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Lehrers Namenstag

von Johann Vossen

Die Erinnerung an meine Volksschuljahre ist eigentlich nur positiver Natur. Einen einzigen düsteren Punkt gab es dennoch, als wir nämlich, unserer drei, von unserem Lehrer Josef Gottschalk die Prügel unseres Lebens bezogen. Die hatten wir zugegebenermaßen verdient, was schon dadurch erwiesen ist, dass wir daheim dieselbe Tracht Hiebe noch einmal erhielten, nachdem man ein klärendes Wort mit dem Lehrer geredet hatte. Die Sache ist vergessen, das wunde Sitzfleisch ist längst verheilt. Es gab sehr viel mehr Schönes in unserer kleinen Schule in Nonnenbach, einer Ortschaft der Eifelgemeinde Blankenheim.

Ein Jahr lang hatte ich bei Dechant Hermann Lux im Nachbarort Blankenheimerdorf Lateinunterricht erhalten. Das ermöglichte mir in 1948 beim Eintritt ins Gymnasium Steinfeld das „Überspringen“ der Sexta, meine erste Gymnasiumsklasse war die Quinta. Einen solchen Schritt würde ich nie mehr wieder tun und ihn auch niemandem empfehlen. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich „mitkam“ in der Klasse, es war ein fürchterliches halbes Jahr. Immerhin: Pastor und Eltern hatten mein Bestes gewollt. Als mich Lehrer Gottschalk aus seiner Schule entließ, machte er nicht viele Worte, meinte nur einfach: „Mach mir da in Steinfeld keine Schande.“ Ich habe mein Möglichstes getan und des Lehrers Mahnung nach Kräften beherzigt, mit einigem Erfolg, wie ich meine.

Heute ist das kleine Schulgebäude am Ortsrand von Nonnenbach längst in Privatbesitz, die Schule wurde 1964 wegen Schülermangel geschlossen und das Gebäude verkauft. Sein Anblick weckt aber Erinnerungen an die unbeschwerte Kinderzeit: Das ebenerdige Klassenzimmer, die fünf langen viersitzigen Schulbänke, die Tischplatten grün lackiert, mit dem Tintenfass aus Blei, in das sich mit dem Griffel verbotenerweise Zeichen einritzen ließen. Der mächtige Kanonenofen, der mit Holz geheizt wurde, das Brennholz stapelten wir Schüler in der „Werkstunde“ mit dem Lehrer im kleinen Schuppen hinter dem Schulhaus auf. Das lange Ofenrohr verlief quer durchs Klassenzimmer zum Kamin in der hinteren Wand. Die kippbare große Tafel, die Rechenmaschine mit den bunten Holzkugeln, der ausfahrbare Kartenständer, vorne rechts das Katheder mit dem Lehrerpult…  

ein einstöckiges Haus, im Vordergrund ein zweites Gebäude, der Holzschuppen mit einem Brennholzstapel
Das Schulhaus Nonnenbach (1963), im Vordergrund der Holzschuppen mit Brennholzstapel. Am 31.03.1964 wurde die Schule geschlossen. © Hejo Mies

Wir waren meistens um die 20 Schüler quer durch alle acht Schuljahre, in einem einzigen Klassenzimmer, von einem einzigen Lehrer unterrichtet. Wir kannten keinen Taschenrechner, dafür konnten wir aber das Einmaleins auswendig, das Kleine (1 bis 10) komplett und vom Großen (11 bis 20) den größten Teil. Margit Lejeune, die Tochter des damaligen Lehrers aus dem Nachbarort, hat es vor Jahren einmal so formuliert: „Mathematik kannten wir nicht, aber wir konnten rechnen.“ Wir lernten noch die Sütterlin-Steilschrift und malten das kleine i als unseren ersten Buchstaben auf die Schiefertafel mit den begleitenden Worten: „Auf, ab, Strichelchen drauf.“ Der Griffel kratzte fürchterlich auf der Tafel.

