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Zweite Heimat Schweiz

von Anton Partl

Der Hunger

Es kam die Zeit des großen Hungerns. Durch Mundpropaganda erfuhr man, wo etwas Essbares aufzutreiben war. Vereinzelt haben Bäcker ihre letzten Mehlvorräte verbacken. Da hieß es um fünf Uhr morgens anstellen, um spät am Tag ein Stückchen Brot zu ergattern. Die Stimmung sank jeweils unter null, wenn es – zwei, drei Personen, bevor man drankam – hieß: „Es ist aus“.

Vereinzelt wurden auch Restbestände in Geschäften geplündert. Einmal hörte ich von einer geschlachteten Kuh, die schwarz in einem Nachbarhof gehalten worden war.

An eine solche Beschaffungsaktion habe ich eine schlimme Erinnerung. Ich ging mit Mutter zu einem Haus in einer Parallelgasse ging, da sie gehört hatte, im Keller werde eingesalzenes Fleisch aus einem Fass verteilt. Mutter stürzte sich in das lebensgefährliche Gedränge, und ich wartete auf der Straße. Ich übersah aus Unachtsamkeit einen russischen Soldaten und stieß mit ihm zusammen. Dieser trug sein Gewehr schussbereit in der Hand, mit dem Lauf nach oben gerichtet. Als ich gegen ihn stieß, schoss er in die Luft. Mich packte ein Gefühl der Angst, dass ich glaubte, der Augenblick meines Todes sei gekommen. Wahrscheinlich war es eine unabsichtliche Reaktion des Soldaten, weil auch er erschrocken war.

Der Garten war unsere einzige zusätzliche Nahrungsquelle. Wir hatten im Gegensatz zu den meisten Wienern weder Verwandte noch Bekannte auf dem Land und damit keinerlei Möglichkeit, von dort Lebensmittel zu „hamstern“. In der Umgebung des Gartens gingen wir auf die Felder, um bei der Ernte herabgefallene Ähren aufzusammeln. Mit der Unterseite eines Löffels haben wir dann die Körner „herausgedroschen“ und in der Kaffeemühle gemahlen. Mutter hatte auf einigen Quadratmetern die Triebe ausgekeimter Kartoffeln angebaut. Daraus entwickelten sich etwa daumennagelgroße Kartoffeln.

Die Last der Lebensmittelbeschaffung ruhte hauptsächlich auf Mutter und Elli. Vater war so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, geschweige denn sich stundenlang anstellen. Er hatte ein Körpergewicht von kaum über 40 Kilogramm. Praktisch über Nacht verlor er seine Haare, obwohl er absolut kein kahlköpfiger Typ war. Wie sehr die Erwachsenen damals Hunger gelitten haben, wird mir an einzelnen Erinnerungen bewusst, etwa, wie ich Vater beim Verzehr eines verfaulten, mit Schimmel völlig überzogenen Apfels zusah oder wie Mutter Ellis Brotschnitte auf die Waage legte, um gerecht zu teilen.

Ich glaube, im Herbst war die Zeit gekommen, in der sich die Weltöffentlichkeit für unsere Lage zu interessieren begann. Einmal bekamen wir ein „Care-Paket“, und Mutter sagte voll Anerkennung: „Das ist von den Quäkern aus Amerika.“ Ein Anlass für mich, heute noch „Care“ zu unterstützen.

Das Rote Kreuz wurde aktiv. Ich weiß nur, dass wir mehrmals in die damalige Zentrale in der Milchgasse bei der Peterskirche gegangen sind. In der Schule war einmal eine Kommission, die über jedes Kind Aufzeichnungen machte, was und wie viel es isst. Dann bekamen wir einen Viertelliter in Wasser gelöste Trockenmilch.

In dieser Zeit wurde ich verschiedentlich ärztlich untersucht. Den Ärzten vom Roten Kreuz bin ich durch meine besondere Unterernährung offensichtlich aufgefallen. Eines Tages hieß es, ich käme „zum Aufpäppeln“ nach Dänemark. Plötzlich fand ich mich in einer Gruppe Kinder, die einen Vorbereitungskurs für den Dänemarkaufenthalt absolvierte. An einem der Kurstage hieß es dann, der Transport nach Dänemark sei schon komplett und ich käme in die Schweiz.

