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"Die Frau ohne Honeymoon"

von Ilse Winter

In der Schule war ich ganz gut bis auf Mathematik, und da es unsere finanzielle Lage nicht erlaubt hätte, noch einen in der Familie studieren zu lassen, nahm ich Kurse in Schreibmaschine, Steno und Handelsschulfächern. Ich hatte einige wenige Kenntnisse in Französisch, was damals als Fremdsprache unterrichtet wurde, und nahm privat Englischunterricht bei einer Freundin meines Bruders. Zwischendurch jobbte ich als Kindermädchen bei befreundeten Familien.

Meine Mutter sah sich nun gezwungen, auch etwas zum Lebensunterhalt beizutragen. Aber da sie keinen richtigen Beruf erlernt hatte, fiel es ihr schwer. Sie hatte kein Talent zum Nähen, was damals für Frauen als einzige Möglichkeit galt, etwas dazuzuverdienen. Da sie sich aber schick anzog und manchmal darauf angesprochen wurde, versuchte sie Wäsche und Kleidung auf dem Lande zu verkaufen – was ihr mehr oder weniger gelang. Sie bezog ihre „Ware“ von einem einschlägigen Geschäft in Währing, wo sie die Sachen in Kommission bekam, und sie legte Wert darauf, dass ich sie begleitete.

Einmal – ich war knapp siebzehn Jahre alt – gingen wir gemeinsam über die Währinger Straße und begegneten einem jungen Mann, der mich intensiv ansah und einen unglaublichen Eindruck auf mich machte. Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick.

An diesem Abend war ich seltsam unruhig und bat, mit einer Freundin in die Tanzschule auf der Währinger Straße gehen zu dürfen. Schon beim Eintreten bemerkte ich diesen jungen Mann, der auch mich wiedererkannte und mich zum Tanz aufforderte. Sein Name war Leo.

Es hatte „gefunkt“, wie man heute sagt, und obwohl er als flotter Tänzer viele Bekanntschaften hatte und die Mädchen öfter wechselte, blieben wir zum Erstaunen seiner ganzen Clique zusammen und wurden – sozusagen – das Paradepaar! Ja, wir durften sogar, ohne Eintritt zu bezahlen, kommen und die neuesten Tänze vorführen, weil das den Umsatz hob. Tanzen wurde meine liebste Freizeitbeschäftigung, und wir tanzten Tango, Foxtrott, Slowfox und alle Tänze, die damals modern waren, sowie auch Walzer oder Polka.

Nachher fuhren wir mit der Elektrischen nach Grinzing, Sievering oder Nussdorf, die damals noch verträumte echte Heurigenlokale hatten und vom Fremdenverkehr noch wenig ahnten. Leos Freunde kamen natürlich mit und auch eine ehemalige Schulkollegin von mir, die ebenfalls eine begehrte Tänzerin und mit einem Polizisten liiert war. Wir waren eine lustige Gruppe junger Menschen, die trotz großer wirtschaftlicher und beruflicher Probleme fröhlich sein und ihre Jugend genießen konnten.

Da war aber auch noch etwas, was uns nicht so uneingeschränkt glücklich sein ließ. Denn so sehr ich Leo liebte und mir wünschte, mit ihm zusammen zu sein, so kam ein Zusammenleben für mich doch nur in Form einer Heirat in Frage. Etwas anderes konnte ich mir bei der damaligen Gesellschaftsordnung gar nicht vorstellen, und so wartete ich darauf, dass er einen guten Posten finden und mich dann fragen würde, ob ich für immer seine Frau sein wollte. Leider war er wie seine Brüder arbeitslos und wurde wie auch seine Mutter, bei der noch der größte Teil seiner großen Familie lebte, von seinen Schwestern unterstützt. Unter diesen schwierigen Umständen kam es nicht in Frage, dass ich seine Mutter und Geschwister kennenlernen konnte. Er aber besuchte uns öfter, und als mein Bruder endlich promovierte und eine Anstellung als Internist im Krankenhaus der Wiener Kaufmannschaft oben beim Türkenschanzpark bekam und wir in eine eigene schönere Wohnung in der Billrothstraße zogen, wo mein Bruder seine Praxis eröffnete und ein Schild am Balkon verkündete, dass hier „Dr. Herbert Bauer“ ordinierte, konnte er zu uns in die neue Wohnung kommen. Mein Bruder, der nun Haushaltsvorstand war, konnte seine Skepsis nur schwer verbergen und duldete meinen Freund nur, weil er ein toleranter Mensch ist. Auch hatte er sein eigenes Liebesleben sowie genug andere Sorgen, um sich um die Liebelei seiner kleinen Schwester zu kümmern.

