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Oliven, Rebula und das Schwein in uns

von Christine Casapicola

Vieles erinnert an zu Hause in Österreich. Die Brda-Hügel sind hier um Gradno steiler und dichter bewachsen als ein paar Kilometer weiter südlich. Eichen und weiß blühende Akazien säumen die Straßen, Zypressen gibt es nur auf dem Friedhof. Auf dem Hügel oberhalb des Ortes thront ein Maibaum, und Bruno Podveršič ginge recht gut als Bauer, irgendwo aus dem Norden Österreichs, durch. Auch sein Haus, das die Familie im Laufe der letzten 130 Jahre mit viel Rücksicht auf die Umgebung zu einer Art bäuerlichem Castello ausgebaut hat, könnte irgendwo im Mühlviertel stehen. Steinstruktur, Bauernstube und Herrgottswinkel inklusive.

Vieles erinnert an zu Hause – so lange, bis Bruno zu reden beginnt. Obwohl er ja nicht mehr viel zu sagen habe. Mit seinen 83 Jahren sei seine Zukunft beschränkt und er schon eher am Ende der Wurst angekommen. Wie wäre es aber mit dem Erzählen? Da steckt doch sicher noch so manches in diesem letzten Zipfel Wurst.

Also gut, zu erzählen hätte er tatsächlich einiges. Bescheiden überspringt Bruno, was mit ihm selbst zu tun hat. Das erfährt man ohnehin von den anderen Dorfbewohnern. Bruno beginnt sein Tagwerk täglich um fünf Uhr früh mit einem halbstündigen Studium lateinischer und altgriechischer Texte. Irgendwie muss man sich ja geistig fit halten. Für die körperliche Fitness sorgt die Arbeit in den Olivenhainen und Weingärten. Das Resultat ist ob des Alters beachtlich. Ohne Mühe läuft Bruno den Waldweg bergauf und hält erst inne, als sich die Eichen lichten und vor ihm das Gelände steil abfällt. Bruno steht auf der Anhöhe, am oberen Rand eines natürlichen Amphitheaters aus Fels und terrassierten Weingärten. Hier gibt die Natur ihre Vorstellung, je nach Jahreszeit vor unterschiedlich bunten Kulissen. Hier öffnet sich der Blick und man erkennt trotz eng gestapelter Hügel die Weite des Landes. Von hier hat man die beste Aussicht auf Gradno. Gleich einer Insel liegt der Weiler auf einer Erhebung mitten im grünen Wellental. Die Spitze des Kirchturms sendet funkelnde Signale in den Morgenhimmel, die tägliche Verbindung nach oben wird aufgenommen. Die Verbindung zum Rest der Welt, zur übrigen Brda, hält eine schmale Zufahrtsstraße, von einer übermannshohen Mauer gesäumt. "Unsere Trockenmauern dienen nicht wie im Karst der Grenzziehung oder als Erosionsschutz, sondern der Befestigung, um ebenes Gelände für den Weinbau zu schaffen. In der gesamten Brda verleihen sie den Hügeln die charakteristische Struktur."

Brunos Blick gleitet die Terrassen entlang und senkt sich Weinzeile um Weinzeile talwärts. Er liest förmlich in der Landschaft, und das auch zwischen den Zeilen. Bruno ist einer, der den winzigen Blüten des wilden Thymians in den Mauerritzen nicht weniger Aufmerksamkeit schenkt als dem Gesamtbild der Szenerie. Mit feinen Pinselstrichen und in allen erdenklichen Grünschattierungen ist es in die Hügel gezeichnet. Zufrieden schaut Bruno schließlich auf die um die Kirche gewürfelten Häuser. "Die Kirche ist dem heiligen Georg geweiht. Am Namenstag des Dorfpatrons, am 24. April, gibt es hier die ersten reifen Kirschen der Brda, die ersten Früchte des Südens." Bruno schmunzelt. Er ist überzeugt, dass die Bezeichnung "Südfrüchte" aus der Kaiserzeit stammt, aus einer Zeit, als die südliche Provinz Küstenland, die Brda, das ganze nördliche Imperium mit frischen Früchten versorgte. Wahrscheinlich hat er recht. „Unsere Wurzeln liegen in der Ausrichtung nach Norden, im Export von Feigen, Kirschen, Trockenfrüchten und Oliven nach Wien und in die nördlichen Teile der Monarchie. Das ist auch unsere Zukunft: der Norden, die alten Absatzgebiete, die seit dem Untergang des Kommunismus und der Öffnung der Grenzen nun wieder für uns zugänglich sind.“

