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"Jeder von uns bekam einen braunen Federstiel ..."

von Günther Doubek

Dann kam der erste feierliche und beeindruckende Schulanfangstag meines Lebens, den ich mittlerweile schon etwa sechzigmal erleben durfte, konnte, musste. Die Einleitung dazu fand schon einige Tage davor statt. An einem Sonntag fuhren meine Eltern mit mir zur Evangelischen Kreuzkirche in die Cumberlandstraße. Mein Vater hatte mir vorher erklärt, dass ich dort getauft würde, ich würde ab jetzt einer Religionsgemeinschaft angehören. Meine Mutter war schon immer „protestantisch“ gewesen, was ich aber überhaupt nicht wusste (ebenso meine Großeltern mütterlicherseits). Großmutter war konvertiert, um nach der Scheidung von ihrem ersten Mann den zweiten kirchlich heiraten zu können. Daher waren alle vier Töchter evangelisch, ohne – außer bei der Hochzeit – jemals davon Gebrauch zu machen.

Wir wohnten dem Gottesdienst bei, und ich fand die gesungenen Lieder und Chöre sehr schön, ebenso die Wechselgespräche. Nachdem die Messe vorbei war, gingen meine Eltern mit mir nach vorn, wo ein großer, freundlicher Priester stand. Hinter ihm an der Wand war ein etwa drei Meter hohes goldenes Kreuz mit einer goldenen Dornenkrone, die ich schon während des Gottesdienstes bewundert hatte. Außer uns war noch ein etwa dreijähriges Mädchen mit seinen Eltern da und eine Mutter mit einem Baby. Wir setzten uns in die erste Reihe und sahen zu, wie der Priester zuerst dem Baby, dann dem kleinen Mädchen mit der hohlen Hand Wasser auf den Kopf träufelte. Ich konnte nicht verstehen, was er dazu sagte. Plötzlich setzte sich Tante Willi, die Mutter meiner Freundin Johanna, neben mich. Ich war überrascht, sie auf einmal wiederzusehen – wo sie doch schon über zwei Jahre in Hieflau wohnte. Später erfuhr ich, dass sie mit dem Nachtzug nach Wien gekommen war. Dessen Verspätung war schuld dran, dass sie während des Gottesdienstes oben „am Chor“ sitzen musste. Als die Prozedur bei den anderen Kindern vorbei war, stiegen wir zu viert die zwei Stufen zum Kreuz hinauf. Ich musste mich niederknien, und jetzt goss der Priester auch mir Wasser auf den Kopf. Dann machte er mir ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Leider verstand ich noch immer nicht richtig, was er sagte. Nur zum Schluss hörte ich, dass ich jetzt ein Mitglied der „christlichen Gemeinde“ sei.

Tante Willi fuhr mit uns in ein Gasthaus am Flötzersteig und lud uns zum Mittagessen ein. Ich wünschte mir Schnitzel mit Erdäpfelsalat und ein Kracherl aus einer Flasche, die mit einer Glaskugel verschlossen war. Nach dem Mittagessen nahm sie aus ihrer großen Reisetasche ein Päckchen, öffnete es, und darin war eine ganz neue, blaue, kurze Hose: „Damit du am ersten Tag in der Schule ganz schön bist!“, meinte sie. Dann erzählte sie uns, dass ihr Mann im Juli verhaftet worden war, aber nur für kurze Zeit: „Der Richter ist nämlich heimlich einer von uns und der Postenkommandant auch. Überhaupt ist halb Hieflau bei uns, auch viele ehemalige Sozi helfen uns, weil sie einen Hass auf die Schwarzen haben. Ihr werdet es schon noch erleben, wir kommen bestimmt bald an die Macht, auch wenn es diesmal noch schiefgegangen ist.“ – „Na ja, aber die Toten ...“, warf meine Mutter ein. „Na und? Tut dir der Zwergrattler vielleicht leid? Denk an den Februar und an das 27er Jahr. Hat denen wer leid getan?“ Sie ereiferte sich und sprach etwas zu laut, aber der in der Nähe unseres Tisches stehende Kellner zwinkerte uns nur mit einem Auge zu und hielt sich andeutungsweise mit den Händen die Ohren zu.

Leider konnte Tante Willi nicht länger bleiben, da sie mit dem Nachmittagszug wieder in die Steiermark zurückfahren musste, und sie verabschiedete sich bald. Daheim sagte mein Vater: „Jetzt probier die Hose und red nicht über das, was die Tante Willi erzählt hat!“ Irgendwie war ich das eigentlich schon gewöhnt, dass ich woanders nicht über das reden durfte, was bei uns daheim gesprochen wurde. Die blaue Hose war mir etwas zu groß, aber meine Mutter sagte genau das, was ich erwartet hatte: „Sie ist sehr schön, du wirst schon hineinwachsen!“

Also warteten die blaue Hose und ich auf den ersten Schultag. Ich hatte überhaupt keine Angst, für mich war die Schule eine Art Fortsetzung des Kindergartens, den ich nun schon ein halbes Jahr hatte entbehren müssen. Den Herrn Lehrer kannte ich schon, und er war mir sehr sympathisch (und ich hoffte, auch umgekehrt). Auch alle Eltern waren mitgekommen und standen hinten in der Klasse.

