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Dressiert, sekkiert und geschlagen

von Emil Geissler

(…) Ich rückte zur 3. Kompanie des Pionierbataillons No. 15 in Klosterneuburg ein. Da wurden wir in das am Dachboden befindliche Monturmagazin geführt und jeder bekam auf den am Boden ausgebreiteten Militärmantel seine Ausrüstungsgegenstände. Der Tschako wurde jedem auf den Kopf gesetzt mit den Worten „Passt schon“, wenn er auch über die Ohren gegangen ist. Jetzt hat keiner gewusst, wie er den Haufen (Binkel) wegtragen soll, und das sollte rasch gehen, da eine Menge solcher Zivilschädel zum Abfertigen da waren. Der „Rechtsum“, wie der Rechnungsunteroffizier genannt wurde, schimpfte uns Rekruten gleich anständig zusammen: dass wir blöde Affen etc. sind, die nicht einmal ihre Sachen wegtragen können. Der dicke Supparsch bückte sich sehr schwer, nahm den Lederriemen, Überschwung genannt, schnallte den ganzen Binkel zusammen, steckte das Gewehr durch, und der ganze Binkel wurde geschultert.

Und nun marsch in das Mannschaftszimmer, wo immer zwei Mann zwei Betten nebeneinander bekamen und gleich Schlafkameraden wurden. Jeder hat den Binkel auf sein zugewiesenes Bett gelegt und gewartet, was weiter geschehen wird. Dann ist der Zimmerkommandant eingetreten, die Binkel wurden aufgemacht, und nun wurden gegenseitig die Monturstücke ausgetauscht und umgetauscht, bis die Burschen so halbwegs in der Montur steckten. Das war ein Hallo, dem einen war die Hose zu kurz, dem andern zu lang, dem einen war das Ärmelleibel zu schmal, dem andern zu weit, aber bis am Abend war es schon so weit, dass jedem die Montur ziemlich passte. Dann rasch in die Kantine hinunter, um einen Fleck weiße Leinwand zu kaufen um vier Kreuzer, und dann lernten uns die älteren Diener, wie man die Halsstreifen aufnähen musste. Natürlich hatte fast keiner ein Nähzeug mit, und nun wieder in die Kantine und Nadel und Zwirn kaufen.

Wir bekamen so schlechte Monturstücke, Blusen und Hosen mit mordstrumm Löchern, und da bekamen wir vom Kompanieschneider Flecken und mussten die Löcher schön zunähen. Natürlich war das keine Kleinigkeit, mit Nadel und Zwirn umzugehen, wenn man nie damit zu tun hatte. Und wenn ein Fleck nicht schön genug geflickt war, so hat gleich der Zimmerkommandant sein Taschenmesser genommen, den Fleck weggeschnitten, und das musste so oft probiert werden, bis der Korporal gesagt hat, es geht an. Ich habe das natürlich so ziemlich heraus gehabt, wie man Flecken einsetzt, denn das habe ich als Bub schon unserer guten Mutter abgespickt. Die konnte nicht genug Flecken in die Hosen ihrer beiden Söhne einsetzen, denn alle paar Tage ist einer gekommen: „Mutter, mir scheint, meine Hose kriegt ein Loch.“ Ich hab das erste Mal beim Militär einen Fleck in meine Bluse eingesetzt, das hat dem Korporal gefallen, und er fragte mich, ob ich vielleicht Schneiderei gelernt hätte. Ich sagte: „Das nicht, aber ich bin ein Bauzeichner.“

Am nächsten Tag nahm der Korporal ein Gewehr, es waren noch die alten Werndlgewehre mit dem 11-mm-Patronenkaliber, zerlegte es in seine Bestandteile und sagte: „Das Gewehr ist die Mutter des Soldaten und muss immer rein und sauber sein.“ Wir mussten jeder durch den Lauf durchschauen, er musste so blank wie ein Spiegel sein. Ich bekam das Gewehr No. 502, wollte auch durchschauen und sah nicht durch, denn der Lauf war nicht blank. Ich sagte: „Herr Korporal, mein Gewehr muss verstopft sein, man kann nicht durchschauen.“ Der gleich zu mir: „Sie Esel, Sie Trottel, das gibt’s net!“ Er nahm das Gewehr und konnte auch nicht durchschauen; da nahm er einen Putzstock und fuhr damit durch, und es war dasselbe. Kurzum, der Lauf war total verrostet und verdreckt, und es stellte sich heraus, dass einer von den abgerüsteten Soldaten beim Verschlussstück Watte eingestopft und in den Lauf hineingeschifft hatte, und durch das lange Stehen im Magazin ist der Urin eingetrocknet, verdunstet, und darum war das Gewehr No. 502 total verrostet und nicht mehr auf gleich zu bringen.

In der Früh um 5 Uhr war Tagwache, rasch waschen, Kaffee holen, essen, und dann in den Hof hinunter, im Kreis aufstellen und Gelenksübungen machen, dann zum Exerzierplatz, welcher neben der Donau war, abmarschieren, und dort wurden wir dressiert und sekkiert und geschlagen. Wir bekamen oft Ohrfeigen von dem Abrichter, dann hat er uns oft mit seinem Gewehr auf die Zehen aufgestampft, dass man glaubte, die Zehen sind alle zerquetscht. Dann die Exerzierabrichtung, war kein Schwindel, dann die Gewehrgriffe, bis die klappten. Ich machte bei den Pionieren drei Abrichtungen mit: Exerzieren, Landbefestigung mit Krampen und Schaufel und Wasserdienst: Pontonfahren, Zillenfahren, Brückenschlagen – bis man das alles kann, vergeht das erste Dienstjahr.

