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Armer Pfeifendeckel!

von Michael Macher

(...) Und so kam im März 1895 der sehnsüchtig erwartete Tag der „Stellung“ heran. Die Assentierung erfolgte im Gasthaus Kepler in Geras. In „Konkurrenz“ mit mir für das „Soldatwerden“ in der ersten Altersklasse waren noch vier Altersgenossen, von denen ich allerdings nicht behaupten kann, dass sie gleich mir gerne als „tauglich“ erklärt zu werden gewünscht hätten, eher das Gegenteil. Denn ihnen als Söhnen wohlhabender Bauern ging es besser als mir, wegen der Versorgung brauchte ihnen nicht bange zu sein, und dann war auch das „Soldatwerden“ damals in diesen Kreisen nicht sehr beliebt. Aber von meinem Standpunkte aus, hatten alle vier einen Vorteil voraus: Sie waren alle kräftig und wohlgenährt – war doch der Winter, die Ruhe- und „Fresszeit“ der Bauern, noch nicht vorüber, während ich, ausgerackert und so ziemlich mager, mich mit ihnen körperlich nicht messen konnte.

Bange Momente, bis die Reihe an mich kam. Drei von den vieren waren schon „behalten“ und so fürchtete ich, als ich „unter das Maß“ kam, die Assentierungskommission würde ihren Bedarf bereits gedeckt haben und mich für das nächste Jahr zurückstellen. Nach der Feststellung der Körpergröße durch einen Unteroffizier kam der Regimentsarzt. „Hören Sie gut?“ – „Ja.“ – „Sehen Sie gut?“ – „Ja.“ – „Heben Sie den rechten Fuß; den linken Fuß; lesen Sie rasch das“, er zeigte mir eine Schrift; „Husten Sie!“ Ich fürchtete noch stärker als vorher eine Rückstellung und – platzte heraus: „Herr Regimentsarzt, ich möchte gerne Soldat werden!“ Prompt erfolgte die lächelnd gegebene Antwort: „Versäumen Sie´s, Sie sind schon einer.“ Gott sei Dank! Ein Stein fiel mir vom Herzen. Der erste Schritt zum – nun, zu was? –war getan. Nun, sagen wir zum „Adjunkten“ oder dgl. … schwebte mir vor.

Nach der „Beeidigung“ und Bekränzung des Hutes durch die „nicht behaltenen“ Kameraden und der darauf folgenden Sauferei (traditionell, um ein heute viel gebrauchtes Wort zu brauchen) ging es „hoch zu Ross“ (mit dem Schlittengespann) die zwölf Kilometer lange, verschneite Straße nach dem und durch den Heimatort, wo die Eltern und einige Geschwister vor dem Haustor standen. Weinend rief die Mutter: „Jetzt haben sie ihn wirklich behalten.“ Ich aber war glücklich und zufrieden. Am 5. Oktober 1895 rückte ich, nachdem ich einige Wochen vorher die Einberufung zur k. u. k. Traindivision Nr. 2 in Wien erhalten hatte, erst nach St. Pölten (Ergänzungsbezirks-Kommando) und dann nach Wien in die Trainkaserne III, Ungargasse Nr. 49, die auch „Poststallkaserne“ genannt wurde, ein.

Train? Was ist das? Kein Mensch meines Milieus konnte mir genau sagen, was das ist. Nur so viel, dass es mit dem Militärfuhrwesen zu tun habe. Ich war baff. Wie komme ich dazu, eine Art Pferdeknecht zu werden, wenn auch k. u. k? Noch mehr entsetzt war ich, als mir die Anfangsgründe des Dienstes in dieser edlen Truppe in der Poststallkaserne beigebracht wurden. In welcher Form, wird jeder wissen, der das Glück hatte, damals „dienen“ zu müssen – beim Militär. Aber – du musst durch, dachte ich. Ich kam durch. Unter welchen Schwierigkeiten, Strapazen, Leiden und Demütigungen sei im Nachfolgenden erzählt.

Kurz nach beendeter Ausbildung (zwei Monate) hieß es eines Tages „im Befehl“, wer von den neuen Mannschaften die Unteroffiziers-Bildungsschule frequentieren wolle, möge sich melden. Natürlich, ich einer der Ersten. Aber da kam schon die Enttäuschung: Von meiner Eskadron (der 82.) hatten sich außer mir noch drei Kameraden gemeldet. Einer von diesen Mitbewerbern hatte vier Klassen Gymnasium, der zweite einige Realschulklassen absolviert, der dritte hatte „Protektion“. Und so kam es, dass ich zurückgestellt wurde, obwohl sich meiner der damalige Leutnant Wilhelm Hladik angenommen hatte. Leutnant Hladik war einer von jenen wenigen Offizieren, die „ein Herz“ für die Mannschaft hatten und nicht nach dem abscheulichen Grundsatz handelten: Der Mensch fängt beim Leutnant an. Ich bringe ihm hier nochmals meinen Dank entgegen und hoffe, dass es ihm gut geht. Er war nach dem Umsturz Prokurist in einer sehr bekannten Wiener Handelsfirma, mit deren Inhaber er verwandt ist oder war.

