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Sommer in Frankreich

von Paul Antony

Nach der Neuaufstellung in Fallingbostel bei Hamburg wurden wir nach Nordwestfrankreich gebracht. Unsere Offiziere bezogen in einem Schloss an der Loire Quartier. Nach den vielen Entbehrungen in Russland fühlten wir uns hier wie „Gott in Frankreich". Für die Jüngeren von uns begann allerdings eine gefechtsmäßige Ausbildung, in die alle bisherigen Erfahrungen eingebaut waren. Durch Leichtathletik und Spiele fanden die Männer daneben auch die nötige Entspannung. Wir alle hatten reichlich Geld, denn an der Ostfront hatte es einfach nichts zu kaufen gegeben. Als Besatzungstruppe hatten wir leider den schlechtesten Verpflegssatz. In unserer Küche gab es jeden Tag nur gekochten Karfiol. Es blieb uns daher nichts anderes übrig, als rasch Französisch zu lernen, damit wir mit der Bevölkerung handeln konnten. Wir kauften bei den Bauern Geflügel und andere Lebensmittel und kochten für uns und auch für die Offiziere selbst. Dazu tranken wir, zwar nicht immer, aber doch manchmal, hundertjährigen Wein. Wir hatten viel Freizeit, aber trotzdem einen geregelten Tagesablauf.

zwei deutsche Soldaten kontrollieren junge Zivilistinnen auf Fahrrädern
Personenkontrolle von französischen Mädchen (1942)

Eine Zeit lang waren wir in Coutances stationiert. An einem sehr heißen Tag fuhr ich mit einem Fahrrad nach Granville, denn als „Binnenländler" faszinierte mich das Meer schon immer. Auf einem schmalen Weg gelangte man, zum Teil über Stufen, hinunter zum Wasser. Der feine Wassernebel der Brandung brachte eine angenehme Kühlung. Ich war vom Aufprall der Wellen am Felsen so beeindruckt, dass ich einen dünnen weißen Strich am Horizont gar nicht beachtete. Doch dann bemerkte ich, dass die Franzosen nach und nach den Weg hinaufliefen. Ich dachte mir, das müsse doch einen Grund haben, und machte mich auch auf den Weg. Ich war noch nicht ganz oben, als der weiße Streifen, der eine Flutwelle war, das Ufer erreichte. Der Anprall war so heftig, dass das Wasser viele Meter in die Höhe spritzte. Einige Fischerboote wurden mitgerissen und zerbrachen dann beim Aufprall an den Felsen in kleine Stücke. Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass mich die Franzosen nicht gewarnt hatten. Ihnen wäre es nur recht gewesen, wenn einer ihrer Feinde ums Leben gekommen wäre.

Manchmal marschierten wir nach Übungen in der größten Hitze zu unseren Unterkünften zurück. Um diese Zeit hielten die Einheimischen ihre Mittagsruhe. Es war unvermeidlich, dass unsere lauten Marschlieder sie dabei störten. Die Fensterläden wurden aufgerissen und die Franzosen zeigten uns wütend den Vogel. Sie wollten uns damit sicher auch klarmachen, wie dumm wir Deutschen eigentlich seien. Sie, die Verlierer, durften ihr Schläfchen machen, aber wir, die Sieger, mussten bei diesen Temperaturen marschieren und dabei auch noch singen.

mehrere Soldaten werden von einem Friseur gleichzeitig rasiert
Rasieren am Fließband bei einer Geburtstagsfeier für den Kommandeur (1942)

Manchmal gab es in unserem Alltag auch Abwechslung. Bei der Geburtstagsfeier für einen Kommandeur wurden verschiedene Kunststücke und Geschicklichkeiten vorgeführt. Einem Kameraden gelang es tatsächlich, einen jungen Hahn zu hypnotisieren. Das Tier ließ sich danach alles gefallen. Er konnte es auf den Rücken und auch auf die Seite legen. Nach einigen Minuten erwachte der Hahn wieder aus diesem Zustand und flog davon.

Es wurde viel Wert darauf gelegt, dass jeder von uns gut schwimmen konnte. Nichtschwimmer und Angsthasen wurden kurzerhand von einer Brücke ins Wasser geworfen — so wie ich damals das Schwimmen gelernt hatte. Natürlich mussten wir „alten Haudegen" darauf achten, dass dabei keiner ertrank. Auf einem Übungsplatz südlich von Rennes, auf dem es richtige Sanddünen gab, wurden wir für den Einsatz in Wüstengebieten vorbereitet. Wir hatten schon Afrikauniformen ausgefasst, als plötzlich alles anders kam.

Am 30. Dezember erreichte uns der Führerbefehl, diese Bekleidung wieder abzugeben, denn unser neues Einsatzgebiet lag weiter nördlich. Ohne nennenswerten Aufenthalt wurden wir in fünf Tagen mit der Eisenbahn von Frankreich zurück an die Ostfront gebracht.

© Verlag Bibliothek der Provinz

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Sommer in Frankreich

Verfasst von Paul Antony

Auf MSG publiziert im Dezember 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Frankreich, Normandie, Coutances
  • Zeit: 1942

Anmerkungen

Dieser Beitrag präsentiert Ausschnitte aus dem von Günter Antony herausgegebenen Erinnerungsbuch mit Erzählungen und Fotos seines Vaters Paul Antony: Aus meinem Leben - im Waldviertel und im Krieg, Weitra: Bibliothek der Provinz [2010], S. 122 ff., 135, 143.

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