In unserem kleinen Dorf war der Lehrer die Respektsperson schlechthin. Er war der Mann, dem jeder im Dorf, und ganz besonders natürlich wir Kinder, mit Achtung begegnete. Er ging in jedem Haus ein und aus, er kannte die häuslichen Verhältnisse, ihn fragten die Leute um Rat in schwierigen Situationen. „Jottschalek“, so nannten ihn die Erwachsenen, fand sich auch als gern gesehener Mitspieler zu den abendlichen Skatrunden ein, die mangels einer Gaststätte reihum in den Wohnstuben tagten. Lehrer Gottschalk hieß mit Vornamen Josef und feierte somit am 19. März seinen Namenstag. Das war für uns Schüler stets ein Ereignis, dem wir wochenlang entgegenfieberten.

Tage vor dem Fest holten wir im nahen Wald Fichtenzweige und fertigten mit Unterstützung der Eltern Girlanden und bunte Papierschleifen, sofern farbiges Papier in jener miserablen Zeit überhaupt zu haben war. Die Mädchen bastelten kleine Geschenke in Gestalt von Blumengebinden oder selbstgenähten Ziertüchern. Zu kaufen gab es in den 1940er Jahren wenig und die kärglich vorhandenen Haushaltsgroschen wurden an anderer Stelle nötiger gebraucht. Für Lehrers Namenstag war also Selbsthilfe angesagt, trotzdem war es immer für alle Beteiligten ein unvergessliches Ereignis.

Am Tag vor dem Fest war zu festgesetzter Stunde Geheimtreffen bei der Lehrersfrau im Schulhaus. Sie hieß Anna und war eine gütige und verständnisvolle Dame, wir Schüler hatten sie alle gern. Der Lehrer selber war bei unserem Geheimtreffen in aller Regel „zufällig mit dem Fahrrad unterwegs“ – er besorgte bei dieser Gelegenheit bei seinem Berufskollegen und Namensvetter Josef Lejeune in Blankenheimerdorf den Projektor für die obligatorische Namenstags-Filmschau. In unserer kleinen Schule gab es weder einen Film- noch einen Diaprojektor. Lehrer Lejeune war damals für unseren Bereich amtlicher „Filmwart“.

Frau Gottschalk schloss uns das Klassenzimmer auf und wir richteten es für die Feier am nächsten Morgen her. Die Girlanden wurden aufgehängt und das Lehrerpult mit einem Riesenstrauß frischer Weiden- und Haselkätzchen geschmückt. Besonderes Augenmerk galt der großen Tafel, die zu diesem Anlass auch einmal gründlich gereinigt wurde. Im Schulalltag wies sie stets einen grau-weißen Kreideschleier auf. Im winzigen Lehrmittelschrank fanden sich Reste von bunter Tafelkreide, die ziemlich rar war und wie ein Schatz gehütet wurden. Der oder die Malkundigste unter uns verwandelte mittels der Kreidereste die Schultafel in ein Glückwunschgemälde. Zum Schluss wurden noch die Geschenke bereitgestellt. Ungeduldig erwarteten wir dann den kommenden Morgen, an dem wir ausnahmsweise einmal bereitwillig und zeitig zur Schule gingen.

Porträtaufnahme des Lehrers Gottschalk
Unser Lehrer Josef Gottschalk, von 1934 bis 1950 Lehrer in Nonnenbach. © Hildegard Klassen-Gottschalk

„Ja was ist denn hier los!“ Der Lehrer war starr vor Staunen, wenn er das Klassenzimmer betrat. Eingehend begutachtete er die Dekoration, war des Lobes voll und erkundigte sich nach dem Künstler, der „die Tafel so hervorragend hergerichtet hat“, und nahm schließlich gerührt die Glückwünsche und Geschenke entgegen. Manchmal wurden Gedichte vorgetragen oder ein lustiges Lied angestimmt. Nach der offiziellen Gratulationscour meinte das Namenstagskind dann zwangsläufig: „Ja, da können wir wohl heute keinen Unterricht halten! Wartet mal, ich glaube, ich habe da ein paar Filme …“

Auf dieses Stichwort hatten wir lange gewartet. Im Handumdrehen war der Projektor aufgebaut. Als Tisch diente ein eigens zu diesem Zweck beschafftes quadratmetergroßes Brett, das auf die Lehnen der beiden hinteren Bänke gelegt wurde. Die weiße Rückseite einer großen Landkarte war unsere Filmleinwand. Die Fenster besaßen keine Vorhänge, sie wurden mit Verdunkelungspapier dicht gemacht oder mit Decken verdunkelt, die unsere Schulkameradin und Lehrerstochter Hildegard aus der Wohnung besorgte.