Das Einzige, was meine Freude etwas trübte, war das Erscheinen des Herrn Oberlehrers und eines katholischen Pfarrers. Beide waren klein und dick und forderten Eifer, guten Willen, Disziplin, Gottesfurcht und den Glauben an das „neue Österreich“. Der Unterschied lag bloß darin, dass der Herr Oberlehrer der Meinung war, wir sollten uns zum Wohl der Heimat anstrengen, während der Pfarrer unsere Bemühungen zum Ruhm Gottes urgierte. Ich hatte diese Art von schmalzigen Ansprachen noch nie gehört, und sie verwirrten mich etwas. Mir war vorher von allen Leuten gesagt worden, ich müsse fleißig lernen, damit aus mir „etwas Gescheites“ werde. Gott sei Dank dauerten die Begrüßungsreden nicht lange. Unser Lehrer sprach dann freundlicher und unpathetisch. Manche Eltern sprach er direkt an, wahrscheinlich kannte er sie persönlich.

Der Klassenraum gefiel mir gar nicht. Er war altmodisch eingerichtet und ein bisschen schäbig und abgenutzt. Es gab leider nur einen einzigen Schüler, der einen größeren Teil des Heimwegs mit mir gemeinsam hatte. Jedenfalls hatte ich bei weitem den längsten Schulweg – dieser Umstand begleitete mich ein Leben lang.

Ich stellte mich rasch auf die Schule ein. Das Rechnen machte mir keine Schwierigkeiten, schon gar nicht das Lesen. Mindestens drei Schüler konnten schon gut lesen (wenn auch nicht die Zeitung), und daher wäre das übliche erste Lesebuch für uns eine völlig nutzlose Lektüre gewesen. Unser Lehrer gab uns deswegen andere, „richtige“ Bücher aus der Schulbibliothek. Wir durften uns während der Lesestunden in die letzte Reihe setzen und kürzere Geschichten oder Gedichte lesen. Herr Baschus ließ sich von mir und einem anderen, ebenfalls evangelischen Schüler während der katholischen Religionsstunde, in der wir die Klasse verlassen mussten, den Inhalt dieser Geschichten nacherzählen. Auf diese Weise lernte ich eine Menge Alt-Wiener Sagen und Legenden kennen. Ich weiß nicht, wie er das mit den katholischen Schülern gemacht hat, aber sicher hat er das Problem auf ähnliche Art gelöst.

Ein ziemlicher Außenseiter war der einzige jüdische Schüler. Er hatte einen ganz seltsamen Haarschnitt, einen sogenannten Bubikopf, wie ihn sonst nur junge Mädchen trugen, und er trug als Einziger eine Brille. Ab der zweiten Klasse hieß er Pollak, und nach den Märzereignissen 1938 kam er überhaupt nicht mehr.

Die einzigen Schwierigkeiten hatte ich mit dem Schreiben. Solange wir mit Bleistift schrieben, hielten sie sich in Grenzen, obwohl mir von Anfang an das langwierige Buchstabenmalen (drei Zeilen I, drei Zeilen M usw.) aus tiefster Seele verhasst war. Vor allem hatte ich größte Mühe, in einer Linie zu schreiben. Um die Zeilen nicht nach oben oder nach unten oder gar in Wellenlinien verlaufen zu lassen, verwendeten wir Kinder verschiedene Hilfsmittel. Entweder kauften wir uns einen „Linienspiegel“ (allgemein „Faulenzer“ genannt) oder wir versuchten mit Hilfe des Löschblattes eine halbwegs gerade Zeile vorzutäuschen. Herr Baschus übersah alle Hilfsmittel geflissentlich. Als ich später den Herrn Oberlehrer und zwei Lehrer namens Schinagl und Langer über mich ergehen lassen musste, lernte ich die Großzügigkeit des Herrn Baschus erst richtig schätzen.

