wir Ausbildner nach Dienstschluss die wenigen Gasthöfe in der Stadt. Im Gasthof „Zur Stadt Hamburg“ trafen wir uns öfters bei einem Glas Wein zum Kartenspiel. Der Weinausschank erfolgte nur unter der Hand, was mich an die Praktiken der Wirte in Hermsdorf erinnerte. Regulär war außer Röstkartoffel und Mineralwasser in der Vorweihnachtszeit 1944 nichts mehr zu erwerben.Dem Wirt „Zur Stadt Hamburg“, einem sympathischen etwa sechzigjährigen Mann, trug ich im Gespräch mein Anliegen vor. Bei der Rekrutenkompanie hätte ich eine Planstelle auf ein Jahr als Ausbildner bekommen, weshalb ich ein Mädchen suche, das nicht unbedingt aus der Stadt sein müsse. Der Wirt gab mir zu verstehen, dass jeden Freitag zwei Bauerntöchter mit Freundin Hamsterware bei ihm ablieferten. Darauffolgenden Freitag wartete ich die drei Mädchen beim Wirt ab. Schelmisch fragte ich sie, ob ich Kunde ihrer Sonderangebote werden könnte. Ein verschmitztes Lächeln erhielt ich als Antwort.

Der Wirt erzählte mir bei nächster Gelegenheit einiges über die Familie Flügel und deren Bauernhof. Um Tochter Gisela bewarb sich ein Bauernsohn aus dem Nachbardorf, welcher derzeit als Unteroffizier beim Luftwaffenbodenpersonal Dienst versah. Tochter Doris mit siebzehn Jahren war als Hofnachfolgerin vorgesehen.

Bei der nächsten Hamsterfahrt kam ich mit dem Mädchentrio näher ins Gespräch. Sie luden mich ein, am Sonntag zu ihnen nach Geibsdorf, etwa 6 Kilometer außerhalb der Stadt, zu kommen. Um etwas Abwechslung in dieser trostlosen Vorweihnachtszeit zu erleben, borgte ich mir vom Wirt ein Fahrrad aus und Sonntagnachmittag radelte ich die sechs Kilometer zur Familie Flügel nach Geibsdorf. Bei Kaffee und etwas Kuchen war der Bann bald gebrochen. Doris Eltern waren neugierig über mein Heimatland und meine landwirtschaftlichen Kenntnisse, worauf ich ihnen so gut es ging Antwort gab.

drei Mädchen bzw. weibliche Jugendliche um zwei Masten herum gruppiert
Doris mit Schwester und Nachbarstochter

Die täglichen Ausmarschübungen in der Vorweihnachtszeit waren sehr anstrengend, aber die jungen Rekruten sollten zum Wintereinsatz abgehärtet werden. Ich fühlte mich an den Rückzug aus dem Woroneschkessel im Winter 1943 erinnert und war froh, nicht jeden Abend um ein Nachtquartier kämpfen zu müssen. Auch die Russenfamilie von Manturowo, welche mir mit dem Pferd in die Freiheit verholfen hatte, kam mir öfters in den Sinn.

Doris hatte täglich zur Mittagszeit in der Kaserne angerufen und sich über meine Freizeit erkundigt, worauf wir ein Treffen zum Kinobesuch in der Stadt vereinbarten. Schneller als wir glaubten waren wir ineinander verliebt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit fuhr ich mit dem Fahrrad nach Geibsdorf. Auch am Bauernhof bei Doris‘ Eltern waren viele Arbeiten zu verrichten und gerne packte ich mit an. Ein abwechslungsreicher Zeitvertreib zum eintönigen Kasernendienst. Doris‘ Eltern waren alsbald von meinem Verständnis und Fleiß in der Landwirtschaft überzeugt. Bald fühlte ich mich wie ein Sohn in der Familie Flügel aufgenommen und glaubte, eine neue Heimat gefunden zu haben. Am Abend saßen wir in der warmen Stube zusammen und schmiedeten Zukunftspläne, als wäre der Krieg schon zu Ende. Wie ahnungslos viele in der Heimat von der Realität des bevorstehenden Kriegsendes waren, kam mir in den Sinn. In meinem Glückstaumel wünschte ich mir sehnlichst, dass die Nachricht vom Kriegsende baldigst eintreffen möge.

Einige Tage vor Weihnachten erfolgte die Vereidigung unserer Rekrutenkompanie. Ein höherer Offizier brachte in seiner Ansprache zum Ausdruck, dass der Endkampf des zweiten Weltkrieges bevorstehe und die deutsche Wehrmacht dazu gut vorbereitet sei. Wir fragten uns, wie das möglich sein sollte, wenn doch täglich mehr deutsche Städte in Schutt und Asche gebombt wurden. Die anschließende Weihnachtsfeier fiel sehr bescheiden aus. Länger dienende Familienväter und Rekruten aus der näheren Umgebung bekamen Kurzurlaub.

