Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

"Auf dem welschen Herd kann ich nicht deutsch kochen..."

von Helene Gasser

Nun komme ich wieder auf die Reise nach Rom. Nach einigen Tagen hat uns Dr. Otto geschrieben, dass sie eine Wohnung haben, auf der Piazza di Spagna Nr. 9. Das hat mich gleich gefreut, weil ich die Gegend schon kannte, gleich beim Pincio, da ist es am schönsten. Dann sind wir abgereist, aber in Franzensfeste haben wir lange auf den Berliner Zug warten müssen, das war langweilig. Es war schon der 30. Oktober, zum Glück war ein herrliches Wetter. Auf einmal hat das Jakerl was zum Besten gegeben, er hat zu pfeifen angefangen, und zwar: Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin.“ Ein paar Herren, denen das so gut gefallen hat, haben mitgepfiffen, der Jako hat sich gleich bekannt gemacht.

Nun kamen wir über die Grenze. Ja, das Paperl musste eine Fahrkarte haben, das ist bei uns in Österreich nicht, drei oder vier Lire – und so kamen wir ganz gut gegen Früh in Florenz an. Da war die Frühstückszeit. Es ist eine Frau aus Berlin mit uns gefahren, sie ist noch weiter nach Neapel und hat kein Wort verstanden. Vergebens hat sie dem Kondukteur gesagt: „Geben Sie mir warme Milch!“ Da war ich stolz und sagte: „Latte caldo, dare Signora!“ Ich dachte mir, wenn jetzt sich jemand untersteht und mit mir eine welsche Konversation anfangen will, der wird sich anschmieren; es war doch nicht der Fall. Die größte Angst, die ich hatte: „Was wird in der Küche – pardon, „cucina“ – für ein Herd sein?“ In Gilgen habe ich schon gesagt: „Auf dem welschen Herd kann ich nicht deutsch kochen.“ Herr Dr. Otto hat gesagt: „Was möglich ist, werde ich schon besorgen.“

Das Stubenmädchen von der Frau Gräfin, Frl. Angela, hat uns mit dem Rafael, das ist der Portier vom Haus, wo wir wohnten – natürlich kein Wort Deutsch –, abgeholt. Mein Grüßgott war: „Fräulein Angela, was ist denn für eine Küche und was für ein Geschirr?“ – „Oh, die Küche ist schrecklich, und wenn man Feuer macht, da muss man mit einem Hennenschweif so lange Wind machen, bis es zu glühen anfängt, so was hab ich noch nie gesehn!“ Sie war schon einige Tage vor uns dort. „Na“, denke ich mir, „gesehn habe ich es schon, neu ist es mir nicht; das wird eine schöne Kocherei werden! Makkaroninudeln und Risotto kochen – dazu braucht man keine deutsche Köchin. Und was die gnädige Frau für Auslagen hat, was die Reise kostet, und ich kann die Herrschaften nicht zufriedenstellen! Ich bin gewohnt, dass man mit mir zufrieden ist, was kann ich denn in dieser Küche für Mehlspeisen kochen?“ Das hat mich ganz verzagt gemacht.

Als wir in die Wohnung kamen, waren die Herrschaften nicht zu Hause. Ich glaube, sie, die gnädige Frau und die Frau Gräfin, haben bei der jungen Frau und Herrn Dr. Otto gespeist. Dr. Otto ist zuerst dahergekommen. Er hat sich gefreut, dass wir da sind, und ich habe geweint: „Herr Doktor, ich bin ganz verzagt mit dieser Küche.“ Gleich kam die gnädige Frau herein: „Nun, Helene“, wie sie gewöhnlich sagte, und hat sich auch gefreut, dass wir da sind. Mir war es sehr unangenehm, dass sie gesehen hat, dass ich geweint habe. Aber Dr. Otto hat es gut gemacht und gesagt: „Die Helene ist nur müde.“ Die Mali mag sich gedacht haben: „Wenn schon die Helene Angst hat, was soll ich erst sagen?“, und hat auch im Stillen geweint. Dann habe ich mich aufgemacht und gesagt: „Mali, das nützt uns nichts, wir sind nun einmal da, wir kosten so viel Geld, es wird und muss gehn. Jetzt gehn wir zum Corso, um Bäckerei zu kaufen, das kenne ich noch alles“, und so haben wir halt in Gottes Namen angefangen.

Den andern Tag wurde auch schon gekocht, das war ein Anfang! Die Frau Gräfin war nicht ganz wohl, konnte nicht alles essen. Ein kleines Häufchen Kohlen, das war das ganze Brennmaterial. Mit Kohlen musste man anfeuern und einen Rauchfang draufstellen, dass sich der Rauch nicht in der ganzen Küche verbreitete, und mit dem Hennenschweifbalg so lang Wind machen, bis es brannte. Dann hatten wir Häfen mit drei Füßen, die habe ich schon bei meiner Großmutter gesehen – da kann man sehen, wie unmodern die Römer noch sind. Diese Häfen werden um das Loch, wo das Feuer brennt, herumgestellt. Auf das Feuer kann man auch was draufgeben, aber einen Bratofen, den man so viel braucht, den gab es nicht. Nun wurde halt wieder der Herr Doktor angeraunzt; der gnädigen Frau haben wir schön Ruhe gelassen.

