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Meine Reise ins Paradies

von Irene Hammermüller

Der Zug, mit dem ich diese lange Reise antrat, fuhr Ende November 1946 von Wien ab.

Zu dieser Zeit war Österreich in vier Besatzungszonen zwischen Russen, Franzosen, Engländern und Amerikanern aufgeteilt. Wir mussten endlose Grenzformalitäten über uns ergehen lassen, vor allem an der Grenze zwischen Nieder- und Oberösterreich, die von den Russen besetzt war. An die lange Reise selbst kann ich mich nicht wirklich erinnern; ich weiß nur noch, dass wir auf den Bahnhöfen oft mit Musik begrüßt wurden und dass wir einen Becher heißen Tee oder heiße Suppe bekamen. Auf der Brücke über die Enns, das war die Demarkationslinie, standen wir stundenlang. Die Russen wollten uns nicht ausreisen lassen.

Im Zugabteil mit Holzbänken, ohne wirkliche Heizung, waren sehr viele Kinder. Wir schliefen nachts auf dem mit Papier ausgelegten Boden, auf den Bänken, und auch im Gepäcksnetz schliefen einige Kinder. Im Zug fuhren Betreuerinnen und Betreuer aus der Schweiz mit; zu essen gab es durch das Hilfswerk des Schweizer Roten Kreuzes.

Am Ende dieser langen Reise – ich glaube, zwei bis drei Tage hat sie schon gedauert – kamen wir endlich in Buchs an. Dort nahmen uns Schwestern vom Roten Kreuz in Empfang, und wir wurden zuerst gelabt mit heißer Ovomaltine, die ich natürlich noch nicht kannte. Es gab frisches, wunderbar schmeckendes Brot, eine Banane und Schokolade.

Nach einer Desinfektion mit anschließender heißer Dusche – das weiß ich allerdings nur aus Erzählungen, ich selbst erinnere mich nicht mehr daran – konnten wir einmal ausschlafen.

Am nächsten Morgen wurden wir wieder in einen Zug gesetzt und an unseren Bestimmungsort gebracht. Ich war für den Kanton St. Gallen bestimmt und nach Mörschwil unterwegs. Das Kärtchen, das wir um den Hals hatten, war mit meinem Namen, meiner Heimatadresse und dem Ort und der Familie, die mich aufnehmen würde, versehen.

Bei meinem letzten Besuch bei Päuli Füger, meiner Pflegeschwester, habe ich vieles von dieser Reise und meiner ersten Ankunft in Mörschwil in Erfahrung gebracht: Beda, der älteste Sohn von Fügers, hatte mich vom Bahnhof mit dem Auto abgeholt. Zu Hause angekommen – es war ja nun für einige Zeit mein Zuhause –, roch ich schon den guten Duft der Backstube: Ich war in einer Bäckerei und Konditorei mit angeschlossenem Gasthaus gelandet!

Der Empfang, der mir bereitet wurde, war sehr liebevoll und fürsorglich. Ich erinnere mich wieder nicht sehr gut, aber ich weiß, dass ich keine Angst hatte und mich sehr schnell wohl fühlte. Mama und Papa Füger, so durfte ich sie nun nennen, waren mir ein wunderbares Elternpaar. Ich war das Nesthäkchen, und das bei fünf erwachsenen Kindern: Theres, Beda, Päuli, Sepp und Anni. Ich gewann sie sehr schnell lieb, und das hält bis heute an.

Irene Hammermüller als Brautjungfer bei der Hochzeit ihrer Pflegeschwester
Irene Hammermüller als Brautjungfer bei der Hochzeit ihrer Pflegeschwester, Mörschwil 1949

Anni, die jüngste der drei Schwestern war die Köchin. Sie war und ist bis heute eine sehr lustige, fröhliche und immer gut gelaunte Frau. Päuli war für mich meistens die wichtigste der drei Schwestern gewesen. Sie hat immer zu mir gehalten; wenn ich etwas angestellt hatte, half sie mir sehr oft und unterstützte mich immer. Sie wurde später auch meine Firmpatin, was mich natürlich sehr freute. Theres heiratete bald und war zwar im Nachbarhaus zu Hause, aber sie war mit ihrem Mann Otto, mit der Drogerie, die sie gemeinsam führten, und später auch mit den Kindern sehr beschäftigt.

