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Schwere Verwundung

von Ferdinand Barnreiter

(...) Im Morgengrauen des 28. Februar 1945 bezogen meine Gruppe und die des Gefreiten Handke die Maschinengewehrstellung vor unserem Quartier. Wie angekündigt kam russische Infanterie um zehn Uhr vormittags in mehreren Wellen auf uns zu. Gefreiter Handke am Maschinengewehr 34, ich am MG 42 nahmen vorerst die rückwärtigen Angreifer aufs Korn. Im Dauerfeuer nach beiden Seiten der Angreifer schwenkend, hatten wir bald die vorderen Linien erreicht. Der Angriff der Russen war vorerst gestoppt und sie begannen ihre Verwundeten und Toten einzusammeln.

Gefreiter Handke und ich machten dem Kompanieführer Meldung über die erfolgreiche Abwehr russischer Angriffe. Wir beide schlugen vor, unseren Stützpunkt endlich zurückzunehmen. Jedoch zu spät, durchs Fernglas sahen wir, wie sich russische Infanterie im gegenüberliegenden Dorf zu neuerlichem Angriff formierte. Überraschend kamen einige Russenpanzer seitlich zum Dorf an unsere Stellung herangefahren. Mit Panzergranaten wurden unsere Maschinengewehrstellungen und Quartiere unter Beschuss genommen. Russische Infanterie hatte sich inzwischen im Schutze ihrer Panzer an unsere Stellungen herangerobbt. Wir saßen in der Falle und angesichts dieser Übermacht schien jeder Wiederstand sinnlos.

Um den Angreifern unsere Kapitulation zu signalisieren ging ich ins Quartier um ein weißes Tuch zu holen. In der rechten Hand die Maschinenpistole, in der anderen Hand das Tuch, hatte ich die Stube zum Hausflur verlassen. Einige Schritte vor der Haustüre zum Laufgraben hin krepierte knapp vor mir eine Panzergranate an der Mauer.

Am rechten Arm wie von einem Hammerschlag getroffen, stand ich bewegungslos da. Als Rauch und Staubwolken verzogen waren, sah ich das Ausmaß der Verletzungen am Arm. Vom Handgelenk bis zum Ellenbogen total zerschmettert, triefte reichlich Blut zu Boden. Ich stolperte ins Freie, wo mir Gefreiter Handke zu Hilfe kam. Beide kniend begann er meinen Oberarm abzuschnüren. Ich bat ihn, sich nicht mehr um mich zu bemühen, ich hätte mit meinem Leben bereits abgeschlossen. Zur Muttergottes flehte ich um eine baldige Sterbestunde, damit ich nicht mehr erleben müsse, auf welch unhumane Art mir die Russen den Garaus machen würden. Den Gefreiten Handke forderte ich auf, sich am Stützpunkt um noch lebende Kameraden umzusehen und womöglich mit diesen nach hinten abzuhauen.

Während russische Panzer unsere Stellungen und Quartiergebäude weiter mit Granaten belegten, wich Kamerad Handke nicht von meiner Seite. Er schnitt den Ärmel auf und mittels Verbandszeug begann er meinen Oberarm abzuschnüren. Durch die nächste Panzergranate wurden Mauerziegel durch die Luft gewirbelt, von denen einer den Gefreiten am Rücken traf. Nach Luft ringend sprang er in den nahen Laufgraben. Er deutete mir, in den Laufgraben nachzukommen und ich sprang hinterher. Mit Mühe schnürte er mir den Arm unterhalb der Schulter ab. Plötzlich brach im nahen Quartierhaus Feuer aus und Rauchschwaden wälzten sich in Richtung Kompaniegefechtsstand zu Boden. Das war der willkommene Sichtschutz. Den Rest meines rechten Unterarmes in die Feldbluse verpackt, bewegte ich mich schwankend zum Kompaniegefechtsstand. Erschrocken vom Anblick meiner blutbesudelten Uniform wurde ich nach dem Geschehen beim Stützpunkt befragt. Vorwurfsvoll entgegnete ich, dass es die Aufgabe eines verantwortungsvollen Kompanieführers sei, sich nach bereits einstündigem Kampflärm beim Stützpunkt nach dem Geschehen zu erkundigen. Der Sani konnte mir kaum helfen, er wusch mir nur das Blut vom Gesicht. Weil kein Sanitätsfahrzeug mehr zur Stelle war, erhielten zwei junge Rekruten von der Reservegruppe den Auftrag, mich zurück zu tragen. Ein anwesender Feldwebel meinte: „Den braucht ihr nicht mehr wegtragen, der schwimmt sowieso ab“. Empört über diese Äußerungen entgegnete ich, dass ich, wenn nötig, zu Fuß zurückgehen werde. Ich verlangte einen Kognak und eine Zigarette, was mir auch gereicht wurde.

