Sie sind hier:
  1. Startseite >
  2. Lesen > 82 Bücher

Regeninsel III - Fast vier Wochen sind um

von Traude Veran

Donnerstag, 12. Februar

Ich beginne den zweiten Schreibblock, das heißt Seite 101. Fast vier Wochen sind um.

Zwei dürre, alte Männer machen ein Stück Hang urbar, nicht für sich, es gehört zu einem Villengrundstück. Kniend hacken und reißen sie mit dicken Stulpenhandschuhen das Gestrüpp aus und füllen es in große Körbe. Die kippen sie, vortretend bis zur äußersten Kante, freihändig das Riff hinunter.

Mittags eine Art Nebel, der den Horizont näher rückt. Keine Desertas mehr. Die Schiffe versinken nicht hinter der Weltkugel, sie lösen sich auf. Das Land verschwimmt den Hang hinan vor meinen Blicken. Glücklicherweise lasse ich mir nicht von mir einreden, das sei Regen und ziehe mit Heike los. Bergwärts auf bewährten Pfaden, hinunter abenteuerlich: Wir beginnen gepflastert, folgen dann Fußspuren und stellen immer häufiger unhaltbare Theorien über unser Fortkommen auf. Aber jedes Mal, wenn wir in Gestrüpp oder Morast stecken bleiben, deutet ein hilfreicher Einwohnerfinger auf den Weiterweg. Dabei finden wir das

Traumhaus

Einsam mitten in den Terrassen, meine vivenda solidão. Ganz arme Menschen können hier nicht gelebt haben, wenngleich natürlich die Villenbewohner ihre Nasen rümpfen würden: zwei Zimmer, die Nebenräume verfliest. Küche und Dachstuhl ausgebrannt, eingestürzt; Algen an den Wänden, Pflanzen kriechen durch Bodendielen und Fensterhöhlen. Was verwendbar war, haben die Bewohner (oder wer immer) mitgenommen, sogar die Fensterstöcke.

Behauene Steinbänke um den Vorplatz, Weinreben über dem Dach. Der Blick fällt auf die Schlucht des Caniço-Baches, dahinter das Meer. Keine Zufahrt, aber wenige Meter tiefer führt eine Straße vorbei.

18 Uhr. Irgendein Schwein hat Waschmittel in den Bach abgelassen. Die Schlieren verlaufen sich nur langsam.

Das Wandern in den Terrassen hat uns ein wenig Einblick in die Lebensweise der Landbevölkerung gegeben. Ich bewundere sie, beneide sie aber nicht.

Bauern

Ihr Leben ist extrem hart. Sklaven haben die alten Terrassen angelegt, jetzt sind die Besitzer ihre eigenen Sklaven. Selbst auf den etwas größeren Feldern machen sie alles mit der Hand, weil Maschinen nicht hinkommen. Die Terrassen müssen nach jedem Regen kontrolliert und ausgebessert werden, der gierige Griff des Unkrauts ständig bekämpft. Freilich lohnt das Klima die Mühe, Kartoffeln z.B. reifen bis zu dreimal im Jahr.

Im Sommer wird mehrmals täglich bewässert. Besonders die Bananenplantagen sind Säufer: Ein Kilogramm Bananen braucht bis zur Reife 1000 Liter Wasser. Überall warten gefüllte Zisternen, falls das kostbare Nass aus den Gerinnen einmal ausbleibt.

Viehzucht ist problematisch bis unmöglich. Eine Kuh im Stall, den sie häufig das erste Mal in ihrem Leben verlässt, wenn sie geschlachtet wird. Fast nirgends kann man sie grasen lassen, sie würde abstürzen. Und Wiesen sind rar, die Erde wird für den Anbau gebraucht. Manche Bauern sollen ihre Kuh einmal wöchentlich spazierenführen. Wirklich oder eine hübsche Anekdote, um Touristen zu necken? Verfüttert werden Abfälle von Kulturpflanzen und hochwüchsige Futterpflanzen wie die aus dem Himalaya stammende Girlandenblume, die auf kleinster Fläche größten Ertrag bringt.

