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Unglückliche Brauchtumspflege

von Kurt Musil

Wir waren angehende Maturanten, jedoch alles andere als vermögend, unsere Geldtaschen waren voller Vakuum, also leerer als leer, wir wussten gar nicht mehr, wozu wir sie überhaupt hatten.

Was tun? Es war Vorweihnachtszeit. Vom Religionsprofessor erfuhren wir, dass starke Nachfrage an Nikologruppen bestünde. Die Rettung in höchster Not schien sich anzubahnen. Wir erkundeten den freien Markt. Zehn Familien wurden ausfindig gemacht, die am Abend des 6. Dezember an einem Besuch von Nikolo und Krampus interessiert waren. Wir hatten den Ehrgeiz, als die „Original Nikologruppe“ in die Geschichte von Graz einzugehen. Die läppischen Ministrantengewänder der Pfarre und Großmutters alte Pelze waren uns als Basis der Kostümierung bei weitem nicht gut genug. Gute Kontakte zum Theaterfundus halfen uns dieses Problem perfekt zu lösen.

Die Rollenverteilung war auch klar. Friedl gab mit seinen 2 Metern Körpergröße einen imposanten Nikolo, dem das Krönungsgewand von König Ottokar die nötige Würde verleihen sollte. Als Krampusse sollten Sigi und ich, entsprechend adaptiert, für Angst und Schrecken sorgen. Für uns finstere Gesellen, Sigi und Kurt, lagen, im wahrsten Sinne des Wortes, höllische Teufelskostüme bereit. Alles Zubehör war vorhanden, Mitra und Bischofsstab, der Sack mit den von den Eltern beigestellten Gaben, Kette, Butten und Ruten.

Problemlos verlief die Kostümierung von Friedl als Nikolaus. Mit den Krampuskostümen jedoch, gab es einige Probleme. Sigi passte noch einigermaßen in die enge Hülle aus Sackleinen und Pelz, ich aber, eher das Gegenteil von schmächtig, hatte gleich meine liebe Not mit dem um etwa zwei Nummern zu kleinen teuflischen Arbeitskleid. Doch die Kostümbildnerin meinte, wenn ich alles „Überflüssige“ ausziehen würde, dann würde ich in der Teufelshülle schon Platz finden. Ein nahezu mörderischer Vorschlag, der Dezember ist schließlich nicht der Wonnemonat.

Mir war schon in der geheizten Theatergarderobe kalt, als ich mich, nur in Socken und Unterhose, ins Kostüm zwängte. Meine Bedenken wegen der Kälte wurden dahingehend zerstreut, dass unser Nikolo Friedl meinte, die zu besuchenden Familien wohnten ziemlich nahe beieinander und als Teufel hätte ich ohnehin herumzuspringen, was bekannterweise enorm zur Erwärmung beitrüge. Ich wollte unbedingt mitmachen, schließlich wusste ich einige recht hübsche Mädchen unter den zu Bescherenden, so war es ein Leichtes, mich zu überreden.

Das war aber noch nicht alles! Da wir damals in einer Zeit lebten, in der so manches, heute Selbstverständliches, nicht vorhanden war, gab es ein weiteres Problem. Es gab einen Mangel an Reißverschlüssen. Ich war leicht verstört, als mir klar wurde, dass ich in das Kostüm eingenäht werde. Ein kurzer Auftritt im Theater, mit stets hilfreicher Hand hinter den Kulissen, mag so einigermaßen zu überstehen sein, aber ein mehrstündiger Ausflug über die Hölle in etliche Bürgerwohnungen und zurück, ohne Notausgänge, schien mir sehr kritisch. Man befragte mich, ob ich ein Blasenleiden hätte, was ich natürlich verneinte, darauf folgte die Regieanweisung, mich erst noch dorthin zu begeben, wo kleine Buben ihre Geschäfte verrichten.

Wohlvernäht, mit Sicherheitsnadeln für den Fall des Falles als rettende Notverschlüsse sowie allen Accessoires der himmlischen und höllischen Würde ausgestattet, machten wir uns auf den Weg.

