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1950 - Mit dem Fahrrad nach Rom

von Hans Rieder

Nach dem Krieg hatten Vereine für junge Leute, wie der der ÖVP-Jugend und der katholischen Jugend, regen Zustrom. Besonders in Poysdorf und Kleinhadersdorf wuchs die Zahl der Mitglieder beachtlich heran.

Damit die Jugend ihre Heimat besser kennen lernen sollte, wurde von der Bundes­jugendführung das Goldene Heimatabzeichen geschaffen, das jeder Jugendliche erwerben konnte, wenn er die vorgeschriebenen Orte jedes Bundeslandes besuchte.

Schon im Frühjahr 1949 machten einige Freunde aus der Jugendbewegung eine Niederösterreich-Radtour, um das Silberne Heimatabzeichen zu erlangen. Zielpunkte waren dabei Maria Taferl, Maria Schutz am Semmering, Deutsch Altenburg, Carnun­tum und andere mehr. An dieser Fahrt nahmen auch Franz Pfeiffer und Herbert Piffl teil. Weil sie diese Reise gut überstanden hatten, waren sie deshalb auch Befürwor­ter der Österreich-Rundfahrt, die wir dann noch mit einem kleinen Abstecher nach Rom verbanden.

Für das Goldene Heimatabzeichen war eine Österreich-Radtour notwendig, die natürlich mit dem kleinen Ausflug durch Niederösterreich in keiner Weise zu ver­gleichen war, trotzdem wollten Franz, Herbert und ich dieses Abenteuer wagen.

Zur Information gab es ein Formular, in dem die zu besuchenden Punkte angegeben waren. Einige davon waren: die Kaisergruft und St. Stephan in Wien, im Burgenland Forchtenstein und die Bergkirche in Eisenstadt, in der Steiermark das Peter-Rosegger-Geburtshaus und der Schlossberg in Graz, in Kärnten der Gurker Dom und Maria Wörth usw.

Im Jahre 1949 wurde während einer unserer regelmäßigen Heimstunden, die im Kel­ler des Kindergartens abgehalten wurden, die Idee geboren, Österreich mit dem Fahrrad zu durchqueren, um dieses begehrte Abzeichen zu bekommen.

Viele der Burschen hielten das für total verrückt. Man müsse da bis St. Anton fest in die Pedale treten, dann auch noch den Arlberg überqueren, um schließlich den Bodensee zu erreichen. Das sei doch viel zu gefährlich und außerdem seien wir wahn­sinnig, wenn wir uns auf ein so riskantes Unternehmen einlassen wollten.

Trotz aller Versuche, uns die Tour auszureden, blieben schließlich drei Kameraden über, die das Abenteuer wagen wollten, nämlich Franz Pfeiffer, Herbert Piffl und ich.

Im Spätsommer 1949 begannen wir mit unseren Fahrrädern das Training. Ich hatte damals zwar ein sehr stabiles Waffenrad, allerdings ohne Schaltung. Einige Male war ich damit in Wien, wo ich Bekannte und Verwandte besuchte.

Es machte mir das Radfahren so viel Spass, dass ich sogar liebäugelte, bei der Österreichtour mitzumachen, aber so weit kam es dann doch nicht.

Im Frühjahr des Jahres 1950 machten wir uns schon an die formellen Vorbereitun­gen, bei denen uns Frau Dir. Hollmann tatkräftigst unterstützte, so besorgte sie zum Beispiel die Formulare für das Heimatabzeichen.

Fast täglich trainierten wir mit unseren Fahrrädern, unterhielten uns dabei und kamen dabei auch auf das Hl. Jahr in Rom zu sprechen, das nämlich während des ganzen Jahres 1950 dort gefeiert wurde.

Bei meinem schweren Autounfall im Jahre 1945 habe ich ja gelobt, eine Wallfahrt zu unternehmen, wenn mich der Himmelvater wieder gesund werden lässt. Jetzt wäre im Zuge dieser Reise die Möglichkeit dafür, auch dieses Versprechen einzulösen.

Im zeitigen Frühjahr kümmerten wir uns um die nötigen Papiere.

