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"Aber eine Woche dauert lang, wenn man verliebt ist..."

von Johanna Gramlinger

(...) Da verschaffte mir dann der Pater, der das Theater leitete, in dem ich mitspielte, eine Stelle als Küchenmädchen, damit ich kochen lernen könne.

Nun, dort war der Anfang keineswegs schwierig, denn ich musste ausschließlich grobe Arbeiten verrichten. Brennmaterialien zu allen Öfen schleppen, Holzstiegen reiben, Berge von Geschirr waschen und in der Küche Gemüse gut putzen, Zucker stoßen – alles, damit die Köchin es bequem hatte. Von einem Kochenlernen konnte nicht die Rede sein, dazu kam ich gar nicht. Die Köchin hatte auch kein Interesse, mir etwas zu lehren, sie wollte es selbst leicht haben und machte außer Kochen überhaupt nichts.

Meine Kochkünste bestanden lediglich darin, Frühstück und Jause für die Dienerschaft herzustellen. Dafür musste ich halb Wasser, halb Milch, so viele Löffel Kakao wie Mehl mischen. Nun, einen Göttertrank konnte ich daraus nicht machen. Dazu kam noch 365-mal im Jahr vormittags eine Einbrennsuppe aus Kernfett herzustellen. Ich sehe noch den schweren gusseisernen Topf vor mir, in dem ich diese zubereiten musste. (...)

Einmal wurde die Köchin krank und musste einige Tage das Bett hüten, da fand es die Herrschaft selbstverständlich, dass ich nun einspringen müsse, obwohl sie eigentlich wissen mussten, dass ich viel zu viel andere Arbeit bewältigen musste und daher kaum Gelegenheit gehabt hatte, etwas zu lernen. Zum Glück habe ich aber doch immer Augen und Ohren gut aufgemacht und mir auf diese Weise vieles abgeguckt. Beim Speisezettel wurde darauf Bedacht genommen, das Einfachste zu wählen, so hatte ich keine Angst, dass ich es nicht schaffen würde. Im Übrigen solle ich halt die Köchin um Rat fragen, wenn ich etwas nicht wüsste, sagte man mir. Nun wusste ich, dass die Köchin oft in einem Kochbuch nachschaute, welches in einer Lade lag. Das kam mir gut zustatten, denn ich wollte alles ohne den Rat der Köchin schaffen, und es gelang mir auch recht gut.

Nur einmal hatte ich eine Panne, von der aber niemand etwas erfuhr. Ein Gast hatte einen Fasan mitgebracht, und der musste gebraten werden. Nun, als Kinder hatten wir oft und gerne diese Vögel beobachtet, aber wie sie kunstgerecht aus der Bratpfanne kommen sollten, davon hatte ich keine Ahnung. Für diesen Zweck war das Kochbuch von großem Vorteil. Als ich dann den Vogel tranchierte, merkte ich zu meinem Schreck, dass ich vergessen hatte, den Magen zu entfernen, und so war im Innern alles voll Körner und Steinchen, denn der Magen war geplatzt. Ja, da riss es mich herum, um alles schön herauszuputzen, denn es wäre nicht abzusehen gewesen, wenn sich da einer einen Zahn ausgebissen hätte. Und schnell musste es außerdem gehen, damit keine Verzögerung beim Auftragen entstand. Mein Renommee als Köchin wäre auch im Eimer gewesen, und das wollte ich auf keinen Fall. Nun, niemand merkte etwas, und ich erntete großes Lob, weil alles so gut geschmeckt hatte. (...)