Sigi machte noch im Treppenhaus des Theaters eine Generalprobe seines persönlichen Auftrittes. Rutenschwingend und kettenrasselnd übte er wirklich furchterregende Bocksprünge. Der fürchterliche Schrei, das grauenhafte Fluchen, der beinahe gewollt aussehende Salto über die Treppe waren alles andere als Absicht! Sigi war mit einem Bein über die Kette gestolpert und schwer gestürzt. Der „arme Teufel“, wie man so treffend zu sagen pflegt, war zumindest diesen Abend für nichts mehr zu gebrauchen. Wimmernd und zwischendurch fluchend, saß er mit zusehends anschwellendem Knöchel am Treppensatz. Nur mehr hinderlich, mussten wir den „armen Teufel“ zurücklassen. Ich, der Buttenträger, hatte nun auch das Kettenrasseln zu besorgen. Verspätet trafen wir bei unserer ersten Station ein, alles lief nach Wunsch. Die Kinder, von einem geplagten, gekrümmt in dem an allen Stellen gespannten Satanskostüm steckenden, gleichermaßen schwitzenden wie frierenden Krampus nur mäßig erschreckt, waren nach Aufsagen passender, ihre kleinen Sünden entschuldigender Gedichte, kaum davon abzuhalten, mir den Schwanz auszureißen. Nikolaus war bemüht, aus dem Sack in meiner Butte die richtigen Geschenke herauszuangeln, ein sehr schwieriges Unterfangen, denn das Wissen „was für wen“ war mit Sigi im Theater zurückgeblieben. Die Möglichkeit eines Totalausfalles unseres „Ersten Teufels“ hatten wir nicht bedacht. Es soll in der Nachbarschaft noch längere Zeit einigen Streit um den Austausch von fehlgelieferten Geschenken gegeben haben. Doch weiteres Unheil nahte.

Nikolo Friedl der wegen seines nur mäßig hinderlichen Kostüms im Theater nicht genötigt war, Sigi und mich auf den Ort, der unbegreiflicherweise „der Stille“ genannt wird, zu begleiten, verspürte, als wir einer weiteren Station unseres immer unheilvolleren Wirkens zustrebten, ein kleines Bedürfnis, dem er in einem mäßig hellen Winkel einer ruhigen Gasse prompt nachzukommen versuchte. Doch aus einem dunklen Fenster linker Hand des sich eben zur nötigen Entblößung durch die kaiserlichen Krönungsgewänder wühlenden Nikolo, schrie eine ältere weibliche Stimme etwas von ordinär, unsittlich und unerhört. Worauf ich, nicht mundfaul, zurückrief: „Du neugierige Amsel, schau weg, sonst nehme ich dich in die Hölle mit.“

Das war der gerade nötige Schuss Öl ins Feuer. „Jetzt rufe ich die Polizei“, tönte es zurück. Also nichts wie Fersengeld geben. Der heilige Nikolaus als öffentliches Ärgernis, als Anstandsverletzer oder gar Wüstling - die vorletzte Stufe am Weg zur Katastrophe!

Da ein eiliger, atemloser Bischof jede Würde verliert, verschnauften wir nach Flucht und Umweg trotz Zeitdruck ein wenig, bevor wir den nächsten Besuch machten. Alles lief wirklich wunderbar ab, die Kinder spielten ihre Rolle gut, wir brillierten, ich meine, es war die einzige Familie, die kein falsches Geschenk erhielt. Doch was so gut begann endete katastrophal.

Zu gehen bereit, bückte ich mich, um die Butte aufzunehmen, es machte einen nahezu explosionsartigen Krach, und mein Kostüm wurde schlagartig zum Dreiteiler, zwei Hosenbeine mit je einem halben Gesäßteil und ein Oberteil mit unten nichts, nach heutiger „Neudeutscher Sprache“ sozusagen ein Body ohne Boden. War ich vorher ein bisschen blau vor Kälte und ein bisschen rot vor Anstrengung, war ich nun nur mehr rot - vor Scham. Panik war angesagt, ein riesiges Hallo der Zuseher, ein Tränen lachender Nikolo, was ist doch Schadenfreude schön! Was sollte ich nun halten, mit jeder Hand ein Hosenbein, die Kette, die Rute, wohin mit der Butte?

Nun, die Hausfrau dachte praktisch. Da der Schaden weder mit dem überaus reichlichen Vorrat an Sicherheitsnadeln, noch mit Nadeln und Zwirn behebbar war, lieh sie mir einen Bademantel, um mich zu bedecken. Ein Krampus im Bademantel wäre zwar etwas Neuartiges gewesen, aber bekannterweise setzt sich Neues nicht immer durch. So fassten wir schließlich den Entschluss, unser Wirken als Nikologruppe unter dem Motto „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ sofort einzustellen.

Am nächsten Tag hatten wir einen wahren Canossagang vor uns. Wir mussten jene, doch eher als glücklich zu preisenden, Familien besuchen, die von unserem Wirken verschont geblieben waren. Unsere Einnahmen blieben weit hinter unserem Aufwand zurück. Statt der erwarteten Fülle herrschte nun Hochvakuum in unseren Geldbörsen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Unglückliche Brauchtumspflege

Verfasst von Kurt Musil

Auf MSG publiziert im Dezember 2009

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Graz-Umland
  • Zeit: Dezember 1954

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem im Grazer "Büro der Erinnerungen" entstandenen Sammelband:

Elke Murlasits, Maria Froihofer (Hg.): weihnachten. Erinnerungen und Gedanken, Graz: Leykam Verlag 2006; S. 75-77.

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