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Unsere Kleidung

von Engelbert Absmanner

Früher gab es nicht so viel „Gewand“ wie heute. Es war alles nicht so kompliziert. Seinerzeit trugen wir folgende Kleidungen: Da gab es das „Festtagsgewand“ für die Sonntage, für Hochzeiten und für Fronleichnam. Bei uns Buben war das eine bessere Hose und ein „Scheikei“ (Rock/Anzug). Das Wort „Anzug“ war damals noch nicht gebräuchlich – nur „Gewand“.

Die Schulkleidung war ein „besseres Gewand“. Nach der Schule mussten wir uns selbstverständlich immer umziehen. Die Kleidung für den Alltag zu Hause nannten wir das „Werktagsgewand“.

Die Erwachsenen trugen am Sonntag das „bessere Gewand“. Nach dem Kirchenbesuch wurde umgezogen. Das war die schon etwas abgetragene Sonntagskleidung.

Die Hemden der Erwachsenen waren aus Leinen gemacht und hatten einen Stehkragen. Am Sonntag steckte man einen Kragen darauf, der nach dem Kirchbesuch wieder heruntergenommen wurde. So ersparte man sich ein ganzes Hemd. Ein Selbstbinder (Krawatte) oder ein Mascherl kam auch noch dazu. Unser Vater hat oft ein Werktagshemd unter dem Sonntagshemd angezogen, wenn es kalt war.

Wenn im Winter der Kasten leer war, dann hast du gewusst, dass du all deine Kleider anhattest. Anstelle eines Mantels gab es einen „Überrock“. Dieser war länger und etwas größer und weiter als ein normaler Rock. Zum Schulegehen trugen wir im Winter einen „Kapuzenmantel“. Das war ein grüner Umhangmantel, in den wir die Hände stecken konnten.

Ich kann mich auch noch gut erinnern, dass sich manche schlanke Dirnen einen Polster hinten hineinsteckten, damit sie besser ausgeschaut haben. Der Vater hat erzählt, dass einmal bei einer Dirn der Polster herausgeschaut hat.

Für die Arbeit im Stall gab es ein eigenes „Stallgewand“.

Die Hose ging nur übers Knie – das war so Brauch.

Fünf Kinder in Sonntagskleidung
Paul, Franz, Anni, Franziska und ich in unseren Festtagskleidern

„Buam kriegen ein neues Gewand“

Als Paul und ich so um die zehn Jahre alt waren, sollten wir ein neues „Gewand“ bekommen. Dazu schickte uns Mutter alleine zum Urkaufschneider in Altoberndorf. Der Schneider war ein hagerer Mann, er hatte nicht viel, aber er wurde sehr geschätzt, weil er ein „Gewand“ machen konnte. Das Wichtigste war: „Lass es dir groß genug machen, damit du lang genug ein Gewand hast!“ Ein neues „Gewand“ war nicht selbstverständlich, da wir nicht viel Geld hatten.

Der Auftrag unserer Mutter lautete: „Schaut´s euch auf´s Gewand!“ Das tue ich auch heute noch. Wenn ich ein neues Kleidungsstück geschenkt bekomme – selber würde ich mir keines kaufen – dann liegt es so lange im Kasten, bis das alte völlig abgetragen ist.

Das Hosenbügeln

Ja, das war so eine Sache. Meistens haben wir am Samstagabend unsere Hosen gebügelt. Wenn wir nicht dazugekommen sind, mussten wir sie am Sonntag in der Früh bügeln. Das Komplizierte war das Bügeleisen, denn wir hatten damals noch kein elektrisches. Damals gab es das Bügeleisen, in das wir die heiße Glut gefüllt haben. Zuerst mussten wir schauen, ob noch eine Glut im Ofen war, wenn nicht, dann haben wir halt noch ein großes Holzscheitel hineingelegt.

Ich weiß noch gut, wie wir die Hose in der Mitte schön zusammengelegt haben, damit die Bügelfalte genau in der Mitte war. Damals hatten unsere schönen Hosen eine Falte. Die „Röhrlhosen“, die später kamen, hatten keine mehr. Wir nahmen dazu ein Handtuch, das wir angefeuchtet haben und legten es über die Hose. Jetzt haben wir die Glut ins Bügeleisen gegeben. Es waren sehr schwere Bügeleisen, überhaupt ein Schneiderbügeleisen. Dann haben wir auf das feuchte Handtuch fest daraufgedrückt, damit ja die Bügelfalte schön wird. Danach haben wir die Hose auf die andere Seite gedreht und auch hier gebügelt. Wichtig war, die Hose schön aufzuhängen. Am nächsten Tag haben wir dann schöne Hosenfalten gehabt. Darauf waren wir wirklich stolz.

