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Abschied vom Hof

von Anton Pillgruber

Der 1928 als lediges Kind einer Dienstmagd geborene Anton Pillgruber wurde mit drei Jahren an Kindes statt als voraussichtlicher Hoferbe zu einem Bauern gegeben. Als er bereits über zwanzig Jahre alt war und noch immer ohne jede weiterführende Schulbildung und Berufsaussichten als unbezahlter Knecht auf dem Hof arbeiten musste, kam es zunehmend zu Konflikten mit dem Ziehvater und dem leiblichen Vater.

Noch einen Rat bekam ich von meinem „lieben Herrn Vater“: Ein strammer Bauernknecht zu sein, sei auch nicht zu verachten. Ich habe diesen Beruf nie in Frage gestellt, es wäre also nicht erforderlich gewesen, mir das zu sagen. Ein guter Bauernknecht auf einem gut geführten Bauernhof genoss oft mehr Ansehen als ein armseliger Keuschler mit ein paar Kühen im Stall, der sich sonntags überlegen musste, ob er sich nach der Kirchzeit ein Bier leisten konnte. Nur war es zu dieser Zeit schon absehbar, dass es diesen Beruf nicht mehr lange geben würde. Industrie und Gewerbe verlangte geradezu nach diesen Leuten. Spätestens nach der Aussprache mit dem Vater wusste ich, dass ich auf mich allein gestellt war.

Allmählich begann sich die schwere Arbeit nachteilig auf meinen Körper auszuwirken. Ich bekam vorhängende Schultern, fast schon einen Buckel. Durch zu schweres und zu wenig Schuhwerk bildeten sich Hühneraugen. Des Öfteren wurde ich ermahnt, den Rücken gerade zu halten, ich solle doch ein strammer junger Mann sein. Mehrere Male bekam ich von familienfremden Leuten das Angebot, sie geben mir Kost und Quartier und bringen mich bei ihrer Arbeitsstätte unter. Einmal war es ein Postangestellter, das andere Mal ein Eisenbahner. Ich hätte nur meine Siebensachen packen und einfach weggehen brauchen. Dann stand im Geiste wieder die verstorbene Ziehmutter vor mir und beschwor mich, die Familie nicht im Stich zu lassen. Allmählich machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, so lange zu bleiben, bis die Söhne so weit erwachsen waren, dass sie die Arbeit bewältigen konnten, die der Betrieb erforderte.

Ein Jahr nach dem Tod der Ziehmutter heiratete der Ziehvater wieder. Seine engeren Verwandten hatten ihn zu diesem Schritt gedrängt. Die zweite Frau, eine Bauerntochter, war verträglich und arbeitsam. Ich kam sehr gut mit ihr aus. Auch war ich heilfroh, dass die Dinge sich nun doch ändern. Der Hof brauchte eine Bäuerin, der Ziehvater eine Gefährtin und die Kinder eine Mutter. Ich glaube, dass sie in dieser Rolle sehr gut zurechtkam.

Ich steuerte allmählich einem seelischen Tiefpunkt zu. Saß ich abends nach getaner Arbeit in der Küche, konnte ich nicht ruhig bleiben. Ständig hatte ich die Finger in Bewegung. Einmal kam der Vater in irgendeiner Angelegenheit zu uns. Als er meine Unruhe bemerkte, wusste er nichts Besseres zu tun, als mich anzufahren, ich solle mich gefälligst beherrschen. Was war das doch für ein Mensch? Dass er gegenüber seinen unehelichen Kindern Vaterpflichten gehabt hätte, kam ihm wohl nicht in den Sinn. Finanzielle Unterstützung konnte ich von ihm sowieso keine erwarten, was er verdiente, verbrauchte er für sich selber. Mehr noch, ich kam darauf, dass er da und dort Schulden hatte. Seitens des Ziehvaters bekam ich manchmal das Gefühl, als wollte man aus mir so eine Art Haustrottel machen, gerade gut genug, um zu arbeiten. „Zum Haus gegeben“, wie das so schön hieß. Das Schicksal dieser Menschen endete dann oft in dem Dasein der „Einleger“ und „Bettgeher“, die ich aus der Vorkriegszeit noch kannte.