Die ÖVP-Landesparteileitung der ÖJB besorgte uns von der italienischen Schwester- partei, der Democrazia Cristiana, ein Begleitschreiben, in dem man ersuchte, uns bei Bedarf zu unterstützen. Prälat Fried, ein gebürtiger Eibesthaler, schenkte uns eine Straßenkarte von Italien und auch noch etliche Lire.

mehrere bepackte alte Fahrräder in Detailaufnahme

Am 5. Mai 1950 war es dann so weit. Um 5 Uhr Früh fuhren wir mit unseren Fahr­rädern, auf die wir unsere Rucksäcke gebunden hatten, von Poysdorf ab. Außerdem hatte ich noch 130 Schilling in der Tasche.

Nach kurzem Aufenhalt in Wien fuhren wir nach Eisenstadt weiter und erreichten schließlich Forchtenstein, wo wir dann unsere erste Nacht verbrachten.

Frühmorgens starteten wir von dort in Richtung Neunkirchner Allee und waren zu Mittag am Semmering. Nach einer kurzen Rast ging’s nach Krieglach und zu Peter Roseggers Geburtshaus in Alpl.

In Gratkorn kurz vor Graz suchten wir am späten Nachmittag den dortigen Vizebür­germeister auf, der Bauer war und einen schönen Bergbauernhof besaß. Auf eine Empfehlung hin klopften wir bei ihm an und baten um ein Quartier für eine Nacht, was uns die nette, junge Familie auch sofort gewährte. Wir wurden in einem Heusta­del untergebracht, was uns überhaupt nichts ausmachte, bloß der Geruch nach Mäu­sen störte uns ein bisschen. Am nächsten Tag in der Früh, es war dies der erste Sonntagmorgen unserer Reise, wurden wir zu einem gemeinsamen Frühstück in die große Stube eingeladen. Wir saßen alle um einen riesengroßen Tisch herum, in des­sen Mitte eine große Holzschüssel stand, in der eine Milchrahmsuppe auf uns warte­te. Dazu gab es grünen Salat, der etwas anders aussah als bei uns, und Brot. Jeder von uns bekam einen festen Holz­löffel, den wir nacheinander zuerst in die Schüssel und dann in den Mund steckten, das aber taten wir so lange, bis der große gemeinsame Teller leer war. Na, war das ein Sonntagsfrühstück!

mehrere Personen rund um einige bepackte Fahrräder bzw. Radfahrer vor einem Hauseingang

Vor der Abfahrt schossen wir an der Haustür noch ein Foto zur Erinnerung und setzten nach einem Danke für die freundliche Bewirtung unsere Reise Richtung Graz fort.

Am nächsten Tag holten wir uns den Stempel vom Schlossberg. Dann fuhren wir in Richtung Pack weiter, waren am Abend dort und übernachteten in einer Scheune.

(...)

Jetzt war es ca. 14 Uhr und laut Karte hatten wir noch 60 km zu radeln. Da wir die Berge schon hinter uns hatten, kamen wir gut voran. Es war ca. 18 Uhr, als wir in den nördlichen Teil Roms hineinfuhren. Weil heute Sonntag war, hielt sich auch der Stra­ßenverkehr in Grenzen. Wir suchten eine bestimmte Straße, in der es ein Kloster geben sollte, das Pilger aus aller Welt für drei Tage aufnahm. Das hatte uns damals Kanonikus Dr. Door, Domprediger von St. Stephan in Wien, mitgeteilt. Auch dieses Schreiben hatten wir uns gut aufgehoben. Als wir einen römischen Polizisten nach dem Weg fragten, zeigte er uns sehr freundlich die Straße, die uns zum Kloster brin­gen sollte. Unser Ziel lag auf der westlichen Seite der Stadt, daher mussten wir noch fast eine Stunde in die Pedale treten, bis wir vor der Pforte standen. Dahinter lag zu­nächst ein sehr gepflegter, großer Park, der sich endlos in die Länge zog. Somit verging noch einige Zeit, bis uns eine Schwester das große eiserne Tor öffnete. Sie musterte uns drei zunächst einmal mit ihren großen Augen von oben bis unten und fragte uns dann in deutscher Sprache, woher wir denn kämen. Als wir uns als Öster­reicher vorstellten, meinte sie, dass sie uns das schon angemerkt hätte. Nach dem Gebiet befragt, erwiderten wir: „Aus der Nähe von Wien“. Sie wollte es aber ganz genau wissen, dann sagte einer von uns: „Aus Poysdorf“.

