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Abfahrt nach Osten

von Ferdinand Barnreiter

Am Sonntag den 22. Juni 1941 musste die gesamte Belegschaft der Schlosskaserne zum Sonderappell antreten. Hauptmann Schlesinger gab bekannt, dass in den frühen Morgenstunden der Feldzug gegen die Sowjetunion begonnen hatte. Er hoffe, dass der Führer mit seinen Soldaten auch diesen Feldzug in wenigen Monaten siegreich beenden werde. Er sei stolz, uns in wenigen Wochen zu Paradesoldaten ausgebildet zu haben.

Soldatenlieder singend marschierte unsere Kompanie mit voller Ausrüstung die Landstraße entlang zur Blumau in die Fabrikskaserne. Aus Fenstern und von Gehsteigen winkten uns Frauen und Mädchen begeistert zu. Schon glaubten wir, nach baldigem Kriegsende umjubelt zu Siegesfeiern in die Heimat heimzukehren. Beim Landhaus vorbei hatte sich unsere erste Schützenersatzkompanie 1/133 mit dem Achtungsmarsch von Kompanieführer Hauptmann Schlesinger verabschiedet.

Untätig verweilten wir noch einige Tage bis zur Bahnverladung in der Fabrikskaserne. Obwohl offiziell kein Urlaub mehr gewährt wurde, fuhr ich kurzentschlossen und ohne Genehmigung übers Wochenende mit dem Fahrrad heim. Mit vielen Segenswünschen und guten Ratschlägen nahm ich Abschied von meinen Lieben.

Von der Fabrikkaserne aus begleitete uns ein Spielmannszug zum Bahnhof Kleinmünchen und in Viehwaggons verladen ging der Transport über Wien und Krakau Richtung Osten. Auf halber Strecke zwischen Krakau und Lemberg wurden wir auswaggoniert und nach einem Zweitagesmarsch kamen wir im kleinen Städtchen Albigowa in Polen an.

(…)

Ende Juli 1941 hatten wir unsere Sachen im Tornister verstaut und bei sommerlichen Temperaturen und mit voller Ausrüstung verließ unsere Ersatzkompanie Albigowa. Nach anstrengenden Tagesmärschen kamen wir nach Schitomir und weiter nach Fastow. Erste Gräber von gefallenen deutschen und russischen Soldaten wiesen auf schwere Kämpfe hin.

zwei Grabhügel mit stattlichen Birkenkreuzen und Stahlhelmen darauf

Grabhügel mit zwei kleinen Birkenkreuzen
Deutsche und russische Soldatengräber (1941)

Abgeschossene Panzer und Geschütze und unüberschaubare Kolonnen verlassener Fahrzeuge aller Art säumten die Straßen. Granat- und Bombentrichter sowie Brandruinen gaben uns erstmals Einblick in die großen Materialschlachten des zweiten Weltkrieges.

Vor Kiew abermals ein Bild der Verwüstung: Stehen gebliebenes Kriegsmaterial so weit das Auge reichte. Nach unseren Vorstellungen hatten die Russen den Kampf aufgegeben und der Krieg sei beendet. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass der Russe noch über irgendwelches Material verfügen konnte! Über eine Pontonbrücke querten wir den Dnjepr und bezogen in Darnitsa, östlich von Kiew, für drei Tage Quartier. Jeder aus der Kompanie war bemüht, seine verschwitzte und vom Straßenstaub verschmutzte Wäsche zu säubern, was ohne Waschmittel nur schlecht gelingen konnte.

Nach mehreren Tagesmärschen erreichten wir die Kleinstadt Baryschewka. Ringsum bot sich uns abermals ein Anblick großer Verwüstung. Neben vielen herumliegenden Kriegsfahrzeugen und Geräten verbreiteten verwesende Pferde fürchterlichen Gestank. Einige Kilometer entfernt waren unzählige Grabhügel gefallener deutscher Kameraden zu einem großen Soldatenfriedhof zusammengelegt. Kreuze mit Aufschrift des Dienstgrads, Namen und Datumsangabe der Gefallenen gaben Hinweise auf vorausgegangene schwere Kämpfe. Auffallend oft gehörten die Gefallenen dem Infanterieregiment 164 an, was uns die spätere Zuteilung zu diesem Regiment schon erahnen ließ.

