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Sonntagskleid und Werktagsgewand

von Elisabeth Glettler

„Kleider machen Leute“, heißt es bei Gottfried Keller. Über die Kleidung weisen sich Menschen aus, sagen damit, wo sie sich zugehörig fühlen, stelle ich heute fest. Damals erlebte ich das Anziehen und den Besitz von Kleidung, aber vor allem ihr Fehlen, als wichtiges Thema, weil es nie genug gab.

Auch in meinem Heimatort St. Georgen gab es eine unterschiedliche Kleiderregelung, die aber durch verschiedene Umstände wie den Krieg und seine Folgen immer mehr durcheinandergeriet. Sie hing mit der Stellung im Dorf und mit den ausgeübten Berufen zusammen, hatte aber zunehmend auch einen finanziellen Hintergrund. Eine weitere Unterteilung war eine geografische, so kleinräumig diese auch war. Bauernknechte und Mägde stellten in ihrer Erscheinung oft ein Abbild ihrer Dienstherren dar, da sie deren Kleidung häufig „erbten“. Holzknechte dagegen waren mit ihren Familien in den Gräben gewissermaßen frei. Sie mussten aber im Gegensatz zu den Bauernknechten für die Ernährung selbst sorgen, hatten sie große Familien, war das Geld knapp, das noch für Kleidung blieb. Sie standen zwischen Bauernknechten und Arbeitern, und dies drückte sich auch in ihrer Kleidung aus.

Ich erinnere mich an einen Mann, groß, in Kinderaugen eher alt, der an einem Wochentag schön gekleidet seinen Blick über den Dorfplatz schweifen ließ und schließlich nach einer Adresse fragte. Meinen Vorstellungen nach musste er zumindest ein Lehrer, ein Doktor oder ein Holzhändler sein. Zugleich wusste ich aber auch, was er nicht sein konnte, nämlich weder Bauer noch Gendarm, kein Handwerker, kein Briefträger, kein Pfarrer, denn die erkannte man an ihrer Kleidung. Der Doktor, ein kleiner, rundlicher Gemeindearzt aus Unzmarkt, immer mit einer bauchigen Doktortasche unterwegs, trug einen Arztmantel, anders kannten wir ihn nicht.

„Das Holzhandeln bringt viel ein“, höre ich meinen Ziehvater sagen. So war der Holzhändler – nicht Jäger und nicht Bauer – meist in edles Tuch in Braun oder Grün gekleidet und hob sich damit von den Holzknechten ab, wenn er einmal mit ihnen zusammentraf.

Diese trugen Sommer wie Winter zur Arbeit eine Hose aus lederähnlichem Stoff oder eine grobe, meist mehrmals geflickte Wollhose, seltener eine Lederhose. Als „Irchene“ wurden häufig fälschlicherweise auch Hosen aus dem weitaus billigeren lederähnlichen Stoff bezeichnet. Ein Janker aus ebensolchem Stoff wie die Hose musste sich bei Regen und Schnee bewähren. Meist wurde ein ehemaliges Sonntagsgewand aufgetragen, das neue war aus demselben, selten aus einem feineren Stoff gefertigt, sollte es doch einmal den gleichen Weg vom Sonntagsgewand zum „Werchtagsgwand“ gehen. In späteren Jahren sah man die Holzknechte ähnlich gekleidet wie Sägearbeiter, die häufig eine blaue Montur trugen.

Schaute man sonntags über die Kirchenbänke, gab es in der Männerreihe ein einheitliches Bild. Meist dunkle Steireranzüge, seltener eine Joppe und Lederhose. Es konnte aber auch sein, dass jemand in schwarzem Tuch darunter war, dann konnte der Träger alles sein, ein besserer Bauer oder Handwerker, ein Gendarm oder Briefträger in Zivil, auch ein Knecht, der von seinem Dienstherrn den alten Anzug „geerbt“ hatte. Eine besondere Stellung hatte der Pfarrer inne. Er trug immer Schwarz, war es nicht die Soutane, war es ein schwarzer Anzug, den er jahraus, jahrein trug. Der weiße Kragen wies ihn dann als Pfarrer aus.

Frauen waren vielfältig gekleidet, farbiger. Auch bei ihnen spielten Tradition und Stand sowie die finanziellen Möglichkeiten eine große Rolle. Frauen, die keine Schürzen trugen – feine Frauen also, wie meine Mutter sie zu nennen pflegte –, waren Lehrerinnen, arbeiteten wie die Frau Lewine auf der Gemeinde, spielten wie Frau Rosa, die Pfarrersköchin, auf der Orgel oder waren von der Fürsorge. Mehr Verschiedenheiten kannte ich nicht. Und so, stellte ich mir vor, ist es überall.

Von den Frauen mit schwarzen, glänzenden Schürzen gab es damals eine ganze Reihe. Allesamt hatten sie gemein, dass sie würdig und Respekt einflößend auf uns Kinder wirkten: die alte Frau Baumgartner und die alte Frau Wieser vom Gasthaus, aber auch die vom Kaufgeschäft. Eine Halbschürze oder Dirndlschürze trugen die junge Frau Baumgartner und sicher auch andere größere Jungbäuerinnen sommers wie winters zum entsprechenden Dirndlkleid; arbeiteten sie in der Küche mit, konnte es auch eine weiße Überschürze sein, mit Spitzen verziert und ausgestickt. Die dazu nötige Stickkunst hatten sie sicher in der Haushaltungsschule gelernt.