Ich begann wieder, an den Wochenenden mit meinen früheren Freunden fortzugehen. Die nahmen mich gern wieder als einen der ihren auf. Große Sprünge konnte ich zwar nicht machen, weil meine Geldtasche meist leer war. So manche Zeche brauchte ich nicht zu bezahlen, weil die Wirtsleute, die entfernte Verwandte von mir waren, mir diese nachließen. Mein Einkommen bestand zu dieser Zeit lediglich aus dem Erlös von Hochzeits- und Leichenfahrten. Für diesen Nebenverdienst stellte mir der Ziehvater großzügig ein Pferd zur Verfügung. Das Gefährt borgte mir kostenlos ein Nachbar. Die Leute, die ich zur Hochzeit fuhr, waren mit dem Fuhrlohn sehr großzügig. Auch bei Leichenfahrten verdiente ich immer gut.

Schön langsam rappelte ich mich wieder hoch. Der Drang zum Weggehen wurde in mir sehr stark, fast unbezähmbar. Der Ziehvater vertrat auf einmal die Ansicht, es sei überhaupt nicht wichtig, etwas zu lernen. Jeder hätte auch so sein Auskommen, wenn er nur fleißig arbeiten würde. Eine Lehre konnte ich sowieso nicht mehr absolvieren. Aber weiterhin dableiben, wollte ich noch weniger. Nur: Wie stelle ich’s an? In dieser Situation setzte ich dann so etwas wie einen Knalleffekt.

An einem Sommermorgen musste ich mit dem Pferdefuhrwerk auf die Alm fahren. Dabei kam ich an den Feldern des Vaters vorbei. Er war gerade dabei, das Grünfutter für die Kuh zu mähen. Ich band das Pferd an einem Baum fest und ging zu ihm. Eine maßlose Wut überkam mich plötzlich gegen diesen Menschen, der mein Vater sein sollte, aber eigentlich nur mein Erzeuger war. Da stand er und mähte das Gras, das er mir zugesprochen hatte. Ohne Gruß trat ich vor ihn hin und sagte ihm, dass er die volle Verantwortung für meine gegenwärtige Lage zu tragen und mir meine Jugendjahre gestohlen habe. Dafür würde ich von ihm erwarten, dass er es mir ermöglichte, ein normales Leben zu führen. Sollte er dazu nicht fähig sein, würde ich eine Tat setzen, die ihm ein Leben lang zu schaffen machen werde. Spontan drehte ich mich um und ging zum Fuhrwerk zurück.

Man auf einspänniger Pferdekutsche
Der Autor beim Hochzeitfahren; Tennengau/Salzburg um 1950

Ich fühlte eine ungeheuere Erleichterung in mir, diesem Mann die Schneid abgekauft und ihm gezeigt zu haben, dass es mich auch noch gab. Die Überraschung, die in seinem Gesicht stand, sprach für sich. Es kam auch nicht der erwartete Widerspruch oder eine lapidare Zurechtweisung. Ich war mir natürlich nicht im Geringsten klar, welche Tat ich zu setzen gedachte. Ich wollte weder mir noch einem anderen Menschen Leid oder Schaden zufügen. Ich wollte einfach weg.

Etwa einen Monat nach der „Aussprache“ kam die Mitteilung der nächstgelegenen landwirtschaftlichen Fachschule, dass mein Aufnahmeansuchen genehmigt sei. Fast glaubte ich an ein Wunder. Der alte Herr hatte mich dort angemeldet. Dass er mich vorher nicht gefragt hatte, ob mir das auch recht sei, nahm ich ihm gar nicht so übel. Es gehörte sicher zu seiner Denkungsart, über seine Kinder, speziell die unehelichen, nach seinem Gutdünken zu verfügen.