Unser Filmmaterial bestand aus FWU-Lehrfilmen für den Schulunterricht. Ein paar Titel sind mir noch in Erinnerung: „Bergsteiger in den Allgäuer Alpen“, „Die rote Waldameise“, „Im Spreewald“. Es gab auch Puppen-Trickfilme wie „Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel“ oder auch „Die Stadtmaus und die Feldmaus“ – Verfilmungen von Lesestücken aus unserem Schulbuch. Gelegentlich verirrte sich dieser oder jener Propagandastreifen unter den Stapel Filmbüchsen, was aber unserem Kinovergnügen keinerlei Abbruch tat. Filme sahen wir nicht allzu oft und da war uns der Inhalt ziemlich egal.

In Erinnerung ist mir sogar ein Spielfilm mit dem Titel „Wilhelm Bauers Tauchboot“. Unser Lesebuch enthielt damals eine Kurzfassung über Wilhelm Bauer, der den „Brandtaucher“ erfand und ihn „Seeteufel“ nannte. Das Boot sank 1851 bei der ersten Probefahrt im Kieler Hafen, die Besatzung konnte sich retten. Der Spielfilm hatte dieses Ereignis zum Inhalt. Es gab sogar gelegentlich in unserer Schule Kinoabende für die Erwachsenen, an einen erinnere ich mich noch: „Der Hund von Baskerville“ in der schwarz-weißen Urfassung. Nach Absprache zwischen Eltern und Lehrer durften die Ältesten von uns Schülern den Film sehen.

Unser Schulkino war ein Stummfilmkino, den Tonfilm gab es zumindest in den kleinen Volksschulen noch nicht. Das dauernde Mitlesen der Untertitel war anstrengend und ermüdend, aber wir kannten es nicht anders. Meinen ersten Tonfilm sah ich Jahre später beim Wanderkino in Blankenheimerdorf. Er hieß „Wetterleuchten um Maria“ und war ein Heimatfilm. Die Schulfilmrolle fasste 120 Meter 16-Millimeter-Schmalfilm, nach 10 Minuten Laufzeit war „Aktwechsel“ und damit eine Unterbrechung. Das war auch anfangs noch beim Wanderkino üblich, das Publikum nahm es als selbstverständlich in Kauf.

Autor mit altem Filmprojektor beim Einlegen eines Films
Ein schönes Hobby: Der Schulfilmprojektor aus Kinderjahren. © Pressefoto Gudrun Klinkhammer

Die Filmerei hat mich von Kind an fasziniert. Mit 16 Jahren besaß ich selber ein Heimkino mit mechanischem Kurbelantrieb und einer Reihe kurzer Spiel- und Trickfilme. Da war sogar ein dreiteiliger Western dabei: „Überfall auf den Goldexpreß“ und ein ebenfalls dreiteiliger Bergfilm: „Kampf auf Leben und Tod“, ein Stumm-Auszug aus dem Spielfilm „Heimat deine Sterne“ mit Adrian Hoven. Projektor und Filme habe ich später verschenkt. Heute besitze ich einen jener Schulfilmprojektoren aus meiner Kinderzeit samt einem Stapel zugehöriger Stummfilme. Es ist ein schönes Hobby. Von Zeit zu Zeit schaue ich mir ein paar Filme an, träume von der Schulzeit vor fast 70 Jahren, fühle mich ins kleine Schulhaus nach Nonnenbach zurückversetzt und feiere Lehrers Namenstag.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Lehrers Namenstag

Verfasst von Johann Vossen

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Eifel, Blankenheim (Ahr)
  • Zeit: 1940er Jahre, 2000er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist dem Erinnerungsbuch "So war's bei uns. Eifelgeschichten erzählt von Johann Vossen" entnommen.

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