Schön, dass Bruno nun doch weit über das Ende der Wurst in die Zukunft blickt. Eine Zukunft, die für Bruno schon vor 30 Jahren begonnen hat. Damals hat er als einer der Ersten in der Brda wieder Olivenbäume gepflanzt. Oliven, Feigen, Wein und Getreide, so steht es schon in der Bibel, sind die Grundlage des Lebens. Oliven und deren Geschichte zählen dabei offensichtlich zu Brunos persönlichen Favoriten. Die Olivenkultur hat in der Brda eine sehr lange Tradition. Schon die Römer schätzten die Kombination aus mediterranem Klima und kalter Luft, wie sie hier aus den Alpen strömt. Das macht das Olivenöl aus der Brda so besonders. Da man stets in kleinen Mengen und nur für den häuslichen Bedarf produziert hat, wurde daraus kein Exportartikel. In den Jahren 1860 bis 1870 setzte die Industrialisierung ein und sie machte auch vor dem Küstenland nicht halt. In Cormons und in Görz entstanden Spinnereien, zwecks Aufzucht der Seidenkokons pflanzte man Maulbeerbäume. Die alten Olivenkulturen mussten den Gelsi, den Maulbeerbäumen, weichen. Das endgültige Aus für die Oliven brachte der starke Frost im Winter des Jahres 1929. Überall im Küstenland starben die Bäume, Neupflanzungen fanden nicht statt – genauer gesagt: erst 50 Jahre später. 1978 setzte Bruno seine ersten Bäume. "Heute produziert meine Familie 300 Liter Öl im Jahr, wir sind in unserer Entwicklung im Vergleich zu den Anbaugebieten Italiens oder Istriens in der zweiten Klasse Volksschule." Bruno lacht und weiß genau. Wenn seine Urenkel mit ihrem Olivenöl einst die Matura ablegen werden, wird man respektvoll an ihn und an seinen Olivenkindergarten denken.

So viel erzählen hat durstig gemacht. Der Rundgang um und durch das Bruno’sche Anwesen ist beendet. Olivenöl gibt es leider keines mehr zu kaufen. Dass Bruno beste Qualität produziert, hat sich herumgesprochen. Als Entschädigung dafür stehen gebackene Akazienblüten und eine Flasche Rebula auf dem Tisch – in der Doppelliterflasche, also doch fast wieder wie zu Hause, irgendwo und damals. Ein Schlückchen Wein könne man sich am Vormittag um zehn Uhr schon leisten. Neben dem Olivenöl ist der Rebula Brunos zweites Liebkind. "Der Rebula hat in der Brda eine ähnlich lange Tradition wie die Olive!" Bruno schnuppert zufrieden am Glas, um es dann prüfend gegen das Licht zu halten. Strohgelb muss ein Rebula sein. Im 14. Jahrhundert berichteten die ersten Chroniken über diese autochthone Sorte. Wobei man nie genau wusste, ob die Traube oder die Art der Weinzubereitung gemeint war. Denn mit Rebula bezeichnete man allgemein den jungen, noch nicht ausgegorenen Wein, den man in offenen Fässern nach Kärnten und weiter nach Norden brachte. Bereits zum Martinifest im November war früher der gesamte Wein verkauft und der Keller leer.

Gedankenverloren blättert Bruno in einem Büchlein. In vornehmen Goldlettern verrät der Titel den Inhalt: Collio/Brda. Auch Bruno hat mit einem Beitrag über die Pfarrkirche von Gradno das Seine zum Gelingen beigetragen. Was er damals über die Fresken Lojze Spacals und den Kreuzwegzyklus von Zoran Mušič geschrieben hat, interessiert ihn aber heute nicht. Stattdessen sucht er die Zeilen des Gesandten Paolo Santonino, der im Auftrag des Patriarchen von Aquileia die Lande bereiste, um die Kirchenschäfchen nebst deren Küchen und Keller zu kontrollieren. Im Jahr 1485 bemerkte er, dass in Kärnten nach dem Essen stets ein guter Schluck Rebula gereicht wurde – damit die Verdauung besser und schneller arbeite. "Reste der einstigen Rebula-Tradition finden sich heute in einem Allerheiligenbrauch", erklärt Bruno. Am 1. November trinkt man in der Brda und im Collio eine Art Sturm. Dazu isst man über dem Kaminfeuer gebratene Maroni. Ribolla & Castagne heißt das Stichwort, mit dem auch die kleinen Bars in Cormons am 1. November um Gäste werben. Zumindest im Collio sind die verfügbaren Ribolla-Mengen – und nun ist die Traube gemeint – beschränkt, und so behilft man sich mit Ribolla – in diesem Fall Sturm – aus Tokaj-Trauben. Höchst verwirrend …