Die Bäuerin reagierte verständnisvoll. Selbstverständlich stehe auch mir das Recht zu, mich weiterzubilden. Der Ziehvater war weniger erfreut und legte gleich los: Lauter arbeitsscheue Individuen würden in so einer Schule erzogen. Ich würde schon noch draufkommen. Ich bräuchte nur meinen Vater anschauen, wie weit er es gebracht hätte. Die Schule sei schuld daran, dass ihn sein Vater vom Hof gejagt habe. Als Wirt sei er auf die Gant gekommen. Am Sterbebett hat ihn sein Vater noch enterbt, und zuletzt wäre er vielleicht sogar verhungert, hätte nicht er, der Ziehvater, ihn lange Zeit umsonst gefüttert. Dann kam noch ein Wort aus seinem Mund, das an Gemeinheit grenzte: „Zuerst kann man sie aus dem Dreck herausziehen, und kaum sind sie so weit, dass sie die Notdurft allein verrichten können, laufen sie weg und lassen einem im Dreck sitzen.“

Es war mir bewusst, dass dieser Mann viel Schlimmes hinter sich hatte. Anfangs der verschuldete Hof, die Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre tat ihr Übriges. Dann kamen die Krankheiten seiner Frau und ihr schreckliches Ende. Dass diese großen Übel in einem Menschen Spuren hinterlassen, die zu einer Verbitterung führen, war verständlich. Aber was konnte ich dafür?

22 Jahre war ich alt. Ich hatte keinen Beruf, kein Geld. Ich fragte ihn, ob er mir die 600 Schilling geben könnte, die ihm meine Mutter einmal geliehen hatte, als man um dieses Geld noch eine Kuh kaufen konnte. Diesen Betrag hatte die Mutter mir vermacht. Er gab mir das Geld mit der Bemerkung, dass er die Schuld mir gegenüber somit beglichen habe.

Dann kam der Tag des Abschieds. Es war ein Sonntag, an dem ich in die Schule einrücken sollte. Am Morgen betreute ich die Pferde, dann der Kirchgang, mittags noch einmal die Arbeit im Pferdestall. Heimlich nahm ich Abschied von meinen Rössern. Beim Packen half mir die Bäuerin, die mir auch die Bettwäsche und den Koffer borgte. Das Ganze verschnürte ich auf meinem Fahrrad. Dann ging ich noch einmal ins Haus, um „Pfüat Gott“ zu sagen. Der Ziehvater gab mir nicht einmal die Hand, geschweige denn, dass er mich gefragt hätte, ob ich wohl etwas Geld gebrauchen könnte. Ein unfreundliches Gemurmel war alles, was ich hörte. Ihn um etwas zu bitten, das fiel mir nicht ein. Wenn er selbst nicht daran dachte, mich finanziell zu unterstützen, so sollte er’s bleiben lassen. Ich würde mich schon irgendwie durchschlagen. Der Schulbesuch war mir ermöglicht worden, weil ich das Höchststipendium bekam. Den Rest bezahlte der Vater.

Ich ging also aus dem Haus, in das ich vor 19 Jahren als vorgeplanter Hoferbe gekommen war. Hier hatte ich ohne Lohn gearbeitet, mit der Familie gelitten, zu trösten versucht und was weiß Gott noch alles getan, um meinen Beitrag zu einem erträgliche Leben am Hof zu leisten. Es war nicht einmal einen Händedruck wert. Ich ging in die Fremde wie viele andere auch. Und ich bat den Herrgott um seinen Schutz und um sein Wohlwollen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Abschied vom Hof

Verfasst von Anton Pillgruber

Auf MSG publiziert im September 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Salzburg, Tennengau
  • Zeit: 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem von Kurt Bauer herausgegebenen Erinnerungsbuch: Bauernleben. Vom alten Leben auf dem Land, Wien-Köln-München 2007; S. 188 ff.

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