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„In meinem Kalender zeichnete ich das sogenannte ‚Radl‘ …“

von Gertrude Litschauer

Der Arbeitsbogen war doch etwas weit gespannt: Beginn 1951, an meinem 25. Geburtstag, bei der Gemeinde Wien, und zwar in der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ als „Aushilfs-Irrenpflegerin“. Beendigung der Tätigkeit bzw. „Versetzung in den Ruhestand“, wie es korrekt heißt, im Jahr 1990 als klinische Fachpsychologin mit Doktorat im Range eines Obermagistratsrates.

Zwischen diesen Zeitpunkten habe nicht nur ich mich verändert, sondern die gesamte Psychiatrie hat sich total gewandelt, und ich bin gerne bereit, einige meiner vielen Erinnerungen festzuhalten. Die Arbeit in der Psychiatrie, die mein halbes Leben bestimmte, war jedoch keineswegs mein angestrebtes Ziel, sondern begann eher mit einem Zufall.

Nach meiner Heirat, 1945, der Geburt meines Sohnes, 1946, dachte ich zu Beginn der Fünfzigerjahre daran, doch auch in einen Beruf einzusteigen, um das Familieneinkommen aufzubessern und eventuell, wie wahrscheinlich viele andere Familien auch, einmal ein kleines Haus im Grünen und ein Fahrzeug zu erwerben.

Da ich nach dem Besuch der sechsklassigen Hauptschule – die gab es wenige Jahre in Wien und sie beinhaltete eine kleine Büroausbildung – zwei Jahre als Bürokraft, zuerst in der Hauptabteilung für Leibesübungen und dann bei der DDSG (bekannt als „Erste Donaudampfschifffahrtsgesellschaft) gearbeitet hatte, bevor ich mit 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst einberufen worden war, dachte ich natürlich an irgendeine Bürotätigkeit. Ich schrieb in der Folge etliche Bewerbungsschreiben an alle möglichen Stellen, aber leider – aus heutiger Sicht eher zum Glück – ohne den geringsten Erfolg.

Eines Tages hatte mein Vater Besuch eines Freundes, der den Beruf eines Lastwagenfahrers im Fuhrpark der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ ausübte. Dieser erzählte, dass in der Anstalt immer wieder Hilfskräfte im Pflegebereich aufgenommen würden, und dies war doch einer Überlegung wert. Bei seinem nächsten Besuch vereinbarten wir, dass er mir einen Termin für ein Vorstellungsgespräch beim Herrn Direktionssekretär erwirken würde, was er auch tatsächlich zustande brachte.

Dieses Gespräch mit dem sympathischen Herrn Primarius verlief recht lebhaft, da wir draufkamen, dass wir beide begeisterte Faltbootfahrer auf den gleichen Donauabschnitten waren. Er notierte alle meine Angaben und versprach mich zu verständigen, sobald eine Stelle als Aushilfspflegerin frei werde.

Nach circa dreimonatiger Wartezeit hatte ich die Hoffnung auf eine Stelle im Dienste der Gemeinde Wien schon aufgegeben, da bekam ich überraschend die Nachricht, ich möge mich am nächsten Morgen in der Direktion der Anstalt melden, denn man brauche dringend eine Hilfskraft.

Diese Nacht war schon recht lang und voller Zweifel. Was würde mich erwarten? Aufgrund der vielen Gerüchte, was sich hinter den Mauern und Gittern dieses bekannten Areals abspiele, hatte ich plötzlich Angst. Aber ich wollte es wagen und war pünktlich zur Stelle.

Mit einigen Schriftstücken wurde ich auf Pavillon 13 geschickt, dort sollte ich meinen Dienst antreten. Die Ausbildung sollte sowohl am Krankenbett als auch in der Schule erfolgen. Da es sich um einen unregelmäßigen Turnusdienst handelte, besuchte man die Schule teils an freien Tagen, teils auch während der Dienstzeit, da durfte man von der Station weggehen.

Die Ausbildung war in mehrere Abschnitte gegliedert: zuerst sechs Wochen Einführung, nach einer Zeit zwei Monate Kurs, und dann hatte man noch die Möglichkeit einer zweijährigen Schule. Dadurch erlangte man die Chance, einmal einen Stationsschwesternposten zu bekommen. Ein wichtiger Faktor für mich war, dass man sofort ein Gehalt bekam, dieses betrug monatlich circa 700 Schilling, also 50 Euro aus heutiger Sicht.