Es gab auch einen Schweizer Vorbereitungskurs, bei dem wir ein – meiner Meinung nach sehr unpassendes – Wienerlied lernen mussten: „Jedem Wiener glänzt das Auge ... da schaut der Steffl lächelnd auf uns nieder, und denkt sich still der stolze Dom …“ (der zu dieser Zeit ja zerstört war). Ferner mussten wir den Schweizer Gruß „Grüezi“ üben. Eine ebenfalls unnütze Sache; von den Kindern wurde das mit dem damals unbeliebten Grundnahrungsmittel „Grütze“ assoziiert.

Vater sagte, um mich (und ich glaube auch sich) zu trösten: „Na ja, die Schweizer Mütter sind ja dafür bekannt, welch gute ‚Gluckhennen‘ sie sind.“ Er sollte recht behalten. Dann erzählte er mir davon, wie er nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit in einem Schweizer Studentenheim in Zollikofen bei Bern zu Gast und wie gut es ihm dabei ergangen war.

Abfahrt des zehntausendsten Kindes aus Wien
Abfahrt des zehntausendsten Kindes aus Wien

Die Reise

Mir schien die Bahnfahrt mehrere Tage zu dauern, was aber offenkundig nicht stimmte. Allerdings gab es an der Demarkationslinie bei St. Valentin und in Salzburg sicher Aufenthalte von mehreren Stunden. Endlich in Buchs angekommen, erinnere ich mich an ein großes Barackenlager, in dem wir „entlaust“ wurden. Die Kleidung wurde uns zwecks Reinigung abgenommen und die Kinder unter der Dusche abgeschrubbt. Ein Arzt hat nochmals alle untersucht. Er war ein Respekt einflößender, behäbiger Schweizer mit langem, weißem Bart. Ich glaube, die Prozedur hat über die Nacht gedauert, und wir mussten in einer eigenen Baracke schlafen.

Wie ich von Buchs nach St. Gallen kam, weiß ich nicht mehr. In St. Gallen wurde ich von der örtlichen Fürsorgerin in Empfang genommen und mit dem „Trogenerbähnli“, einer straßenbahnähnlichen Lokalbahn, zu meinen Pflegeeltern nach Speicher gebracht. Speicher ist ein Ort, etwa acht Kilometer südlich von St. Gallen, im Kanton Appenzell Außerrhoden. Trotz der Nähe zu St. Gallen war der Ort noch sehr landwirtschaftlich geprägt und hatte damals rund 2000 Einwohner. Das bedeutete, dass praktisch jeder jeden kannte. Für ein Wienerkind natürlich eine ganz andere Welt.

Schweizer Gastfamilie
Gastfamilie von Anton Partl im Sommer 1944

Meine Gastfamilie namens Schmid hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner eigenen. Die Altersstruktur war ähnlich wie bei uns, nur waren alle um zirka sieben Jahre älter. Da gab es die Eltern; der älteste Sohn Jakob war mit seinen 27 Jahren bereits verheiratet, mit einer Frau namens Nelly; der um drei Jahre jüngere Hans war ein Problemsohn, und die 17-jährige Elsbeth war als Nachzüglerin genau so alt wie meine Schwester Elli. Das Haus war ein typisches Appenzeller Holzhaus, bereits von der vorigen Generation Schmid geerbt.

Ich wurde sofort als vollwertiges Familienmitglied aufgenommen und sagte daher auch „Vater“ und „Mutter“. Mutter nahm mich zu sich in ihr Schlafzimmer und herzte mich wie eine leibliche Mutter.

Meine Ankunft fiel auf den 6. Dezember und Mutter beschenkte mich bereits, als „Klaus“ verkleidet (so sagt man in der Schweiz zum „Nikolo“). Es war wie daheim. Ich habe immer verglichen, was ist hier wie daheim, was ist anders. (Ich mache das auf Reisen heute noch so.) Mit Ähnlichkeiten bekämpfte ich mein aufkommendes Heimweh.

Da war beispielsweise der gleiche „Minerva“ Radioapparat wie in Wien, die Form des Beschenkens durch den Nikolaus, das Feiern des Heiligen Abends, das Beten mit mir beim Zu-Bett-Gehen. Es gab ein Klavier wie daheim, worauf Elsbeth wie Elli spielte, und sie war für mich überhaupt wie meine große Schwester. Die verschneite Winterlandschaft übte auch eine Faszination auf mich aus, die dem Heimweh entgegenwirkte.