Der Herr Doktor ist bekanntlich auch ein Koch. Aber wirklich, er versteht sehr viel von der Kocherei, und da hat er mir allerlei angeraten, dass in der Via Condotti ein Bäcker ist, da kann man backen lassen, weit wäre es auch nicht. Bin dann hingegangen, um mich zu erkundigen – natürlich alles stockwelsch. Da habe ich halt angefangen und hab es böhmisch versucht, was ich von der Kathi gelernt habe. Der Bäcker wird sich gedacht haben: „Die kann gewiss mehrere Sprachen.“ Da hatte er auch recht, wenn er sich das gedacht hat. Drei spreche ich nämlich: deutsch, dumm und dalkert. Böhmisch und deutsch ging einmal nicht. Nun versuchte ich die welsche Katzelmacher-Sprache, die ist gegangen, und wir haben uns so weit verständigt, was ich wissen wollte. Es ging mit den Braten ganz gut, aber mit den Mehlspeisen war es nichts.

Wir bekamen schon mehr Courage und haben einen anderen Bäcker gefunden; der war noch näher von uns, gleich anfangs von der Via Babuino. Es war der Hofbäcker – eine großartige Bäckerei. (...) Zehn Burschen waren beim Geschäft, nicht einer hat ein Wort Deutsch verstanden. Da ging es zu wie im ewigen Leben, nur nicht so heilig. Da hat es geheißen, der Tommaso und der Fabio, Antonio, Emilio, Angelo – eine ganze Allerheiligenlitanei. Da ging es ganz gut. Man hat selbst mit den Sachen in die Küche gehen können, was sehr gefährlich war, hat darauf warten können und sehen, dass es nicht zu lang im Ofen ist. So nach und nach sind wir auf allerlei gekommen. Am Anfang ging es mit den Torten nicht gut. Man hat dann die Burschen verständigt – zu viel Hitze!

Einmal habe ich von Butterteig Pasteten gemacht; bekanntlich muss der Teig sehr kalt sein, sonst geht er im Ofen nicht auf. Als ich fertig war, hat Mali es hingetragen: „Sagen Sie nur ‚subito in stufa’.“ Nach einer Stunde gingen wir abholen – das war ein Lachen. Die Burschen haben immer noch gewartet, bis die Pasteten aufgehen, so wie ein Germteig, dann erst in den Ofen. Es war zu komisch, wie sie immer darauf gezeigt haben, dass sie noch nicht in die Höhe gingen; wie sie gesehn haben, dass sie erst im Ofen aufgehen, da haben sie gelacht: „Ho capito, pasta di burro.“ Auch das ist hernach gut gegangen. Die Burschen hat das sehr interessiert. Strudel, Äpfel im Schlafrock, Kuchen – all das haben sie nicht gekannt, und noch Verschiedenes. Sie haben es gut gemacht, waren sehr brav. Die Mali hat immer die Grammatik bei sich gehabt wie ein Geistlicher das Brevierbuch, das muss er auch immer bei sich haben.

Mit meinem Herd hat es halt auch gehen müssen, er hat uns sogar unterhalten. Ich habe so manchen Jux zum Besten gegeben. Oft während des Kochens habe ich mich auf den Herd gesetzt und habe alle Dummheiten losgelassen – es war ja der ganze Herd eisig kalt bis auf das Loch, wo das Feuer brannte. Wenn man sich in Wien zur Mittagszeit hinaufsetzen würde, das möchte schön ausschauen ...

Wir waren nicht lange dort, da hatten wir schon eine größere Jause. Es kamen zwei Frl. Exner und noch einige. Es war auch Gefrorenes bestellt vom Zuckerbäcker. Den andern Tag kam ein Mann, ich habe ihn für einen Kohlenträger oder für den, der den Mist wegträgt, gehalten. Angela, Mali und ich – alle haben wir nicht verstanden, was er wollte. Ich frage ihn, ob er carboni, Kohlen, bringe. „No, no!“ Dann sage ich: „Ist er vielleicht vom Zuckerbäcker? Nach dem schmutzigen Kübel gehört er dazu.“ Die Angela meint: „So werden die Zuckerbäcker doch nicht aussehn!“ Wir bringen ihm den Kübel – „Si, si!“ Der war froh, dass er gehen konnte.

Wir haben gelacht zum Hinwerden, dann kommt die gnädige Frau heraus und fragt: „Was ist denn das für ein Höllenlärm?“ – „Ja, weil wir den Zuckerbäcker für einen Kohlenträger und Mistbauer gehalten haben.“ – „Ja, warum denn?“ – „Weil er danach ausgesehn hat.“ – „Ja, wie sollte er denn aussehn?“ In Wien haben wir den Demel, den Hofzuckerbäcker. Diese Burschen kommen schneeweiß bis auf die Stiefel, die Kübel auch blendend weiß, und überall die Firma drauf; das waren wir halt schon seit Jahren gewohnt. Schließlich hat die gnädige Frau auch mit uns gelacht. Es ist dann ganz schön und gemütlich geworden.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Auf dem welschen Herd kann ich nicht deutsch kochen..."

Verfasst von Helene Gasser

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Italien, Mittelitalien, Rom
  • Zeit: vor 1900

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Mit Kochlöffel und Staubwedel. Erzählungen aus dem Dienstmädchenalltag", herausgegeben von Andrea Althaus, 2010, S. 100ff.

© Böhlau Verlag

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.