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Der versteifte Petticoat

von Rosemarie Hackenbucher

Der Petticoat, das Kleidungsstück der 50er schlechthin, war bekanntlich ein weiter Unterrock mit Spitzenbesatz aus Leinen oder Baumwolle, gegen Ende des Jahrzehnts auch schon aus dem steiferen Perlon oder, noch später, aus Nylon. Die ausladende Unterbekleidung verhalf Kleidern und Röcken dazu, ab der Taille vom Körper weit abzustehen. Nicht selten wurden zwei, drei Unterröcke übereinander getragen. Eine »wahre« Geschichte – vielleicht ist sie auch erst im Lauf der Zeit durch Immer-wieder-Weitererzählen zu einer »wahren « geworden – handelt von einem Mädchen, das wie alle Mädchen damals noch keine langen Hosen besaß und daher in ihrem Kleid mit versteiftem Petticoat die Einladung zu einer Segelpartie auf dem Attersee annahm. Das Boot kenterte im Sturm, die Mannschaft kämpfte um ihr Leben, das Mädchen aber trieb mit ihren bauschigen Röcken oben auf dem Kamm der Wellen.

Fotomontage: Tanzende Frau in einem Petticoat, im Vordergrund die Autorin, im Hintergrund zwei tanzende Männer in Anzug

Mein Problem als Mädchen war, daß meine Mutter für meine Bekleidung Stoffe wählte, die nicht von den unbestreitbaren Vorzügen des Petticoats profitieren konnten. Meine Mutter war eine sehr qualitätsbewußte Frau. Bezeichnungen, die sie in jenen Tagen nach dem Krieg auch noch in den 50ern gern gebrauchte, waren »Vorkriegsqualität « und »Friedensware«, und sie betrafen auch viele Kon sumgüter, vor allem aber die Qualität von Stoffen, und so schwärmte sie von Kammgarn und Tweed, Leinen und Rips, und manchmal auch von Samt und Seide. Ich muß erwähnen, daß sie eine sehr gute Schneiderin war, was ihre Liebe zu Stoffen erklärte.

So fand sie auch ein Geschäft, dessen Besitzerin sie bestens bediente. Das Geschäft war damals in der Herrenstraße und hieß »Schweitzer«. Dort war man sich einig, daß Stoffe aus diesen neuartigen Kunstfasern wirklich das letzte an Stoffqualität waren, ja nicht einmal die Bezeichnung Stoff verdienten. So war ich armer Teenager ausgeschlossen von all den schicken Kleidungsstücken der damaligen Zeit: von abstehenden, bunt glänzenden Röcken und Kleidern aus Everglace, das war ein mit geprägten Punkten übersäter, steifer, glänzender Stoff in auffallend bunten Farben, dessen Nähte nicht niedergebügelt werden konnten. »Wie Papier« sei der Stoff, war der Kommentar meiner Mutter.

Einige Zeit später kamen die ersten Strumpfhosen. Sie waren schon elastisch, also glatt anliegend, aus synthetischem Material. Warum in aller Welt diese neuen Dinger fürs erste nur in knallrot erhältlich waren, weiß ich nicht, aber Grund genug, daß sie meine Mutter mit einem geringschätzigen »wie Störche kommen sie daher« abtat. Ich versuchte ihr mit neuen Argumenten beizukommen und pries die gesundheitsfördernde und hygienische Seite solch einer Beinverpackung bis zur Taille. Das leuchtete ihr sofort ein, und so ließ sie mir eine aus Wolle in beiger Farbe in einer Strickerei anfertigen. Da man dort damals noch nicht rund stricken konnte, hatte meine Strumpfhose seitlich innen eine Naht, was mich natürlich störte, und so zog ich das gute Stück höchstens zum Eislaufen und zu sonstigen Wintersport-Aktivitäten an. Viele Jahre vergingen, die Palette der Kunstfaserstoffe wurde immer größer, die Modelle schicker und die Auswahl größer.

Als ich dann älter wurde, war auch meine Mutter etwas toleranter und so stürzte ich mich eines Tages mit etwas Geld in der Tasche in einen Kaufrausch. Ich fuhr mit meinem Cousin auf einem Lohner-Motorroller nach München. Das gute Fahrzeug trug uns ohne Panne zum gewünschten Ziel, wo wir bei Verwandten wohnen durften. Der Reisekomfort war nicht sehr hoch, und so kamen wir ziemlich durchgeschüttelt an. Nach kurzer Rast ging es dann auf zum Shopping – nein, so bezeichnete man das damals noch nicht – zum Einkaufen. Ich konnte gar nicht genug bekommen vom Bummeln in den großen Kaufhäusern, wo die Kleidungsstücke frei sichtbar auf Ständen hingen, wo man sie angreifen, eventuell herunternehmen und an sich halten konnte. Die Fülle war überwältigend und die Auswahl schwer. Schließlich erstand ich zwei Treviraröcke mit Permanentfalten und war selig. Sie waren für längere Zeit der Grundstock meiner Garderobe.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der versteifte Petticoat

Verfasst von Rosemarie Hackenbucher

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch "Jung-Sein in Linz. Geschichten aus den 50ern", hrsg. von Heide Stockinger, Wien 2008, S. 39-41.

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