Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Was habe ich dir getan, Mama?

von Ernestine Wollner

Meine Kindheit

Mamas langjähriger Interpretation zufolge brachte mich der Storch. Dazu musste er allerdings in den 9. Wiener Bezirk ins Allgemeine Krankenhaus fliegen, und das just am 19. September, wo er doch schon längst auf seinem Flug in den Süden sein sollte ...

Vielleicht hat er aber einen großen Umweg gemacht, obwohl das Bündel in seinem dünnen, langen Schnabel das beachtliche Gewicht von viereinhalb Kilogramm hatte. (Möglicherweise wäre es besser gewesen, er hätte mich fallen lassen ...) Dennoch brachte er mich heil und ganz an meinen Bestimmungsort. Es war anno 1925.

Eine „Schand“ damals, so ein kleines Menschlein einer Mutter zuzuordnen, die noch nicht einmal ganz 20 Jahre alt und (o Gott!) noch unverheiratet war. Schrie ich wohl deshalb gar so jämmerlich, als mich dieser große Vogel in ihre Arme legte?

Was folgte, weiß ich natürlich nur aus Erzählungen der (kinderlos gebliebenen) nächstälteren Schwester von Mama, Tante Jenny. Mama selbst hat nie, nie über diese Zeit gesprochen. Und sie wusste in der Folge auch nicht, dass ich „es“ erfahren habe, ohne sie jemals darauf anzusprechen.

Als Mamas „Storchenzeit“ drohte sichtbar zu werden, quartierte sie sich bei einer Freundin ein. Großmutter und Mamas ältere Schwestern – sie war die jüngste – wussten von dem „Unglück“. Nur Großvater war ahnungslos. Die Familie tischte ihm irgendwas Glaubwürdiges über den Verbleib seiner jüngsten Tochter auf.

Sechs Wochen nach der Storchenlandung landete ich bei Pflegeeltern im 23. Bezirk, in Atzgersdorf. Und Mama kehrte wieder heim – zur Freude ihres Vaters. Ich selbst kann mich an diese Zeit natürlich nicht mehr erinnern.

Der ganze Schwindel kam zirka eineinhalb Jahre später auf, als es dem Großvater auffiel, dass Tante Jenny in regelmäßigen Wochenendabschnitten zu einer ganz bestimmten Zeit von daheim wegging – angeblich mit einem Freund, den ihren Eltern vorzustellen sie sich hartnäckig weigerte. Und Großmutter, die wusste, wohin sie ging, hielt dicht.

Da wurde es dem Großvater eines Tages zu bunt, und er ging seiner Tochter nach – er wollte den Kerl kennen lernen, den ihm seine Tochter vorenthielt. Wie groß war sein Erstaunen, als Tante Jenny auf ein kleines Haus zuging, aus dessen Garten ihr ein niedliches kleines Ding mit ausgestreckten Ärmchen entgegenlief ...

Zunächst wartete er eine Weile. Dann betrat er das Haus ebenfalls. Der langen Rede kurzer Sinn: Das niedliche, kleine Ding saß auf Tante Jennys Schoß und krähte vergnügt, während Jenny bei seinem Anblick leichenblass wurde.

„Mein Gott, wem gehört denn die Kleine?“ Tante Jenny brachte kein Wort heraus. Die anwesende andere Frau bat ihn, Platz zu nehmen. „Mein Vater“, stellte Tante Jenny ihn vor, und: „Sieh mal, Erni, dein Großvater!“ Was diesen wiederum veranlasste zu glauben, ich wäre Tante Jennys Kind. Doch da blieb dieser nichts anderes übrig, als mit der Wahrheit herauszurücken: „Nein, die Kleine gehört der Mizzi.“

Es folgte ein längeres Palaver, in dessen Verlauf mein Großvater (der Kinder liebte) die Sache in die Hand nahm und erklärte, es käme nicht in Frage, dass dieses Kind „bei fremden Leuten“ aufwachse. Die Wenn und Aber der Anwesenden wischte er mit einer Handbewegung weg. „Mit dem Jugendamt setze ich mich auseinander – das Kind gehört zu seiner Mutter und in seine Familie. Packen Sie alles zusammen! Wir nehmen sie gleich mit.“ Protest war angesichts des großen, kräftigen Mannes und seines sicheren Auftretens sinnlos.