Auf Pavillon 13 meldete ich mich bei einer älteren Oberschwester, diese empfing mich freundlich lächelnd. Sie stand kurz vor ihrer Pensionierung und war in 37 Arbeitsjahren an dieser Anstalt ergraut.

Dann begrüßte mich eine – das Wort klang doch noch etwas fremd – „Kollegin“ und übergab mir einige wichtige Dinge, die mich Jahrelang begleiten sollten. Allem voran einen Schlüsselbund, da jede einzelne Tür immer versperrt sein musste. Einen dicken Lederriemen, den man wie einen Gürtel um die Mitte legte und an den die drei Schlüssel gehängt wurden: ein Schlüssel für alle Türen, einer für die Fenstergitter – es waren ja alle Fenster im Haus vergittert – und ein normales Schlüsselchen für meinen Kleiderschrank im obersten Geschoß.

Nach den Schlüsseln am derben Lederriemen beeindruckten mich ein Paar kompakte Holzpantoffeln. Relativ normal erschienen mir die drei Kleider: blau mit weißen Streifen, aus dickem Baumwollstoff; dazu gab es einen dünnen, weißen Halskragen, der immer ein bisschen gestärkt sein sollte, wie mir erklärt wurde. Außerdem bekam ich drei weiße und zwei blaue Schürzen sowie drei weiße Häubchen. Auch diese konnte man stärken beim Bügeln, damit sie voller auf dem Kopf saßen. Es war ein etwas seltsames weißes Gebilde: vorne eine doppelte Stoffleiste, und über dem ganzen Kopf prangte ein mit einem Bändchen zusammengezogener Teil. Ein bisschen eitel zupfte ich einige Haare hervor und zog alles zurecht. Der kurze Blick in den Spiegel zeigte eine junge, freundliche Krankenschwester: Schwester Gertrude – bereit für die Zukunft.

junge Frau in Krankenschwesternkleidung in einem Garten vor blühendem Baum

Es wurde mir eine ältere, erfahrene Schwester zu meiner Einschulung zugeteilt – die eigentliche Ausbildung sollte erst später beginnen. Diese recht sympathische Kollegin, Schwester Josefa, nahm mich für einige Wochen unter ihre Fittiche. Ich durfte mich zuerst auf der Station umschauen. Es bot sich ein recht großes Gebäude mit Erdgeschoß, erstem und zweitem Stock und dem sogenannten „Aufbau“. Die einzelnen Säle waren sehr groß.

Die Gesamtzahl der Patientinnen war 150, davon war etwa die Hälfte bettlägerig und verbrachte Tag und Nacht in den sogenannten Wachsälen im ersten Stock. Die zweite Hälfte waren Tagraumpatienten, die sich tagsüber im Erdgeschoß aufhielten und nur die Nacht in zwei großen Schlafsälen im zweiten Stock verbrachten.

An Personal gab es eine Oberschwester, eine Stationsschwester, 20 Schwestern und einen Arzt. Dienstältere Schwestern mit entsprechender Schulung durften Oberschwester und Stationsschwester vertreten.

ältere und jüngere Frauen in Schwesternkleidung bei einem Aufmarsch
Die Schwestern der Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof bei einem Aufmarsch zum Ersten Mai in der Wiener Innenstadt (um 1953)

Und so tat sich eine neue Welt für mich auf:

Langsam betrete ich den sogenannten Tagraum, das heißt, es sind zwei riesige Säle, im rechten Winkel angeordnet und untereinander verbunden. Staunend und ein bisschen betroffen merke ich, dass zahlreiche Augenpaare auf mich gerichtet sind. Freundliche, abweisende, neugierige und auch stumpfe, die durch mich hindurch zu schauen scheinen. Da befinden sich 70 Menschen in diesen zwei Räumen, Frauen aller Altersstufen, aber vermehrt ältere. Eine junge Frau – später erfahre ich, dass wir fast am selben Tag geboren wurden – kommt auf mich zu. Sie spricht sehr undeutlich, umarmt mich und wiederholt mehrmals die Worte: „Pauli lieb, Pauli lieb.“

In der Ecke des Raumes sitzt eine ziemlich abgemagerte Patientin. Sie hat ihre Zeigefinger in die Ohren gesteckt und gibt wütende Sätze von sich. „Sie streitet mit ihren Stimmen“, flüstert mir meine Lehrschwester zu und erklärt mir später, dass diese Frau an Schizophrenie leidet.

