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Herbert Humula

von Evamaria Glatz

Über frühe Kindheit und erste Schuljahre meines Onkels Herbert weiß ich nichts; es gibt aber in einem alten Familienalbum zahlreiche Photos des hübschen Buben.

Porträt von Herbert Humula

Auf einigen davon trägt er - schon im Alter von vielleicht drei Jahren - lachend Spielzeughelm und -schwert. Ich erinnere mich an ein anderes Foto: Herbert im Alter von etwa sieben Jahren in einem Messgewand in Kindergröße, mit gefalteten Händen und nach oben, auf ein Kruzifix gerichtetem Blick. Er hat nach der Volksschule für knapp drei Jahre das katholische Piaristengymnasium besucht.

Bereits im Alter von zwölf Jahren hat er begonnen, Gedichte, Prosa- und dramatische Texte zu schreiben, die erhalten geblieben sind. Man merkt ihnen an, dass er viel gelesen hat, die Gedichte sind formal präzise gebaut. Viele stehen in Thematik und Bildern in der klassisch- romantischen Tradition: „der Abend“, „die Lawine“, „das Bächlein“...

Herberts Eltern, ursprünglich eher unpolitisch-konservativ, wurden mit dem Erstarken des Nationalsozialismus immer mehr zu Nazigegnern. Dabei dürfte eine Art von bürgerlicher Geringschätzung dem braunen Mob gegenüber eine große Rolle gespielt haben. Die Erzählungen von Mutter und Großmutter, dass die Familie beim „Anschluss“ im März 1938 - Herbert war damals dreizehn Jahre alt - zuhause saß und alle weinten, habe ich gut in Erinnerung.

Herbert musste bald danach die Schule wechseln und kam ans Akademische Gymnasium, eine der traditionsreichsten Schulen Wiens. Am 28. April 1938 schlossen alle kirchlichen Schulen unter Zwang. Gleichzeitig wurden über 40 Prozent der Schüler des Akademischen Gymnasiums  „umgeschult“, das heißt aus der Schule geworfen, weil sie Juden waren. Am selben Tag wurde eine etwa ebenso große Zahl nichtjüdischer Schüler und auch Lehrer an das Akademische Gymnasium zwangsversetzt, um die entstandenen Lücken zu schließen...

Am Akademischen Gymnasium wurde, wie in allen anderen Schulen, im Geist des Nationalsozialismus unterrichtet. Es gibt dafür zwar nur spärliche, aber eindeutige Belege, wie etwa Berichte über eine musikalische Feier zu Hitlers Geburtstag und über das Anbringen einer Marmortafel zum Ergebnis der Volksabstimmung über den „Anschluss“. Bei dieser Gelegenheit hatten Herberts Vater und Mutter  demonstrativ verlangt, ihre Stimme in der Wahlzelle und nicht unter den Augen der Beisitzer abgeben zu können. Herbert dürfte also heftigen Widersprüchen ausgesetzt gewesen sein; jedenfalls scheint die Atmosphäre an seiner Schule starken Einfluss auf ihn gehabt zu haben. Einige seiner Gedichte aus den ersten Kriegsjahren sind stark geprägt von Nazisprache und -gedankengut, so etwa „Wir Ostmarkdeutsche“ und ein anderes mit dem Titel „Sieg“ nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris.

Daneben gibt es auch ein Weihnachtsspiel, einen Dramenentwurf und ein Opernlibretto zum Stoff der Odysseus-Mythologie.

In Herberts Texten klingen viel jugendliche Nachdenklichkeit und Wehmut an; ein Gedicht schreibe ich hier ab:

Trauer

es schweigt um mich und ist doch so beredt,
wie eine Quelle, die zum Trunke lädt,
wie eine Stimme, die den Weg mir weist
und wie ein Rasen, der mich Ruhen heißt.

Es wölbt sich über mich des Himmels Zelt
und eine Sonne leuchtet meiner Welt
und eine Fliege spielt in ihrem Schein
und hehre Stille lädt zum Beten ein.

Und eine tiefe Wunde schmerzend glüht,
weil alles doch einst welkt und einst verblüht.
Und es ist still um mich, nur meine Seele weint
und es ist kalt um mich, obwohl die Sonne scheint.