Natürlich bemerkte ich den gewaltigen Unterschied im Lebensstandard. Es war kein Thema, wo das „tägliche Brot“ hergenommen werden soll, in der gemütlichen Stube war der Kachelofen immer warm, elektrischen Strom gab es rund um die Uhr, und in der Küche gab es einen Warmwasserboiler. Selbstverständlich gab es Telefon; nur wenige, als recht arm geltende, Dorfbewohner hatten keinen Telefonanschluss.

Besonders beeindruckt hat mich der Christbaum am Heiligen Abend. Neben vielen lebenden Kerzen strahlte eine Menge elektrischer Kerzenlampen. In Wien war das natürlich unbekannt, und ich erinnere mich, wie im Krieg die Christbäume von Jahr zu Jahr dürftiger wurden. Zu Weihnachten 1943 hatte der Baum noch zwölf Kerzen, 1944 nur mehr sieben, und das waren sicher bereits angebrannte Stummeln. Als Weihnachtsgeschenk bekam ich eine von Elsbeth vererbte Puppenstube und eine Batterie mit Glühbirnchen. Damit konnte ich die Stube beleuchten oder vor dem Fenster die Sonne aufgehen lassen. Ich war von solch einem tollen „Christkindl“ fasziniert.

Gleich nach meiner Ankunft wurde am 7. Dezember ein Brief nach Wien geschrieben. Mit buchhalterischer Genauigkeit registrierte mein Vater den Erhalt in Wien, am 18. Januar 1946. Der lange Postweg ist sicher nicht nur mit der schlechten Verkehrsverbindung zu erklären, sondern durch die Zensur, die jedes von und nach Österreich gesendete Poststück durchlaufen musste.

Das Briefeschreiben war nicht meine starke Seite. Dazu war mein Heimweh vielleicht nicht intensiv genug. Ich fragte immer, was soll ich schreiben? Da antwortete mir Vater einmal: „Schreib halt, hier gibt es Wurst, Käse und Milch!“ Nach meiner Rückkehr nach Wien, hatte ich übrigens dasselbe Problem in umgekehrter Richtung.

Ich glaube, trotz der Nähe zur Stadt St. Gallen und auch zur österreichischen Grenze, war Speicher bzw. der ganze Kanton Appenzell damals eine kleine, abgeschlossene Welt, in der man kaum über den Zaun blickte. In Anspielung auf das Märchen Schneewittchen sage ich boshafterweise heute noch: „Aber im Appenzellerland, hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen …“

Dazu kleine Kostproben, die mir damals als Kind bereits aufgefallen sind: Gleich nach meiner Ankunft im Hause Schmid, kamen mehrere (ältere?) Frauen, um den „Österreicherbub“ zu beäugen. Die ersten Worte die ich auf „Schwyzerdütsch“ dabei aufschnappte, war die Frage an Mutter: „Kann er „Dütsch?“ Und diese antwortete: „Nei, er kann nüd Dütsch.“ Völlig verunsichert dachte ich: Hieß das nicht soeben, ich könne nicht Deutsch? Dabei hatte ich noch vor gar nicht so langer Zeit das „Deutschlandlied“ gesungen.

Einmal fragte mich Mutter, ob es in Österreich wohl auch Straßen mit Kurven gäbe. Sie dachte offensichtlich, hinter der Schweizer Grenze erstrecke sich nur endlose Ebene.

Elli besuchte mich einmal mit einer Schulfreundin, weil sie in der Schweiz ein Praktikum absolvierte. Da fragte Elsbeth, als sie die beiden Wienerisch reden hörte: „Versteht ihr euch überhaupt in solch einer komischen Sprache?“

An meinem neunten Geburtstag glaubte Mutter, mir eine Freude zu machen, indem sie mir zum Frühstück ein besonders großes, mit recht viel Butter und Marmelade beschmiertes Brot richtete. Dass mein Magen auf kleinste, fettarme Essensmengen eingestellt war, war ihr nicht bewusst. Ich blieb lange beim Riesenbrot sitzen, da ich fürchtete, sie würde es als Undankbarkeit auslegen, wenn sie das Brot ungegessen abservieren müsste.