Dann schrie mich eine etwa 40 Jahre alte Frau plötzlich an: „Wo haben Sie meine Kinder versteckt?“ Meine Beteuerungen, das nicht getan zu haben, nützten nichts. „Sie sind im Keller, meine Kinder“, meinte sie. Ich ging mit ihr in den Keller, um sie zu überzeugen, doch obwohl sie keine Kinder sehen konnte, meinte sie: „Die Kinder sind aber trotzdem da, ich höre sie nach mir rufen.“

Nachdenklich betrachtete ich diese hübsche Frau – sie war Lehrerin gewesen, bevor sie erkrankte, war nie verheiratet und hatte auch keine Kinder. Sie hatte eine wunderbare Stimme – ich hörte ihr öfter andächtig zu, wenn sie das „Ave Maria“ von Schubert sang.

Und was ging in diesen Momenten in mir vor? Eine Welle von Emotionen begleitete mich, ein Gefühl jagte das andere. Mitleid oder Anteilnahme, doch auch eine Art Ablehnung, Scheu oder Furcht vor dem Neuen, Fremden, das vielleicht zu meinem Alltag werden sollte. Doch freundlich versuchte ich, Kontakt aufzunehmen und mich vorzustellen, was mir auch zum Teil gelang.

„Zur Arbeit!“, erinnerte Schwester Josefa. Wir holen aus der Küche zwei große Servierwagen, beladen mit 70 Blechtassen und zwei Körben mit Brotschnitten. Das Brot war in der Küche schon von einer Kollegin, der sogenannten „Sperrschwester“, die auch für das Auf- und Zusperren der Eingangstüren zuständig war, in Scheiben geschnitten worden. Außerdem gibt es zwei große Kessel – wir nennen sie „Kaps“ –, damit fahren wir von Tisch zu Tisch. Verwundert registriere ich, wie selbstverständlich ich zu jedem Sitzplatz eine Schnitte Brot lege, heißen Kaffee in die kleine Blechschale fülle und dazustelle.

Kurz kommt mir zu Bewusstsein, dass ich noch nie in meinem Leben aus einer Blechschale getrunken habe. Auch nicht in meiner Volksschulzeit in den frühen Dreißigerjahren, als mein Vater arbeitslos und somit ohne Einkommen war. Man bekam damals nur einige Wochen Arbeitslosenunterstützung, dann einen kleinen Teil davon, und schließlich nichts mehr, egal, ob man Kinder hatte oder nicht. Dieser Zustand wurde als „ausgesteuert“ bezeichnet. Das spärliche Geld, das meine Mutter in einer Wäscherei als Büglerin verdiente, reichte für ein Stück Brot und eine Schale Milch am Morgen. Wir waren dankbar dafür, und nichts war selbstverständlich.

Aber zum Träumen ist nicht lange Zeit in diesem Tagraum. Flugs, da fliegt eine Schale mit Kaffee durch die Gegend; zwei der Patientinnen – ich kenne die Namen noch nicht und auch nicht ihre Eigenheiten – dürften Meinungsverschiedenheiten haben. Ich verspüre trotzdem tiefes Mitgefühl, dass sie hier in diesem Haus mit den vergitterten Fenstern und den versperrten Türen sowie den Blechnäpfen auf dem Tisch leben müssen, während ich am Abend nach dem Dienst noch ein bisschen den Wald durchstreifen und die würzige Sommerluft tief einatmen kann.

Ich spüre an diesem Tag, dass es in meinen Gefühlen einiges zu ordnen geben wird. Vielleicht auch ein wenig Schuldbewusstsein, weil mein Leben gesund, glücklich und frei abläuft. Ich schaue hier auf einige Menschen, die anscheinend nie gelebt haben bzw. nie oder viel zu kurz das hatten, was wir Leben nennen; die zum Teil schon vom Aussehen her von der Natur in hohem Maße benachteiligt wurden. Da gibt es Frauen mit ganz dürren Armen und Beinen, die den total verbauten Körper kaum tragen können, und einem Gesicht, das auf einem steifen Hals gänzlich schief sitzt. Aber was bringt es, wenn ich im Mitleid ertrinke? Wie fühlt man sich, wenn man diese armen Wesen jahrelang zum Teil füttert und wäscht und dabei abstumpft, das heißt, sich mit einer Schutzschicht umgibt, um keine weiteren Emotionen an sich herankommen zu lassen? Doch in diesen ersten Stunden überwiegt ein Gedanke und ein Vorsatz: „Ich will helfen, so gut ich kann.“

