Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Eine "Reise" ins Ungewisse

von Margaretha Kaiser

Es war am 17. September 1944, als die Siebenbürger-Sachsen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Am Samstag kam die Nachricht, dass Sonntag mittags das Dorf Klein-Bistritz geräumt sein musste – natürlich nur von den Deutschen, die Rumänen durften bleiben; sie hatten den Ruf Hitlers ignoriert und sich auf die andere Seite gestellt.  Mein Vater war als stolzer SS-Mann dem Ruf des Führers gefolgt. Die Mutter, Großeltern und Urgroßeltern fingen noch in der Nacht auf Sonntag an, ein Schwein zu schlachten. Es wurde Brot gebacken und das Notwendigste für die Flucht vorbereitet. Denn eine Flucht war es ja, wenn man alles zurücklassen musste.

Großvater sprach mit den Tieren im Stall. Wie schwer muss es ihm gefallen sein, Abschied zu nehmen! Es war ein emsiges Treiben in dieser Nacht. Wenn mir das später, in einem höheren Alter, widerfahren wäre, hätte ich es verstanden; aber damals begriffen mein Bruder Andreas und ich nicht, warum die Großen so traurig waren bei diesen Arbeiten. Denn sonst, wenn geschlachtet wurde, war es ein kleines Fest, da wurde gelacht und munter geplaudert. Heute aber weinten sie.

Wir Kinder sahen dem Treiben stillschweigend zu. Heimlich freuten wir uns auf die „Reise“. Wir wussten damals noch nicht, dass es eine Reise ins Ungewisse werden sollte, ohne genaues Ziel. Man hatte uns Kinder auf unser Fragen nur gesagt, wir müssten „wegen der Front“ fort. Was war das: „die Front“? Es musste etwas Schreckliches sein, vor dem sogar die Erwachsenen Angst hatten.  Am Sonntagmorgen ging Großvater in den Stall und fütterte noch ein letztes Mal seine Tiere. Die zwei besten Pferde wurden vor den Wagen gespannt, der mit einer Plane bedeckt war. Nun wurde der Wagen beladen. Mein Bruder und ich saßen darauf und waren schon gespannt, was nun geschehen würde. Plötzlich kniete Großvater nieder und küsste den Boden. Er musste geahnt haben, dass er die Heimat nicht mehr sehen würde. Einige Jahre später starb er in der Fremde.

Nun begannen auch uns Bedenken zu kommen. Nicht zur Schule zu müssen war ja ganz schön, aber den alten Mann dort im Hof knien und weinen zu sehen, das machte uns doch bange. Die Glocken läuteten, als wir unsere Heimat verließen und die Wagenkolonne aus dem schönen kleinen Dorf fuhr. Man konnte sie noch lange läuten hören. Neben der Strasse murmelte der Bach. Heute scheint mir, als wäre es damals ein Abschiedslied gewesen. Als ich vierzig Jahre später meine Heimat wieder besuchte, vermisste ich sein Begrüßungsgemurmel. Ob er mich schon vergessen hatte?