bewaffneter deutscher Soldat durchsucht mehrere mit erhobenen Armen stehende Landarbeiter
Kolchosarbeiter werden kontrolliert

Bei folgenden Tagesmärschen sahen wir zu beiden Seiten der Rollbahn russische Kolchosarbeiter beim Getreidefelddrusch. Aus einiger Entfernung wurden gemähte Getreidebündel mit Pferdegespannen zur Druschmaschine herangefahren, welche mitten auf dem Feld stand. Das Stroh wurde nebenan zu Haufen gestapelt. Für uns sehr eigenartig, wurde doch daheim das Getreide erst eingebracht und dann auf der Tenne gedroschen.

Bei Einquartierungen in Bauerndörfern waren überall bescheidene Lebensverhältnisse festzustellen. Ein bis zwei Kühe, Ziegen oder Schafe, zwei Schweine und etliche Hühner waren den Kolchosarbeitern eigen. Nachts auf Wache konnten wir beobachten, wie Dorfbewohner heimlich Futter vom Feld für ihre Tiere holten. Sie konnten sich ihr Deputat damit etwas aufbessern, was möglicherweise geduldet wurde. Sollten wir bei Quartiergebern zu laut gelacht, oder gar gepfiffen haben, verwies uns die Hausfrau auf Ikonen an der Wand und deutete uns an, etwas leiser zu sein.

Es ging auf Ende August 1941 zu, als unsere Ersatzkompanie in Tschernikloby, einem großen Bauerndorf, ankam. Groß war unsere Enttäuschung, als uns ein Bataillonskommandeur mit angetretener Kompanie begrüßte. Dieser gab bekannt, dass das oberschlesische Regiment 164 bei den schweren Kämpfen um Baryschewka große Ausfälle an Toten und Verwundeten zu verzeichnen hatte. Er sei zufrieden, die Lücken seiner Kompanien mit uns als gut ausgebildetem Ersatz schließen zu können. Er hoffe, dass wir uns bald in die große Kameradschaft eingewöhnen würden. Sein Adjutant hatte die Aufteilung unserer Ersatzkompanie an die vier Kompanien vorgenommen. Goldberger Martin, Hierman Sepp und ich wurden der zweiten Gruppe, zweiter Zug, dritter Kompanie zugeteilt. Der Spieß der dritten Kompanie, Hauptfeldwebel Nowara, hatte uns Oberleutnant Müller als Kompanieführer vorgestellt. In einer kurzen Begrüßungsansprache erwähnte dieser, dass der Russlandfeldzug in wenigen Wochen siegreich beendet sein werde und wir stolz sein könnten, einer ruhmreichen deutschen Wehrmacht anzugehören. Sollte bei den Neuankömmlingen jemand dabei sein, der sich noch eine Kriegsauszeichnung verdienen wolle, müsse sich Betreffender rasch freiwillig an die Front melden. Dieser Aufruf verhallte ohne Echo. Mit einem Händedruck zum Gruß wurde jeder nach seinem Herkunftsland gefragt. Folglich wurde uns Feldwebel Muchy als Zugsführer des zweiten Zuges und Obergefreiter Kuspersky als unser Gruppenführer vorgestellt. Letzterer war ein behäbiger Oberschlesier, welcher kaum Deutsch konnte.

Mit der neuen Feldpostnummer 10930D hatten wir Wochen auf ein Schreiben von daheim gewartet. Neidisch zeigten sich Kameraden, welche bei der täglichen Feldpostverteilung leer ausgingen. Allmählich hatten wir uns an die Kameraden der Stammkompanie gewöhnt, das Essenholen aus der Feldküche war uns nicht neu und den Schikanen der Rekrutenzeit hatten wir auch keine Träne nachgeweint. Außer auf Wache ziehen, verlief der Dienst ruhig und ohne Exzesse. Ungewohnt war für uns Neuankömmlinge, dass wir alsbald mit Kleiderläusen unliebsame Bekanntschaft machen mussten. An das lästige Jucken der Quälgeister musste man sich erst gewöhnen, dennoch sorgte die Verfolgung der Biester außer Dienst für Freizeitgestaltung. Mit Genugtuung nahm man Blut an den Daumennägeln in Kauf.

