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„Wieder galt es, Neues zu lernen …“

von Gerlinde Krasser-Weinberger

Geboren wurde ich im Jahre 1949 in einem kleinen Dorf in Oberösterreich. Dort besuchte ich die Volksschule und dann die Hauptschule in Wels. Das konnten nur wenige Kinder aus meiner Klasse; die meisten meiner Mitschüler/innen besuchten acht Jahre lang die Volksschule. Meine Mutter bestand aber darauf, dass wir, alle vier Geschwister, einen Beruf erlernten. Eine weitere schulische Ausbildung wie zum Beispiel Gymnasium oder gar Studium stand in dem ärmlichen ländlichen Milieu, in dem ich aufwuchs, nicht zur Debatte, wurde auch nicht angedacht.

Also begann ich im Jahre 1963 mit einer Drogistenlehre und dem Besuch der Drogistenfachschule in Wels, die auch die kaufmännische Lehre beinhaltete. Die Ausbildung fand einerseits in einer alteingesessenen Drogerie, fünf Tage pro Woche, und andererseits durch den Besuch der Fachschule, einmal in der Woche, statt. Ich ging sehr gerne in die Schule, und einige Lehrgegenstände fanden mein Interesse. Wir lernten viel über Chemie, Physik, Botanik, und da vor allem die Inhaltsstoffe der Pflanzen und wie sie im medizinischen Bereich zu verwenden sind. Besonders gut erinnere ich mich an ein Herbarium mit über 200 Pflanzen, das ich selbst mit großer Akribie anlegte, dann aber leider verkaufte, weil ich immer Geldnot hatte. Die Lehrer/innen waren gut und kamen meist aus dem nahe gelegenen Gymnasium.

An die Lehrzeit in der Drogerie selbst habe ich keine so guten Erinnerungen. Drogerien dieser Art gibt es, denke ich, heute gar nicht mehr. Meine Aufgabe in den ersten beiden Jahren war hauptsächlich die Lagerhaltung in den Lagerräumen. Urlaub gab es, wenn ich mich recht erinnere, zwei Wochen im Jahr, die Wochenarbeitszeit betrug 45 Stunden, also von Montag bis Samstagmittag.

In einem großen Keller wurden die verschiedenen Säuren, Öle und alle möglichen flüssigen Substanzen in großen Gallonen gelagert. Kam eine Lieferung, so musste ich die Gallonen über die Stufen in den Keller transportieren und beispielsweise die Salzsäure in Halbliterflaschen umfüllen, was eine sehr unangenehme Arbeit war und die Schleimhäute ziemlich angriff. Besonders schlimm war es im Winter – kalt, feucht und schlecht beleuchtet.

Ein weiterer Lagerraum, gleich hinter dem Geschäft, war den Drogen und Chemikalien vorbehalten. Diesem galt mein besonderes Interesse, denn es gab dort hunderte Sorten von pflanzlichen Stoffen und chemischen Substanzen, die zur Herstellung verschiedenster Teemischungen, Parfums, Salben usw. Verwendung fanden. Sie mussten gepflegt werden, gesiebt und beobachtet, ob auch kein tierischer oder sonstiger Befall stattfand, der die Drogen unbrauchbar machen würde. Eine Besonderheit war der Giftschrank. Eine Art Tresor, in dem Zyankali, Arsen etc. aufbewahrt wurden und der nur mit zwei verschiedenen Schlüsseln zu öffnen war.

Der dritte Lagerraum, der sich auf einer Art Zwischenboden oberhalb des Geschäftes befand, beherbergte die trivialen Dinge der Drogerie: Kosmetika, Kindernahrung etc. Diese Waren wurden zum Großteil per Bahn angeliefert, und ich musste sie mit einem Handwagen vom Bahnhof abholen, bei jeder Witterung. Meistens war der Wagen, auch wegen des hohen Gewichtes, schwer zu transportieren. Es war die unangenehmste Aufgabe für mich.

Im dritten Lehrjahr durfte ich dann auch schon manchmal im Geschäft Kunden bedienen oder Parfums, Tees und Salben mischen. Es gab allerdings auch einige Kunden, die nur einen Zettel mit ihren Wünschen abgaben und die Waren ins Haus geliefert bekamen. Das musste ich nun auch tun, entweder mit dem Fahrrad oder, wenn das nicht ging, mit dem Handwagen – egal wie schwer die Lieferung, wie weit vom Geschäft entfernt oder wie gerade das Wetter sein mochte. Dafür aber gab es dann manchmal Trinkgeld, was mir immer sehr peinlich war, und ich fand es auch entwürdigend.