„Ist das wahr?“, fragte sie dann, worauf wir zustimmend nickten. Dann machte sie das Tor weiter auf und ließ uns hinein. Freundlich lächend erklärte uns dann die Schwester, dass sie aus Groß Krut komme. In den nächsten drei Tagen befanden wir uns somit bei ihr in besten Händen.

Von diesem Kloster aus fuhren wir nun mit der Straßenbahn in den Vatikan und in das Zentrum von Rom. Gelegentlich schlossen wir uns deutschsprachigen Gruppen an und sahen und hörten viel von den Sehenswürdigkeiten der Hl. Stadt. Als wir dann am Abend wieder ins Kloster zurückkehrten, in dem eine große Anzahl von Pilgern Aufnahme gefunden hatte, mussten wir aber mit Bestürzung feststellen, dass uns fast alle Klamotten, die wir zurückgelassen hatten, gestohlen worden waren. Viel hat­te man ja dabei nicht „geerbt“, für uns war das jedoch ein großer Verlust, weil wir ja jetzt fast nur mehr das hatten, was wir am Körper trugen. Kaufen konnten wir uns natürlich auch nichts, weil unsere Lirekassa es nicht zuließ.

Am zweiten Tag erlebten wir wieder eine große Überraschung. Um 10 Uhr vormittags war eine große Audienz von Papst Pius XII. angekündigt. Tausende Menschen strömten zum Petersplatz und anschließend in den Dom. Plötzlich erblickte ich eine Gruppe von Pilgern auf dem Platz, von denen ich einige zu erkennen glaubte, doch ich traute meinen Augen nicht. Es war aber tatsächlich Leopold Figl, der damalige Bundeskanzler, der da in der Mitte der Gruppe stand, auch Kanonikus Dr. Door und Prälat Fried standen dabei. Von den letzteren beiden geistlichen Herren hatten wir, wie schon berichtet, unsere Begleitschreiben bekommen.

Bundeskanzler Figl, den ich zwei Jahre vorher anlässlich einer Versammlung der ÖJB begrüßen konnte, ihn dabei während seiner Rede mit unserer Fahne flankieren durfte, erkannte mich auch wieder. Spontan lud uns der Bundeskanzler ein, ihn und seine Delegation in den Dom zu begleiten, was wir natürlich gerne annahmen. So marschierten wir in Lederhose, alles andere war uns ja schon gestohlen worden, mit der Prominenz in den Dom. Die Schweizer Gardisten musterten uns streng, ließen uns aber, in Anbetracht unserer hohen Würdenträger, doch ziehen. Figl und die geistlichen Herren gingen den breiten Mittelgang bis ganz nach vorne durch, wo sie ihre reservierten Plätze einnahmen. Wir blieben im Mittelgang neben den vollbe­setzten Stühlen stehen und warteten auf den Papst, der pünktlich um 10 Uhr herein­getragen wurde. Dabei wurde laut gerufen und applaudiert. Der Papst wurde bis zum Altar vorgetragen und spendete dabei den Menschen seinen Segen, die ihm ständig Papa, Papa, Papa zuriefen. Als wir in der Begrüßungsrede des Papstes hörten, dass er sich freue, den österreichischen Bundeskanzler Leopold Figl mit seiner Delegation begrüßen zu dürfen, freuten wir uns gewaltig, weil wir ja auch dazugehörten. Dieser Vormittag war sicher eines der schönsten Erlebnisse in Rom.

(...)

Nach den drei Tagen verließen wir die Hl. Stadt mit dem Wunsch, sie später wieder einmal zu besuchen. Franz hatte dieses Glück, wir zwei anderen aber bisher leider nicht.