Leo gehörte zu einer Gruppe junger Menschen, die alle mehr oder weniger in derselben Lage waren, die der schlechten Zeiten wegen arbeitslos waren und keine ordentliche Wohnung hatten. Viele davon lebten noch bei den Eltern, wo sie auf engstem Raum zusammenzuleben gezwungen waren. Die Mädchen hatten auch ähnliche Sorgen wie ich. Sie wollten ihre Freunde heiraten und eine Familie gründen, entbehrten jedoch jeder Grundlage dazu, da weder eine entsprechende Wohnung noch ein Einkommen vorhanden waren. Unter diesen Umständen war die alles beherrschende Frage: Kann ich es riskieren oder verantworten, mit meinem Freund intim zu werden, eine eventuelle Schwangerschaft herbeizuführen etc. Damals gab es ja keine entsprechende Schwangerschaftsverhütung, man sprach auch nicht darüber, und es gab keinerlei Information. Das Einzige, was ich darüber wusste, war, dass viele Mädchen in dieser unglücklichen Lage die Ärzte aufsuchten, um von der „Schande“ befreit zu werden – denn ein „anständiges“ Mädchen durfte nicht in diese Lage kommen. Mein Bruder und seine Kollegen waren oft überfordert, vom Mitleid und vom Gesetz her, das strenge Strafen für Schwangerschaftsabbruch und den Entzug der ärztlichen Zulassung vorsah. In diesem Dilemma befand auch ich mich und konnte dieses Risiko nicht eingehen, denn nun begann sich außerdem noch eine Wende in der Politik anzubahnen, die nichts Gutes ahnen ließ – wenn auch noch niemand im Entferntesten an das wirkliche Ausmaß des Schreckens und des Terrors dachte. […]

drei Personen, sonntäglich gekleidet
Die Autorin mit ihrer Mutter und Partner Leo auf der Hohen Warte in Wien-Döbling (1937)

In zunehmendem Maße merkte ich Leos Besorgnis, und er vertraute mir an, dass er durch seine Brüder Kenntnis von bevorstehenden politischen Ereignissen hatte, die, wie er befürchtete, auch uns betreffen würden. Zwei seiner Brüder sah ich manchmal, ohne dass er mich ihnen vorgestellt hätte, und sie wussten auch von mir. Sie waren zwei und vier Jahre älter als er, größer als Leo und sehr gutaussehend in einer kräftigen, blonden Art, während Leo, mittelgroß, schwarzhaarig und von dunklem Teint, eher den Latin-Lover verkörperte. Er hatte einen Zwillingsbruder, der in der Schweiz verheiratet war, und zu dem er eine – wie in diesen Fällen häufig der Fall – gute Beziehung unterhielt.

Leo kleidete sich stets gut und hatte einen guten Schneider als Freund, der gerne für ihn arbeitete, auch wenn Leo seine Garderobe oftmals nur langsam von seinem Nebenverdienst bezahlen konnte. Er musste, wie damals fast jeder, gelegentlich schwarzarbeiten, um sich eben Kleidung und Taschengeld zu verdienen. Er hatte Mut zur Mode, trug auch mal ein rosa Hemd – was überhaupt nicht üblich war –, und seine Anzüge, Schuhe und Hüte waren von bester Qualität. Obwohl er eine Stirnnarbe hatte, die von einer Stirnhöhlenvereiterung stammte, die durch Aufstemmen der Stirn operativ geheilt werden musste, als er etwa sechzehn Jahre alt und in der Lehre war, wirkte er sehr attraktiv, und wann immer wir uns trafen, spürte ich ein warmes Gefühl des Glücks, das mich überkam, sobald seine schlanke Gestalt auftauchte und er mich in die Arme nahm.

Leo hatte eine besondere Begabung, er konnte sehr gut zeichnen. Er besuchte Kurse in der Volkshochschule und machte beeindruckende Kohlezeichnungen, darunter ein Porträt von mir, das außergewöhnlich gut gelungen war. Nachdem er es eine Zeitlang bei sich zu Hause aufbewahrt hatte, brachte er es mir und bat mich, es bei mir daheim zu lassen. Als ich den Grund seiner Verlegenheit wissen wollte, gestand er mir, dass seine Familie, hauptsächlich seine beiden älteren Brüder, etwas gegen seine Liebe zu mir hätten. Und ich verstand, worum es ging, denn es war mir nicht entgangen, dass eine Familie nazistische Tendenz zeigte. Diese Partei war damals verboten, und so betätigten sie sich illegal, was dazu führte, dass beide Brüder mehrmals wegen nationalsozialistischer Umtriebe in Wöllersdorf interniert waren. Leos Schwester Fini, die mit einem Magistratsbeamten gut verheiratet war, wohnte ebenfalls in derselben Wohnung und trug durch ihre Schneiderarbeiten zum Lebensunterhalt der Mutter und der drei noch zu Hause lebenden Geschwister bei. Unsere Zukunft erschien uns nun düster, und wir besprachen mehrere Pläne, die wir wegen der mangelnden Mittel wieder fallen lassen mussten.