 Unsere „Reise“, wie wir Kinder sie damals nannten, ging weiter, immer weiter fort. Ich sagte zu meinem Bruder: „Je breiter die Strassen werden, desto weiter sind wir von zu Hause fort.“ Ob wir wieder zurückfinden würden? Großvater meinte: „Auch wenn sie dich noch so weit weg treiben: deine Heimat findest du, wenn du nur gut danach suchst.“ Nach einiger Zeit – es war irgendwo in Ungarn – kamen plötzlich viele Flugzeuge, eine Sirene heulte und alle sprangen von den Wägen und warfen sich in den Straßengraben. In der Nähe wurde ein Lazarett beschossen. Man hörte fürchterliche Schreie. Wir Kinder fragten uns: Ist das nun „die Front“? Wir verstanden nun, warum sich die Großen so fürchteten.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Eines Tages – wir fuhren langsam, denn die Pferde waren müde und hatten Hunger – entdeckte der Herr Pfarrer, der mit uns fuhr, ein Feld mit Melonen. Wir wussten damals nicht, was das war, aber es hieß, man könne diese Früchte essen. Die Pferde wurden mit gestohlenem Futter versorgt, als plötzlich wieder diese verdammte „Front“ kam. Es war ein Brausen und Tosen, schrecklicher als zuvor, denn nun galt es uns. Wir rannten um unser Leben. Die Wagenkolonne wurde beschossen. Eines unserer Pferde wurde getroffen. Als der Spuk vorbei war und es wieder still geworden war, kamen alle aus ihrem Versteck. Da man lange Zeit nichts gegessen hatte, beschloss man, das verwundete Pferd zu schlachten. Meine Großmutter protestierte und meinte, sie würde keinen einzigen Bissen hinunterbringen, wenn sie den Gefährten, der bei der Feldarbeit geholfen hatte, essen solle. Zuletzt war der Hunger aber dann doch stärker und auch sie langte tüchtig zu – bis wieder „die Front“ kam. Als wir wieder zurückkamen, war das ganze Fleisch verbrannt. Großmutter meinte, es geschehe uns schon Recht, es sei eine Sünde, seinen Freund, das Pferd, zu essen. Diesen Satz haben wir Kinder uns gut gemerkt. In Zukunft wollten wir gut aufpassen und nichts tun, was die „Front“ auf uns aufmerksam machen konnte.

Es war in Ungarn. Es regnete stark und die Kolonne machte Rast.  Mein Bruder und ich gingen auf Entdeckungsreise. Wir dachten, wenn die „Front“ in Ungarn war, konnten wir doch wieder nach Siebenbürgen zurückfahren. Das wollten wir sie fragen. Aber diese „Front“ war wie ein böses Gespenst: man konnte sie nicht sehen, nur hören konnte man sie. Aber da war sie so böse, dass es mit dem Fragen auch nichts mehr war.

In einer Schottergrube sahen wir kleine Feuer und davor saßen einige Menschen. Plötzlich kam sie wieder, „die Front“. Diesmal allerdings anders, als wir sie bis jetzt kennen gelernt hatten. Dies waren echte Menschen, keine Gespenster, die da plötzlich auftauchten und auf die vor dem Feuer friedlich Sitzenden schossen. Erschreckt liefen wir zu unserem Wagen und erzählten, was wir gesehen hatten. „Das werden Juden gewesen sein“, sagte man uns. Es hätte keinen Sinn gehabt, wenn mir damals als Siebenjährige jemand hätte erklären wollen, warum man Juden erschießen muss. Ich bin jetzt 53 und kann es immer noch nicht verstehen. Auf jeden Fall gab es jetzt noch etwas, das wir nicht kannten: „die Front“ und „die Juden“.

Großmutter, die neben mir saß, habe ich lange nicht in Ruhe gelassen und ihr gedroht, „die Front“ zu fragen, was „Juden“ sind und warum man sie erschießen muss – ich habe bis heute keine Antwort darauf bekommen. Eines wusste ich jetzt: dass „Juden“ Menschen waren und keine Gespenster wie „die Front“. Später sollte ich erfahren, dass auch das Gespenst „Front“ ein Mensch war, ein Mensch, dem alle gehorchten; auch wenn es um den eigenen Bruder ging würden sie töten, nur um dem „Führer“ zu gehorchen.

Unsere Reise ins Ungewisse ging weiter. Eines Tages kamen wir in ein Lager. Durch ein Großes Tor mussten wir hinein mit Pferd und Wagen. Dort mussten wir alles zurücklassen, mitnehmen durfte man nur, was man auf dem Rücken tragen konnte. Ich trug einen Laib Brot. Weiter ging es; die Erwachsenen wussten auch nicht, wohin. Wir Kinder mussten auf vieles verzichten. Zuhause hatte es morgens immer frisch gemolkene Milch zum Frühstück gegeben. Nun gab es fast nichts zu essen. Die Leute, die wir anbettelten, hatten selbst nichts. Nachts schliefen wir auf den Feldern. Uns Kindern wurde bewusst, dass diese Reise ins Ungewisse viele Gefahren, wie die „Front“ und auch den Hunger, mit sich brachte. Wie gerne wären wir in die Schule gegangen!

