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"Ich war kein gefügiges Mädchen ..."

von Theresia Oblasser

Der Vater redete oft wochenlang nicht mit mir, zur Strafe, wenn ich mich anders verhielt, als er gewollt hätte. Er fand es nicht der Mühe wert, mit mir darüber zu reden, was er auszusetzen hatte, seinen Unmut und Ärger zu begründen. Das erweckte starke Ohnmachtgefühle in mir, ich fand aber nicht den Mut zu fragen. Ich bemerkte, dass er sich auch der Mutter gegenüber so verhielt. Sie aber war viel gefügiger als ich und fand viel leichter Verständnis.

Sie entschuldigte ihn gegen meine Vorwürfe, die ich mich nur ihr gegenüber zu äußern getraute, denn vor dem Vater hatte ich Angst. Sie belehrte mich, dass „wir Frauen“ Verständnis haben müssten, denn Männer seien so empfindlich und verletzlich; sie seien wie kleine Kinder, die eine Mutter brauchen. Nach außen müssten sie ja immer stark sein, aber innen seien sie weich.

Schon damals war ich in meinem kritischen Bewusstsein mit dieser weiblichen Untertänigkeit nicht einverstanden. Ich empfand das Verhalten des Vaters als ungerecht und willkürlich und wollte nicht, dass es die Mutter auch noch unterstützte. Ihre Gutmütigkeit begann ich als Schwäche zu sehen, und das brachte mich auch gegen sie auf. Ich war kein gefügiges Mädchen, aber sehr oft zu feig und auch mutlos; es fehlte mir an Selbstvertrauen.

Es wurde ja von niemandem als gut angesehen, eine eigene Meinung zu vertreten. „Eigensinn“ wurde als sehr unchristliche und zu bekämpfende „Untugend“ verurteilt.

Wenngleich ich mich innerlich von der Gutmütigkeit meiner Mutter distanzierte, glaubte ich doch, dass sie dem Idealbild der guten Frau entsprach. Ich sah ja, wie es ihr immer wieder gelang, den Vater aus seiner Verstimmung zu holen, wie sie dann miteinander scherzten und lachten, und fühlte mich in meiner Auflehnung böse, unterlegen und auch ausgeschlossen.

Elternpaar mit drei Kleinkindern, ein Mädchen, zwei Buben vor holzverkleideter Außenwand mit Fenstern
Meine Eltern mit uns drei ältesten Kindern (um 1944)

Ich bildete mir ein, dass für meinen Vater nur die Brüder wichtig seien. Er war sehr stolz auf sie und wurde ja auch immer wieder darauf angesprochen, dass er so viele Söhne in die Welt gesetzt hatte. Ich als Mädchen dagegen war allein, meine Schwester tot, und öfter endeten Schwangerschaften meiner Mutter mit Mädchen durch Abortus. Die Großmutter wachte beinahe ängstlich darüber, dass ich der Mutter zur Hand ging und sowohl Arbeiten im und ums Haus als auch die Frauenarbeit auf dem Feld verrichtete.

Der Stall war bei uns Männersache. Aber gerade dieser Umstand, von einem Bereich ausgeschlossen zu sein, der dem Vater sehr viel bedeutete, verstärkte mein Gefühl, ihm nicht so wichtig zu sein.

Die Brüder waren tüchtig, fuhren mit dem Ross aufs Feld, gingen mit in den Wald, arbeiteten auf der Alm und im Stall. Andererseits reizte es mich aber gar nicht, diese schwere Arbeit tun zu müssen. Der Mutter entschlüpfte ich viel leichter.

Einige Mädchen ließen sich gerne als schneidige Holzknechte oder Jäger verkleidet fotografieren. Ich glaube, dass auch das ihrer heimlichen Sehnsucht, ebenbürtig zu sein, entsprang. Mir waren solche Bilder peinlich, denn ich war lieber ein Mädchen. Es gab ohnehin genug Männer in meiner Familie.

Aus diesen Widersprüchen entwickelte ich meine eigene Vorstellung von Emanzipation. Dieses Wort vernahm ich nämlich schon öfter. Ich stand zu dem, wie ich sein wollte. Es sollte nach meinem Dafürhalten nicht sein, dass Frauen nur dann als ebenbürtig galten, wenn sie sich in Benehmen und Arbeit, auch in der Kleidung, den Männern anglichen.

Das, was wir taten, erleichterte doch das Leben, machte es schöner und erfreulicher, zum Beispiel durch das Vorbereiten der Feste oder das Sauberhalten von Wohnung und Kleidung. Warum galt das als nebensächliche Freizeitbeschäftigung der Frauen, nicht der Rede und Anerkennung wert?

Ich wünschte, dass die Männer (zuallererst der Vater) zur Einsicht kämen, dass nicht nur ihre Leistung, sondern auch unsere „Dienste“ wertvoll seien. Darüber stritt ich oft und vertrat diese Ansicht mit Nachdruck.

Die Männer schätzten unsere Dienste und Pflichten sehr gering, obwohl sie sie hauptsächlich genossen. Sie leisteten ja schwere Arbeit – dafür beanspruchten sie das Recht, bedient zu werden.

Als Kind hat mir das Rumpelstilzchen immer leidgetan.

Zuerst hatte es der Müllerstochter geholfen, aus Stroh Gold zu spinnen und Königin zu werden. Aber als es den geforderten Lohn haben wollte, da verweigerte ihm die Königin diesen, obwohl es sich schon so darauf freute.

Als Jugendliche stellte ich mich auf die Seite der Müllerstochter. Ich stellte das Verhalten des Müllers in Frage. Seine Ehrsucht und seine Prahlerei brachten die Tochter ja erst in ihre missliche Lage. Durch die angeblichen Fähigkeiten seiner Tochter wollte er selbst zu Ehren und Ansehen kommen.

Erst, als ich selbst Mutter war, wusste ich, dass die Müllerstochter dem Rumpelstilzchen das Versprechen gegeben hatte, ohne zu ahnen, was es bedeutete.

Vom Rumpelstilzchen bin ich sehr lange nicht losgekommen. Dieses Märchen war immer wieder ein Spiegel, in dem ich Aspekte meines Lebens erkannte.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Ich war kein gefügiges Mädchen ..."

Verfasst von Theresia Oblasser

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Pinzgau, Taxenbach, Großsonnberg
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Buch "'Das Köpfchen voll Licht und Farben...' Eine Bergbauernkindheit", S. 108 ff., von Theresia Oblasser wieder.

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