Zu Beginn des unseligen Jahres 1938 sah man immer mehr Burschen mit weißen Stutzen und kurzen Hosen in Wien, was bei der Kälte absonderlich aussah. Man hörte furchtbare Dinge aus Deutschland, die wir nicht fassen konnten und nicht glaubten. Leo und ich trafen uns, so oft wir konnten, wie unter einem drohenden Damoklesschwert, und mein Bruder und meine Mutter legten mir nahe, meine Freundschaft zu ihm zu beenden, da es für mich gefährlich werden könnte. Das lehnte ich natürlich ab, und da meine Mutter Leo sehr gerne mochte, kam er immer öfter zu uns – wenn auch auf Umwegen. Denn es wäre nicht gut gewesen, in öffentlichen Lokalen seinen Brüdern zu begegnen. Es gab aber ein Lokal, wo wir uns noch ungestört treffen konnten, und das war die Döblingerhof-Bar, ein kleiner Raum unter dem gleichnamigen Kaffeehaus, in dem ein Klavierspieler und ein Geiger zum Fünfuhrtee aufspielten. Wir trafen uns in dem dunklen, winzigen Platz und tanzten und sprachen ungestört ein paar Stunden lang bei einem Tässchen Kaffee.

Als am 11. März die bekannten Ereignisse stattgefunden hatten und Bundeskanzler Schuschniggs Rede im Radio verklungen war, wusste ich auch, dass unser Schicksal besiegelt war und wir einer furchtbaren Welle des Hasses und der Unmenschlichkeit hilflos ausgesetzt waren. Unsere Welt veränderte sich schlagartig. Die bisher versteckten und unterschwelligen Strömungen traten zu Tage und äußerten sich in unglaublicher Weise in einem psychischen und physischen Terror, der unfassbar war und ist.

Von nun an trafen wir uns nur mehr versteckt, einmal bei einer Freundin, die sonst keiner unserer Bekannten vermutete, ein anderes Mal bei Frau Schneider in ihrer kleinen Hausmeisterwohnung. Auch sie war entsetzt und überrascht von den Ereignissen und sagte mit Bedauern, dass meine schöne, liebevoll zusammengestellte Aussteuer anstatt einer glücklichen Braut nun einer verfolgten Auswanderin gehöre. Ich bat sie, den Koffer bei ihr aufzuheben, bis ich ihn abholen oder irgendwohin senden lassen konnte.

Eine andere Möglichkeit, uns zu treffen, bot ein Hallenbad, da man ja am nackten Körper schwer ein Hakenkreuz befestigen konnte und man dort also anonym war.

Leo trug sein Hakenkreuz unter dem Rockaufschlag, um es jederzeit herzeigen zu können, wenn er angepöbelt wurde. Es war nicht nur meinetwegen, dass ihm dies alles zuwider war. Er hasste den Militarismus, die Gewalt und die Gräuel! Er wollte nicht mitmachen und blind gehorchen. Er konnte keine Versammlungen leiden, bei denen wüste Parolen ausgegeben wurden. Er wollte nicht eingeteilt und Blockwart werden. All das war ihm in der Seele zuwider.

Porträt eines jungen Mannes mit Hut, Krawatte und Stehkragen

Trotzdem will ich nicht sagen, dass nicht auch er schwankend wurde angesichts dieser geballten Bedrohung. Er litt unter der Vorstellung der Gefahr, der ich ausgesetzt war – und wohl auch er. Denn seine Brüder sparten nicht mit der Ausmalung der Konsequenzen, falls er mich nicht aufgeben würde. Und gerade da überraschte er mich eines Tages mit ein paar goldenen Eheringen, wie sie auch Verlobte damals schon vor der Eheschließung trugen. Es war eine innige Geste der Treue in einer ausweglosen Situation, und ich bewahrte sie wie auch das Foto von ihm, das ihn in seiner ganzen jugendlichen Ausstrahlung und eigentlichen Gesinnung zeigt, bis heute auf.