Wer würde jetzt die Kühe in den Stall lassen, wenn wir nicht da waren? Sie würden von der Weide kommen und keiner war da.  Der Hunger tat so weh. Meine Großmutter hat uns dann gezeigt, wie wir den Hunger am besten bezwingen konnten. Sie gab uns ein paar Körner von der Frucht, die auf den Feldern reifte. Wenn man sie im Mund lange kaute, verging für eine Weile der Hunger. Einmal, bei einem Fliegerangriff, konnte ich meine Puppe nicht finden. Ich ging sie suchen. Meine Mutter hatte schreckliche Angst um mich. Bei dieser Gelegenheit wollte ich versuchen, mit der „Front“ zu reden. Es krachte und bebte und ich habe am ganzen Leib gezittert – aber die „Front“ habe ich nicht gesehen. Ich wollte sie fragen, ob wir nicht wieder heim könnten, fort aus diesem fremden Land, das uns solch große Angst machte. Wir Kinder konnten nicht verstehen, wozu wir von zu Hause weg mussten, wenn es hier noch schrecklicher war. Meine Mutter tröstete mich mit den Worten, dass selbst diese böse „Front“ kleinen Puppen-Müttern nichts tun würde. Später habe ich von meinem Vater erfahren müssen, wie viele jüdische Puppen-Mütter durch diese „Front“ gestorben sind.

An der tschechischen Grenze in Heinrichschlag war es dann endlich so weit. Hier durften wir bleiben. Es war ein wunderschönes Dorf.  Noch mehr Wald als bei uns daheim. Und wir konnten uns nach Monaten wieder satt essen. Die Menschen dort wussten aber, dass sie auch bald fort mussten. Sie teilten alles mit uns. Wir wurden in einer alten Mühle untergebracht. Wir durften auch für kurze Zeit in die Schule gehen. Gelernt habe ich nicht viel, denn dort mussten wir täglich das Bild des dritten „Gespenstes“ mit frischen Blumen schmücken. Da die „Front“ auch dort war, gab es oft Fliegeralarm.  Nun hatten wir schon drei Gespenster: den „Führer“, die „Juden“ und die „Front“.

In der Schule gab es für die Flüchtlingskinder jeden Tag einen Apfel.  Daheim würden die Äpfel auch schon reifen. Wer sie wohl pflücken würde? Wie gerne wären wir jetzt daheim! Eine unserer Kühe sollte ein Kalb bekommen, bevor wir flüchten mussten. Wären wir zu Hause, würden wir es streicheln können – aber leider... Großmutter hatte schöne Hyazinthen gebaut und unter dem Apfelbaum hatte Mutter uns Märchen erzählt; mir nähte sie schöne Puppenkleider.  Hier bekam man sie zu kaufen. Aber daheim waren sie schöner.

Der Bach, der durch unser Dorf floss, teilte unseren Garten in zwei Teile. Vorne befand sich der Gemüsegarten, im hinteren Teil der Obstgarten. Auf den Feldern würde die Frucht reifen. Diesmal würden wir das Summen der Dreschmaschinen nicht hören. Im Herbst wurden die Schafe, welche den Sommer über auf der Alm waren, geschoren. Aus der Milch wurde Käse gemacht. Die Schafwolle wurde dann im Winter von Mutter und Großmutter auf dem Rocken oder dem Spinnrad gesponnen. Im Winter, wenn der Bach zugefroren war, sind wir Schlittschuh gelaufen. Im Sommer konnte dieser Bach die schönsten Geschichten erzählen. Er kam von weit her, aus dem Karpaten-Gebirge. Dieser Bach teilte auch das Dorf Klein-Bistritz in zwei Hälften, in eine „Sonnenseite“ und eine „Schattenseite“. Neben dem Bach war eine Wiese, auf der das selbst gewebte Leinen zum Bleichen in die Sonne gelegt wurde. Von Zeit zu Zeit wurde es mit Wasser genässt, damit es schön weiß wurde. Da in der Nähe auch Gänse herumspazierten, musste man gut Acht geben. Die Gänse trieben gerne ihr Unwesen auf dem weißen Leinen.

