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Ostereier scheiben

von Johann Wiesböck

Zu Ostern kamen immer, schönes Wetter vorausgesetzt, die Wiener Onkeln und Tanten zu Besuch. Mutter hatte zwei Schwestern, jede war mit einem Wiener verheiratet. Einer war ein reicher Fleischermeister und der andere ein Zuckerbäcker. Sie brachten immer gute Leckerbissen mit. Trotzdem freuten wir Kinder uns weit mehr auf Ostermontag, weil da das „Ostereierscheiben“ angesagt war.

Innenhof
Unser Hof

Tisch und Stühle wurden in die Ecke geschoben, denn es musste genügend Platz vorhanden sein. Dann wurde eine große Decke oder ein Leintuch auf dem Fußboden ausgebreitet. Zwei Heurechen wurden so mit den Zähnen zusammengestellt, dass die beiden nebeneinanderliegenden Stiele eine abfallende Rinne bildeten. Der Auslauf der Rinne berührte die aufgebreitete Decke. Wäre keine Decke da gewesen, so wären die Eier auf dem harten Fußboden aufgeschlagen und zerbrochen.  Dann ging’s los. Jeder Teilnehmer hatte ein Grundkapital von mindestens vier verschieden gefärbten, hartgekochten Eiern.

Der älteste Bub legte ein Ei auf die Rinne und ließ es hinunterrollen. Der nächste Bub musste versuchen, mit seinem Ei das bereits unten liegende Ei zu treffen. Gelang ihm das, so durfte er beide Eier aufnehmen, gelang es nicht, so blieben die zwei Eier liegen. Dann versuchte der nächste Bub sein Glück. Gab es wieder keinen „Titsch“, blieb auch sein Ei liegen. Jeder Bub durfte nur einmal scheiben; war die Runde durch, so fing der erste wieder an. Das ging oft dreimal so; da lagen dann 4 - 5 Eier auf der Decke verstreut, manchmal zwei Stück knapp hintereinander. Gelang einem Buben das Kunststück, ein Ei zu treffen und rollte dieses weiter und berührte auch noch ein anderes Ei, durfte er alle drei einstecken.

Die Kunst, das andere Ei zu treffen, lag darin, das richtig geformte Ei auf die Rinne zu legen. Da gab es richtig runde, kugelige Eier – die liefen nur gerade aus. Dann die leicht gespitzten; die liefen, weil das dickere Ende einen größeren Umfang hatte und somit eine weitere Wegstrecke zurücklegte als das dünnere Ende, je nach Auflage auf der Rinne nach links oder nach rechts. Dann kamen die stark gespitzten Eier, die liefen extrem stark nach links oder rechts. Unter uns Buben gab es wahre Profis, die hatten alle hier beschriebenen Eisorten im Vorrat; sie waren die gefürchteten „Abräumer“. Ein naiver Anfänger war uns sehr willkommen, stand er doch bald ohne Eier da und wurde dann von uns hinterher gehänselt.

Heute ist das Ostereierscheiben schon ganz vergessen. In meiner Familie gibt es diesen alten Brauch noch, aber auch nur dann, wenn es am Ostermontag schlechtes Ausflugswetter hat. Auto, Fernsehen, Radio – das alles gab es damals ja noch nicht. Heute ist für solche uralten Bräuche nur mehr wenig Zeit.

Buchumschlag Wiesböck
Informationen zum Artikel:

Ostereier scheiben

Verfasst von Johann Wiesböck

Auf MSG publiziert im März 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Weinviertel, Puch
  • Zeit: 1920er Jahre, 1930er Jahre

Anmerkungen

Aus: Wiesböck, Johann (2005): So war's in Puch. Erinnerungen eines Weinviertler Altbauern. Gösing/Wagram: Edition Weinviertel, S. 22-23.

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