Unbedingt wollten wir drei das Mittelmeer sehen und fuhren daher entlang der West­küste in Richtung Pisa. Frisch und munter radelten wir dahin und standen um 20 Uhr vor dem Schiefen Turm in Pisa. Diese Tour war zwar sehr schön, jedoch auch sehr lang. Unterkunft fanden wir in dieser Stadt keine, daher blieb uns nichts anderes übrig, als ganz einfach sprichwörtlich unter der Brücke zu schlafen. Es war aber tatsächlich so, dass wir uns unter den Steinbögen einer Brücke auf nackten Beton hinlegen mussten. Starr vor Kälte setzten wir uns schon frühmorgens auf unsere Räder, um uns aufzuwärmen. Wir fuhren dabei weiter die Küste entlang, bis wir die Steinbrüche von Carrara erreichten, in denen der weltbekannte weiße Marmor abgebaut wird. Nicht weit davon entfernt lag dann der große Kriegshafen La Spezia. Einige riesige Kriegsschiffe lagen dort vor Anker. Als wir im Hafen herumspazierten, trafen wir zufällig einen Wiener, der dort beschäftigt war, und mit dem wir uns eine Weile unterhalten konnten. Da ich schon vor La Spezia im linken Auge Schmerzen verspürte, die jetzt immer schlimmer wurden, war ich gezwungen, einen Arzt aufzu­suchen, den wir mit Hilfe der Bevölkerung auch fanden. Er untersuchte mich und stellte dabei eine Entzündung des Auges fest, erklärte mir das allerdings auf Englisch, sodass wir alle drei uns sehr anstrengen mussten, ihn mit unserem Schul­englisch zu verstehen. Der Herr Dottore tropfte mir etwas ins Auge, trug auch noch eine Salbe auf und klebte mir schließlich einen Verband drauf. Auf meine Frage, was ich zu bezahlen hätte, meinte er, ein „Grazie“ sei genug. Von seiner Praxis, die von unserer Fahrtroute etwas entfernt lag, gingen wir zunächst ein Stück, dabei schoben wir unsere Räder vor uns her. Ich war zum ersten Mal müde und hatte auch Schmerzen. Weil mir mein verbundenes Auge Schwierigkeiten bereitete, setzte ich mich rechts von der Straße auf der Böschung nieder. Meine beiden Freunde bat ich, einen von den LKWs aufzuhalten, die fast alle mit Marmorplatten beladen waren. Kamerad Franz übernahm diese Aufgabe. Die Straße war in diesem Bereich sehr kurvenreich, außerdem war rechts die Böschung und links das Meer, sodass da kein Wagen schnell fahren konnte. Also hofften wir, dass vielleicht doch bald einer anhält. Kurze Zeit später hörten wir einen alten Wagen, denn von diesen gab es damals viele, da­herrattern, worauf Franz sogleich als Stopper aktiv wurde. Zum Glück blieb der Fahrer, als er uns sah, gleich stehen, deutete auf mich und meinte: „Kamerad ist krank, ist kaputt“. Als wir ihm erklärten, dass wir Richtung Genua weiter wollten, stieg der junge Mann aus seinem Fahrzeug, half uns beim Aufladen der Räder und deutete uns, auf den Marmorplatten Platz zu nehmen. Unter dem Motto „besser schlecht sitzen als gut gehen“ kamen wir einmal, ohne zu treten, voran. Als der nette Chauffeur bei Genua bei seiner Firma angekommen war, mussten wir absteigen. Trotz meiner Augenentzündung musste ich nun mit meinen Kollegen Richtung Pavia und Mailand mit dem Fahrrad weiterfahren.

In Mailand kamen wir sehr spät an und brauchten eine Übernachtungsmöglichkeit. Wir konnten dort einen Raum ausfindig machen, in dem zwar keine Betten standen, statt dessen gab es Polsterbänke. Die Frau, der diese Absteige gehörte, musterte uns zunächst einmal, weil wir wie echte Landstreicher ausschauten. Wir waren vom Lastwagenfahren so verstaubt, dass sie uns am liebsten wieder weggeschickt hätte, was sie aber dann doch nicht tat. Waschgelegenheiten gab es keine, statt dessen brachte uns die Frau nach einem „uno momento“ einen Stoß von Zeitungen. Diese mussten wir zunächst auf die Polstermöbel legen, erst dann durften wir uns drauf­legen. Zum Zudecken hatten wir außer den Zeitungen auch nichts, doch das waren wir ja schon gewohnt.

