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Ein Jahr in Basel

von Hans Gamliel

Hans und Erika kamen in den Genuss, bei zwei im selben Hause wohnenden Familien, es war im Haus in der Eichenstraße 27, aufgenommen zu werden. Erikas Familie hieß Orzel. Sie setzte sich aus den Eltern und deren beiden Töchtern, die in Erikas Alter waren, zusammen. Es waren liebe Leute, was aber das schreckliche Heimweh nicht mindern mochte, von welchem Erika bei ihrer Ankunft in Basel befallen und nicht mehr losgelassen wurde. Daher trat Erika nach nur kurzem Aufenthalt bei Orzels wieder die Rückreise nach Wien an.

Hans und Erika Gamliel
Hans und Erika Gamliel, Neulengbach 1948/49

Die Patenfamilie von Hans hieß Gradwohl. Sie setzte sich aus Vater, Mutter, der Tochter Marlyse, die im Alter von Hans war, dem etwas älteren Sohn Pierre, der bereits das Gymnasium besuchte und dem ältesten Sohn Roland, welcher vor der Matura stand, zusammen. ...

Die Gradwohls waren religiöse Juden. Sie versuchten Hans, für den dies Neuland war, in ihr religiöses Leben und dessen täglichen Ablauf einzubeziehen. Das fing mit dem Küssen der am Torpfosten angebrachten Mesusa an und reichte bis zu Leseversuchen in hebräischen Gebetsbüchern. Jeder Schabbat und sämtliche jüdischen Feste wurden in der Synagoge gefeiert und daheim, mit entsprechendem Zeremoniell, fortgesetzt. Nach Synagogenbesuchen erhielten die Kinder bunte Zuckerstangen, so genannte „Mässmoggen“, eine Basler Spezialität, danach ging man nach Hause.

Im Gegensatz zu Erika gefiel es Hans bei seiner Patenfamilie ausgezeichnet, zumal er sich mit Marlyse sehr gut verstand. Außerdem hatte er im Nachbarhaus einen nicht-jüdischen, gleichaltrigen Spielgefährten, mit dem er fast täglich auf der damals kaum befahrenen Straße, mit herrlich bunten Glasmurmeln spielte und auf Dreirädern umherfuhr. Im Gegensatz zu Wien, wo alle Straßen und Gassen mit größeren oder kleineren Steinen gepflastert waren, waren in Basel, soviel Hans schon damals erkennen konnte, alle Fahrbahnen geteert.

Gradwohls schienen an Hans ebenfalls Gefallen gefunden zu haben. Sein ursprünglich für ein, zwei Monate gedachter Aufenthalt wurde nach Rücksprache mit seiner Mutter auf ein ganzes Jahr verlängert. Ehe seine Pflegeeltern dies arrangiert hatten, mussten sie sich allerdings von einem Schock erholen.

Es war kurz nachdem Hans bei ihnen in Basel angekommen war. Frau Gradwohl wollte ihn in der Badewanne gründlich waschen. Hans legte seine Kleider ab, stieg in die Wanne. Sie wollte mit dem Waschen beginnen, wich aber, einen kurzen Schrei ausstoßend, einen Schritt von der Wanne zurück. Während sie ihren Blick erschrocken am Körper von Hans hinabgleiten ließ, sah er sie mit großen, verständnislos blickenden Augen an.

Endlich schien sie sich gefangen zu haben. Sie fragte Hans in schroffem Ton, ob er denn Christ und nicht Jude sei? Hans sah Frau Gradwohl verdutzt an, denn er verstand nicht, was sie eigentlich von ihm wissen wollte. Sie wiederum merkte, dass sie so nicht weiterzukommen würde und rief nach ihrem Gatten. Nachdem beide ein paar Worte gewechselt hatten, trat Herr Gradwohl ebenfalls an die Wanne heran und sah an Hans’ Körper hinab. Dann fragte er ihn geradewegs, warum er nicht beschnitten sei. Auch jetzt verstand Hans überhaupt nichts, beteuerte aber, sehr wohl Jude zu sein. Gradwohls sahen ein, mit der Befragung des Knaben keine sie befriedigende Antwort zu bekommen und sandten umgehend ein Telegramm an seine Mutter nach Wien. In diesem fragten sie, ob Hans Jude und warum dann nicht beschnitten sei.

Sowie Dorothea das Schreiben überflogen hatte, antwortete sie postwendend. Ihr Schreiben bestand aus wenigen Fragesätzen. Im Mittelpunkt stand die Frage, bei welcher Gestapostelle sie auf der Flucht den Antrag zur Beschneidung ihres Sohnes nach jüdischer Tradition hätte stellen sollen ... Diese Antwort befriedigte die Gradwohls. Nach nochmaligem Briefwechsel einigten sie sich darauf, Hans umgehend im jüdischen Spital zu Basel der versäumten Prozedur zu unterziehen.