Porträt von Herbert Humula als Soldat

1943, gleich nach der Matura, ist er - wie sehr wahrscheinlich auch einige Klassenkollegen - freiwillig eingerückt. Sein erklärtes Motiv war, wie ich mich aus Erzählungen meiner Mutter, seiner Schwester, erinnere: er wolle sich am Kampf gegen den gottlosen Bolschewismus beteiligen. Seine Mutter wird, nach allem, was ich mich erinnern kann und von ihr weiß,  strikt dagegen gewesen sein.

Über seine Zeit in der Deutschen Wehrmacht ist bekannt, dass er wie sein Vater und sein Großvater bei der Artillerie war und längere Zeit in Olmütz stationiert. Im Frühjahr 1944 besuchte er  einen Reserveoffizierslehrgang in Znaim, danach wurde seine Einheit in den Karpaten eingesetzt.

Er fiel am 5. 11. 1944 bei Snina in der Ostslowakei durch „Infanteriegeschosse in Rücken und Brust“.

Die Slowakei war von 1939 bis 1945 ein klerikal-faschistischer Vasallenstaat Hitlers  unter der Führung des katholischen Priesters Joszef Tiso. Gegen dessen Regime gab es von Ende August bis Ende Oktober 1944 den „Nationalaufstand“ slowakischer Bürger, der von Partisanen und von der Roten Armee von Osten her unterstützt wurde. Er wurde durch massiven Einsatz deutscher Truppen niedergeschlagen, wahrscheinlich war daran auch die Einheit Herbert Humulas beteiligt. Nach dem Scheitern des Aufstands gingen in den Bergen die Partisanenkämpfe bis zum Eintreffen der Roten Armee weiter. Auf beiden Seiten gab es enorme Verluste, so auch in der Gegend von Snina, dem Ort an der slowakisch-ukrainischen Grenze, an dem er wenige Tage nach der Niederschlagung des Aufstands fiel.

Der folgende Beileidsbrief ist erhalten geblieben:

Wien, 12. XII. 44

Sehr geehrte gnädige Frau!

Von der schrecklichen Nachricht, die mir zukam, bin ich ganz erschüttert.

Ihr lieber Herbert, den der harte Krieg unbarmherzig aus diesem Leben gerissen hat, war mir immer unter allen Schülern ganz besonders lieb und wert. Ich lernte ihn doch schon vor mehr als 10 Jahren kennen u. bewunderte ihn schon damals wegen seiner hohen Begabung, seiner Tüchtigkeit und seines Strebens nach allem Guten. Noch heute steht lebendig in meiner Erinnerung, wie er als Bub von 10 Jahren im PiaristenGymnasium zur Schulschlußfeier frei eine Rede hielt, wie sie kein Erwachsener besser hätte halten können. Wie schön war dann die Klassengemeinschaft am Ak.Gymn.! Was gab es da an Aufführungen und Darbietungen, und immer war Ihr Sohn einer der ersten unter den Veranstaltern, immer einer der besten unter den Vortragenden, der alle zusammen zu begeistern u. mitzureißen verstand!

Wie schön, warm u. herzlich war auch die Feier der Reifeprüfung seines Jahrgangs! Als Lehrer konnte man sich freuen, wie die jungen Männer eine Haltung an den Tag legten, die wirklich persönliche Reife u. wahre humanistische Bildung offenbarte. Im letzten Sommer besuchte mich Herbert vor seinem Abgehen ins Feld. Hier sah ich ihn auch körperlich zu einem richtigen Mann erwachsen. Nun ist er seinem Kameraden E. nachgefolgt, auch M. und Z. sollen nicht mehr am Leben sein. Der Herrgott hat sie für reif gehalten für ein anderes schöneres Leben. Ihr guter Herbert ist uns dorthin vorangegangen, u. ich bin überzeugt, wenn uns Gott gnädig ist, daß wir ihn dort wiedersehen werden, wie er an himmlischen Festen teilnimmt, zu denen er jetzt berufen ist; denn Gott liebt die Menschen, die er früh zu sich nimmt.

Möge Ihnen, liebe gnädige Frau, die feste, auf katholischem Glauben beruhende Zuversicht, dass Gott alle guten Menschen im Himmel wieder zusammenführt, Trost und Stütze in Ihrem schweren Leide sein! Dies wünscht Ihnen aus ganzem Herzen der langjährige Lehrer und Freund Ihres tapferen und braven Sohnes u. Ihr ergebener

            Dr. J. S.

So sehr mich dieser Brief berührt hat: Ich wüsste gerne, worin sich die „persönliche Reife und wahre humanistische Bildung“ bei der Maturafeier geäußert haben angesichts der nationalsozialistischen Geisteshaltung, in der im Akademischen Gymnasium unterrichtet wurde.

