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Ich erinnere mich genau

von Hildegard Weigel

Ich wurde in einem niederösterreichischen Bauerndorf, nahe der Kleinstadt Retz geboren, dort lebte ich gemeinsam mit meinen Eltern und drei Geschwistern in einem kleinen Landhaus. Zu meinem Vater, der Landarbeiter war, hatte ich eine besondere Beziehung, so wie er auch zu mir.

Ab 1939-1941, noch als Schülerin, verdiente ich mein erstes Geld (80 Reichsmark pro Monat), als Babysitterin für ein zweijähriges Kind und einen Säugling. Diese Arbeit machte ich sechs Tage wöchentlich von dreizehn bis einundzwanzig Uhr, manchmal auch länger, bis die Mutter vom Feld kam. Meine Schulaufgaben erledigte ich während des Mittagschlafes der Kinder. Weil ich eine gute Schülerin war, ging alles problemlos, meine Eltern waren einverstanden. Die einzige Bedingung meines Vaters war, dass ich nach Hause gebracht werden musste, was der Großvater auch tat.

Von unserem Dorf mussten viele Männer einrücken, so auch der Vater der Kinder, die ich beaufsichtigte. Jeder Bauer, der zum Militär musste, erhielt die Bewilligung, einen Fremdarbeiter einzustellen. Diese wurden am Nordbahnhof konzentriert. Eigentlich waren sie zwangsweise aus ihrer Heimat Polen zu diesem Zweck nach Österreich gebracht worden. Unser Bauer brachte ein Mädchen, Johanna, mit. Ich war zu dieser Zeit zwölf, Johanna vierundzwanzig Jahre alt. Oftmals war sie sehr traurig und gab vor, nicht Deutsch zu verstehen.

Durch Zufall hörte ich einmal, wie Johanna mit den Kühen sprach. Da entdeckte ich, dass sie gut Deutsch konnte und bei den Kühen unsere Sprache verwendete, nicht aber mit uns. Wir sprachen mit ihr darüber. Von diesem Moment an ging es uns allen besser, sie hielt uns nicht mehr für ihre Feinde.

Mit der Zeit kamen immer mehr Fremdarbeiter in unser Dorf. Die Bäuerin erlaubte Johanna, sich mit ihren Landsleuten an Sonntagen nachmittags im Haus zu treffen, später gab es für alle Mohnstrudel und Blümchenkaffee. Bald hatte Johanna einen Freund, Stani, er war ebenso liebenswert wie sie selbst.

Auf Wunsch des Großvaters brachten mich nach einiger Zeit Johanna und Stani nach Hause, wenn ich meine Kinderbeaufsichtigung beendet hatte. Zu meiner Freude erhielt ich auch noch Sprachunterricht. Ich fühlte mich in Johannas und Stanis Nähe sicher und wohl und war sehr stolz, in ihrer Mitte gehen zu können; aber darüber durfte man zu dieser Zeit nicht reden.

Fallweise gab es im Nachbardorf kleine Belustigungen, wo auch ich mit einer Freundin hingehen durfte. Einmal musste ich früher zu Hause sein und bin alleine losgegangen. Dabei traf ich Stani, der mit dem Rad vorbeikam und mich mitnahm.

Leider trafen wir dabei unseren „Nazibürgermeister“. Ich berichtete davon zu Hause und meine Mutter schimpfte, sie hatte Angst vor den Folgen. Mein Vater meinte allerdings: „Schimpf nicht, Hilde ist nicht schuld an dem ganzen Wahnsinn.“ Mein Vater, der im Ort sehr beliebt war, besprach sich mit einigen Freunden.

Bereits am nächsten Tag erschien der Bürgermeister. Zwei Varianten schlug er meinem Vater vor. Entweder Anzeige mit darauffolgender Abholung von Stani oder von Hildegard und Stani. Weiters erklärte der Bürgermeister, dass die durch ihn erfolgte Zurückstellung vom Militärdienst ab nun aufgehoben sei. Mein Vater wurde daraufhin einberufen und kam nach Russland, von wo er nicht mehr wiederkam.

In meinem Dorf erlebte, besser gesagt, erfürchtete ich den Einmarsch der „Roten Armee“, der vorerst nicht so dramatisch war. Ich erhielt sogar von einem Soldaten einen Blumenstrauß. Die Fremdarbeiter waren zu dieser Zeit noch in unserem Ort und Stani bewahrte mich einmal davor, mit einem Soldaten mitgehen zu müssen. Er beruhigte meine weinende Mutter mit der Bemerkung: „Nun kann ich mich endlich dafür revanchieren, was euer Vater mir Gutes getan hat.“ In betrunkenem Zustand waren die Russen unberechenbar und die Frauen hatten dabei nichts zu lachen, oft nützte die Verkleidung nichts. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung.

Ich überlebte zum Unterschied von meinem Vater Krieg, Befreiung und Besetzung. Mein Wunsch war es, einmal in dieses Land reisen zu können, in welchem mein Vater zu Tode gekommen war. Nach der Perestroika erfüllte mir mein Sohn Manfred diesen Wunsch und reiste mit mir nach Russland. Daraufhin fiel es mir leichter, den für mich schweren Verlust zu verkraften. Manfred werde ich dafür immer dankbar sein.

Broschüren-Cover
Informationen zum Artikel:

Ich erinnere mich genau

Verfasst von Hildegard Weigel

Auf MSG publiziert im Februar 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Retz, Umgebung
  • Zeit: 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist der Broschüre "Projekt Lebensläufe. Erinnerungen an bewegte Zeiten, 1934-1945" entnommen.

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