Die Mütter meiner Schulfreunde trugen einfärbige oder bunte Schürzen. Sie waren Kleinbäuerinnen und Keuschlerinnen wie meine Mutter, manchmal Sennerinnen, häufig Mägde bei Bauern wie meine leibliche Mutter und Mägde im Gasthaus. Zu schmutzigen Arbeiten trugen sie noch eine Vorbindschürze, die meist geflickt war, über der üblichen Schürze. So schützte die Schürze das Kleid, die Vorbindschürze die bunte Schürze. Die Frauen auf dem Sägewerk trugen blaue Schürzen oder Arbeitshosen wie die Männer.

Frau mit zwei Kindern im Schulalter in Sonntagskleidung
Neu eingekleidet vor der Kirche in St. Georgen ob Judenburg (1950)

Das Sonderbare war, dass die Sonntagskleidung der ärmeren Leute nicht immer im selben Maße einfacher war als jene der Begüterten. Am Sonntag konnte es schon sein, dass auch eine Bewohnerin des Grabens in einem Festkleid in der Kirche saß, wie meine große Schwester, die sich dieses Kleid „in der Fremde“ erarbeitet hatte. Es gab einige ehemalige „Grabenkinder“, die auswärts in verschiedenen Berufen arbeiteten und den zu Hause gebliebenen Eltern und Geschwistern Kleidung kauften und nach Hause schickten. So kam ich in meiner Volks- und Hauptschulzeit auf einmal zu städtischer Kleidung, die meine ältere Ziehschwester von einer gütigen und begüterten Dienstherrin in der Schweiz geschenkt bekommen hatte.

Eines Sonntags, die Leute standen nach der Messe vor der Kirche herum, als die Sera vom Dobernigg eine Frau fragte: „Haum S’ gor noch an Stoff aus Friedenszeiten ghobt, weil S’ heit gor so schen beinand san?“ Hatte sie, und die Frau Stampfer hatte ein Kleid daraus genäht. Einmal erhielt die Mutter im Tausch gegen ein Kitzerl einen Stoff, aus dem sich der Vater noch einen Rock beim Schöffmann anmessen lassen wollte. Es kam nicht mehr dazu. Die Mutter wusste aus der Zeitung, dass es Stoffe aus Brennnesseln geben soll. Dazu hatte sie kein Vertrauen, wollte diesen Stoff nicht kaufen. Es erübrigte sich aber ohnehin, weil es ihn bei uns nicht zu kaufen gab. Trotzdem wurde die Versorgung zunehmend besser, der Kaufmann Wieser hatte schon Stoffe in den Regalen, und in Judenburg konnte man auch wieder zwischen vielen verschiedenen Geweben wählen.

Die Kleidung des Lehrers oder der Lehrerin war in den Augen von uns Kindern auch am Wochentag schön. Lehrerinnen trugen niemals Schürzen, und Lehrer trugen lange Hosen und Hemden, die immer wie Sonntagshemden aussahen. Der Herr Lehrer Felfer trug auch Knickerbockerhosen. Ich erinnere mich, dass mich meine Mutter einmal gefragt hat, was denn die Lehrerin beim „Umgang“ angehabt habe. Meine Antwort war kurz und ohne Emotionen: „Das Gleiche wie in der Schule.“ Anders sah dies beim Oberlehrer aus, der gleichzeitig Kapellmeister war. Die Musikkapelle rückte bei verschiedenen Anlässen am Sonntag aus, etwa bei kirchlichen Prozessionen und bei Festen. Er trug, wie später auch der Herr Lehrer Felfer, den gleichen Steireranzug mit breiten Lampas wie die übrigen Musikanten, darüber die gestickte Schärpe des Musikvereins. Am Kopf trug er einen Steirerhut und in der Hand den Dirigierstab. Damit nahm er für mich einerseits die höchste Stelle im Dorf ein, andererseits wurde er mir dadurch vertrauter, hatte doch mein Ziehvater, der nur ein Holzknecht war, auch einen Steireranzug.

marschierende Musikkapelle
Lehrer und Kapellmeister Felfer mit der Musikkapelle St. Georgen bei der Fronleichnamsprozession (1950)

Wenn ich heute über die längst vergangene Kinderzeit nachsinne, weiß ich, dass sie karg und ärmlich war. Die Kleidung unmittelbar nach dem Krieg wird für die Mehrheit vor allem an Wochentagen dürftig gewesen sein, gestopft, geflickt und den Kindern oft zu klein. Neues gab es nur auf Bezugsscheine und oft in minderer Nachkriegsqualität. Dass Flicken und Stopfen das Selbstverständlichste der Welt war, dessen war ich damals gewiss. Meine Mutter war ständig damit beschäftigt, und es drohte auch mir, denn eine der ersten Arbeiten in der Handarbeitsstunde war das Stopfen von Socken und Strümpfen. Dieser Aufgabe folgte ab der vierten Klasse das Flicken einer Schürze. Beide Arbeiten nahmen ein trauriges Ende. Sah ein Loch in den Augen meiner Mutter erbärmlich aus, bedachte sie meine Stopf- und Flickkünste mit einem vernichtenden Blick und beigefügter Erklärung: „Wos soll denn des sein? Des kaun jo hiatz gor neamp mehr anziagn, schau, dass d’ as auftrennst!“ Meine Hoffnung ruhte auf dem Nun-nicht-mehr-Anziehen-Können – weit gefehlt! Die Mutter half ein bisschen nach, nur gut ausgenommen haben sich die derart behandelten Kleidungsstücke nicht mehr. Die Handarbeitslehrerin tadelte mich zwar in Schriftsprache, aber der Inhalt ähnelte dem meiner Mutter. (…)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Sonntagskleid und Werktagsgewand

Verfasst von Elisabeth Glettler

Auf MSG publiziert im Oktober 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Steiermark, Obersteiermark-West, St. Georgen ob Judenburg
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Kein siebenter Tag. Kindheit in der Einschicht" von Elisabeth Glettler, S. 99 ff.

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