Der ganze Terror gegen die Juden setzte schlagartig ein und zeigte sich in verschiedenen Facetten. Eines Tages kamen SA-Leute in das Geschäft, wo ich arbeitete und verlangten den Chef zu sprechen, der aber seit ein paar Tagen nicht mehr ins Geschäft kam, sondern in seiner Wohnung blieb, die oberhalb gelegen war. Sie stürmten über die Treppe hinauf, zerrten den alten Mann und seine behinderte Tochter unter dem Gejohle der Meute auf die Straße zum „Reiben“, wie es hieß, wenn jüdische Personen die Straßen putzen mussten. Nach ein paar Stunden kamen sie zerfetzt und blutend zurück und konnten von uns, den Angestellten, die im Geschäft zurückgeblieben waren, einigermaßen versorgt werden. Später konnte er zu einer anderen Tochter nach Holland reisen, wo er und seine Familie aber auch nach 1942 umkamen. Die behinderte Tochter wurde vorher abgeholt und am Steinhof ermordet.

Ein guter Freund unserer Familie erschien eines Tages, ganz weiß im Gesicht, und bat uns, ein wenig bleiben zu dürfen. Er hatte ein bedrückendes Erlebnis gehabt und musste sich etwas erholen. Da er Junggeselle war, pflegte er seit Jahren in seinem Stammlokal zu essen und war dort bestens mit den Eigentümern und dem Ober bekannt und ein Duzfreund der anderen Stammgäste. Er war ein angesehener Geschäftsmann und recht gut bekannt. Nun, er war wie jeden Tag zu Mittag in dieses Restaurant gekommen und hatte seine Bestellung gemacht, die schweigend angenommen wurde. Nach einer Weile bat er den Ober, endlich bedient zu werden, was dieser übersah. So ging das eine Zeitlang, und als er gehen wollte, wurde er daran gehindert, und eine Rotte von SA-Leuten und anderen Gästen begannen, unflätige Beschimpfungen auszustoßen und Parolen wie „Juda verrecke!“ zu brüllen. Sie steigerten sich darin, bis es im Horst-Wessel-Lied gipfelte. Irgendwie gelang es ihm, durch die Küche zu entkommen und in unserer Wohnung Zuflucht zu suchen.

Wir alle wälzten Pläne, wie wir da herauskommen und wohin wir uns wenden könnten. Wir fanden keine Lösung, obwohl wir nächtelang diskutierten. Auch mein Bruder war in größter Gefahr. Er schlief nicht mehr zu Hause, sondern täglich bei einem anderen Freund und entkam den Häschern oftmals nur um Haaresbreite durch einen Sprung aus dem Fenster, wenn sie bei der Tür hereinkamen. Obwohl sein Name, Dr. Herbert Bauer, keinen Juden vermuten ließ, mussten wir das Schild von seiner Praxis entfernen. Unsere Hausbesitzerin war darüber sehr erstaunt und meinte, wenn doch alle Juden so wären wie wir, bestünde doch gar kein Grund zur Verfolgung. Außerdem ärgerte sie der Umstand, dass sie als Kinobesitzerin die Miete ihrer Filme trotzdem bezahlen musste, wo sie doch dachte, das sei nicht mehr nötig, da der Verleiher Jude war. In ihrem Kino trafen Leo und ich uns noch oft, wenn wir auch die Filme nicht mehr ungetrübt genießen konnten. Da wir aber jung waren, lachten wir trotzdem über Oliver Hardy und Stan Laurel und liebten Greta Garbo!

Weil unsere Wohnung zu exponiert an der Hauptstraße lag, mussten wir sie aufgeben und zogen wieder einmal in Untermiete in ein Häuschen, das unserer Gemischtwarenhändlerin gehörte. Das heißt, meine Mutter und ich, denn meinem Bruder war es Gott sei Dank gelungen, nach London zu entkommen. Auf ihn setzten wir unsere ganze Hoffnung, einen Weg zu finden, um dem Unheil zu entgehen. […]

Ich versuchte nun alles, um meine Ausreisepapiere, Heimatschein, Pass und vor allem Steuerunbedenklichkeit, zusammenzukriegen. Dazu musste ich auf das Polizeikommissariat, um die Bestätigung zu erhalten, dass gegen mich nichts vorlag. Der Beamte dort war ein Bekannter, der Freund meiner Schulfreundin. Er war sehr verlegen und sagte mir, wie sehr er das Ganze bedauere und dass die Polizei vollkommen machtlos wäre und – nachdem er sich vergewissert hatte, dass wir allein im Zimmer waren: „So ham ma uns des net vorg’stellt, des is ja schrecklich, und mir kennan gar nix machen, mir san de reinsten Deppen!“ […]