"Höchst heiter dagegen der neue Name für den Tokaj hier bei uns in Slowenien." Bekanntlich haben die Ungarn im Rahmen ihres Beitritts zur EU auf Schutz des Namens Tokaj geklagt und Recht bekommen. Weder im Collio noch in der Brda darf neuerdings der Name Tokaj verwendet werden. "Wir Slowenen nennen unseren Tokaj nun Sauvignonasse." Bruno grinst. "Besser aber, man bestellt weiter einen Tokaj. Denn ein schlampig ausgesprochenes Sauvignonasse, klingt wie Svinja v nas – und das bedeutet so viel wie: das Schwein in uns.«

Die Früchte des Südens

Die Ribolla-gialla-Rebe (Rebula) ist eine Hügelbewohnerin, das heißt, sie fühlt sich ab einer Seehöhe von 100 Metern am wohlsten. Das erklärt, warum die Anbaumengen im flacheren Collio nur rund drei Prozent ausmachen, während in der höher gelegenen Brda immerhin 25 Prozent der Gesamtproduktion auf Rebula entfällt. Der Rebula ist die älteste autochthone Weißweinsorte in Collio/Brda, davon zeugt die erste urkundliche Erwähnung im 14. Jahrhundert. Mit Kaufvertrag vom 27. Mai 1336 wechselte in der Gegend um Gradno ein Weingarten, der jährlich sechs Fässer Rebula Ertrag abwarf, seinen Besitzer.

Um die Herkunft des Namens Tocai (Tokaj) ranken sich diverse Legenden. 1632 ehelichte die Görzer Adelige Aurora Formentini den Grafen Johannes Batthyany. Seine Familie hatte in Ungarn exakt dort Besitzungen, wo heute das Hauptanbaugebiet des ungarischen Tokajers liegt. Im Gefolge der Braut brachten Görzer Weinbauern die Tocai-Rebe nach Ungarn. Die ungarische Gegendarstellung im Markenschutzverfahren in Brüssel scheint überzeugender gewesen zu sein. Denn seit dem Jahrgang 2008 darf der Name Tocai weder im Collio noch in der Brda verwendet werden, sobald der Wein in das Ausland exportiert wird. Im italienischen Collio nennt man den Tocai daher offiziell Friulano, in der slowenischen Brda heißt der Tokaj nun Sauvignonasse.

Interessant ist auch die Geschichte anderer autochthoner Sorten des ehemaligen Küstenlandes. Die Glera-Traube wurde im Jahr 1830 aus dem Karstdorf Prosecco nahe Triest in das heutige Prosecco-Anbaugebiet um Valdobbiadene (Veneto) gebracht. Dort begann der Siegeszug des Schaumweines, nur Prosecco aus besagter DOC-Zone im Veneto darf sich Prosecco nennen. Besser gesagt durfte. Man hat aus dem Streit um den Tocai gelernt. Um den Namen Prosecco unantastbar gegen EU-Begehrlichkeiten zu machen, wurde das Prosecco-DOC-Gebiet kürzlich bis in das Friaul erweitert. Schließlich liegt dort der Ursprungsort der Traube. Lokalpolitiker der Provinz Triest nutzten die Diskussionen um die Prosecco-Frage geschickt und verhandelten einen besonderen Vorteil aus. "Prosecco di Prosecco" wird zur eigenen Marke stilisiert. Sie bezeichnet ausschließlich Prosecco, der in der Ortschaft Prosecco erzeugt wird.

Die wohl berühmteste autochthone rote Rebe findet man ebenfalls im Karst. Aus der Refosco-Traube wird dort der Terrano (Teran) erzeugt. Mit den positiven Eigenschaften des Terrano beschäftigte sich Maximilian Ripper, seines Zeichens Inspektor der k. k. landwirtschaftlich-chemischen Versuchsanstalt in Görz. Im Jahr 1910 schrieb er in seiner önologischchemischen Studie über den Karster Terrano: "Er reizt und lockt zum Weitertrinken, wobei der Appetit auffallend angeregt wird. Auch des Guten zu viel schadet nicht. Der Teran macht fröhlich und hinterlässt am nächsten Tage weder kopf- noch brustbeschwerende Nachwirkungen. Selbst in großen Mengen genossen, soll er keine auffallende berauschende Wirkung äußern."

Ebendiese landwirtschaftlich-chemische Versuchsanstalt in Görz wurde 1869 als Versuchsanstalt für Weinbau und Seidenraupenzucht unter der Leitung des gebürtigen Pressburgers Friedrich Haberlandt eingerichtet. Während seiner Görzer Zeit verfasste Haberlandt ein Standardwerk mit dem Titel "Der Seidenspinner des Maulbeerbaums, seine Aufzucht und seine Krankheiten", ehe er als Professor an die neu gegründete Universität für Bodenkultur in Wien berufen wurde. Sein Wirken und Lehren in Görz trug unter anderem zum vermehrten Anbau von Maulbeerbäumen in der Brda und im Collio bei.

