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„Das sind schon sehr bittere Gedanken, bis heute“

von Ernestine Holzbauer

Auch Juden waren im Ringhofer-Haus einquartiert. Sie hatten den Davidstern aufgenäht und mussten dort arbeiten gehen. Da hatte ich einmal ein böses Erlebnis: Wir hatten in Krumbach einen Gendarmen, den ich sehr fürchtete. Denn er hat einmal so geschimpft mit mir, weil ich nicht ordentlich „Heil Hitler“ gegrüßt hab. Man hat die Hand immer auf eine bestimmte Augenhöhe ausstrecken müssen; und ich habe schlampig gegrüßt. Da hat er mich so geschimpft.

Und er hat diese armen Juden einmal in die Arbeit getrieben, mit Gewehr und Bajonett drauf ist er hintennach gegangen. Ich bin in die Schule gegangen, und sie sind mir entgegengekommen. Vor lauter Angst vor dem Gendarmen hab ich mit ausgestreckter Hand pausenlos „Heil Hitler“ geschrien, vor lauter Angst! Dort war ein Jude dabei, der hat mich so traurig angeschaut. Den Blick vergesse ich bis heute nicht. Was der sich gedacht haben muss? Ich schrei „Heil Hitler“ – und ihre Leute werden vergast! Das ist ja furchtbar!

Ein Aufmarsch von Nationalsozialisten, die Straße ist mit Hakenkreuzen beflaggt
Aufmarsch der Nationalsozialisten in Pitten, 1938

Wir hatten auch Zigeuner in Krumbach. Er war ein Köhler in der Sägemühle. Sie hatten große Kohlenmeiler, wo Holzkohlen erzeugt wurden. Daneben haben sie ein Häuserl gehabt. Wir haben zu ihm „Zigeuner-Vater“ und zu ihr „Zigeuner-Mutter“ gesagt. Die Kinder sind mit uns in die Klasse gegangen, die Miazerl und die Reserl Horvath.

Eines Tages kommt eben dieser Gendarm in die Klasse und sagt: „Horvath, ihr kommts mit!“ Die Kinder sind mitgegangen. Wie dann die Schule aus war, haben wir gesehen, dass im Gemeindehof, wo auch jetzt noch die Gemeinde ist, ein großer Lastwagen mit vielen Menschen drauf gestanden ist. Auch die Miazerl, die Reserl, der „Zigeuner-Vater“ und die „Zigeuner-Mutter“ waren drauf.

Sie haben uns gewinkt, wir haben zurückgewunken. Und wir haben uns noch gedacht: „Na super, die können mit dem Lastwagen wo hinfahren.“ Dass sie in Konzentrationslager gefahren sind, haben wir nicht gewusst. Wir haben sie nie mehr gesehen und nie mehr was von ihnen gehört. Das sind schon sehr bittere Gedanken, bis heute.

Informationen zum Artikel:

„Das sind schon sehr bittere Gedanken, bis heute“

Verfasst von Ernestine Holzbauer

Auf MSG publiziert im Juni 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Bucklige Welt, Krumbach
  • Zeit: 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch: Lebensspuren. Erlebte Zeitgeschichte im Land der tausend Hügel. Bucklige Welt - Heimat in Europa, hrsg. von Johann Hagenhofer und Gert Dressel. Lichtenegg- Ransdorf 2007, S. 194/201.

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