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"Wenn es so früh finster wurde ..."

von Theresia Oblasser

"Die Großmutter hatte ihre Kammer 'obenauf' ..."

Wir Kleinkinder schliefen, zumindest im Winter, bei der Großmutter im Zimmer. Nur das „Butzei“, das jeweils Kleinste, durfte im Elternzimmer schlafen. Wir Größeren durften das nur, wenn wir krank waren oder der Vater auf der Alm schlief. Dann kamen wir abwechselnd dran, in seinem Bett zu schlafen.

Die Großmutter hatte ihre Kammer „obenauf“, also im ersten Stock. Es war eine schöne, große Kammer, die früher die Stube gewesen war. Der Plafond war eine matt glänzende, tiefschwarze Holzdecke, meiner Meinung nach aus Ebenholz, denn schwärzer konnte sich die Königin die Haare von Schneewittchen nicht gewünscht haben. Ein bemalter Kasten barg ihre persönlichen Sachen: Kleider, Plüschschals, alte Häferln, Hüte.

Sie hatte ihre Wände mit vielen Heiligenbildern und alten Fotos geschmückt. Im Nachtkastl waren einige Hausmittel: angesetzter Vorlauf vom Schnapsbrennen zum Einreiben bei Rheumatismus; ein Glas „Goaßschmoiz“, Kampfer und der „Schmerstoa“ zur Zubereitung des bei allen möglichen Krankheiten wirksamen „Goaßschmoizpflasters“.

Dazu nahm sie steifes Pergamentpapier, bestrich es mit dem „Schmalz“, schabte mit einem kleinen Bernsteinmesserchen etwas vom Schmerstein ab und gab noch kühlenden Kampfer darüber. Das wurde dann auf Brust oder Rücken gelegt.

Mir war das Goaßschmoizpflaster wegen des Gestanks verhasst. Doch die Großmutter nannte mich ein empfindliches Ziferl, und Wehren nützte mir nichts. Es war das beliebteste und wirksamste Mittel bei Husten und Fieber.

Auf einem Tisch stand eine geschnitzte Statue, Maria mit dem toten Jesus auf dem Schoß. Der Kerzenleuchter war eine Spirale aus Schmiedeeisen, in der die Kerze hinunter- und hinaufgedreht werden konnte. War eine Kerze schon ziemlich abgebrannt, konnte man sie ganz verschwinden lassen und langsam wieder nach oben drehen. Sehr verlockend zum Spielen – leider verboten wegen der geweihten Kerze.

In den alten Gebetbüchern der Großmutter fand ich Andachtsbildchen mit einer Schrift, wie mit Goldsand ausgeführt; andere hatten Papierrahmen, teilweise durchbrochen oder mit aufgeprägten Blüten und Ornamenten. Manche hatten eine Tür zum Öffnen, und dahinter war ein Herz mit Flammen abgebildet.

Jeden Abend betete sie lange. Sie tauchte die Hand in das Weihwasser und sprengte es in alle Richtungen für ihre Angehörigen, deren Namen sie nannte, und ausgiebig auf den Boden, für die armen Seelen.

Auf dem Bild über ihrem Bett war die heilige Familie auf dem Weg nach Jerusalem abgebildet. Ich betrachtete es gerne. Ein Baum im Hintergrund sah aus wie unsere Eschen. Von diesen wurde jedes Jahr Laub als Ziegenfutter für den Winter geschnitten. Aus den Aststümpfen wuchsen dann immer wieder dicht neue Triebe. So sah auch dieser Baum auf der Tafel aus. Der Baumstrunk war gar nicht hoch.

Der „Jesusknabe“ ging brav zwischen Maria und Josef. „Er war eben folgsam“, sagte die Großmutter. Das sagte sie, weil wir nie ruhig dahingehen konnten, sondern vorausliefen, auf Bäume kletterten, jedenfalls oft zu lebhaft waren.

Es wurde uns nur das Folgsamsein zur Nachahmung empfohlen, aber nicht sein selbstbewusstes Verhalten im Tempel und seine selbstsichere Antwort auf die Frage seiner Mutter.