Über Oliven und Öl wird im Küstenland mit gleicher Freude wie über Wein erzählt, vielleicht sogar mit mehr Passion. In den Hauptanbaugebieten des Küstenlandes – im Val Rossandra unweit von Triest und in der Brda – finden sich viele Parallelen. So kultivierten bereits die Römer hier ihre Ölbäume, die bekannteste autochthone Sorte heißt Bianchera (Belica) und 1929 fiel da wie dort fast der gesamte Baumbestand dem strengen Winter zum Opfer. Zeitgleich in den späten Siebzigerjahren begannen Pioniere wie Bruno Podveršič in der Brda oder Danilo Starec im Val Rossandra mit der Wiederaufpflanzung. Beide Landstriche haben außer Vordenkern noch eines gemein: Der Boden besteht aus Flysch und Sandstein, eine Kombination, die Olivenbäume lieben. Die Steine speichern im Sommer Feuchtigkeit und im Winter Wärme. "In unser Val Rossandra mitten im Karst, dort wo unser berühmtes Olivenöl aus dem Karst produziert wird, hat sich ein Stückchen Afrika geschummelt – zumindest geologisch. Der Karstkalk wird hier durch den Sandstein der afrikanischen Platte durchbrochen", erklärt Roberto Starec, während er seine Gäste durch den Olivenhain führt, den sein Vater vor 24 Jahren angelegt hat.

Was den Bekanntheitsgrad der Olivenöle und produzierte Mengen betrifft, hat das Val Rossandra eindeutig die Nase vorne. Seit ein paar Jahren ist das Öl unter der Bezeichnung "DOP Tergeste" in die Liste der geschützten Öle der EU eingetragen. Doch die Ölbauern der Brda befinden sich auf der Überholspur. Zusammen mit den Produzenten aus dem Collio arbeitet man in der Brda fieberhaft an einer gemeinsamen Marke für die gesamte Region Brda/Collio. Die EU macht’s möglich und entschädigt damit ein wenig für die Tocai Niederlage.

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In der Brda

Auf dem Weg nach Gradno …

… zwischen Drnovk und Višnjevik schaukelt die Straße  den Kamm eines Hügels entlang. Ostwärts schwappt das Land in steilen Wellen bis zum Monte Santo. Um einiges sanfter plätschern die Hügel Richtung Westen bis zur nächsten Anhöhe und Kirche. Die richtigen Stichworte sind: Kirschblüte, Picknickkorb, blaue Stunde, Sonnenuntergang.

Ein Amphitheater der Natur …

… öffnet sich nördlich von Gradno. Am Haus Nr. 2 vorbei, bergauf, den Feldweg entlang, steht man nach gut  200 Metern zwischen Kirschen-, Feigen- und Olivenbäumen im obersten Rang des Zuschauerraums besagten  Theaters. Weinstöcke und wildes Grün bilden die Kulissen, der Kirchturm im Tal spielt eine der Hauptrollen.  Selbst die Wildschweine grunzen Beifall, vor allem wenn im Herbst die Eicheln von den Bäumen fallen und die Trauben reif sind.

Badespaß …

… wenn auch auf bescheidenem Niveau, bietet die Brda in der Nähe der Ortschaft Kožbana. Der Wildbach Kožbanjšček  bildet hier einige seichte Badebuchten. Ein paar Hundert Meter weiter nördlich passiert der Bach eine  kleine Klamm mit natürlicher Felsbrücke. So weit, so gut, ganz nett. Einen wirklich sensationellen Naturbadeplatz  findet man am Natisone, circa fünf Kilometer nördlich von Cividale – die Szenerie macht sprachlos, unmöglich  diesen Geheimtipp geheim zu halten, selbst wenn der Platz nicht mehr auf dem Gebiet des historischen Küstenlandes liegt.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Oliven, Rebula und das Schwein in uns

Verfasst von Christine Casapicola

Auf MSG publiziert im Juni 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Slowenien, Brda
  • Zeit: vor 1900, 1920er Jahre, 1970er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt einen Ausschnitt aus Christine Casapicolas Buch "Wein für Wien, Wasser für Štanjel", S. 133 ff., wieder. Die Autorin stützt sich dabei zum Teil auf Erfahrungen und Erinnerungen von Bruno Podveršič, geb. 1926, Oliven- und Weinbauer in Gradno, Region Brda/Collio, im Westen Sloweniens.

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