Am Weihnachtsfeiertag war ich als Unteroffizier vom Dienst eingeteilt. Es war ruhig in der Kaserne, ich musste nur die Anwesenden der Kompanie zum Mittagessen führen und abends die Stubenabnahme vornehmen. Endlich ergab sich Gelegenheit, den Angehörigen für die Weihnachtspost zu danken. Meine Eltern schrieben, dass es für sie das schönste Weihnachtsgeschenk sei, dass meine Todesnachricht vom Sommer als Irrtum aufgeklärt werden konnte. Neuerliche Sorgen bereitete ihnen, dass mein älterer Bruder Karl vom Einsatz an der Westfront keine Nachricht schrieb. Zu Silvester wurde ich kurzfristig stellvertretend für einen Kameraden zum Unteroffizier vom Dienst eingeteilt und am Neujahrstag ließ ich unsere Kompanie um zehn Uhr Vormittag zum Essenholen im Kasernenhof antreten. Plötzlich rief mir unser Spieß von der Schreibstube aus zu: „Barnreiter, lassen sie die Kompanie nochmals wegtreten, sie müssen sich sofort mit Koppel und Stahlhelm beim Bataillonsgeschäftzimmer melden“. Warum ich so dringend beim Bataillonskommandeur vorstellig werden sollte, war mir rätselhaft. Sollten die versuchte Fahnenflucht und der manipuierte Dienstausweis vom Sommer doch noch Folgen haben? Ich war mir sonst keiner strafbaren Handlung bewusst.

Schnell holte ich meinen Helm und ging etwas nervös zum Geschäftszimmer. Nach vorschriftsmäßigem Gruß hatte ich mich beim Bataillonskommandeur mit Dienstgrad und Namen vorgestellt. Mit Spannung erwartete ich die Vorgaben des Vorgesetzten. Der Bataillonskommandeur erhob sich vom Stuhl und ging einige Schritte auf mich zu. Er reichte mir die Hand zum Gruß und sagte: „Ich ernenne Sie mit heutigem Tag zum Unteroffizier“. Er sprach mir nochmals ein Lob für die praktische Unterweisung der Rekruten am Maschinengewehr aus und erteilte mir den Auftrag, mich um zwei Uhr nachmittags im Offizierskasino vorzustellen. Erleichtert und erfreut über die unerwartete Beförderung verließ ich das Bataillonsgeschäftzimmer. In die Ausbildnerstube zurückgekehrt, waren die anderen Gruppenführer über meine spontane Ernennung zum Unteroffizier überrascht. Alle gratulierten mir, nur mein Rivale Obergefreiter Zwirner hielt sich bedeckt. Er begann beim Spieß zu meutern, wieso gerade der Neuling bei der Kompanie befördert werde. Auch der Spieß war von meiner Ernennung überrascht und glaubte zuerst an einen Neujahrsscherz. Weil am Neujahrstag bei der Bekleidungskammer kein Schneider anwesend war und ich in der Eile die Schulterklappen nicht selbst annähen konnte, half mir Unteroffizier Pagel mit seiner Ausgangsuniform aus der Patsche. Als diensthabender Unteroffizier ließ ich die Kompanie nun mit Verspätung abermals zum Essenempfang antreten.

Nach der Dienstablöse um ein Uhr mittags traf ich Doris wie vereinbart bei der Kasernenwache zum gemeinsamen Kinobesuch. Doris war über meine Ernennung zum Unteroffizier freudig überrascht. Ich teilte ihr mit, dass ich um zwei Uhr ins Offizierskasino bestellt war. Anstelle des Kinobesuches begleitete ich sie zum Wirt „Zur Stadt Hamburg“ und ersuchte sie, bis zu meiner Rückkehr aus dem Offizierskasino hier auf mich zu warten.

Wie befohlen war ich pünktlich im Offizierskasino eingetroffen. Mit einem Glas Sekt wurde ich vom Bataillonskommandeur und anderen Offizieren begrüßt. In lockerer Atmosphäre musste ich einige Kampferlebnisse wiedergeben. Ich erwähnte die Szene auf dem Stadtplatz im Jänner 1943, als uns der Bataillonskommandeur über die Einkesselung der Woronescharmee unterrichtete. Seine Aufforderung, bis zur letzten Patrone zu kämpfen und sich nicht gefangennehmen zu lassen, war mir noch gut in Erinnerung. Ebenso seine Aussage, dass das Himmelfahren alleine ohnehin langweilig sei. Von meiner irrtümlichen Todesnachricht und einiges mehr hatte ich im Anschluss noch berichtet. Als man mich über das Kriegsende befragte, blieb ich eine Antwort schuldig.

Bereits nach einer Stunde fand ich mich bei Doris im Wirtshaus ein. Bei Kaffee und etwas Kuchen wünschten wir uns ein gutes Neues Jahr und dass der Krieg bald ein Ende finden möge. Anschließend waren wir nach Geibsdorf zu ihren Eltern gefahren. Nach Begrüßung und Neujahrswünschen saßen wir bei einer Jause zusammen. Mit einer Flasche Wein, die der Wirt „Zur Stadt Hamburg“ gespendet hatte, ließen wir den Neujahrstag 1945 ausklingen. (...)

Feldpostbrief vom 2. Jänner 1945 Faksimile

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Rekrutenausbildner in Lauban

Verfasst von Ferdinand Barnreiter

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Polen, Schlesien, Lauban/Luba´n
  • Zeit: Dezember 1944

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Buch von Ferdinand Barnreiter: Mit Gottvertrauen durch den Krieg. Erinnerungen eines Frontsoldaten, Unterweitersdorf 2010, S. 131 ff.

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