Ab 13, 14 Jahren war das Hosenbügeln immer unsere Sache. Es kam nicht oft vor, dass uns die Mutter noch geholfen hat. Natürlich haben wir die Hosen nicht jeden Samstag gebügelt. Nach dem Kirchengehen haben wir uns immer umgezogen und die Hose schön auf den Kleiderhaken gehängt.

Damals gab es noch keine Blue Jeans. Wir hatten nur Stoffhosen. Mit zehn Jahren waren die Hosen dreiviertel lang und die Faltenhosen waren lang. Ich weiß noch gut, wie ich vom Oberndorfer Schneider meinen ersten Anzug bekam. Das war ein schöner langer Rock mit einem feschen Ausschnitt und eine lange Hose aus einem guten Stoff. Es war ein sportlicher Anzug. Aus dem Bubenalter war ich nun heraus. Für den Schneider war es ein Stolz, jemanden einen Anzug schneidern zu dürfen – genauso für denjenigen, der ihn bekommen hat. Ja, so war das mit den Handwerkern.

Genauso war es beim Schweiger-Schuster in Oberndorf, bei dem wir auch waren. Sobald du in sein Geschäft hineingekommen bist, hat er schon geschaut, ob du auch nicht andere Schuhe anhattest, denn der hat seine Schuhe gekannt. Das war der Berufs-Stolz, der Meister-Stolz – muss ich sagen.

Unlängst habe ich mir ein Foto von einer Hochzeit angeschaut. Alle Kinder hatten dort hohe Schuhe an. Wie schon gesagt: Im Sommer hast du keine Schuhe gebraucht und die Schuhe wurden so gekauft, dass sie auch im Winter herhalten konnten. Das war einfach die Einstellung: Sparsamkeit. Die Armstorfer-Kinder sind mit den Holzschuhen in die Schule gegangen, auch mein Schwager Gregor. Auch Zuhause haben wir Holzschuhe getragen, bis eben die Gummi-Stiefel aufgekommen sind. (...)

Neue „sauhäuterne“ Schuhe

Auch neue Schuhe waren eine Besonderheit. Jeder Schuh wurde von unsrem Ortsschuster, dem Herrn Rund, angefertigt. Dazu lieferten wir unser eigenes Sau-Leder. Wir haben also unsere Schweine nach dem Abstechen gehäutet. Das war eine sehr genaue Arbeit. Die Haut haben wir zur Gerberei Stöger nach Eggelsberg gebracht. Diese hast du als dein eigenes Leder wieder bekommen. Für schönere Schuhe hat man drei Schichten Rindsleder verwendet, das wir bei der Gerberei noch zusätzlich kaufen mussten.

Mutter hat uns öfter zum Rund-Schuster nach Göming geschickt. Zu ihm haben wir Schuhe zum Reparieren gebracht. Ich bin gerne in seine Werkstatt hineingegangen, da hat es so gut nach Leder gerochen, und der Schuster war ein lustiger Kerl. (...)

Ich weiß noch, dass der Schuster zu uns auf die „Stör“ kam, bevor wir in Göming einen Ortsschuster hatten. Er reiste von Hof zu Hof, um dort die nötigen Schuhe zu machen. Bei uns war er drei bis vier Tage. Sein Arbeitsplatz war in der Stube. An diesen Tagen gab es eine bessere Kost.

Schuhe trugen wir nur im Winter. Sobald es möglich war, gingen wir wieder barfuß. Das war je nach Witterung ab März oder April. Auch beim Getreidemähen waren wir barfuß! Holzschuhe waren die einzigen Sommerschuhe für den Stall. Das war auch im Winter so. Wenn es viel Schnee gab, stöckelten wir die Holzschuhe auf. Dafür sind wir im Mist fast stecken geblieben. Nur die Rossknechte besaßen auch Feldschuhe. Damals gab es noch keine Halbschuhe, sondern nur hohe Schuhe, auch für das Kirchengehen im Sommer. Der Fuß sollte einen guten Halt haben.

Ich kann mich noch gut an den Winter in den 40er Jahren erinnern: Es war ein strenger Winter. Das dünne Leder unserer Schuhe ließ das kalte Schneewasser durch, wenn wir in die Schule gegangen sind. Damals haben wir viel gefroren. Auch die schafwollenen Socken haben nicht mehr viel genützt. Manchmal durften wir in der Schule die Schuhe ausziehen und auf den Ofen stellen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Unsere Kleidung

Verfasst von Engelbert Absmanner

Auf MSG publiziert im Mai 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Flachgau, Kemating, Göming
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Anna Lettner hat die Erzählungen ihres Vaters Engelbert Absmanner schriftlich festgehalten und in Buchform herausgegeben.

Der Textbeitrag ist diesem Erinnerungsbuch mit dem Titel "Ich kann mich noch so gut erinnern" (2009), S. 35 ff.,  entnommen.

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