Heute, nach 58 Jahren, ergibt es sich, dass ich Rechenschaft ablege und glücklich sagen kann: Das Versprechen von damals habe ich, so gut ich konnte, bis zur letzten Minute gehalten, zumal sich in der jahrzehntelangen Tätigkeit im Kreise der damals als „geisteskrank“ bezeichneten Menschen die Bedingungen um Welten geändert haben.

Doch dieser erste Tag, zu dem ich jetzt in meiner Erinnerung zurückblende, ist noch lange nicht zu Ende. Nach dem schon beschriebenen Frühstück im Tagraum folgt die medizinische Versorgung einiger Patientinnen. Ich verfolge aufmerksam, wie Schwester Josefa einige Verbände erneuert und einer Liste entsprechend Pulver und Tropfen in einer Blechschale mit Wasser verteilt. Viel Auswahl ist zu dieser Zeit jedoch nicht vorhanden. Die sechs insulinpflichtigen Patientinnen haben schon vorher im Ärztezimmer ihre Injektion bekommen.

„Na fein“, denke ich, „jetzt habe ich sicher Zeit, um mich mit den einzelnen Personen näher zu befassen, mit ihnen zu sprechen und sie näher kennenzulernen.“ Doch da heißt es postwendend: „Blaue Schürze umbinden, Holzpantoffeln anziehen, und ran an die Arbeit!“ Ich werde erinnert, dass ich in meinem Aufnahmevertrag unterschrieben habe, auch für verschiedene Reinigungsarbeiten auf der Station zuständig zu sein, wie zum Beispiel Stiegen reiben, Boden schrubben und wachseln, Tische und Bänke waschen und auch Fenster putzen. Es gab kein Hilfspersonal wie heute, keine Abteilungshilfen und keine Bedienerinnen (jetzt nennt man sie Raumpflegerinnen). Es wurde natürlich auch keine Reinigungsfirma in Anspruch genommen.

So bemühe ich mich an meinem ersten Arbeitstag, die großen Tische und Bänke exakt zu reinigen und zwischendurch mit einigen der hier internierten Frauen zu sprechen.

Zu genau vorgegebener Zeit wandere ich wie am Morgen mit einigen Essenkaps durch die beiden weitläufigen Tagräume und fülle die Blechnäpfe und Blechteller. Zu Mittag gibt es Suppe und Fleisch mit einer Beilage. Das Fleisch wurde vorher von einer Schwester in der Küche in kleine Stücke geschnitten, da für Patienten ausschließlich Löffel zur Verfügung stehen. Messer und Gabel dürfen sie nicht verwenden.

Am Nachmittag sitzen die Frauen noch immer Tisch an Tisch im Tagraum. Dieser erste Tag meines Dienstes war ein Dienstag, da war Besuchszeit von 15 bis 16 Uhr, so wie Donnerstag, Samstag und Sonntag. Eine Schwester saß an der Eingangstür des Pavillons an einem kleinen Tisch mit dem „Besuchsbuch“, wie wir es nannten. In dieses wurden alle Besucher eingetragen. Eine Schwester holte die jeweiligen Patientinnen vom Tagraum und führte sie mit ihrem Besuch in das Besuchszimmer, das sich neben den Tagräumen befand. Ich muss sagen, irgendwie ging mir das dauernde Auf- und Zusperren, wenn ich die einzelnen Frauen aus den verschlossenen Tagräumen holte, schon auf die Nerven, und ich war neugierig, wie sich das bei den bettlägerigen Patienten abspielen würde.

(...)

Informationen zum Artikel:

„In meinem Kalender zeichnete ich das sogenannte ‚Radl‘ …“

Verfasst von Gertrude Litschauer

Auf MSG publiziert im April 2012

In: Schreibaufrufe, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk, Am Steinhof
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Arbeit ist das halbe Leben ... Erzählungen vom Wandel der Arbeitswelten seit 1945", herausgegeben von Sabine Lichtenberger und Günter Müller im Böhlau Verlag, Wien 2012, wieder.

© Böhlau Verlag

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