Wie fremd „meinen“ Schweizern die Wiener Welt damals war, ersehe ich aus Fragen nach diversen Alltagsgegenständen. Etwa, ob wir Dinge hätten, wie einen elektrischen Rasierapparat, eine Wäscheschleuder (etwas später auch eine Drehkreuzwaschmaschine), Warmwasserboiler, Telefon etc. Wahrscheinlich hat sie mein staunender Blick zu diesen Fragen veranlasst. Es waren schließlich Dinge, von denen wir in Wien noch zehn Jahre später bestenfalls träumen konnten. Ich glaube, ich habe aus Scham manchmal ja gesagt.

Als ich mich einmal mit Mutter über die Herkunft meiner Eltern unterhielt, erzählte ich, dass meine Mutter aus Siebenbürgen in Rumänien stamme. Daraufhin meinte sie: „Aha, deine Mutter ist eine Rumänin!“ Eine Aussage, die für jede gestandene Siebenbürgerin eine tödliche Beleidigung gewesen wäre. Ich glaube, bei der gesamten Familie Schmid war die Existenz von Volksdeutschen unbekannt.

Von Vater habe ich hingegen einige Bemerkungen in politischer Richtung mitbekommen. Er bedauerte, dass Österreich dem deutschen Imperialismus zum Opfer gefallen war und glaubte absolut an die damals propagierte Opferdarstellung. Er fragte, ob sich das österreichische Heer 1938 tapfer gegen den Hitlereinmarsch gewehrt hätte. Überhaupt war er überzeugt, dass Deutsche und Russen die Wurzel aller Übel der ganzen Welt seien. Als Zeichen seines Wohlwollens gegenüber Österreich erzählte er mir, wie er als Soldat im Ersten Weltkrieg in Graubünden Dienst zur Grenzsicherung versehen hatte. Dabei hatte er eine Gruppe Deserteure beobachtet, die von österreichischer Seite in die Schweiz geflohen waren. Er hätte sie eigentlich stellen müssen und am Grenzübertritt hindern, ließ sie aber aus Mitleid laufen. (...)

Anton Partl kehrt in den Sommerferien 1946 nach Wien zurück, bleibt aber mit seiner Gastfamilie in Kontakt und wird von dieser ein Jahr darauf zu einem neuerlichen Besuch eingeladen.

Nochmals in die Schweiz

Ich fuhr in Begleitung eines Schulfreundes und dessen Mutter. Diese war nach dem Ersten Weltkrieg als Kind zur Erholung in der Schweiz gewesen und besuchte nun mit ihrem Buben diese Pflegefamilie. In Buchs trennten sich allerdings unsere Wege. Während sie in Richtung Sargans–Zürich weiterfuhren, musste ich aussteigen. Man sagte mir: „Du musst jetzt umsteigen in einen Zug Richtung St. Gallen“, und ich stand mutterseelenallein auf dem Bahnsteig. Für einen Zehnjährigen eine ganz schöne Herausforderung.

Ich bestieg den richtigen Zug, aber der nächste Schock kam, als der Schaffner die Fahrkarten kontrollierte. Ich hatte meinen Namen samt Zieladresse an einem Täfelchen um den Hals hängen. Ebenso die Fahrkarte in Form eines Fahrscheinheftes, vom österreichischen Verkehrsbüro ausgestellt. Der Schaffner beäugte alles sehr sorgfältig. Mit dem österreichischen Fahrscheinheft war er aber offensichtlich überfordert. Nachdem er es öfters herumgedreht hatte, meinte er mit erhobenem Zeigefinger: „Darfst nicht schwarzfahren!“, und ging gottlob weiter. In dieser Situation fühlte ich mich sehr unwohl.

Am St. Gallener Bahnhof empfing mich Mutter Schmid herzlich mit offenen Armen und fuhr mit mir, mit dem „Tram“ nach Speicher. Ich war quasi wieder daheim. In der Familie hatte es insofern Veränderungen gegeben, dass Hans nicht mehr im Haus war und Nelly und Jakob einen vier Monate alten Buben namens Heinz hatten.

Ich schlief nicht mehr in Mutters Schlafzimmer, sondern „erbte“ als nun großer Bub Elsbeths Kammer. In Bezug auf den kleinen „Heinzli“ übertrug man mir die ehrenvolle Aufgabe, seine „Kindsmagd“ zu sein. Bei der großen Sympathie, die ich für das Kind empfand, kam mir das sehr entgegen.