Ein Schwein, das zu Weihnachten, eventuell als Luxus ein zweites, das zu Karneval geschlachtet wird. Räuchern ist unbekannt (es gibt ja keine Kamine), so wird durch Pökeln konserviert, im Wesentlichen aber das Fleisch rasch aufgebraucht. Ein paar Hühner. Ein oder zwei Ziegen, sogar sie angepflockt. Nur die Schafe auf den Gebirgshochflächen laufen frei. Es gibt keine Zugtiere, keine Pferde, nicht einmal Esel: kein Futter, zu große Verletzungsgefahr.

Viele Häuser haben keine Zufahrt. Alles muss getragen werden, auf dem Rücken, auf dem Kopf, und das oft steil hinauf und hinunter. Auch alte Leute schleppen riesige Lasten. Durch die gestreute Bauweise fehlen die Adern der Zivilisation, nicht nur Straßen, auch Wasserleitung und Kanal. Strom ist vorhanden und oft verbindet allein er die Menschen mit der Welt. Wir haben leicht unsere aufgeklärten Köpfe schütteln über die Satellitenschüssel auf jedem Haus. In den ersten Tagen meines Aufenthalts habe ich sie mit etwas Missbilligung zur Kenntnis genommen. Nun denke ich: Was fingen wir wohl an, wenn wir abends nicht ausgehen könnten, weil der glitschige Weg im Finstern zu gefährlich ist?

Die Jungen suchen für sich Alternativen: Männer gehen ins Ausland. Auf der Insel leben zeitweilig bis zu fünfmal so viel Frauen wie Männer, Strohwitwen über Jahrzehnte oder unverheiratete Familienhelferinnen. Auf ihnen lastet alles, auch die Landarbeit.

Im Fremdenverkehr locken Arbeitsplätze mit mehr Lebensqualität, anstrengend zwar, aber arbeiten, das haben sie ja gelernt. Seit ein paar Jahren strömt die Jugend in die neue Tourismusfachschule in Funchal, das raubt der Landwirtschaft den Nachwuchs. Ein Problem, auf der ganzen Welt zu finden. (...)

steinerner Brunnen mit religiösem Bild

Montag, 16. Februar

(...) Eine alte, basaltgepflasterte Straße, Allee; auf einer Seite Baumriesen mit wulstförmigen Narben, wo einmal Zaundrähte eingeschnitten haben, auf der anderen ein Kamelienhain in üppiger Blüte. Die unfassliche Verschwendung der Natur: Tausende der zarten Bällchen fallen ins nasse Gras, verfaulen. Tausende wachsen nach, blühen auf. Bei uns wird jede einzelne Blüte als Kostbarkeit behandelt.

Das hier ist keine tropische Pflanzenwelt, wie manche Reiseführer weismachen wollen, im Gegenteil, die luftige Höhe lässt manches zu, was an der Küste verschmachtet, wie die Kamelien. Aber alles ist üppig. Trotz Hunderter Pflanzenarten ist der Park kein botanischer Garten, vielmehr eine künstlich angelegte Landschaft, die nach und nach zur natürlichen verwächst: Wege, Grünflächen, Beete, Brücken, Teiche ... Hier ließe es sich leben.

Winter ist Orchideenzeit. Jede Besucherin erhält zum Abschied eine Cattleyablüte, prächtig hell- und dunkelrosa.

Unkraut

Eukalyptus, der Fieberbaum: Schlanker Riese mit silbergrauen Blättern, die in ihrer Jugend ein wohltuendes ätherisches Öl verströmen. Flaumige Blütenbällchen und bizarre, harte Samenkapseln, wie Narrenschellen geformt. Früher einmal habe ich diese Pflanze aus Samen gezogen, beim Gießen erfüllte ihr Duft das Zimmer. Hier begrüßte ich sie als alte Bekannte. Wusste nicht Bescheid.