Nachdem Hans in Wien den Schulalltag bereits kennen gelernt hatte, musste er auch in Basel eine Schule besuchen. Die Volksschule wurde in der Schweiz Primarschule genannt, und in solch eine wurde er eingewiesen. Mit dem Schweizerdeutsch, das seine Klassenkameraden sprachen, hatte Hans keinerlei Mühe. Er verstand es sofort, tat aber manchmal beim Spielen so, als verstünde er es nicht, worüber seine Gefährten, aber auch er, sich köstlich amüsierten. Das hier in der Grundschule praktizierte Schreiben mit Griffel auf Schiefertafeln bereitete ihm keine Schwierigkeit. Es wunderte ihn ein wenig, denn in Wien wurde mit Bleistift und Tintenfeder in Hefte geschrieben. Gerade dies sollte Hans zum Nachteil geraten, als er später, wieder in Wien zurück, die nächste Klasse besuchen wollte. Hans musste die Klasse, die er in der Schweiz positiv beendet hatte, in Wien wiederholen. Die Begründung des Stadtschulrates dafür war, dass man in der Schweiz mit Griffel auf Schiefertafeln und nicht mit Bleistift und Feder in Hefte schrieb.

An Schabbat-Abenden bestand das Abendessen bei Gradwohls häufig aus einem sicherlich ausgezeichnet zubereiteten, kalten Karpfen in Aspik, den Hans des Aspiks wegen überhaupt nicht mochte. Er musste sich ungemein überwinden, die ihm aufgetragene Portion unter den Blicken aller bei Tisch Anwesenden hinunterzuwürgen. An jüdischen Feiertagen wurde Frau Gradwohl von zwei nicht-jüdischen Fräulein unterstützt. Diese erledigten alle Arbeiten, welche frommen Juden dann verboten waren. Selbstverständlich war alles Geschirr im Hause Gradwohl doppelt vorhanden. Es wurde peinlichst genau darauf geachtet, dass es getrennt nach der Verwendung für Fleisch- oder für Milchprodukte aufbewahrt wurde.

Die Taxis in Basel übten eine besondere Faszination auf Hans aus. Es kamen ausschließlich amerikanische, in dunklen Farben gehaltene Automarken zur Verwendung. Zudem trug jeder Taxichauffeur eine Uniform mit Schirmkappe, welche dieselbe Farbe wie das von ihm gelenkte Fahrzeug hatte. Dies sah prachtvoll und vornehm aus.

Frau Gradwohl kümmerte sich ausschließlich um den Haushalt und die Kinder. Herr Gradwohl war wochentags mit seinem beigen Auto, Marke Ford, für eine Textilfirma im Außendienst unterwegs. Hans, der sehr viel Freizeit hatte, begleitete ihn häufig auf seinen Tagestouren, welche ganz Basel-Land mit einbezogen. Er durfte immer neben Herrn Gradwohl auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Einmal, sie waren wie oft zuvor in ländlicher Gegend unterwegs, bemerkte Hans, wie Herrn Gradwohls Kopf während der Fahrt in gewissen Zeitabständen immer wieder langsam auf dessen Brust zu sinken begann und, kurz bevor er die Brust erreichte, ruckartig wieder hochschoss. Herr Gradwohl muss sehr müde oder krank gewesen sein.

Abermals neigte sich sein Kopf gegen die Brust, wobei seine Augen, ehe sie sich für nur kurze Zeit schlossen, einen verklärten Ausdruck annahmen. Er war nicht mehr fähig, sich zu konzentrieren, geschweige denn sich länger wach zu halten, und dieser kurze Augenblick genügte, dass das schwere Automobil plötzlich die Landstraße verließ und nach etwa zwanzig Metern in einem frisch gepflügten Acker zum Stillstand kam. Durch den tiefen, schweren Boden war die Bremswirkung zum Glück ziemlich rasch eingetreten, wozu das auf den Schollen aufgesessene Chassis beigetragen hatte. Im Nu war Herr Gradwohl hellwach, erkannte die Situation und auch, dass der Wagen dermaßen festgefahren war, dass ohne fremde Hilfe an ein Herauskommen auf die Landstraße nicht zu denken war. Er eruierte, welchem Bauern das Ackerland gehörte, begab sich zu diesem, entschuldigte sich und bat um Hilfe. Der Bauer setzte sich auf seinen Traktor, fuhr zum Acker hin, befestigte an beiden Fahrzeugen ein starkes Seil und zog den Wagen auf die Straße hinaus. Für den angerichteten Schaden und seine Hilfeleistung verlangte er ein Fünf-Franken-Stück, welches ihm Herr Gradwohl aushändigte und die Tagestour beendete, indem er sofort mit Hans nach Hause fuhr.

Die wunderschöne und erholsame Zeit bei der lieben Gradwohl-Familie verging viel zu schnell. Nach einem Jahr hieß es für Hans Abschied zu nehmen und nach Wien zurückzufahren. Sein Zugabteil war mit unzähligen Schokoladetafeln und anderen Süßigkeiten ausgelegt, die ihm seine Klassenkameraden zum Abschied geschenkt hatten.

Informationen zum Artikel:

Ein Jahr in Basel

Verfasst von Hans Gamliel

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Schweiz, Basel-Stadt, Gotthelf-Quartier
  • Zeit: 1948 bis 1949

Anmerkungen

Der Beitrag wurde dem Erinnerungsbuch "Verschickt in die Schweiz. Kriegskinder entdecken eine bessere Welt", herausgegeben von Anton Partl und Walter Pohl, S. 255 ff., entnommen.

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