Eines Abends, nach zehn Uhr, kamen drei SA-Leute zu uns und verlangten Leo zu sprechen. Ich war froh, dass er gerade gegangen war, und sagte ihnen, dass ich nichts von ihm wüsste. Sie sahen sich um – meine Mutter lag schon im Bett – und gingen dann wieder mit dem Versprechen, öfter nachschauen zu kommen. Ich erkannte zwei von ihnen, die ich früher öfter mit Leos Brüdern zusammen gesehen hatte. Meine Mutter und ich blieben ziemlich verzweifelt zurück und wussten, dass wir noch mehr Anstrengungen machen mussten, um auszureisen. Nun mussten wir noch vorsichtiger sein. Wir trafen uns auf Umwegen, während er auf einer Straßenseite ging und ich auf der anderen. Auch das Hallenbad und die anderen Treffpunkte schienen uns bald zu gefährlich.

Da entschloss sich Leo zu einem außergewöhnlichen Schritt. Er gab vor, starke Halsschmerzen zu haben, und da er schon früher öfter an Mandelentzündungen gelitten hatte, ließ er sich die Mandeln entfernen. Nach dieser Operation beantragte er einen Erholungsurlaub in der Schweiz, der nach einigem Hin und Her gewährt wurde. So konnte er sich zumindest über eine Grenze begeben, denn auch die „Arier“ konnten nur aus sehr triftigen Gründen und mit spezieller Erlaubnis ausreisen. Ich begleitete ihn zum Bahnhof, und da wir dort inmitten der vielen Menschen eine gewisse Anonymität genossen, konnten wir uns innig verabschieden. Er küsste meine Tränen weg und versicherte mir, dass ich bald nachkommen würde, und wenn nicht legal, so über die Berge. Mein Herz war schwer vom Abschied, und ich wusste, dass ich mit Mama niemals über die Berge käme, wegen ihrem steifen Knie und ihrem Alter. Sie war nie in die Berge gegangen, und ein Ausflug in den Wienerwald war das Weiteste und Anstrengendste, was wir uns jemals zugemutet hatten.

Als der erste Brief aus Zürich kam, war ich selig, obwohl seine Vorschläge, mit gewissen Schleppern, die er mir nennen würde, in Verbindung zu treten, doch zu riskant schienen. Ich befürchtete, dass seine Brüder nun etwas gegen mich unternehmen würden, da ich allein war. Sie hätten mich ja mit einem Wort an ihren Gruppenführer vernichten können. Dass sie es nicht taten, war wohl dem Umstand zu verdanken, dass sie doch nicht die Monster waren, die damals aus ganz gewöhnlichen Menschen hervorkamen.

Inzwischen versuchte in London mein Bruder alles Menschenmögliche, um Mama und mir permits* zu beschaffen. Da in England ein großer Mangel an Hausangestellten bestand, gab es die domestic permits, wenn man einen Haushalt fand, der auch ungeschultes Personal einstellen wollte und gleichzeitig für diese fremde Person bürgte, die ja selten auch noch Englisch sprach. Durch seinen Freundeskreis und unter größten Bemühungen gelang es nun meinem Bruder, solche permits für Mutter und mich zu besorgen. Aber wir mussten ein amtsärztliches Gesundheitszeugnis beibringen. In meinem Fall war es leicht. Jedoch bemerkte der Arzt das Gebrechen meiner Mutter und schrieb sie „nicht tauglich“. Also scheiterten auch unsere Bemühungen um ein Einreisevisum. Sie allein zurücklassen konnte ich keinesfalls, und so verging eine Zeit, in der dann auch mein Visum abzulaufen drohte. Mein Bruder versuchte nun auf andere Weise eine Möglichkeit zu finden. […]

eine größere Gruppe von jungen Erwachsenen vor einem Backsteinbau
Die Autorin (rechts außen) im Kreis österreichischer Flüchtlinge in Croydon, London (Anfang der 1940er Jahre)
Informationen zum Artikel:

"Die Frau ohne Honeymoon"

Verfasst von Ilse Winter

Auf MSG publiziert im September 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 19. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textbeitrag ist dem von Toni Distelberger herausgegebenen Erinnerungsbuch "Von der Liebe erzählen. Sechs Lebensgeschichten von Frauen", S. 36 ff., entnommen.

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