Während die erste und zweite Kompanie ein Gefangenenlager mit 15.000 Russen zu bewachen hatte, war unsere dritte Kompanie in umliegenden Dörfern auf Partisanenjagd unterwegs.

An einem Sonntag kamen wir in einem Dorf an, wo eine Hochzeitsfeier stattfand. Am Gehabe merkte man, dass die Hochzeitsgäste über unser Erscheinen nicht sonderlich erfreut waren. Unser Zug hatte zwei Männer und Frauen festgenommen, welche laut Aussage des Bürgermeisters nicht aus diesem Distrikt waren. Nach unseren Anordnungen wurden sie also den Partisanen zugerechnet und außerhalb des Dorfes exekutiert. Unserem Anschein nach waren diese bloß harmlose Hochzeitsgäste und mussten entsprechend der Angaben des Bürgermeisters mit dem Leben büßen.

Am folgenden Wochenende wurde das Bataillon alarmiert. Der Bürgermeister des Distriktes wurde von einer Gruppe des ersten Zuges zum Kompaniegefechtsstand eskortiert. Er hatte die Erlaubnis, aus dem Gefangenenlager Landarbeiter aus seiner Gemeinde zu entlassen. Scheinbar hatte er aber auch andere Gefangene zur Entlassung aufgelistet und wurde für dieses Vergehen auf der Stelle exekutiert. Am nächsten Morgen waren Martin und ich auf Wachposten zum Kompaniegefechtsstand unterwegs. Ein furchtbares Heulen einer Frau veranlasste uns, Nachschau zu halten. Fortwährend lautes „Papa“-Rufen brachte uns zu der Annahme, dass es die Tochter des Bürgermeisters sei. Mit bloßen Händen begann sie am Grabhügel ihres Vaters zu scharren. Beide vom Mitleid gerührt, meldeten wir den Vorfall beim Wachhabenden.

Ähnliches ergab sich, als wir vom Bürgermeister eines anderen Dorfes über ein Partisanenversteck informiert wurden. Unsere Kompanie rückte im Dorf ein und der Bürgermeister zeigte das Versteck der Partisanen. Da er dieses nur kennen konnte, wenn er mit den Partisanen unter einem Hut steckte, wurde er an Ort und Stelle exekutiert. Sicherlich keine Methode, um als Eroberer und Besatzer das Wohlwollen der Bevölkerung zu erlangen.

Es mochte Mitte Oktober gewesen sein, als unsere Kompanie vor der Tagwache plötzlich alarmiert wurde. Im Lager wurde festgestellt, dass eine größere Anzahl Gefangener abgängig war. Sofort wurde die Umzäunung kontrolliert und zum nahen Wald hin wurden unterm Zaun mehrere Schlupflöcher entdeckt. Mutige Gefangene hatten das Weite in die Freiheit gesucht. Unsere Kompanie hatte tagsüber den Waldrand durchkämmt, jedoch ohne Erfolg, die Geflohenen hatten zu großen Vorsprung.

Es ging auf Allerheiligen zu und zunehmender Frost beendete die seit Wochen anhaltende Schlammperiode auf Straßen und Wegen. Die etwa 15.000 Gefangenen, welche ohne wärmende Kleidung und Unterstand im Freien lagerten, wurden von der ersten und zweiten Kompanie eskortiert ins Hinterland abgesetzt.

Bei einem Morgenappell hatte unser Kompanieführer einen Tagesbefehl des Führers vorgelesen. Darin wurde zum Ausdruck gebracht, dass nur noch letzte russische Bastionen zu stürmen seien, wonach der Feldzug siegreich beendet werde. Noch waren wir zuversichtlich und keiner von uns hätte daran gezweifelt. (...)

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Abfahrt nach Osten

Verfasst von Ferdinand Barnreiter

Auf MSG publiziert im November 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Oberösterreich, Linz/Zentralraum / Ukraine, Schitomir, Kiew u.a.
  • Zeit: 1941

Anmerkungen

Der Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Buch von Ferdinand Barnreiter: Mit Gottvertrauen durch den Krieg. Erinnerungen eines Frontsoldaten, Unterweitersdorf 2010, S. 19 ff.

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