Als ich einmal untertags, wahrscheinlich krank, im Bett lag, wurden die Gestalten des Bildes lebendig. Ich sah einige von ihnen vor dem Fenster und erlebte mich geborgen und zu ihnen gehörig. Sie kamen und trösteten mich in Gefühlen der Verlassenheit und den quälenden Ängsten einer Fieberkrankheit.

Dieses innige Gemeinschaftserlebnis wirkte lange nach. Ich erinnerte mich gerne daran und ersehnte eine Wiederholung. Später vergaß ich diesen Traum, aber vor einigen Jahren kam mir diese Erinnerung wieder stark ins Bewusstsein.

"Die Mutter jedenfalls war froh über die Eier ..."

In dieser Zeit gab es auch Flöhe im Haus. Sie nisteten im Bettstroh. Wir schliefen gut und merkten nichts davon, die Großmutter aber fühlte sich belästigt. Sie trieben sie aus dem Bett, und in ihrem Eifer, die Flöhe auszurotten, riss sie auch uns aus dem Schlaf. Sie zog die Decken weg, um die winzigen Beißer zu überraschen. Wir raunzten und baten, weiterschlafen zu können, sie aber war erst zufrieden, wenn sie einen erwischte und mit ihm verfahren konnte, als hätte er allein sie gebissen.

Im Winter durften auch die Hühner in die Stube. Der Platz unter der Bank wurde zur Hühnersteige umgebaut. Die Stubenwärme sollte wohl Frühlingsluft vortäuschen und die Hühner zum Legen aneifern. Denn es waren keine Hybrid-Legehennen, sondern eine Hofzüchtung. Beim Eierlegen gab es einen bestimmten Rhythmus. Es setzte im Frühling stark ein und wurde in der Mitte des Sommers immer schwächer. Im Winter stellten sie das Legen ganz ein, doch zugekauft wurden keine Eier.

Der Überschuss an Eiern im Sommer wurde in Kalk eingelegt und musste zum Überbrücken im Winter dienen. Wenn die Mutter vor Weihnachten, gerade wenn sie Keks backen wollte, den Hennen oft vergeblich in den Darm griff, um ein Ei zu ertasten, seufzte sie: „Eppa hearns ös Rorateläuten!“

Im Sommer fiel es öfter einer Henne ein zu brüten. Vorher suchte sie irgendwo einen verborgenen Platz für ihr Nest. Einige Wochen schlich sie sich dann zum Legen in dieses Versteck. Wenn die Mutter merkte, dass eine Henne „verlegte“, dann versuchte sie ihr aufzulauern. Die Hennen waren da aber sehr schlau und machten viele Umwege.

Dann war manchmal eine Henne verschwunden. Wir wussten nicht: War sie beim Brüten, oder hatte sie der Habicht geholt? Nach Tagen fanden wir entweder einen Platz mit Federn, die der Habicht oder der Fuchs übrig gelassen hatte, oder die Henne schlich sich doch wieder einmal zum Futterplatz.

Groß war die Freude, wenn wir Kinder beim Versteckenspielen ein Nest mit manchmal bis zu zwanzig Eiern fanden. Dann hatte eine Henne ihre Eier zwar verlegt, doch zum Brüten war sie nicht mehr bereit gewesen.

Die Mutter jedenfalls war froh über die Eier, und wenn auch nicht mehr alle zu gebrauchen waren, gab es doch ausgiebig Eierschmarren und Omeletten für die Finder.

zwei Buben und ein Mädchen im Kleinkindalter sitzend vor einer Bretterwand
Mit meinen ältesten Brüdern Seppi und Hansi auf der Bank vor dem Elternhaus (um 1946)

Die Hühnersteige in der Stube brachte uns auf die Idee, Hänsel und Gretel zu spielen. Wir verteilten die Rollen: Ich sollte die Hexe sein, Seppi die Gretel und Hansi der Hänsel. Aber er erklärte, er sei Hansi und nicht Hänsel und in die Hühnersteige lasse er sich auch nicht sperren. Da nützte kein Zureden und Beteuern, dass es ja nur für die kurze Zeit des Spielens sei. So stritten wir nun statt zu spielen, bis uns wieder was Neues einfiel.

