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Der Puch-Roller

von Dieter Fuchshuber

Zögernd hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Motorisierung begonnen. Es gab schon einige Autos, die typischen »Amerikaner« dieser Zeit, und als Besonderheit den von Tschechien importierten Tatra Plan mit der für diese Wagenmarke charakteristischen Heckflosse. Mein Vater besaß so einen Tatra Plan, und ich war glücklich, wenn ich mit diesem schönen Wagen im Hof auf- und abfahren konnte, unter dem Motto »Ich wasche den Wagen«.

Als österreichische Neuheit ist dann der Puch-Motorroller aufgetaucht. Vorher hatte es schon den Lohner-Roller gegeben, der sehr rasch Verbreitung fand, aber die Sensation war der Puch-Roller! Dunkelgrün war das Modell der ersten Stunde; es hatte 125 Kubik und einen Soziussitz, sodaß man damit auch zu zweit auf Reisen gehen konnte. Dieser Roller war der Traum aller Jugendlichen und auch Erwachsenen. Er war nur sehr schwer zu bekommen, sein Erwerb war verbunden mit langen Wartezeiten. Starke Konkurrenz für den Puch-Roller kam aus Italien unter dem Namen »Vespa«. Am Berg war der Puch-Roller gegenüber der Vespa im Vorteil, er hat die Vespa hinter sich gelassen. In der Ebene hat dann aber die Vespa ihre Stärken gezeigt.

Mann auf Puchroller, Puchroller von der Seite und Tachometer eines Puchrollers

Ich wollte unbedingt so einen Puch-Roller haben und redete daher meinem Vater ein, daß sich mein um vier Jahre älterer Bruder, der ein braverer Sohn und besserer Schüler war als ich, einen Puch-Roller wünsche. Ich hatte schon mit 16 Jahren, im Herbst 1945, bei den Amerikanern meinen Führerschein machen können, sodaß ich mit dem Puch-Roller fahren durfte. Weil der Ansturm auf den Puch-Roller so groß war, war er nur auf Zuteilung zu bekommen. Ich wußte aber, daß mein Vater den Generaldirektor der Steyr-Werke gut kannte, und habe daher meinen Vater so lange bearbeitet, bis er mit mir nach Steyr fuhr. In wenigen Wochen war ich an mein Ziel gelangt, und der Roller wurde in die Niederlassung der Steyr-Werke in der Scharitzerstraße ausgeliefert. Ich durfte den funkelnagelneuen Puch-Roller dort abholen. Das war ein Aufsehen, als ich den Roller quer durch die Stadt zu unserer Firma in der Kaplanhofstraße schob! Fahren dufte ich nicht, weil der Roller noch nicht angemeldet war. (…)

Ich kehre nun zurück zu meinem geliebten Puch-Roller und schildere, wie ich mir in jugendlichem Leichtsinn einen Spaß erlaubte, der auch schief hätte gehen können. Der Puch-Roller gehörte zwar meinem Bruder, aber einen der beiden Startschlüssel des Rollers konnte ich behalten. Ich glaube, ich habe den Roller öfter benutzt als er! Klammheimlich und leise habe ich den Roller aus unserer Garage geschoben und erst in der Huemerstraße gestartet, wenn ich zum Beispiel mit einem Mädchen zum Pichlinger-See baden fahren wollte.

Auch meine heutige Frau Elisabeth nahm ich als Mädchen mit dem Roller mit, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Ich traf sie auf einem Handelsakademiker-Ball. Ein Tisch war für die »Industrielle Jugend« reserviert, der ich angehörte. An dem Tisch saß auch ein mir nicht bekanntes hübsches Mädchen, das ich zum Tanz aufforderte, der bis in die frühen Morgenstunden dauerte. Ich lud dann dieses Mädchen zu einer Rodelpartie auf den Gmundner Grünberg ein. Die Rodelfahrt war so rasant und heftig, daß die Rodel bei den letzten »Schupfen« im Tal zu Bruch ging. Auf der Heimfahrt legten wir noch bei der »Roten Kapelle« zwischen Lambach und Wels einen Halt ein und tanzten einen Boogie, der aus dem Autoradio des Tatra Plan ertönte.

Unsere Freundschaft vertiefte sich, der Sommer zog ins Land. Ich dachte mir, ein so unternehmungslustiges Mädchen wie die Elisabeth sollte eigentlich lernen, wie man einen Motorroller fährt. Ich fuhr zum Wohnsitz meiner Angebeteten, zu dem schönen Jugendstilpalais Ecke Goethestraße-Franckstraße, wo heute das ORF-Landesstudio Oberösterreich steht. Das Jugendstilpalais, meiner Ansicht nach das schönste, das Linz hatte, wurde beim Bau des Landesstudios abgerissen. Es war etwas bombenbeschädigt, hätte aber renoviert werden können. In dem wunderschönen großen Park, der zum Palais gehörte, stand auf einer riesigen Wiese eine ausladende Platane. Sie steht heute noch auf der kleinen, vor dem ORF verbliebenen Grünfläche.

Der Park war meiner Meinung nach bestens dazu geeignet, Rollerfahren zu erlernen. Ich machte Elisabeth mit den Funktionen vertraut und startete das Fahrzeug. Sie hat wohl gut zugehört, ist dennoch etwas skeptisch auf das Fahrzeug gestiegen und mutig damit um die Platane herumgefahren. Leider hatte sie vergessen, wie man die Kupplung bedient, hat den Gasgriff auf schneller gedreht und ist somit in immer flotterem Tempo um den Baum gekurvt. Ein zur Familie gehörender schwarzer Pudel, der uns schon eine Weile beobachtete, drehte durch und lief kläffend hinter dem Puch-Roller her. Der Lärm vom Park drang bis ins Haus, die Haushälterin erschien händeringend im Tor und rief: »Um Gottes Willen, der schöne Rasen, wenn das der Herr Breyer sieht!«

Ich lief nun ebenfalls hinter dem Roller her und schrie Elisabeth zu, sie solle auf die Bremse steigen und den Motor abwürgen. Der Roller kam zum Stillstand, aber es war nicht zu übersehen: Das Umkreisen der Platane und das scharfe Bremsmanöver hatten in der Wiese Spuren hinterlassen. Elisabeth und ich versuchten, die plattgewalzten Grashalme wieder aufzurichten, und streuten Laub auf die verräterischen Spuren. Wir baten die Haushälterin, uns nicht zu verraten, was für mich von besonderer Wichtigkeit war, sollte doch Hermann Wilhelm Breyer, Elisabeths Vater, der der österreichischen Franck-Kathreiner-Gruppe vorstand, mein Schwiegervater werden.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der Puch-Roller

Verfasst von Dieter Fuchshuber

Auf MSG publiziert im August 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Text ist ein (gekürzter) Ausschnitt aus dem Buch "Jung-Sein in Linz. Geschichten aus den 50ern", hrsg. von Heide Stockinger, Wien 2008, S. 98-103

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