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Der Marsch 21.5.1977 – 30.5.1977 (zu Fuß von Salzburg nach Zwentendorf)

von Christoph Mittler

Der Marsch war bei seiner Erfindung sicher so einsilbig gedacht wie es klingt. Erfunden eines Abends in Innsbruck im so genannten KOZ (wie Kommunikationszentrum), dem linken alternativen Gegenstück zum KOMM (wie Kommunikationszentrum), einer ÖH-Einrichtung.

Bei gleicher Grundidee „Kommunikation“ verlief die propagandistische Auseinandersetzung zwischen den Kommunikationszentren: revolutionär vs. revisionistisch, naturgemäß scharf und originell bei gewisser Sprachlosigkeit: „Komm ins KOZ und kotz ins KOMM“. Dort im KOZ stieg also spät abends der Geist aus der Flasche: Der Marsch nach Zwentendorf.

Phantasiert als eine Welle: Klein beginnend im Westen (Vorarlberg) sollte sie nach Osten hin entrüstungs- und zahlenmäßig anschwellend das feindliche AKW wegbranden. Vor unserem geistigen Auge erschien ein täglich solidarisch riesiger werdender Demonstrationszug, schlussendlich vielleicht: „Was glaubst du? Tausende?“ Na, auf jeden Fall anschwellend.

Die Strecke wurde entsprechend einer meiner kindlichen Maßeinheiten (die längste Reise meiner Kindheit führte von Salzburg nach Wien – „pfah, weit“) auf die klassische 300 Kilometer Distanz verkürzt: „Das muss reichen.“ Die Ausschreibung zur Teilnahme war „international“ an alle Bürgerinitiativen in den Bundesländern, wenngleich nicht unbesorgt in Bezug auf die politische Zuverlässigkeit einzelner, denen eher biologistische Ängste um die deutsche Erbmasse nachgesagt wurden. Einladungen wurden verschickt, Genehmigungen der Bezirkshauptmannschaften entlang der Wanderroute eingeholt und die Presse verständigt. („Der 300 km-Marsch von Salzburg nach Zwentendorf“).

Jede Massenbewegung braucht einen Kristallisationspunkt und der marschierte teils bloßfüßig und mit Zöpfen (Vorarlberger Bauernmädchen), teils jesusmäßig mit Riemenschlapfen, teils pragmatisch equipmentiert mit gutem Schuhwerk (Wanderschuhe) in Salzburg los, kernartig eben, somit zahlenmäßig klein, am Ortsschild Salzburg pünktlich von den örtlichen Sympathisanten mit guten Wünschen verlassen.

Das hätte zu denken geben können, aber das Wetter war schön, die Idee auch und noch unverbraucht.

Der propagandistische Erfolg sollte einerseits durch die marschierende Truppe mit Transparenten und die erhoffte Verkehrsbehinderung erreicht werden, andererseits sollte ein Lautsprecherwagen entlang der Marschroute über die Gefahren der Atomkraftwerke einerseits und unser opferreiches Marschieren für den guten Zweck andererseits informieren. Teil der Agitation waren Flugblätter in einer für die damaligen Verhältnisse wahnwitzigen Auflage von 25.000 Stück.

Der Aufmacher der Flugblätter waren plakative Darstellungen von grauslichen kindlichen Missbildungen. Mit dem Abstand der inzwischen vergangenen Zeit vermute ich unsere Hoffnung dahinter, die zumindest in Bezug auf AKWs noch unaufgeklärten dörflichen Frauen würden nach einem Gespräch mit dem Politkommissär die Schürzen weglegen und sich „spontan“ (möglichst noch die Ehemänner unterfassend) dem Protestzug im Sinne der Welle anschließen.

Kontakte zur Bevölkerung sind ja seit jeher ein sehnsüchtiger Wunsch eines jeden politischen Intellektuellen und: so sehnsüchtig wie schwierig. Ein Versuch, solche Kontakte herzustellen hätte gleich am ersten Tag beinahe in einer Katastrophe geendet, als sich der fliegende Agitationstrupp mangels Diskussionswilligen in den Dörfern mit den von Missgeburten strotzenden Flugblättern einer Hochzeitsgesellschaft im Gasthaus (sicher thematisch und zeitlich verfehlt) näherte.

Wenn auch der direkte agitatorische Erfolg klein blieb, war doch die Entwicklung bei der Verkehrsbehinderung sehr befriedigend und die mit Blaulicht vor und hinter der Marschgruppe fahrenden Gendarmeriefahrzeuge verliehen der Sache Gewicht und Würde, fotografierende Staatspolizisten versetzten uns in den Vorhimmel der politischen Verfolgung.