In der Festschrift, die im Jahr 2003 anlässlich der 450-Jahr-Feier des Akademischen Gymnasiums veröffentlicht wurde, ist zwar ausführlich von der Vertreibung der jüdischen Schüler und einem Projekt die Rede, das zu diesem Thema durchgeführt wurde, aber ich habe dort nichts über das geistige Klima während des Krieges gefunden, das meinen Onkel so sehr geprägt hat.

Es dürfte noch im Jahr 2003 an dieser Schule leichter gewesen sein, sich mit der Vertreibung der jüdischen Schüler zu beschäftigen - diese wurde ja schließlich von der Schulbehörde, also von „oben“, angeordnet -, als die pädagogische Haltung der eigenen Lehrer zum Nationalsozialismus zu reflektieren.  Als ich im Jahr 2007 beim Archivar der Schule nach Herbert Humula fragte - ich hatte dabei vor allem Aufzeichnungen über die „Aufführungen und Darbietungen“ im Sinn, von denen im vorigen Beileidsbrief die Rede ist - erhielt ich als Antwort ein knappes Mail mit biographischen Eckdaten von ihm und seinen Eltern.

Ernst Jandl, der Herberts Cousin war, hat 1989 dieses Gedicht veröffentlicht:

die garbe

herbert humula gedenkend

wie kam mein vetter herbert denn
der die waldstein-sonate so schön
zu seinem nabelbruch und nicht ich
doch wurden beide repariert
im jahre 43
gleich nach dem abitur
bei mir die mandeln mußten raus
die jeden winter eiterten
wie gut darauf die weiteren
nur daß die chance ich nicht bekam
zum sprung in jene garbe
die unseren herbert zersiebte

(Ernst Jandl, idyllen, Frankfurt: Luchterhand, 1989, S 48)

Und mir hat Ernst Jandl einmal geschrieben: Er wäre Dir ein guter Onkel gewesen.

Von unserer Familie hat bis zum Sommer 2007 niemand den Ort besucht, an dem er gefallen ist, wohl auch deshalb, weil es kein identifizierbares Grab gibt. Von der „Wehrmachtsauskunftsstelle“ wurde ich informiert, dass er auf dem Gemeindefriedhof von Humenne beigesetzt worden sei, jedoch seien „die Gebeine mittlerweile überbettet“ worden. Auf meine Anfrage beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge erhielt ich im Juni 2007 folgende Auskunft:

ZUM GEDENKEN

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Nachname:                             Humula

Vorname:                               Herbert Karl Anton Maria

Dienstgrad:                            Unteroffizier

Geburtsdatum:                       22.05.1925

Geburtsort:                           Wien

Todes-/Vermisstendatum:      05.11.1944

Todesort:                              b. Stelle 9. Bttr. Höhe 404, ostw. Snina

**************************************************************

Herbert Karl Anton Maria Humula konnte im Rahmen unserer Umbettungsarbeiten nicht geborgen werden.

Die vorgesehene Überführung zum Sammelfriedhof in Hunkovce - Sammelfriedhof (Slowakische Republik)  war somit leider nicht möglich. Sein Name wird im Gedenkbuch des Friedhofes verzeichnet."

Schließlich fand ich auf einer Website über Grabstellen von Soldaten in aller Welt folgende Angaben über den Friedhof von Humenne:

Auf dem Stadtfriedhof von Humenne wurden die Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges im Anschluss an das Grabfeld der Gefallenen des Ersten Weltkrieges bestattet. Durch Überbetten ging ein Teil der Gräber des Zweiten Weltkrieges verloren, die restlichen Gräber wurden 1992 exhumiert... Zur Zeit ruhen hier 192 Tote. Die Gräber der umgebetteten Toten des Zweiten Weltkrieges kennzeichnen Granitkreuze, die auf jeder Seite die Namen und Daten von zwei Gefallenen tragen. Eine Bronzegußtafel führt die Namen der Überbetteten auf. Der Friedhof wurde am 17. September 1994 eingeweiht. (siehe: http://weltkriegsopfer.de/Information-Anzeige-Ostslowakei-Humenne)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Herbert Humula

Verfasst von Evamaria Glatz

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 1. Bezirk / Slowakei, Ost, Hummené
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre, 1940er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt ein Kapitel des Erinnerungsbuchs von Evamaria Glatz: was für leute. familien.geschichten, Gösing am Wagram: Edition Weinviertel 2009, wieder.

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