Am nächsten Morgen schauten wir uns Mailand an, wobei uns da der Dom und die Scala sehr faszinierten und wir uns kaum sattsehen konnten. Bevor wir von Mailand abfuhren, berieten wir, welche Richtung wir denn wählen sollten. Auf den Alpenüber­gängen lag noch überall Schnee, manche waren sogar gesperrt. Der Bodensee und Bregenz waren die ersten Ziele in Österreich, die es zu erreichen galt. Nach länge­rem Studium der Landkarte einigten wir uns darauf, über den St. Gotthard zu fahren. Mit voller Kraft fuhren wir also wieder los und freuten uns schon, bald in ein Land zu kommen, in dem wir kein Problem mit der Sprache mehr hatten. Noch vor der Schweizer Grenze erreichten wir zu Mittag Como am gleichnamigen See. Wir hatten nicht nur Hunger, sondern auch noch einige Lire in der Tasche und suchten daher ein Lokal auf, um essen zu gehen. In diesem Restaurant lernten wir einen Österreicher kennen, der sich uns als Baumeister vorstellte und uns gleich zum Essen einlud. Er meinte, dass wir ihm gerade wegen unserer Lederhosen so imponieren und sympathisch seien. Wir sollten als seine Gäste essen und trinken, was und wieviel wir wollen. Na war das eine Freude! Als der Ober kam, bestellten wir Speisen a la carte und dazu einen guten Rotwein, mit dem wir dann unseren neuen Freund hoch leben ließen. Zu viert aßen wir dann förmlich um die Wette, wobei unser Gast­geber noch schneller war als wir. Als er fertig war, stand er auf, um das WC aufzu­suchen, wie er sagte. Wir dachten uns alle drei nichts dabei und warteten eben auf ihn, der doch noch die Zeche zu bezahlen hatte. Nach einiger Zeit wurde uns klar, dass wir unseren neuen Freund, den Herrn Baumeister, wohl nie wieder zu Gesicht bekommen würden. Also waren wir jetzt dazu verurteilt, die nicht unbeträchtliche Zeche selber zu bezahlen. Wir kratzten unsere letzten Lire zusammen, die aber bei weitem nicht reichten. Der Ober, der auch mitbekommen hatte, dass wir hineinge­fallen waren, vielleicht war es sogar ein abgekartetes Spiel, zwang uns dazu, den noch offenen Betrag in Schilling zu begleichen. Da war jetzt unsere anfängliche Freude endgültig vorüber.

(...)

Der Pöstlingberg in Linz war auch eine Station unseres Abzeichens, dann noch der Ort Maria Taferl, der allerdings der letzte Stempel war, der uns noch fehlte. Das mussten wir alles noch heute erledigen. Die letzte Nacht verbrachten wir in einer Scheune bei Maria Taferl. Am 29. Mai ließen wir uns mit der Rollfähre über die Donau nach Krummnussbaum bringen.

Als wir noch im Morgengrauen in den Donauauen eine Abkürzung zur Bundesstraße, der B 1, nehmen wollten, ereilte mich ein Missgeschick. Ich stolperte über einen mit Laub bedeckten Ast, kippte mit meinen Halbschuhen um und verknöchelte mir den rechten Fuß. Mit diesen Schmerzen war das Laufen vorüber, ich konnte nur mehr hinter meinen Freunden nachhumpeln. Jetzt hatten wir noch den weiten Weg nach Wien vor uns. Außerdem hatten wir mit der Landesjugendführung vereinbart, uns heute nachmittags in der Löwelstraße zu melden, was wir unbedingt einhalten wollten. Über St. Pölten und Atzenbrugg ging es weiter zum Riederberg.