Ein importiertes Gewächs. Hat auf Madeira keine Feinde, ist aber wahrscheinlich der gefährlichste Feind der Waldinsel.

Der Baum verwindet sich im Wuchs, Drehspannung lässt die Rinde abplatzen. Leider fehlen dem Inselboden die speziellen Mikroorganismen, die sie zersetzen können. Wo Eukalyptusrinde hinfällt, wächst nichts mehr.

Millionen Samen treiben in den Levadas, vergiften das Wasser, lassen sich verschwemmen. Die Fieberbäume fühlen sich überaus wohl, vertausendfachen sich, verdrängen alle anderen Arten. Durch ihr rasches Wachstum entziehen sie dem Boden das Wasser.

Nicht einmal mit dem Holz ist etwas anzufangen: Allzu rasch wächst es, bleibt locker und brüchig, zum Bauen und Stützen ungeeignet. Man kann es wegen der ätherischen Öle nicht verbrennen, es qualmt. Früher landete es in der Papierindustrie, das rentiert nicht mehr.

Nicht die harmlosen Grünlinge am Wegrand, der mächtige Eukalyptus ist Un-Kraut. Es wird sogar Militär eingesetzt, um die Schößlinge auszureißen. Die Natur ist schneller.

Gefahren drohen auch von den herrlichen Trichterwinden, die ganze Terrassen ersticken, vom sonnengelben Sauerklee, der in dichten Polstern rasch aufschießt und zögerliche Pflanzen wie die Süßkartoffel unter sich begräbt.

Monte, oberhalb Funchals gelegen; ein Wallfahrtsort, Grabmal des letzten Habsburgers, Pflichtbesuch für Österreicher. Durch elegante Vororte klettert der Bus wie eine Gemse den Hang hinan.

In der Kirche stinkt es penetrant nach Abgasen. Das Tor schneidet mitten durch ein Stuckornament, eine biblische Landschaft. An die Holzdecke ist eine Holzdecke gemalt. Andacht kommt in dieser Kirche nicht auf, die donnerlosen Fotoblitze rauben jede Ruhe. Ich bin enttäuscht.

Karl liegt in einer schwarzen Metallkiste, ohne den Pomp, den man sich um einen österreichischen Kaiser vorstellt, bewacht von ein paar Schützenfahnen. Ein hörbar steirischer Historiker expliziert, wie alles hätte anders kommen können, damals am Isonzo. Warum sind es immer die Soldaten, die einen Kaiser verehren? Warum nicht die Geflügelhändler oder die Klarinettisten?

Für Madeirenser ist die Madonnenstatue, Schutzpatronin der Insel, viel wichtiger. Ich kenne sie von Ansichtskarten und besuche sie auch jetzt nicht. Man muss noch ein ziemliches Stück bergauf wandern, es fährt gerade kein Autobus.

Ich schaue mir jedes historische Gebäude von hinten an, da gibt es immer etwas zu entdecken, z.B. am Dom in Funchal zwei manuelinische Säulen, gedreht wie Schiffstaue. (Aber auf die hat mich mein Buch hingewiesen.) Hier, völlig unbeachtet, eine Muschel, Eckverzierung an einem halb zugebauten Fenster. Sie sieht sehr alt aus, viel älter als die Kirche. Wieder eine unbeantwortete Frage.

Zwei große Themen an einem Tag - jetzt hab' ich mir ein Taxi für die Heimfahrt verdient. Als fröhliche Überraschung fährt es die schnurgerade, steile Straße hinab, die die Korbschlitten nehmen. So lerne auch ich diesen Weg kennen, aber ganz ohne blaue Flecken auf der Sitzfläche.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Regeninsel III - Fast vier Wochen sind um

Verfasst von Traude Veran

Auf MSG publiziert im Dezember 2010

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Portugal, Madeira
  • Zeit: Februar 1998

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Traude Veran: Regeninsel. Winter in Madeira, Wien 2000, S. 86 ff., 97 ff.

Copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt.

Seine Veröffentlichung erfolgt unter einer Creative-Commons-Lizenz.