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Ich bin illegal eingewandert

von Karl Schulter

Ende Juni 1930 bin ich nach sechs Jahren aus der Schule gekommen. Am 3. Juli hat mich mein älterer Bruder, der schon in Österreich war, geholt. Mit zwölf Jahren bin ich also von den Eltern weggekommen. Über die Grenze bin ich illegal. Mein Bruder hat mich in Ungarn geholt. Es war Sonntag zu Mittag, er ist gekommen, und dann sind wir aufgebrochen, am Abend waren wir in Schattendorf. In Loipersbach war die Grenze. Wenn man da drübergekommen ist, war’s erledigt. Ich bin illegal eingewandert, ich hab keine Papiere gehabt. Man hat aber gewusst, wo man durchkommt.

Mein Bruder war Knecht. Er hat mich dann zu dem Bauern auf Hochegg, nach Himberg gebracht. Da war ich sieben Wochen. Aber dort ist es mir nicht gut gegangen. Erstens hab ich fürchterliches Heimweh, zweitens hab ich eine furchtbare Angst gehabt. Wir haben in einem alten Feldkasten geschlafen; wenn der Knecht nicht da war, hab ich nicht schlafen können. Ich bin so lange auf der Stiege gesessen, bis er gekommen ist. Da hab ich mehr Schläge gekriegt als Essen.

Zum Handler bin ich dann am 6. oder 8. September gekommen. Zuerst war ich ein Halterbua.

Zwei Kinder, im Hintergrund einige gefleckte Kühe

Da ist es mir herrlich gegangen. Ich war komplett unterernährt, ein Bettnässer und alles. Das ist beim Handler oben alles auskuriert worden. Heroben ist es mir gut gegangen. Die haben mich richtig aufpapperlt. Das ist dann meine zweite Heimat geworden.  Nur die zwei Jahre Volksschule, die noch gewesen wären, die wär ich gerne noch gegangen. Aber es hat sich ja niemand darum geschert.
Meine Geschwister sind in Ungarn geblieben. Erst nach fünfzig Jahren haben wir wieder Kontakt gehabt

Informationen zum Artikel:

Ich bin illegal eingewandert

Verfasst von Karl Schulter

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Hochegg / Edlitz
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch: Lebensspuren. Erlebte Zeitgeschichte im Land der tausend Hügel. Bucklige Welt - Heimat in Europa, hrsg. von Johann Hagenhofer und Gert Dressel, Lichtenegg-Ransdorf 2007, S. 83/106.

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