Mein Fuß schmerzte immer mehr, sodass ich kaum mehr treten konnte, wodurch wir gezwungen waren, in der Nähe von Sieghartskirchen eine Pause einzulegen. Mein Knöchel war schon arg angeschwollen, obwohl ich diesen mit einer Fasche fest bandagiert hatte. Da fiel mir wieder Genua, Auge und LKW ein.

Wieder versuchten wir, einen LKW aufzuhalten, die aber damals nicht so häufig waren. Dennoch kamen einige vorbei, einer davon hielt dann auch an. Dem Fahrer erklärten Franz und Herbert unsere Situation, worauf uns dieser auf seinem unbela­denen Lastwagen mitnahm. Bis Auhof konnten wir mit dem LKW mitfahren, wodurch wir auch noch wertvolle Zeit gewan­nen. Um ca. 15 Uhr kletterten wir dann vom LKW und fuhren nach einem Danke in Richtung Zentrum.

Personengruppe vor Wiener Hausfassade

Als wir nun in die Löwelstraße kamen, erwartete uns dort eine riesige Über­raschung. Unter all den Landespoliti­kern stand nämlich zu unserer aller­größten Freude auch Frau Dir. Marie Hollmann im Empfangskomitee. Auch einige Journalisten waren dabei, die uns interviewten und einige Fotos von uns schossen. Anschließend überreichte uns der Bundesjugendführer das Goldene Heimatabzeichen. Voller Freude dankten wir dann für den so herzlichen Empfang und verabschiedeten uns wieder.

Nun war Poysdorf nicht mehr allzu weit entfernt, für uns etwa zwei bis drei Stunden zu fahren. Als wir den Erdberger Berg erreichten, kam uns eine Gruppe von ungefähr zwanzig Radfahrern entgegen, die, sobald sie uns erblickt hatten, sofort wieder umdrehten und mit hohem Tempo zurückfuhren. Wir hingegen fuhren langsam weiter und, als wir zum Ortseingang kamen, stand dort halb Poysdorf versammelt, um uns zu empfangen. Feuerwehr, Musikkapelle, Dechant Leyendecker mit den Ministran­ten, die Freunde der Jugendbewegung und allen voran wieder Frau Dir. Hollmann. Mit unserem Dechant und den vielen Leuten zogen wir dann in die Kirche, wo wir ein feierliches Tedeum anstimmten, mit dem wir uns für die schützende Hand während unserer ganzen Reise bedankten. (...)

Zeitungsartitel über die Romfahrt von drei Poysdorfer Jugendlichen, 1950

Porträt des Autors mit Lederjacke und Heimatabzeichen

An den Zeitungsartikeln von damals kann man erkennen, dass unsere Romreise auch in den Zeitungen nicht ohne Reaktionen blieb. Wir wurden fast wie Helden gefeiert, was uns jetzt natürlich auch deshalb eine gewisse Freude und Genugtuung berei­tete, wenn man daran denkt, mit welch blöden und abfälligen Sprüchen und Bemerkungen wir vorher von all den vielen Neidern bedacht worden waren. Jetzt hatten wir ihnen ja bewiesen, dass unsere Wahnsinnsidee doch ausführbar gewesen war. Von den kurzen Phasen der Resignation des einen oder anderen Kameraden musste man ja doch nicht gleich jedem erzählen.

Hier sieht man jetzt noch einen zwar sehr müden und abgekämpften jungen Burschen in der Löwelstraße, der aber dennoch sehr glücklich ist und sein soeben überreichtes Goldenes Heimatabzeichen stolz auf seiner Brust trägt. Ob er in dieser Situation wohl sein Bein mit dem verstauchten Knöchel überhaupt noch gespürt hat?

Buchcover
Informationen zum Artikel:

1950 - Mit dem Fahrrad nach Rom

Verfasst von Hans Rieder

Auf MSG publiziert im Mai 2010

In: Erinnerungsbücher, Worte der Kindheit

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Italien, Rom, Mailand u.a.
  • Zeit: 1950

Anmerkungen

Der Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Hans Rieder's Erzählungen & Abenteuer", Poysdorf 2005, S. 120 ff., wieder.

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