Die wahre Katastrophe begann erst im zweiten Halbjahr, als wir mit Tinte zu schreiben begannen. Jeder von uns bekam einen braunen Federstiel mit einem Metallverschluss, in welchen man eine sogenannte „Kugelspitzfeder“ einspannen musste. Die „Kapitalisten“ durften auch private Federstiele benutzen, der Unterschied der Stände dokumentierte sich in der Farbe der Schreibwerkzeuge: Rot, rosa, gelb, grün oder gar weiß für die „Betuchteren“, braun für die „Nebbichs“. Diese Feststellung stammt nicht von mir, sondern der kleine Jakob flüsterte sie mir in einer Schönschreibstunde zu. Mit dieser lapidaren Aussage erweiterte er außerdem noch meinen Wortschatz. Ich hatte „betucht“ schon einmal vorher gehört, aber „Nebbich“ war neu und gefiel mir sehr. Als ich Onkel Fritz fragte, was das Wort bedeute, sagte er achselzuckend: „Na ja, weißt du, das sind Leute, die ihr ganzes Leben lang immer einen braunen Federstiel in die Hand gedrückt bekommen. Lern ordentlich, damit was wird aus dir, dann kannst du dir einmal eine Füllfeder kaufen und bist kein „Nebbich“ mehr.“ Eine Füllfeder war das Symbol für Wohlhabenheit, und wer gar eine Goldfüllfeder besaß, gehörte zu den oberen Zehntausend.

In jeder unserer Schulbänke (Tisch und Doppelbank in einem Stück) war rechts vorne ein rundes Loch, das mit einem Metalldeckel verschließbar war. Drinnen steckte ein mobiles, rundes Tintenglas, das von Zeit zu Zeit von unserem (martialisch wirkenden) Schulwart mit Tinte aufgefüllt wurde. Erst viel später wurde mir bewusst, wie gedankenlos und unsensibel diese Tische konstruiert worden waren. Das Eintauchen der Feder in das Tintenfass war nämlich nur für Rechtshänder einigermaßen problemlos möglich. Ein Linkshänder musste mit dem ganzen Arm quer über den Tisch und das Heft langen, und daher kam es immer wieder vor, dass zwei unserer drei „Linken“ die noch feuchten Buchstaben oder Ziffern im Heft verwischten. Das bedeutete für sie – neben einer schlechten Note im Schreiben – unweigerlich ein „Hierbleiben“ und/oder ein „Nachschreiben“.

Ansicht einer Volkschulklasse mit allen Schülern in den Schulbänken
In der zweiten Volksschulklasse mit den beschriebenen Lehrern und Mitschülern; der Autor - noch - in der vorletzten Reihe rechts, Jakob Pollak links vorne

Der dritte Linke war der kleine Jakob. Er hatte sich den äußersten rechten Platz in der ersten Reihe ausgesucht. Nachdem der Platz neben ihm durch das Wegziehen eines Schülers freigeworden war, versetzte mich der Lehrer aus der letzten Bank (die mir an und für sich viel sympathischer war) auf den Platz neben Jakob. Als wir nun mit Tinte zu schreiben begannen, fand Jakob sehr bald das „Ei des Kolumbus“. Er tauchte seine Feder einfach in mein Tintenglas. Dass dieses dadurch viel rascher leer wurde als alle anderen, störte uns nicht – wir tauschten einfach in der Pause sein volles Glas gegen mein halb leeres.

Jakob gab oft neben der Hausübung einen eigenen Zettel ab (mit Linien) und verriet mir, dass er auf Rat von Herrn Baschus freiwillig öfter eine zusätzliche Hausübung mache, bei der er nur mit der rechten Hand schriebe. Ich versuchte es einmal daheim mit der linken Hand, aber das Ergebnis war so lächerlich und niederschmetternd, dass ich es kein zweites Mal tat.

Einmal in der Woche musste ich am Nachmittag zum evangelischen Religionsunterricht. Diesen hielt eine junge Frau Lehrerin mit großen, braunen Augen. Ich ging gerne in die Religionsstunde, weil mir die Geschichten gefielen und wir schöne Lieder sangen. Die katholischen Schüler hatten in Religion einen dünnen jungen Kaplan, der eine Brille trug und Wimmerln im Gesicht hatte. Sie beneideten uns um unsere Lehrerin.

Gegen Ende des ersten Schuljahres fragte die Religionslehrerin, wer von uns in das evangelische Sommerkinderheim nach Salzerbad fahren wolle. Ich war abenteuerlustig genug und meldete mich, ohne die finanzielle Seite zu bedenken. Die Lehrerin lud meine Eltern zu einem Gespräch ein und erklärte ihnen, dass es auch Freiplätze gäbe und ich sicher einen bekommen könnte. Das gab den Ausschlag, und so verbrachte ich zum ersten Mal vier Wochen in einem Kinderheim.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"Jeder von uns bekam einen braunen Federstiel ..."

Verfasst von Günther Doubek

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Fleckerlteppich der Erinnerungen, Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 14. Bezirk
  • Zeit: 1930er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag ist ist ein Ausschnitt aus dem Buch von Günther Doubek: "'Du wirst das später verstehen ...' Eine Vorstadtkindheit im Wien der dreißiger Jahre", Wien-Köln-Weimar 2003, S. 58 ff.

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