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Lieder der Kindheit, aber keine Kinderlieder

von Herta Weghaupt

Vor kurzem fiel mir ein Volksschulliederbuch aus der damaligen Zeit mit Texten von Liedern in die Hände, an die ich mich noch aus der Kindergartenzeit erinnere. Sie verursachten mir heute noch eine Gänsehaut, und ich war zwei Tage schrecklich deprimiert. Ein Lied mochte ich überhaupt nicht, es bereitete mir als Kind schon arge seelische Qualen:

Hohe Nacht der klaren Sterne,
die wie weite Brücken stehen,
über einer tiefen Ferne
drüber unsere Herzen gehen.

Ich wollte über keine weite Brücke gehen, schon gar nicht bis zu den Sternen hinauf, ich wünschte mir, mein Vater solle zu mir kommen! Und dieses Lied wurde vorwiegend zur Weihnachtszeit gesungen! Von anderen Liedern kann ich heute erst die Manipulation begreifen. Unter den Nazis hieß es:

Von all unseren Kameraden war keiner so lieb und so gut
als unser Sturmführer Wessel, ein lustiges Hakenkreuzlerblut.

Nach derselben Melodie ließen die Kommunisten folgendenText singen:

Von all unseren Kameraden war keiner so lieb und so gut
als unser kleiner Trommler, ein lustiges Rotgardistenblut.

Bei festlichen Anlässen wurde dieses Lied gesungen:

Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen,
SA marschiert im ruhigen, festen Schritt,
Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
marschieren im Geist in unseren Reihen mit.

Von dem Text begriff ich nichts, aber das Lied fand ich entsetzlich, denn es ermüdete mich furchtbar, weil wir mit vorgestrecktem Arm im Hitlergruß verharren mussten, bis alle Strophen zu Ende gesungen waren.

Ein anderes Lied sollte bei den jungen Menschen das Fernweh schüren:

Wenn die bunten Fahnen wehen,
geht die Fahrt wohl übers Meer,
woll'n wir fremde Lande sehen,
fällt der Abschied uns nicht schwer.
Leuchtet die Sonne, ziehen die Wolken,
klingen die Lieder weit übers Meer.

Die Melodie gefiel mir damals sehr gut. Das Lied wurde als Wanderlied auf Ausflügen gesungen. Die Melodie lebt heute noch im „Bergkameradenlied“ mit anderem Text weiter. Sehr beliebt war das Englandlied, heute würde man sagen ein Schlager:

Heute wollen wir ein Liedlein singen,
trinken wollen wir den kühlen Wein.
Und die Gläser sollen dazu klingen,
denn es muss, es muss geschieden sein.
Gib mir deine Hand, deine weiße Hand,
leb wohl, mein Schatz, leb wohl, mein Schatz,
leb wohl, lebe wohl,
denn wir fahren, denn wir fahren,
denn wir fahren gegen Engelland.

Wie überheblich und aggressiv sind die folgenden Reimereien der Jahre 1940/41 – auch wenn „rote Rosen“ vorkommen:

Wir fliegen gegen Engelland,
was blühen die Rosen so rot,
wir fliegen gegen Engelland
und mit uns fliegt der Tod.

Auch das nachfolgende schaurige Lied, das uns schon damals makaber vorkam, fand sich in dem erwähnten Liederbuch. Dieses Lied bereitet mir noch heute körperliches Unbehagen. Es wurde von den größeren Kindern und Jugendlichen beim Sonnwendfest gesungen. Sie wollten mit diesem Lied die Eltern- und Großelterngeneration lächerlich machen. Die Lehrer durften es nicht hören, in unserer Schule war es wegen der unverhohlenen Respektlosigkeit gegenüber den Älteren verboten, es wurde nur im Geheimen gesungen:

Es zittern die morschen Knochen
der Welt vor dem großen Krieg.
Wir haben den Schrecken gebrochen,
für uns war's ein großer Sieg.
Wir werden weitermarschieren,
wenn alles in Scherben fällt.
Denn heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt.

Und mögen die Alten auch schelten,
so lasst sie nur toben und schrei'n.
Und stemmen sich gegen uns Welten,
wir werden doch Sieger sein.
Wir werden weitermarschieren,
wenn alles in Scherben fällt.
Denn heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt.

Und liegt vom Kampf in Trümmern
Die ganze Welt zuhauf,
das soll uns den Teufel kümmern,
wir bauen sie wieder auf!
Wir werden weitermarschieren usw.

Aber einen Liedtext gab es, der beflügelte meine Phantasie:

Die blauen Dragoner, sie reiten
mit klingendem Spiel durch das Tor,
Fanfaren sie begleiten
hoch zu den Dünen empor.

Die wiehernden Rosse sie traben,
die Birken sie biegen sich lind,
die Fähnchen auf den Standarten
flattern im Morgenwind.

Ich stellte mir einen Ritterzug mit Schellengeläute ähnlich dem Till Eulenspiegel vor, mit Masken und lustigen Kostümen – damals empfand ich es nicht als Soldatenlied.

Wir erlebten sehr viele Zwänge. Vieles war ganz konträr zu dem, was mir in der Familie vermittelt wurde: dass gerade denjenigen zu helfen sei, die schwach sind. In unserer Familie gab es viele Kranke, sie hatten ein Recht auf Hilfe und Zuwendung. Ich begreife erst heute, in welchen Zwiespalt ich damals gekommen war.

Titelbild Aquarell
Informationen zum Artikel:

Lieder der Kindheit, aber keine Kinderlieder

Verfasst von Herta Weghaupt

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Wullersdorf
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Auszug aus dem Buch "Trauma versunken im Fluss" von Herta Weghaupt, S. 64-66.

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