Später übersiedelte die Herrschaft nach Deutschland, wohin die ganze Dienerschaft mitgenommen wurde. Nun, da gab es viel Neues zu sehen, und das gefiel mir sehr. Freizeit gab es allerdings auch dort nicht mehr als jeden zweiten Sonntag von zwei bis sechs. Da konnte man natürlich nicht viel unternehmen. Aber das Stubenmädchen, mit dem ich das Zimmer teilte, und ich nützten die wenigen Stunden, um sie so fröhlich als möglich zu verbringen. Wir wurden immer zu einer Familie mit neun Söhnen eingeladen, deren Vater bei uns im Garten arbeitete. Ach, dort hatten wir viel Spaß! Meine Freundin war sehr hübsch und hatte viele Verehrer. Ich war auch nicht gerade hässlich. Ich hatte eine sehr schöne Stimme, war sehr witzig, und das gefiel allen.

Wenn ich bedenke, um was für einen Schundlohn wir so viel arbeiten mussten und so streng gehalten wurden, scheint es heute geradezu unglaublich, dass eine Arbeitskraft so wenig wert war. Wir bekamen zwar immer abgelegte Kleider und einmal im Jahr ein Paar neue Schuhe. Da erinnere ich mich noch genau, wie ich einmal ein besonders schönes Paar Schuhe bekam, um die mich alle beneideten, denn es waren die schönsten. Schwarze Lackschuhe mit Schlangenleder verziert. Nun, es war dies bestimmt ein günstiges Restpaar, das schwer abzusetzen war, denn ich hatte Schuhnummer 34. Bis zu diesem Zeitpunkt trug ich noch immer die groben, schwarzen, selbstgestrickten Strümpfe, aber für diese Schuhe wollte ich mir den Luxus leisten und welche kaufen. Man trug damals nur schwarze, und es war nicht etwa die beste Qualität. Ich war ganz entsetzt über den Preis, denn es machte genauso viel aus wie ein Monatslohn.

Ich gab das ganze Jahr überhaupt nie Geld aus, denn Essen hatte ich, und die abgelegten Kleider richtete ich mir zurecht, so gut ich konnte, und eitel war ich überhaupt nicht. Ich entsinne mich nicht, dass mir je der Gedanke gekommen wäre, ob ich eine gute Figur habe oder nicht. Ich war eigentlich immer etwas mollig, aber das störte mich keineswegs, denn ich war immer gesund und fröhlich. Auch für Vergnügen oder Naschen gab ich keinen Groschen aus, und man nannte mich oft eine alte Wucherhaut.

So war ich in dieser Stelle fast drei Jahre, aber dann wollte ich mich endlich verändern. Erstens war ich in punkto Arbeit schon sehr selbstbewusst, und zweitens hatte ich nicht die Absicht, weiterhin in der Küche zu verbleiben, denn ich musste oft Stubenmädchen vertreten und diese Arbeit sagte mir besser zu. Da hatte ich viel mehr Möglichkeiten, mein Geschick bei verschiedenen Arbeiten unter Beweis zu stellen.

So fuhr ich also nach Hause und machte einmal eine Zeitlang Urlaub. Allerdings war ich dann sehr enttäuscht, denn ich musste erkennen, dass sich während meiner Abwesenheit vieles verändert hatte. Meine Freundin aus der Kinderzeit lernte Schneiderin, sang beim Kirchenchor und Gesangsverein, hatte daher andere Freundinnen und viele Verehrer und war sehr schön angezogen. Nun, es war nicht etwa so, dass sie mich ignoriert hätte, nein, sie war sehr freundlich. Es ergab sich von selbst, dass wir nicht zusammenkamen. Denn die ganze Woche war sie in der Lehre, und sonntags hatte sie immer etwas vor. Sie bemühte sich trotzdem und lud mich öfter ein mitzukommen. Ich kannte aber ihre Bekannten nicht, und mit meinen zusammengepfuschten Kleidern hätte ich wohl kaum Furore gemacht, so ging ich nie mit. Wenn ich schon bei den Herrschaften demütig sein und katzbuckeln musste, in meiner Heimat wollte ich nicht der letzte Dreck im Kalender sein. So hatte ich eigentlich niemanden, fühlte mich armselig und einsam.