Ich war sofort wieder in das Alltagsleben integriert. Das äußerte sich darin, dass ich mehr Botengänge machte als bei meinem ersten Aufenthalt; aber ich hatte auch mehr Kontakt mit der Dorfjugend und flanierte schon selbstständig im Dorf herum.

Ich musste gleich nach dem Ende der Sommerferien zur Schule. Weil diese in der Schweiz viel kürzer sind, war das bereits am 11. August. Lehrer Niggli stellte mich der Klasse mit den Worten vor: „Seht her, der Toni aus Wien ist wieder bei uns.“ Damit fühlte ich mich gleich als vollwertiges Mitglied der Klassengemeinschaft. Am nächsten Tag brachte mir ein Mädchen eine Tafel Schokolade als Begrüßungsgeschenk.

Ich glaube, ich war ein problemloses Gastkind. Offenbar war ich so ruhig und brav, dass Elsbeth sich einmal über mich äußerte, ich könne doch nicht ganz normal sein. Das ist doch kein rechter Bub, der nie etwas anstellt.

Einmal gelang es mir jedoch diesen Ruf zu durchbrechen. Ein Neffe der Eltern namens Karl war in meinem Alter. Wir waren gemeinsam in der Klasse und spielten öfter zusammen. In meiner Funktion als Kindsmagd des kleinen Heinzli sollte ich diesen im Kinderwagen spazieren fahren. Da kam ich auf die Idee, mich verkehrt auf den Gepäcksträger von Karls Fahrrad zu setzen und den Kinderwagen hinten nachzuziehen. Besonders lustig fanden wir, auf diese Weise Achter zu fahren. Dabei schleuderte der Kinderwagen so schön. Diese Szene beobachtete eine Dorfbewohnerin und rief Mutter an. Daheim gab es ein Riesendonnerwetter. Es war das einzige Mal, dass ich von Vater eine (wenn auch leichte) Ohrfeige bekam. Dabei fand der kleine Heinzli, der gerade sitzen konnte, die Sache auch lustig.

Autor mit gut genährtem Kleinkind auf dem Arm
Anton Partl mit seinem Schützling Heinzli im Februar 1948; im Hintergrund das Schulhaus von Speicher

Bei diesem zweiten Schweizer Aufenthalt machte ich, körperlich und sozial, einen außerordentlichen Entwicklungsschub. Ich war völlig gesund und so kräftig, dass ich mich, im Gegensatz zu früher, nicht mehr vor Raufereien mit stärkeren Buben fürchtete.

Mutter berichtete über meine gute körperliche Verfassung nach Wien, und mein Vater bedankte sich immer wieder brieflich und später auch persönlich für meine gute Aufnahme bei der Familie Schmid. Diese Dankbarkeit war seitens meiner Eltern wirklich aufrichtig und tief empfunden.

Als es hieß, ich werde wieder heimgeschickt, hatte ich an Wien und meine Familie nur mehr sehr vage Erinnerungen. Ich glaube, ich hätte es, zumindest damals, ohne weiteres verkraftet, wenn man mir gesagt hätte: Du bist jetzt Schweizer und bleibst hier.

Konträr dazu muss ich bemerken, dass ich mit den Eltern nur hochdeutsch gesprochen habe und diese mit mir auch. Vater sagte einmal: „Jetzt muss er doch schon endlich Schwyzerdütsch können“, aber ich blieb hart. Wer Schweizer näher kennt, weiß, welch ein Opfer das bedeutet. Ich kann bis heute nicht sagen, weshalb ich ihnen das angetan habe, denn im Umgang mit den Kindern und allen anderen Leuten befleißigte ich mich selbstverständlich des „Schwyzerdütschen“.

In meiner Erinnerung könnte ich annehmen, dass mich Mutter so geliebt hat, dass sie gerne meine „richtige“ Mutter gewesen wäre; es war ihr aber bewusst, dass sie kein Recht darauf hatte.

Informationen zum Artikel:

Zweite Heimat Schweiz

Verfasst von Anton Partl

Auf MSG publiziert im April 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Schweiz, Appenzell Ausserrhoden, Speicher
  • Zeit: 1945 bis 1948

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde dem Erinnerungsbuch "Verschickt in die Schweiz. Kriegskinder entdecken eine bessere Welt" (S. 63 ff.) entnommen, das von Anton Partl und Walter Pohl 2005 herausgegeben wurde.

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