Welchen Schmerz ich empfunden habe, als ich abgewiesen worden war, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass ja auf dieser Grundlage – Unteroffizier – mein ganzes ferneres Leben aufgebaut werden sollte. Jung wie ich war, tröstete ich mich aber bald in dem Bewusstsein, dass ich durch Fleiß, Ausdauer und gute Führung auch ohne Bildungsschule Unteroffizier werden könne. Da kam aber ein neuer Schlag. Bei der Befehlsausgabe – ich war damals im Augmentationsmagazin, Favoritenstraße 26, in der sogenannten „Holzhofkaserne“ kommandiert, um bei der Abwehr der Motten in den Spätfrühjahrswochen mitzuwirken, man nannte das „Schabenklopfen“ – hieß es eines Abends: „Trainsoldat Macher hat morgen, 10 Uhr vormittags, in Ausgangsadjustierung im Hofe der Poststallkaserne gestellt zu sein!“ Was war denn da wieder los? Niemand konnte mir Aufschluss geben. Und so machte ich mich am nächsten Morgen „schön“ – soweit ich dies noch nötig hatte – und wanderte, hoffend und fürchtend, an den Bestimmungsort.

Dort fanden sich nach und nach auch ungefähr 20 Kameraden meines Assentjahrganges ein, die der gleiche Befehl gerufen hatte. Ein geschäftig tuender Wachtmeister stellte uns in eine Reihe und kommandierte dann: „Ruht!“ Wir warteten. Plötzlich das Hornsignal: „Habt Acht!“, der Wachtmeister kommandiert: „Haaabt Acht!“, und schon ist der Herr Oberstleutnant und Divisionskommandant da. In seiner Begleitung der Divisionsadjutant und ein Unteroffizier der Kanzlei. Von Mann zu Mann gehend und an einzelne einige Fragen richtend, kam er endlich zu mir. In Erwiderung seines Blickes blickte ich fest in seine Augen. Er begann: „Wie heißen Sie?“ – „Trainsoldat Michael Macher.“ – „Beruf?“ – „Tischler.“ – „Eltern?“ – „Tischlermeister-Eheleute in Weitersfeld.“ – „Schule?“ – „Fünfklassige Volksschule in Weitersfeld.“ – „In Wien gewesen früher?“ – „Ja.“ Er wendet sich um und sagte zum Adjutanten: „Der wird recht werden.“ Der Adjutant notierte, und weg war die hohe Kommission. Der Wachtmeister kommandiert: „Abtreten!“, und wir zerstreuten uns.

Zu was werde ich „recht werden“? Niemand wusste Bescheid. Ich sollte es aber bald erfahren! Am Abend bei der Befehlsausgabe hieß es unter anderem: „Der Trainsoldat Michael Macher von der Traineskadron Nr. 82 hat heute noch abzurüsten und geht im Transportwege nach Sarajevo mit der Bestimmung als Offiziersdiener für den dortigen Divisionskommandanten, Herrn Oberstleutnant …, ab.“ – Na schön. Da hatte ich die Bescherung. So gerne ich auch nach Sarajevo, der Hauptstadt des Wunder- und Sagenlandes Bosnien ging, so sehr widersprach es meinem Geschmack „Pfeifendeckel“ zu werden. Ich, der ich selbst ein bisschen „Herrennatur“ in mir fühlte, sollte die niedersten Arbeiten verrichten? Nein, das tue ich nicht!

Und schnurstracks ging ich in die Eskadronkanzlei zum Rechnungsunteroffizier – ein solcher zu werden war mein Ideal –, meldete mich bei ihm und sagte: „Ich mag nicht Offiziersdiener werden.“ – „Habt Acht!“, kommandiert er und sagt: „Das Wort ,Ich mag nicht´ gibt es beim Militär nicht, wohl aber das Wort ,Ich muss´! Also rüsten Sie schleunigst ab, hier sind die Verpflegsdokumente für das Transporthaus, und marsch mit Ihnen!“ Also aus. Gehst halt, dachte ich, und wartest ab, was weiter geschieht. Zumindest machst du eine lange und schöne Reise auf Staatskosten, siehst etwas und erlebst manches. Ich habe erlebt – manches? – nein, vieles!

(...)

Informationen zum Artikel:

Armer Pfeifendeckel!

Verfasst von Michael Macher

Auf MSG publiziert im September 2012

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Geras / Wien
  • Zeit: 1895

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt einen kurzen Ausschnitt aus den Erinnerungen des Autors wieder, die in dem Band "Des Kaisers Knechte. Erinnerungen an die Rekrutenzeit im k.(u.)k. Heer 1868 bis 1914", Wien-Köln-Weimar 2012, S. 123-126, von Christa Hämmerle herausgegeben wurden.

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