An all diese Dinge musste ich denken, als ich mich auf dem Heimweg von der Schule befand. Plötzlich hörte ich ein Brummen, das ich nur zu gut kannte: die „Front“ war uns bis hierher gefolgt! Nun hieß es in den Strassengraben springen, ganz egal, was mit der Schultasche passierte! Es wundert mich, dass weder mir noch der Tasche etwas passiert ist.  Unsere Landsleute waren im ganzen Bezirk verteilt. In Blauenschlag wurde ein kleines Mädchen geboren. Ich durfte Taufpatin sein. Die Menschen dort wussten, dass sie auch bald fort mussten. Bei dieser Taufe wurde ein Schwein geschlachtet. Es wurde schön gefeiert, bis sich ein ungebetener Gast ankündigte: die „Front“.

Ich habe einmal meine Lehrerin gefragt, warum Worte wie „Führer“, „Front“ und „Friede“ mit den gleichen Anfangsbuchstaben beginnen, aber ich habe keine Antwort bekommen.

Wann werden wir wieder daheim sein? Immer fragt man das eine, das im Herzen brennt als Frage der Bitterkeit. Ich lausche in das Schweigen hinein, das die Menschen einhüllt in einen einsamen Mantel, dessen Falten viele Sorgen verdecken.

Die Gruäsä sitzt in der Nähe des Fensters mit einer Näharbeit. Sie unterbricht kurz ihre Arbeit, sieht sinnend mit einem kleinen, ziellosen, fernen Blick aus dem Fenster. Wie ein Mensch, der etwas vergessen hat und sich nun bemüht, den verlorenen Pfad schwerer Gedanken wieder zu finden. Mutter kommt zur Tür herein, fährt sich mit der Hand durch das helle Haar. Wie jung sie noch ist! Als ob Wiesen um sie wären, Bäche und Blumen. Ich sitze in einer Ecke des Raumes. Ich sollte spielen, Freunde haben, weil ich ein Kind bin. Später gehe ich in den Garten, setze mich auf die Bank vor den Blumen.  Das ist eine stille Ecke des Gartens. Alles tritt weit zurück. Oben laufen kleine, dicke Wolken gegen die Sonne. Hier sitze ich gerne. Der Garten ist mein. Ich bin eine Bäuerin. Es wächst viel auf meinem Land.  Ich arbeite mit den Leuten in der Sonne. Ich bin reich. Ich habe Pferde, Kühe, Ochsen und Schafe, ungezählte Herden. Meine Leute – hundert Zigeuner und Rumänen – haben mich gern, denn ich bin gut zu ihnen.  Jetzt bin ich in meinen Garten heimgekehrt, wünsche, nicht gestört zu werden, ruhe aus bei meinen Blumen ...

Erschrocken sah ich auf, als eine Schulfreundin vor mir stand. Dieser Besuch war für mich das erste Zeichen einer Zugehörigkeit, die erste Bestätigung, dass ich da war, auch ich da war. Es war die erste schmale, schwankende Brücke über den Abgrund der Fremdheit. Ich schwamm mit dem Strom, fühlte mich geborgen in seinen Wellen, die mich leicht und gefahrlos trugen. „Spielen“ – ein Zauberwort, über dem man alles vergessen konnte. Sie wollte mit mir spielen, mit mir: der Heimatlosen, dem Flüchtlings-Mädchen, das auf Almosen fremder Menschen angewiesen war!

Es kam immer wieder, das Heimweh nach der fernen Heimat. Das Beten half auch nicht mehr so wie früher. Gott, der alte Mann mit dem weißen Bart, war zu Hause geblieben. ER konnte mich nicht mehr hören. Siebenbürgen war zu weit für ihn entfernt. Wie sollte ER mich hören können, wenn er doch so alt war und schlecht hörte, wie die Urgroßmutter! Vielleicht war ER auch schon tot. Das Mädchen wollte, ich solle ihr von meiner Heimat erzählen. Ich schloss die Augen und begann zu erzählen ... So konnte man lange sitzen. Ein Käfer kroch über unsere Füße, eine Mücke summte ganz hoch. Ich fühlte, dass mein Herz so angefüllt war wie ein Gefäß, das überfließen will.