Es setzte sich aber bald der Wille des Vaters durch, dass die Hühnersteige wegen des Gestankes aus der Stube verschwinden solle. Diese Zeiten wären vorbei. Doch lange noch wurden kranke oder schwache Jungtiere, zum Beispiel ein neugeborenes Lamm, ein Zicklein oder Ferkel, welche bei ihrer Mutter keine Nahrung fanden, in eine Kiste gebettet, für ein paar Tage in die warme Stube gebracht und mit der Flasche gefüttert, bis sie sich erholten.

"Wenn es so früh finster wurde ..."

Wir hatten damals noch Petroleumlicht. An den Samstagen wurden die Zylinder schön geputzt. Mit einem Kochlöffelstiel, einem weichen Tüchl oder Zeitungspapier ging das gut.

Um drei Uhr Nachmittag machten die Manderleut Feierabend.

Für uns Kinder stellten die Frauen ein großes Schaff in die Stube, und wir wurden gebadet, mit einem frischen, waxen Handtuch trocken geschrubbt und mit frisch gewaschener Wäsche und Gewand auf den Feierabend eingestimmt. Die Kleider trugen wir meistens eine ganze Woche lang, sie waren daher oft ganz schön speckig.

Die Erwachsenen konnten sich in einem Schaff ganz abwaschen, aber höchstens zu Weihnachten baden. Nur im Sommer war das Baden im Waschhaus möglich.

Am Samstagabend stellte die Großmutter den geschmiedeten Leuchter mit der geweihten Kerze auf den Tisch zum Rosenkranzgebet. Wir saßen um den Tisch, die Erwachsenen knieten auf Betschemeln oder auf dem Boden bei der Bank.

Durch häufigen Gebrauch und durch die Überlieferung von einer Generation zur anderen hatten unsere Gebete einen eigenen Rhythmus und eine eigene Sprache; ein Gast konnte in diese Melodie nicht so leicht einstimmen.

Auch mir waren viele Ausdrücke rätselhaft. In einem Gebet ging es um „keusch und rein“, das klang wie „kerschendrein“. Kerschen waren in unserer Mundart die Kirschen – aber wo waren sie drein?

Auch die Anrufungen der lauretanischen Litanei beschäftigten meine Phantasie stark: „vortreffliches Gefäß der Andacht“, „Spiegel der Gerechtigkeit“, „geistliche Rose“, „Turm Davids“.

Wenn es so früh finster wurde und wir kein besonderes Licht hatten, war es meistens früh zum Schlafengehen. Nur am Nikolausabend durften wir etwas länger aufbleiben. Da gab es dann einen Teller mit gedörrten Kirschen, mit Kletzen und Äpfeln, und immer die Erwartung: Kommt der Nikolaus persönlich? Auch hatten wir eine Heidenangst vor den Kramperln. Wir flüchteten schon ins Haus, wenn eine Kette rasselte oder eine Glocke schepperte. Das taten uns die Großen zu Fleiß. Nur mein Bruder Lois prahlte schon Wochen vorher, dass er den Kramperln mit dem Stecken eine herunterhauen werde.

Dann kamen sie einmal wirklich. Er kam hinter dem Kachelofen hervor und schlug einem der herumhopsenden Kerle seinen Kühtreiberstecken über die Larve. Über diese Frechheit des kleinen Buben mussten alle sehr lachen, und der Vater schützte ihn vor dem Verhautwerden.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Wenn es so früh finster wurde ..."

Verfasst von Theresia Oblasser

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Taxenbach, Großsonnberg
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Buch "'Das Köpfchen voll Licht und Farben...' Eine Bergbauernkindheit", S. 31 ff., von Theresia Oblasser wieder.

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