Der zweite Marschtag war vom Wetter her sehr schlecht und ist in meinem Album unter dem Titel „Die Krise“ fotografisch festgehalten. Der Regen bewirkte eine gewisse Auflösung und beinahe wäre alles abgebrochen worden. Doch die Hoffnung auf die zuströmenden Massen in Linz (und der gute Wetterbericht) brachten den Entschluss zum Weitermarschieren.

Atmosphärisch waren eher die Intellektuellen für Abbrechen und die Bregenzerwälderinnen fürs Weitermachen („nit lugg lo“).

Die Verkehrsbehinderungen bis zum Etappenziel Linz mit ihren im Schritttempo den „Marsch“ passierenden Autokolonnen ermöglichten den Teilnehmern tatsächlich den Absatz der gesamten Flugblattauflage – gerade noch rechtzeitig, denn ab Linz führte der weitere Verlauf der Marschroute über die unverständlicherweise unbefahrene Bundesstraße entlang der Autobahn durch die Felder und Wälder. Trotzdem (selten war uns der Wortsinn des Wortes trotz-dem so klar) wurde weiter marschiert und die Transparente hochgehalten, wenngleich sie in der Mitte schon etwas durchhingen. Das wackelnde und flatternde kleine Grüppchen inmitten der Felder erinnerte immer mehr an eine kleine Fronleichnamsprozession.

Der Punkt, der uns unser Scheitern am deutlichsten vor Augen führte, war die dramatische Einsparung an Exekutive ab dem Etappenziel Linz. Die bis Linz lückenlos und notwendigerweise vor und hinter dem Marsch mit Blaulicht fahrenden Funkstreifen konnten ab Linz getrost durch einen dicken Landgendarmen auf einem Puch-Moped ersetzt werden, mit dem wir uns bald anfreundeten, schon alleine deshalb, weil er sich als verlässlicher Begleiter, als eines der wenigen Objekte der Agitation anbot.

Die durchwanderten Ortschaften stellten sich nach der Vorarbeit durch den Lautsprecherwagen für die Marschierenden wie ausgestorben dar, kaum einer der Bewohner folgte der flehentlich vorgetragenen Aufforderung des Chefagitators: „Bitte kommen Sie zum Dorfplatz und bitte diskutieren Sie mit uns.“

Wenngleich der Job des Sprechers anfangs teils aus Eitelkeit, teils aus Marschfaulheit recht begehrt war, überließ man die Arbeit des Persevierens („die österreichischen Bürgerinitiativen fordern …“) bald gerne einem, der wahrscheinlich die Kunst des Weghörens besser verstand.

Es war eine große Anstrengung, besonders körperlich, das brachte die Sache für die Teilnehmer zu einem guten Ende, auch wenn die Welle bis vor die Tore Zwentendorfs nur ein Gekräusel blieb.

Mit dem Wechsel vom Exekutivkonvoi zum Gendarmen mit Moped wurde „der Marsch“ endgültig zum Wandertag der österreichischen Bürgerinitiativen und was auf breiter Ebene ausblieb, wurde in der kleinen Gruppe möglich. Die Werktätigen öffneten sich den Intellektuellen und umgekehrt. Das Bauernmädchen mit den Zöpfen tanzte mit einem Studenten in runder Nickelbrille zur Flöte eines Maoisten zusammen mit einem Derwisch tanzenden Innsbrucker Postbeamten. Ein gesellschaftspolitisch gesehen biblischer Zustand.

Wenn der Weg das Ziel ist, so wird das Ziel selbst bedeutungslos. (Schade, dass eine schöne existenzialistische Weisheit als Gag an einen Autokonzern verschwendet wurde).

Entsprechend gelassen reagierten die Helden des Marsches auf den Anblick des Erzfeindes, des „A.K.W.“. Der Mitleid erregend hässliche Betonklotz mitten in nichts wie Gegend wirkte unbeholfen. Stark, wie sich alle fühlten, war uns, glaube ich, schon damals klar, dass wir vor einem harmlosen Toten standen.

Somit beruhigt und gelassen unpathetisch löste sich die Gruppe der Marschierer auch wieder auf, und nie wurde ein Kameradschaftsbund gegründet oder ein Veteranen-Klassentreffen veranstaltet.

Jawohl!

Buchcover: Atomkraftwerk Zwentendorf mit leicht geneigtem Schlot
Informationen zum Artikel:

Der Marsch 21.5.1977 – 30.5.1977 (zu Fuß von Salzburg nach Zwentendorf)

Verfasst von Christoph Mittler

Auf MSG publiziert im Oktober 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Österreich, Tirol, Salzburg, Oberösterreich, Niederösterreich
  • Zeit: 1970er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von:

Heimo Halbrainer, Elke Murlasits, Sigrid Schönfelder (Hg.): „Kein Kernkraftwerk in Zwentendorf“ – 30 Jahre danach, Weitra 2008; S. 69  ff.

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