Tante Jenny nahm das Köfferchen, Großvater nahm mich auf den Arm: „Machen Sie sich keine Sorgen, ich regle das schon!“, und weg waren wir. (Damals war es noch nicht so schwierig mit Behörden und so ...)

Mama fiel fast vom Stockerl. „Jetzt weißt es endlich, Alois ...“, so Großmutter, „... endlich ist die Geheimniskrämerei vorbei.“ – „A-a-aber ...“, stotterte Mama. „Lass nur, Mizzi, das wird schon – jedenfalls, das Kind bleibt da, basta!“, und zu seiner Frau gewandt: „Also weißt, Marie, dass du mir das verheimlicht hast ...“

Hätte er Tante Jenny nicht nachspioniert, wäre mein ganzes Leben wohl völlig anders verlaufen. Denn ein halbes Jahr später starb er – erst 58.

Autorin als etwa Siebenjährige mit Tante Jenny im Wiener Prater
Ernestine Wollner mit Tante Jenny im Wiener Prater (ca. 1932)

Meine bewusste Erinnerung beginnt erst mit meiner Kindergartenzeit im Alter von fünf Jahren. Mama war wenig zu Hause. Sie war wohl – wie üblich Anfang der dreißiger Jahre – auf Arbeitssuche und ich großteils in Großmutters Obhut. Schon damals spürte ich wohl Mamas Distanziertheit und genoss daher die liebevolle Zuwendung Tante Jennys ganz besonders. „Verwöhn das Kind nicht so!“, meinte sie, wenn Tante Jenny mich abbusselte und das eine oder andere „durchgehen“ ließ. Großmutter musste zwischen den beiden Schwestern meinetwegen oft vermitteln.

Autorin als ca. Fünfjährige mit Mutter sitzend auf Bank vor dem Kindergarten
Ernestine Wollner mit ihrer Mutter vor dem Kindergarten in Wien-Margareten (1930)

Knapp drei Wochen vor meinem sechsten Geburtstag trabte ich an Mamas Hand meinem ersten Schultag entgegen. Mama wusste wohl, was auf mich zukam, und so wurde ich zum ersten Mal mit dem Wort „Vater“ konfrontiert. „Wenn dich die Frau Lehrerin nach deinem Vater fragt, hast du zu sagen: ,Der ist gestorben`“, wurde ich belehrt. Und auf meinen fragenden Blick: „Tu, was ich dir sage!“ Sicher war die Frau Lehrerin informiert worden, denn nach meiner diesbezüglichen Antwort nahm sie gleich das nächste Kind vor.

Erst in der Folge fiel mir auf, dass mit mir etwas „nicht stimmte“. Nach den Wochenenden erzählten die anderen von ihren Vätern und was sie so gemacht haben, während ich zu Hause bei Großmutter saß. „Wieso ist mein Vater gestorben, Mama?“ – „Frag nicht, es ist nun einmal so, ich will nix mehr hören!“ Großmutter wich auch aus, und Tante Jennny: „Wenn du größer bist, reden wir darüber.“ Ich gab auf.

Wer war mein Vater?

Der Direktor einer großen Speditionsfirma, 36, verheiratet, zwei Kinder, mosaisch. Mama, damals 18, war seine Sekretärin. Er war ihre erste ganz große Liebe – so sagte sie mir viel, viel später einmal.

Mehr war aus ihr nicht herauszubringen; aber ein kleines Bildchen hatte sie von ihm. Ein großer, schlanker und dennoch stattlicher Mann – ein Herr – mit Stirnglatze und schönen, braunen Augen. „Du siehst ihm sehr ähnlich“, sagte Mama, als sie mir das Bild zeigte. Damals war ich schon zwölf! Das war und blieb ihr einziger Kommentar.

Großmutter der Autorin
Großmutter Marie Wollner (1939)

Großmutter, eine stille, milde Frau führte den Haushalt, Tante Jenny half so schlecht und recht, sie hatte dafür „keine Hand“, und Mama war nach wie vor wenig daheim. Vom damaligen Arbeitslosengeld lebte man gerade nur von der Hand in den Mund, und Großmutters kleine Rente reichte auch hinten und vorne nicht. Tante Jenny verdiente sich ein paar Schillinge mit „schwarzer“ Heimarbeit – Stricken für eine einschlägige Fabrik –, und Mama fand, ebenfalls „schwarz“, Heimarbeit für eine Lederfabrik. So war halbwegs „durchzukommen“.