Ich wollte aber auch zu Hause nicht untätig sein und begann mit einer Heimarbeit. Diese teilte eine Frau aus, und zu der ging ich sehr gern hin. Mit ihr konnte ich über alle meine Probleme sprechen. Sie verstand mich gut und freute sich immer, wenn ich sie besuchte. Sie hatte eine reichhaltige Bibliothek, und sie borgte mir alles, was ich wollte. Ich verschlang gierig alle Ganghofer und Greinz und vieles andere. Diese Bücher waren meine schönsten Stunden. Aber meine Mutter sah es nicht gerne, dass ich so oft zu dieser Frau ging, denn diese lebte mit einem geschiedenen Mann zusammen, war daher nicht verheiratet und aus diesem Grunde bei vielen Leuten nicht besonders geachtet; aber ich ließ es mir trotzdem nicht nehmen.

Bald suchte ich mir wieder eine Stelle, aber jetzt ganz keck als perfektes Stubenmädchen, denn ich hatte mir vieles angeeignet und war ganz sicher, dass ich es schaffen würde – und ich schaffte es leicht und gut.

Nach ein paar Monaten lernte ich dort einen Mann kennen. Es war auf beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick. Da kamen dann nie erlebte, selige Tage und Wochen. Sonntags gingen wir zusammen in die Messe und nachmittags hinaus ins Grüne; in ein Lokal gingen wir nie, wir wollten allein die Natur genießen. Aber eine Woche dauert lang, wenn man verliebt ist und sich nicht sehen kann. Ich konnte ihn wohl in seiner Dienststelle anrufen, wenn die Herrschaft abwesend war, aber ihm konnte ich es nicht erlauben. So schlich ich mich oft am Abend heimlich aus dem Haus, wenn ich meine Arbeit beendet hatte. Das war natürlich sehr gefährlich, und die Angst, meine Abwesenheit könnte bemerkt werden, trübte natürlich diese Stunden. Aber ich hatte immer Glück, denn ich blieb nie lange.

Mein Liebster hatte es jedoch wahrlich nicht leicht mit mir. Ich hatte weder als Kind noch später Zärtlichkeiten empfangen; ich wurde auch nie geküsst außer manchmal in einer lustigen Gesellschaft, und da war ich immer verärgert. So war eigentlich immer nur er lieb und zärtlich zu mir, ich aber scheu und konnte es nicht. Aber er nahm mich doch so, wie ich war, und neckte mich oft, ob er es doch erleben werde, dass ich ihm von selbst ein Busserl gäbe. Ja, das war eine selige Zeit!

Nach ungefähr einem halben Jahr kam es aber immer wieder zu Zerwürfnissen, denn er wollte mich endlich ganz besitzen, aber er biss immer auf Granit. So fing er an, an meiner Liebe zu zweifeln. Ach, was war ich für eine blöde Gans trotz meiner neunzehn Jahre! Statt dass ich ihn einmal herzlich umarmt und geküsst hätte, was ich eigentlich doch gern getan hätte, dachte ich immer an eventuelle Folgen und an meine arme Schwester, die immer noch im Irrenhaus war. Aber das konnte und wollte ich ihm nicht sagen, ich schämte mich. Mutter schrieb immer in ihren Briefen: „Tu fleißig beten, geh in die Kirche und zu den Sakramenten und bleibe schön brav, damit es dir nicht so geht wie deiner Schwester!“ – und das war zu dieser Zeit auch mein Evangelium. So kam es, dass wir uns immer seltener sahen, denn die ewigen Streitereien zermürbten uns beide.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Aber eine Woche dauert lang, wenn man verliebt ist..."

Verfasst von Johanna Gramlinger

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich
  • Zeit: 1920er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Mit Kochlöffel und Staubwedel. Erzählungen aus dem Dienstmädchenalltag", herausgegeben von Andrea Althaus, 2010, S. 190 ff.

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