Damals wurde ich schon vom Vater einer Mitschülerin zur Gewerkschaft geworben und bin bis heute Mitglied. Allerdings hatte ich noch keine Ahnung von meinen Rechten und auch nicht von Politik, Gewerkschaft, Arbeiterbewegung etc., das wurde in den Schulen damals in keiner Weise unterrichtet. In meiner Freizeit habe ich viel für die Fachschule gelernt, gelesen und einen Tanzkurs besucht.

Innenansicht einer Apotheke/Drogerie
Innenansicht einer Apotheke und Drogerie in Lambach/Oberösterreich (um 1967)

Nach Abschluss der Drogistenfachschule und der kaufmännischen Lehre verließ ich dieses Unternehmen sofort und ging in eine Apotheke mit angeschlossener Drogerie, wieder aufs Land. Arbeitssuche war damals kein Problem, es wurden überall Leute gesucht. Da ging es mir, nun als ausgebildeter Drogistin, gleich viel besser, und nach kurzer Zeit konnte ich eine kleine Filiale in einem Dorf selbständig betreuen. Das hieß zwar, alles alleine zu machen: Verkauf, Lagerhaltung, Auslagengestaltung, das Geschäftslokal und das Lager putzen, Kassenabrechnung, die Waren abholen – allerdings nun schon mit einem Dienstauto. Den Führerschein habe ich gleich, sobald es möglich war, also im Alter von 18 Jahren, gemacht.

Außer einer Registrierkassa gab es damals keine Maschinen, nicht einmal eine Rechenmaschine. Unter der Woche hatte ich ein Zimmer im Hause des Besitzers, und am Wochenende fuhr ich immer zu meiner Familie, wo ich auch die Urlaube – immer noch zwei Wochen – verbrachte. Der Verdienst war gering, da der Preis für das Zimmer, das ich bewohnte, gleich vom Gehalt abgezogen wurde.

In diesem Ort hatte ich das Glück, auf eine Gruppe zu treffen, die aus dem dort ansässigen Gymnasium kam und politische Diskussionen veranstaltete. Es kamen viele Schüler aus den Kohlebergwerksgebieten, die in sehr bewussten sozialistischen Arbeiterfamilien aufgewachsen waren. Und so lernte ich ein völlig anderes Milieu kennen, das mich sehr faszinierte. Ich schloss mich dieser Gruppe an und musste vieles lesen und mich mit der jüngeren Geschichte, auch mit Philosophie beschäftigen, um mitdiskutieren zu können. Diese Begegnungen veränderten mein Leben nachhaltig, und ich bin sehr froh darüber. Mein politisches Interesse, das Interesse an Philosophie und Geschichte, habe ich bis heute nicht verloren.

1968 war es dann so weit: Ich ging mit einem Studenten aus dem Kohlebergwerksgebiet nach Wien. Dort wurde mir sofort klar, dass ich einen toten Beruf erlernt hatte, denn in Wien gab es Drogerien, wie ich sie auf dem Lande gewöhnt war, längst nicht mehr. Es waren eher Kosmetikgeschäfte. So war ich etwas ratlos, was ich denn nun weiter machen sollte, und probierte einiges aus.

Zuerst ging ich als Verkäuferin in ein renommiertes Geschirrgeschäft in der Wiener Innenstadt. Fünfeinhalb Tage in der Woche die Füße in den Bauch stehen, nicht mit den Kolleginnen und Kollegen sprechen dürfen und immer vom Seniorchef, der in einem Glas­büro saß, beobachtet werden – das konnte ich mir auf Dauer nicht vorstellen. Jedenfalls lernte ich damals gut Englisch, denn es kam viel Kundschaft aus den USA und anderen Ländern.