Und nur allzu bald fand Mama, ich könnte im Haushalt mithelfen. So putzte ich – gerade sieben geworden – die Schuhe aller, wischte Staub, trocknete das Geschirr ab und half Großmutter die Wäschekörbe am Waschtag vom Keller in den dritten Stock und auf den Dachboden zu bringen, um sie dort zum Trocknen aufzuhängen.

Die Nachmittage gehörten den Hausaufgaben, die ich Mama am Abend vorlegen musste und von ihr genauest kontrolliert wurden. Ebenso wurde die für den nächsten Tag herzurichtende Schultasche kontrolliert und alles, was ihrer Meinung nach dort nicht hineingehörte, konfisziert. Widerspruch war völlig sinnlos.

Nun war ich offenbar in ein Alter gekommen, in dem ich versuchte zu rebellieren – was ebenso sinnlos war. Dem kleinsten Aufmucken folgte zumeist eine Ohrfeige, Großmutters Protest war vergeblich. „Du und die Jenny, ihr verwöhnt das Kind zu sehr – überlassts das mir!“ Dass ich mich dann, wenn ich „was angestellt“ hatte, hinter den beiden versteckte, war sonnenklar. Es nützte mir wenig; ihr gezielter „Klaps“ fand mich doch immer.

Bisweilen kam eine Beamtin vom Jugendamt vorbei, um nach „dem Rechten“ zu sehen. (Das Jugendamt hatte die Vormundschaft.) Aber da war immer alles paletti. Die Wohnung war sauber, deren Insassen ebenfalls. Und gut gedrillt beantwortete ich die Fragen der Beamtin artig und zufriedenstellend. Mama spielte ihren Charme – und den hatte sie – bei diesen Besuchen derart aus, dass ich mir beinahe wünschte, diese Beamtin käme öfter ...

Was hätte ich darum gegeben, von Mama einmal in den Arm genommen zu werden, ein Lob zu hören, dass ich dieses oder jenes gut gemacht habe, aber es gab nur Schelte, wenn mir beim Geschirrabtrocknen mal was runterfiel und zerbrach. „Mein Gott, Mizzi, sie ist ja noch ein Kind ...“, so Großmutter. „Deshalb kann sie trotzdem besser aufpassen.“ Und der darauf folgende Kommentar zu meinen Tränen: „Heul nicht schon wieder, pass nächstens besser auf!“

O Gott, konnte ich ihr denn gar nichts recht machen? Mit der Zeit habe ich gelernt, Tränen runterzuschlucken, selbst wenn ich daran beinahe erstickt wäre.

Natürlich war es unvermeidbar, dass auch in der Schule mal etwas schief ging. Diesbezügliche Notiz im Schulheft – unterschreiben lassen! Worauf ich alle Engel anrief, mir beizustehen. Mama schrie nie – dazu war sie zu diszipliniert. Ein Blick aus ihren kühlen, blauen Augen und der schmale, strenge Mund, der „Besserung“ forderte, waren schlimmer als sonst was.

Großmutter schwieg – es hatte keinen Sinn, für mich Partei zu ergreifen, aber sie strich mir im Vorbeigehen über den Kopf, und Tante Jenny steckte mir – heimlich – ein Zuckerl zu.

Einmal habe ich gewagt, Mama eine – in ihren Augen – „freche“ Antwort zu geben und dabei mit den Schultern zu zucken. Na, mehr hab ich nicht gebraucht. Sie prügelte mich windelweich – bis Großmutter ihr in den Arm fiel. „Es ist genug, Mizzi.“

Solange Tante Jenny bei uns wohnte, war noch jemand da, mit dem ich „kuscheln“ konnte. Und ein bissel Blödsinn machen. Aber eines Tages zog sie aus. Zu meinem künftigen Onkel Viktor: ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle – ein Mann, nein, ein Herr. Mit jenen Manieren ausgestattet, die er seiner verarmten Offiziersfamilie schuldig war. Und wenn ich zu Besuch war, arbeitete er auch an meinem „Schliff“, worüber Tante Jenny allerdings mit Argusaugen wachte. Und sie hatte immer ein Zuckerl oder Schokolade bereit, wenn ich den Tränen nahe war.