Ich wurde durch die „Front“ bei meinem Erzählen gestört. Wir mussten in den Luftschutzkeller laufen. Diesmal war es besonders schlimm. Wir hatten meinen Bruder nicht finden können, als der Fliegeralarm kam. Er spielte wahrscheinlich irgendwo im Wald, oder er war wieder einmal auf Schatzsuche. Es gab im Mühlenbach eine Stelle, da fanden wir einmal ein paar Schmuckstücke. Die Leute hatten ihre Wertgegenstände aus Angst vor den Russen im Sand des Bachbettes vergraben. Mein Bruder konnte stundenlang im Wasser stehen und suchen.  Manchmal, wenn ich dabei war, sah ich den Fischen zu. Man hatte mir befohlen, auf ihn Acht zu geben, weil ich die Größere war. Heute war ich im Garten auf meinem Lieblingsplatz gesessen und hatte auf den Bruder vergessen. Mutter schimpfte sehr mit mir und sagte, ich hätte Schuld, wenn ihm etwas passieren sollte. Ich wollte nun noch einmal versuchen, mit dem alten Mann „Gott“ zu sprechen und ihn bitten, den Bruder zu beschützen. Als ich ganz innig und fest betete, bemerkte ich nicht, dass mein Bruder schon in den Luftschutzkeller gekommen war. Ich wollte auch versuchen, „Gott“ wieder zu sehen. Vielleicht war er auch geflüchtet und hier im Keller, wie ich. Ich schickte meinen Blick rundum in die Gesichter der Menschen, konnte IHN aber nicht sehen. Da sah ich meinen Bruder. Eine große Last fiel von mir: Gott gab es also noch! Er hörte mich wieder! Es war nicht alles verloren!

(...)

Mit dem Frühling kamen auch die Russen. Wir kamen gerade aus der Schule, da begegneten uns viele Soldaten. Wir grüßten, wie man es uns gelehrt hatte, aber unser Gruß wurde nicht erwidert. Da wir neugierig waren, gingen wir hinter ihnen her.  Wir hörten, dass sie unsere Sprache redeten. Ein Verdacht kam in uns auf: Russen! – Nur ein Wort, und doch so schrecklich. Aber sie sahen fast so aus wie Vater, wenn er aus dem Krieg auf Urlaub kam. Hoffentlich würden die Russen dem alten Mann Gott nichts tun. Er musste ja mit uns in die ferne Heimat reisen. Heute konnten wir nicht so schnell wie sonst heimkommen, die Straßen waren voller Menschen. Wir sahen, wie ein alter Mann von diesen fremden Soldaten geschlagen wurde, weil er seine Uhr nicht hergeben wollte. Gott sei Dank hatten wir keine. In dem Trubel der vielen Menschen erblickten wir Urgroßmutter. Sie suchte uns schon. Es wäre nun so weit, sagte sie; heute wären wir das letzte Mal in dieser Schule gewesen. Aber das erinnerte uns daran, wie wir uns schon einmal gefreut hatten, nicht zur Schule zu müssen. Um wieviel ärger war das gewesen, was wir erleben mussten! Ich hätte mein Leben lang das Bild des „Führers“ geschmückt, nur um das nicht noch einmal mitmachen zu müssen. Nun waren also die Russen einmarschiert. Jetzt mussten wir von hier fort. Nach Hause. Es war Wirklichkeit geworden. Das Warten hatte ein Ende. Ich brauchte nicht mehr zu träumen davon: Bald würde ich wieder in meiner Heimat sein!

(...)

Buchumschlag Margaretha Kaiser
Informationen zum Artikel:

Eine "Reise" ins Ungewisse

Verfasst von Margaretha Kaiser

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Rumänien, Siebenbürgen, Klein-Bistritz / Oberösterreich, Mühlviertel, Heinrichschlag
  • Zeit: 1944 bis 1945

Anmerkungen

Aus: Kaiser, Margaretha (2008): Nur ein Flüchtlingsmädchen. Gösing/Wagram: Edition Weinviertel, S. 27-40.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.