Sepp war der Jüngste, an den kann ich mich als Kind kaum erinnern, da er bei einem Bauern als Knecht arbeitete und nicht oft zu Hause war. Beda, der ältere Sohn, war von Beruf Bäcker, wie Papa. Sie standen täglich in der Backstube und bereiteten die Köstlichkeiten zu, die ich dann verkosten durfte.

Irene Hammermüller und ihre Pflegemutter
IreneHammermüller mit ihrer Pflegemutter vor der Bäckerei in Mörschwil, März 1948

Mama war eine etwas strenge Frau, aber sehr liebevoll zu mir. Sie gewann mich sicherlich fast so schnell lieb, wie ich sie. Ich bewunderte ihre Schönheit, das schwarze Haar trug sie zu einem Zopf geflochten und im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt. Papa, ein gemütlicher, rundlicher, immer gut gelaunter Vater, ein Bäcker durch und durch; er liebte seinen Beruf.

Am ersten Abend steckten sie mich in ein Gitterbett – ich war das Gitter aber nicht gewöhnt. Anni erzählte mir später, ich hätte geweint und geschrieen: „Weg da, weg da!“ Ich fürchtete mich sehr davor. Aber nach dem Herunterklappen des Gitters schlief ich bald ein.

Später erfuhr ich, dass Frau Studach, eine Frau, die auch in Mörschwil wohnte, meine Pflegeeltern gefragt hatte, ob sie nicht ein armes Kind aus Österreich für drei Monate aufnehmen könnten. Nach einigen Überlegungen hatten sie dann, Gott sei Dank, zugestimmt – was wäre aus mir geworden, wenn ich sie alle nie kennen gelernt hätte?

Das Schrecklichste war für mich sicher, dass ich kein Wort Schwyzerdütsch verstand. Ich ging ja noch nicht zur Schule, konnte also auch nicht Hochdeutsch, sondern sprach Wienerisch. Das gab sich allerdings bald. Ich lernte sehr schnell, und nach einigen Tagen begann ich mich schon mit der ganzen Familie, mit den Kindern auf dem Kirchplatz vor dem Haus, mit den Gästen im Gasthaus auf Schwyzerdütsch zu unterhalten. Mama erzählte mir immer, wie schnell ich diese doch schwierige Sprache gelernt habe. Es gefiel mir hier sehr gut, zu gut – ich war im Nu kein „Wienerli“ mehr, sondern ein Schweizerkind geworden.

Die ganze Familie verwöhnte mich. Am Morgen nach dem Aufstehen – ich durfte immer so lange schlafen, wie ich wollte – saß ich in der Backstube, die zugleich auch die Küche war, an einem langen Holztisch, trank Ovomaltine, die mir einfach wunderbar schmeckte. Ich konnte auswählen, ob ich zum „Zmorge“, also zum Frühstück, ein Wiessbrötli, Weggli, einen Einback, oder gar einen „Gipfel“ essen wollte. Schwarzes Brot aß ich erst, als ich schon älter geworden war. Dazu gab es frische Butter, „Comfi“, das ist Marmelade, Honig. Ich war im Schlaraffenland gelandet!

Ich durfte in der Bäckerei und Konditorei mithelfen, zusehen, naschen, probieren und alles essen, was ich nur wollte. Heute noch weckt der Geruch einer Bäckerei das Gefühl der Geborgenheit und Wärme in mir.

(...)

Informationen zum Artikel:

Meine Reise ins Paradies

Verfasst von Irene Hammermüller

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Schweiz, St. Gallen, Mörschwil
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag wurde dem Erinnerungsbuch "Verschickt in die Schweiz. Kriegskinder entdecken eine bessere Welt", herausgegeben von Anton Partl und Walter Pohl, 2005, S. 152 ff., entnommen.

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