Mädchen aus meiner Schulklasse durfte ich kaum mit nach Hause bringen. Dies wurde äußerst selten erlaubt, und Mama traf die „Auswahl“. Bei einer war ihr dieses nicht recht, bei einer anderen jenes. So gewöhnte ich mich ans Alleinesein, und Bücher wurden schon sehr frühzeitig meine Freunde. Das wiederum gefiel Mama, was sie allerdings nicht betonte, denn Positives wurde als selbstverständlich erachtet.

Meine Zeugnisse waren recht gut, nur verdarb mir die Note im Rechnen dasselbe immer wieder; sehr zu Mamas Unmut. Dennoch zahlte sie mir Nachhilfestunden, da Sitzenbleiben drohte, wenn ich den „Nachzipf“* nicht schaffen sollte. Das konnte ich Mama keinesfalls antun. Die Ferien waren total verpatzt. Ich büffelte, was das Zeug hielt. Die Prozentrechnungen wollten nicht und nicht in meinen Kopf hinein. Doch dem Himmel sei Dank! – eines Tages begriff ich es. Der Nachzipf war – wenn auch knapp – überstanden.

Ich habe wirklich mit letzter Kraft diese verdammten Rechnungen geschafft; ich konnte es Mama, der es nicht leicht gefallen war, diese Stunden zu bezahlen, doch nicht antun zu versagen. Das war die Triebfeder. Im darauf folgenden Semester hatte ich in Rechnen keine Note Drei sondern Zwei. Die Anstrengung hatte sich gelohnt. Wenn ich geglaubt hatte, von Mama endlich einmal ein Lob einzuheimsen, hatte ich mich gründlich geirrt. Ihr trockener Kommentar: „War auch höchste Zeit ...“ Ich biss die Zähne zusammen – ja nicht heulen! Und so war es mit allem. Mein restliches, wirklich gutes Zeugnis: Betragen – 1, Fleiß – 1, Deutsche Sprache – 1, Geschichte – 1, Geographie – 2, Rechnen – 2 und so weiter – alles selbstverständlich! Großmutter und Tante Jenny fingen meine Verzweiflung auf. „Na, du weißt ja, wie Mama ist ...“

Die Besuche der Jugendamtsbeamtin waren immer seltener geworden. Eines Tages blieben sie ganz aus. Mama hatte das Sorgerecht bekommen. Doch – noch strenger konnte sie kaum werden. Ich zerfranste* mich, bemühte mich, „brav“ zu sein (auch in der Schule), half im Haushalt, wo ich konnte, sah Großmutter beim Kochen zu, um auch das zu erlernen (was sich alsbald als wichtig erwies), hütete mich, zu widersprechen, auch wenn mir nur allzu oft danach war –, mit einem Wort: Ich versuchte alles, um es Mama ja recht zu machen. Um nur ein einziges, ein einziges Mal zu hören, ich hätte dies oder das gut oder richtig gemacht. Um nur einmal – einmal von ihr in die Arme genommen zu werden.

Wenn ich versuchte, sie schüchtern zu umarmen, wehrte sie es ab: „Lass diese Gefühlsduselei!“ Ich habe viel geweint – nachts, wenn es niemand sah.

Warum liebt Mama mich nicht?
Warum umarmt sie mich nicht?
Warum küsst sie mich nicht?
Was habe ich dir getan, Mama?
So viele Fragen – aber keine Antwort.

Es waren wohl diese ohne Antwort gebliebenen Fragen, die mich relativ frühzeitig lehrten, Distanz zu halten, Gefühle zu unterdrücken, sie einfach nicht zuzulassen. Ich hatte einfach Angst, zurückgewiesen zu werden. Nur bei Tante Jenny „lag ich richtig“. Sie gab mir, was Mama – streng, diszipliniert, unnahbar – offenbar einfach nicht geben konnte.

Informationen zum Artikel:

Was habe ich dir getan, Mama?

Verfasst von Ernestine Wollner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 5. Bezirk / Wien, 23. Bezirk
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Textausschnitt wurde einem längeren Beitrag der Autorin im Erinnerungsbuch "Als lediges Kind geboren ...", herausgegeben vom Verein "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen", 2008, entnommen (ebenda, S. 248 ff.)

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.