1971 habe ich dann ganz umgesattelt und ging in ein Büro, in der Textilbranche. Dort merkte ich, dass mir organisatorische und verwaltungstechnische Arbeiten mehr liegen, und ich wurde Einkaufsdisponentin. Das Betriebsklima war gut, und woran ich mich später oft erinnerte, ist, dass es kaum Stress gab; die Arbeit konnte in Ruhe gemacht werden. Es war auch noch Zeit, mit den Kolleginnen und Kollegen Kontakt aufzunehmen und sie kennenzulernen. Das Geschäft ging gut, wir verdienten für damalige Verhältnisse nicht schlecht. In dieser Zeit kam es auch zu einer Arbeitszeitverkürzung, ich glaube, auf 42 Wochenstunden, und es wurde auch für verheiratete Frauen ein Haushaltstag pro Monat eingeführt. Der Urlaub erhöhte sich, wenn ich mich recht erinnere, auf drei Wochen.

An Maschinen hatten wir Schreibmaschine, Rechenmaschine, und ein Fernschreiber kam – wie ein großes Wunder bestaunt – später dazu. Die diversen (elendsgroßen) Journale für Statistiken etc. wurden noch mit der Hand geschrieben oder ausgefüllt.

Meine Freizeit gehörte nun ganz der politischen Tätigkeit. Ich schloss mich einer Gruppe aus dem VSStÖ an, wurde in meinem Wohnbezirk Meidling Vorsitzende der „Jungen Generation“ und in den Wiener Landesvorstand gewählt. Auch meine Reisen waren in diesem Zusammenhang. So besuchte ich nach dem Tode Francos Madrid und konnte die ersten Wahlen miterleben. Viele Reisen nach Deutschland zu den Jusos, nach Athen, und schließlich auch eine beeindruckende Reise in den Irak, nach Bagdad und Basra. Besetzung der Arena, Gründung einer WG, Anti-AKW-Bewegung und Gründung der Zeitschrift „tribüne“. Den „Otto-Bauer-Kreis“, einige internationale Treffen mit Genossen und Genossinnen aus Italien, Frankreich, Deutschland in Wien, organisierte ich mit.

Als ich dann aber einen Betriebsrat im Unternehmen gründen wollte, wurde ich sofort gekündigt. Sicher, ich hatte noch keine Erfahrung darin und auch einiges falsch gemacht.

(…)

Resümee

Die Ausbildungssituation hat sich sehr verändert. Heute gibt es in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, zumindest eine Hauptschule, und es gibt den Schulbus. Früher mussten die Kinder oft stundenlange Fußmärsche auf sich nehmen. Die Kinder gehen ganz selbstverständlich auch auf weiterbildende Schulen oder ins Gymnasium und studieren.

Das Arbeitsleben hat sich ebenso sehr verändert. Die Maschinen brachten zwar einiges an Erleichterung für viele mühsame Arbeitsvorgänge, allerdings muss nun alles viel schneller gehen, um Personal einzusparen, und Zeit für ein Gespräch mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen bleibt kaum noch. Sogar das Mittagessen wird schnell eingenommen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. Dafür gab es früher lange Arbeitszeiten, wenig Urlaub, wenig Lohn und sehr ausgeprägte hierarchische Systeme.

ältere Frau bei der Arbeit am Bildschirm
Die Autorin an ihrem Schreibtisch an der Donau-Universität Krems (2010)

Meinen ursprünglichen Job an der Donau-Universität Krems hat nun ein Hochschulabsolvent, und er verdient kaum mehr als ich. Wie ich überhaupt meine, dass eine berufliche Karriere wie meine heute nicht mehr möglich ist. Ich bedauere die jungen Menschen auch dafür, dass sie kaum Zeit haben, bei der Ausbildung, im beruflichen und im privaten Bereich Experimente zu machen. Sie müssen beinhart darauf achten, irgendwie weiterzukommen. Die Konkurrenz ist groß, und die Arbeitsbedingungen werden wieder schlechter. Meine große Angst ist, dass alles, was wir erreicht haben, wieder zurückgenommen wird.

Informationen zum Artikel:

„Wieder galt es, Neues zu lernen …“

Verfasst von Gerlinde Krasser-Weinberger

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Schreibaufrufe, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Hausruckviertel / Wien
  • Zeit: 1960er Jahre, 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Arbeit ist das halbe Leben ... Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945", herausgegeben von Sabine Lichtenberger und Günter Müller im Böhlau Verlag, Wien 2012, wieder.

© Böhlau Verlag

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