Es waren alle drei Abrichtungen eine Tierquälerei, und noch dazu die Grobheiten von den Feldwebeln und den Chargen. Wir hatten bei meiner Kompanie einen Kadettoffizier-Stellvertreter, der war gar gemein und grob, er war von dem in Wien sattsam bekannten Oberlandesgerichtspräsidenten Holzinger, der so viele Menschen zum Tode verurteilte, der Sohn. Na ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, der Präsident hat sich selbst zum Tod verurteilt und erschossen, sein Sohn wurde später Leutnant und wegen Feigheit zum Feldwebel degradiert, aber Soldaten sekkieren und schlagen, das hat er großartig zuwege gebracht. Der Kerl ließ uns Rekruten oft so lange auf einem Fuß stehen, bis wir umgefallen sind, dann hat der Kerl gelacht, wir waren ja keine Gänse oder Hühner, die das können.

Auf der Donau mussten wir Pontonrudern lernen, so ein Ruder ist 3,5 Meter lang und schwer, weil es aus gutem, hartem Holz erzeugt wird. Und da mussten wir oft eine Stunde ohne Unterbrechung rudern, und wenn einer oft nicht mehr konnte, hat der Kadett geschrien: „Feldwebel, tun’s den Kerl ein bisschen aufmuntern, der ist faul!“ Der lange italienische Feldwebel ist in den Ponton hineingestiegen, hat dem Soldaten mehrere Ohrfeigen versetzt, dann die Handsösse genommen, das war eine Art Schaufel und gehörte zum Wasserausschöpfen, wenn welches im Ponton war, und hat den Mann mit dem Donauwasser so angeschüttet, dass kein trockener Faden auf ihm war – als ob er mitsamt der Montur ein Donaubad genommen hätte. Dann musste er allein die Rudergriffe machen und die anderen hatten zehn Minuten Rast. Und das wurde als faul bezeichnet von so einem Hundskadetten. Na ja, er wurde in der Pionierkadettenschule in Hainburg erzogen, er hatte den Pionierdienst im kleinen Finger, ihm konnte ja keiner etwas vormachen, er war Pionier vom Scheitel bis zur Sohle. Mir ist es öfters so gegangen, aber alles hat ein Ende, so auch die drei Abrichtungen.

Porträt eines Herrn mit hellem Hut, Mascherl und Schnurrbart
Der Hobbymusiker Emil Geissler besserte sich während seiner Militärdienstzeit als Klavierspieler in einem Wirtshaus an vielen Abenden den Sold auf

Ich kam nach dieser Quälerei in die Kompaniekanzlei als Schreibkraft, da ich der Einzige war als Wiener, der die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrschte und vor 50 Jahren eine sehr schöne Schrift hatte. Unser Rechnungsunteroffizier war ein alter Geniefeldwebel, und hatte schon zehn Dienstjahre. Er war mir gegenüber sehr gut und hatte eine Freude, dass er endlich einmal einen Mann in die Kanzlei bekam, der leicht zum Abrichten war. In drei Monaten konnte er sich schon auf mich verlassen, dass ich alles richtig machte. Und ich hatte mit der Schinderei auf der Donau nichts mehr zu tun, brauchte nicht um 5 Uhr früh aufstehen und ausrücken und war schon ein kleiner Macher bei der Kompanie.

Der Feldwebel kam erst um halb 8 Uhr früh in die Kanzlei, ich war schon um 7 Uhr früh dort und habe schon manches Dienststück verfertigt gehabt, er hat es nur durchgesehen und unterschrieben. Ich hatte immer zu tun, schön langsam. Formulare zu machen, Drucksorten zu rastrieren, um 4 Uhr nachmittags war ich frei und konnte ausgehen.

Natürlich hatte ich viele, die mir nicht vergönnten, dass ich ein Kanzleifuchs war. Die Chargen untersuchten in meiner Abwesenheit meine Montursorten, und wenn eine Kleinigkeit entdeckt wurde, wurde gleich dem dienstführenden italienischen Feldwebel gemeldet, und ich musste in Marschadjustierung antreten und wurde sekkiert wie nur möglich. Aber ich ertrug alles mit Geduld und war nur froh, dass ich nicht ausrücken musste und Kanzleikraft war. Beim Rechnungsfeldwebel war ich bald eingehaut, und er hatte mich sehr gerne. Das merkte der dienstführende italienische Feldwebel und ging noch mehr los auf mich, denn er hatte das Gefühl, der Geissler ist ein Wiener und der muss niedergehalten werden, der darf bei der Kompanie nicht in die Höhe kommen, damit er uns nicht zu gescheit wird. Ich habe ihm gewiss nichts in den Weg gelegt, und er sagte zu mir: „Solange ich dienstführender Feldwebel bin, werden Sie keine Charge bekommen, dafür werde ich sorgen.“ Die Chargen bei der Kompanie hatten vor mir Angst und dachten, der Wiener wird uns überflügeln, den müssen wir sekkieren und wegen jeder Kleinigkeit zum Rapport bestimmen, damit er viele Strafen zusammenbringt, dann wird so und so nichts aus ihm. (...)

amtiliches Dokument
Grundbuchblatt von Emil Geissler, der am 23. September 1895 assentiert wurde und sich als „Dreijährig-Freiwilliger“ den Truppenteil frei wählen konnte
Informationen zum Artikel:

Dressiert, sekkiert und geschlagen

Verfasst von Emil Geissler

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Wien-Umgebung, Klosterneuburg
  • Zeit: vor 1900

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt einen kurzen Ausschnitt aus den Erinnerungen des Autors wieder, die in dem Band "Des Kaisers Knechte. Erinnerungen an die Rekrutenzeit im k.(u.)k. Heer 1868 bis 1914", Wien-Köln-Weimar 2012, S. 83-89, von Christa Hämmerle herausgegeben wurden.

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