Ich lag auf einer kurzen Leiter mit einer Decke als Unterlage. Man wünschte sich gegenseitig Hals- und Beinbruch und ich nahm vom Kompaniegefechtsstand Abschied. Die beiden Rekruten trugen mich auf der Leiter zum Dorf hinaus. Kaum waren wir auf freiem Feld, schoss uns der Iwan einige blaue Bohnen nach. Die beiden Burschen ließen mich zur Erde fallen und liefen davon. Jetzt verspürte ich zum ersten Mal Schmerzen. Das Herz begann zu pochen und ich begann schwer zu atmen. Ich versuchte aufzustehen, jedoch fehlte mir die Kraft dazu. Weil beide auf mein Zurufen nicht zurückkamen, nahm ich mit der linken Hand meine Pistole aus dem Stiefelschaft und gab in ihre Richtung einen Warnschuss ab. Zögernd kamen sie zurück, hoben mich auf und setzten den Rückmarsch fort. Ich sprach ihnen Mut zu, denn sie könnten froh sein, so aus dem Schlamassel heraus zu kommen.

Nach einigen hundert Metern erreichten wir einen alleinstehenden Bauernhof, wo sie mich in der Toreinfahrt absetzten. Zunächst erblickte mich die junge Bäuerin. Als sie mich in meinem Elend so blutverschmiert liegen sah, machte sie vor Schreck einen lauten Schrei, der auch mir durch Mark und Bein ging. Nervös kam der Bauer herbei und erkundigte sich nach den Ereignissen. Weil sie seit Vormittag vom Nachbardorf Kampflärm gehört hatten, waren sie nun in Eile, die Pferde vor den vorbereiteten Planenwagen zu spannen und die Heimat zu verlassen. Auf meine Anfrage, ob es möglich sei, mich ein Stück des Weges mitzunehmen, lehnte der Bauer ab. Mit fünf Kleinkindern sei der Planenwagen bis obenauf voll. Außerdem würde ich seine neuen Tuchenten arg verbluten, was auch ich einsah. Ob er einen Zweitwagen anhängen könne, fragte ich den Bauern. Dazu habe er keine Zeit mehr und beeilte sich, die Pferde an den Wagen zu spannen.

Während ein Rekrut nach einem Zweitwagen Ausschau hielt, suchte der andere nach einer Zudecke für mich. Bald kam der erste Rekrut mit einem Kleinwagen angefahren und befestigte diesen mit der Deichsel am Planenwagen. Mit ausreichend Stroh als Unterlage hoben mich beide Rekruten samt Leiter auf den Zweitwagen. Beiden Rekruten empfahl ich, beim Bauern noch rasch ihre Uniform gegen Zivilkleider einzutauschen. Kamerad Handke kam mit einem verwundeten Rekruten noch rechtzeitig an. Zu fünft hatten wir am Wagen Platz genommen und warteten die Abfahrt des Gefährtes ab. Mit Tränen in den Augen und Kindergeschrei hatte die Bauernfamilie von ihrem Hof Abschied genommen. Wenn auch schwerst verwundet, war ich froh, abermals der Hölle entronnen zu sein. Unterwegs auf der Strecke nach Hirschberg wurde ich von einem Sanitätsauto übernommen.

Mein Bewusstsein schwand zusehends. Erst in der Krankensammelstelle Hirschberg kam ich am nächsten Tag wieder zu mir. In immer längeren Zeitabschnitten starrte ich irr an die Zimmerdecke, bis die Realität in mein Bewusstsein zurückkehrte. Wie im Film liefen die Kriegsereignisse der letzten Tage vor meinem geistigen Auge ab. Neugierig tastete ich meinen rechten Oberkörper ab. Ich konnte feststellen, dass mein rechter Arm oberhalb des Ellbogens amputiert worden war. Durch Verbände an der rechten Stirnseite, Schulter, Bauch und Oberschenkel wurde ich mit zusätzlichen Splitterverwundungen vertraut. Ein Sanitäter kam an mein Bett und reichte mir ein Glas Rotwein mit rohem Ei eingesprudelt, um mein Wundfieber zu senken. Er meinte, dass ich trotz schwerer Verwundung in erstaunlich guter Verfassung sei, was mir neuen Mut zum Leben gab.

Nach der Aufwachphase fühlte ich an der rechten Schulter zunehmende Schmerzen. Zwei herbeigerufene Ärzte ordneten die Verlegung in den Operationssaal an. Ein Granatsplitter hatte mir das rechte Schlüsselbein zersplittert und war am Schulterblatt stecken geblieben. Nach der Operation wurde ich mit Verwundeten der Krankensammelstelle zum Bahnhof Hirschberg gefahren, wo wir, in drei Verwundetenwaggons untergebracht, einem Flüchtlingszug angeschlossen wurden. Am 1. März 1945 fuhr der Zug von Hirschberg ab, als bereits russische Truppen in der Stadt angekommen waren. (...) Buchcover

Informationen zum Artikel:

Schwere Verwundung

Verfasst von Ferdinand Barnreiter

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Polen, Schlesien, Lauban/Luba´n
  • Zeit: Februar 1945

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Buch von Ferdinand Barnreiter: Mit Gottvertrauen durch den Krieg. Erinnerungen eines Frontsoldaten, Unterweitersdorf 2010, S. 143 ff.

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