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Regeninsel II - Ich schaue übers Meer ...

von Traude Veran

Donnerstag, 22. Januar

Das Meer ist mir einfach zu groß, das habe ich gestern schon bemerkt. Meine Augen sind gewöhnt anzustoßen, glauben nicht, was sie sehen. Die Regenwand dort, nicht so ein Mund voll Wasser, sondern ein richtiges Naturereignis, ist vor mehreren Stunden bei uns durchgezogen. Da drüben hängt sie immer noch, scheinbar nur einen Katzensprung entfernt.

dunkle Wolkenfront über dem Meer

Nicht das Wetter ist merkwürdig, sondern das Panoptikum. Unendlich ist er ja nicht, der Atlantik, selbst wenn es den poetischen Anschein hat, aber "endlich" kann auch ganz schön weit sein. Seine riesige Fläche zeigt mir alle Wetterzustände auf einmal: blendende Sonnenflecken, weite stahlgraue Schattenebenen, Regenstriche aus tiefhängenden Wolkenbäuchen, glitzernde Wasservorhänge vor der Sonne - Schiffsreisende jenseits dieser Volants müssen einen

Regenbogen

sehen, genau so einen wie hinter mir über dem Hügel. Meinen ersten habe ich der Rezeptionistin voller Enthusiasmus zeigen wollen und mich über ihr höflich-verwirrtes Lächeln gewundert. Jetzt schaue ich schon kaum mehr hin - nein, das stimmt nicht, ich schaue fasziniert hin, aber der Fotoapparat bleibt zu. Den ganzen Tag über leuchten in dieser gemischten Meteorologie irgendwo die Spektralfarben vom Himmel.

Nun habe ich ein anderes Zimmer; mein Raunzen über den Halsverrenkungsmeerblick hat gewirkt. Es liegt am selben Flur, nur gegenüber, schaut hangabwärts, da sind unter mir noch zwei Etagen. Die Veranda nicht überdacht, dadurch ist es viel heller. Ich sitze mit meinem Tagebuch in der Sonne und es regnet aufs Papier, gleichzeitig. Ich schaue übers Meer, staune.

Ich ertappe mich dabei, dass ich das Landesinnere "da hinten" und "hinter mir" nenne. Das wird doch nicht ein bisschen abwertend klingen? Bis jetzt kenne ich von Madeira nur diesen schmalen Küstenstreifen, die "Blumeninsel" ist mir noch kein wirklicher Begriff. Also Nase bergwärts gerichtet und strolchen gegangen!

Häuser

Einzeln behaupten sie sich die Bergflanken hinauf, so weit es geht. Zuerst denke ich: Ein reiches Land! Lauter hübsche, schneeweiße, neue Villen. Bis mich ein Spaziergang ins Nachbardorf führt. Auch hier relativ geräumige, schneeweiße Häuser, aber weit entfernt von dem satten Wohlstand in Caniço de Baixo, wo die deutschen Nebelflüchter wohnen, Leute, die es sich leisten können.

Die Madeirenser verdanken viele ihrer Häuser den emigrantes, Angehörigen im Ausland, fleißigen Gastarbeitern in Südafrika oder Venezuela, jeden abgesparten Escudo schicken sie nach Hause. Große Häuser, aber es wohnen auch große Familien drin und Platz ist vielfach der einzige Luxus, den sie sich leisten. Allzu oft sehe ich den Wasserbehälter auf dem Dach, den untertags die Sonne wärmt, damit man abends duschen kann. Daneben die Satellitenschüssel. Das verwirrt mich etwas, dem werde ich nachgehen müssen.

Freilich bewundern wir die Quintas, Herrenhäuser, jeder Quadratzentimeter Kultur und Tradition. Aber schließlich besitzt jedes Land seine Schlösschen und Villen. Die Reichen sind im Laufe der Zeit ausgedünnt und ihre Quintas zu Hotels, Instituten, Museen geworden.

Manche älteren Bauernhäuser erinnern mich ans Burgenland, wo ich lange gelebt habe: Streckhöfe, Schmalseite zur Straße, niedrig, geduckt, Dachhaube über die Ohren gezogen. Offen an der Breitseite, mit einer gestampften Fläche davor, Blumentöpfen, einer Bank. Auf dem Dach Kürbisse zum Trocknen.

Nur dass die Lauben vor den Fenstern nicht gemauert sind, sondern aus grünem Dschungel bestehen. Ein eingestürztes Dach auf meinem Weg - ich bin sicher, da wohnt trotzdem jemand: Oleander mit dicken Knospen, der Hibiskus fängt gerade zu blühen an, die Mispeln reifen, ein Dickicht mit halbreifen Kolben: Fensterblatt, die bei uns als Zierpflanze für große Räume beliebte Philodendronart. Irrtum! All das braucht keine Pflege, hat seine Bewohner schon ein Jahrzehnt überlebt, wie mir ein freundlicher Obstverkäufer versichert. (...)

Freitag, 23. Januar

10 Uhr 30. Ein wilder Regensturm rast aus dem fernen Nordosten heran, die Wolken drehen sich gegen den Uhrzeigersinn. Gleich wird alles nass sein. Aber nein - er tobt bis zum nächsten Riff, biegt zwei Kilometer vor mir ab und verzieht sich hinaus in die Weite. Den hab' ich verscheucht!

Fische

Manchmal treffe ich ein heimkehrendes Fischerboot, warte zusammen mit Katzen und Möwen. Fische bekomme ich nur tot zu Gesicht, am verschwenderischsten in der Markthalle von Funchal: enorme Thunfische, in dicke, rosa Scheiben geschnitten; Sardinen, die ich bisher noch nie außerhalb der Dose angetroffen habe; Stockfische - getrockneter Kabeljau, fliegenden Drachen gleich.

Und Tische voll pechschwarzer oder, nach dem Enthäuten, silbriger Espadas. Die espada, der Degenfisch. Die deutschen Urlauber sagen natürlich der Ess-pada, ich lächle verächtlich. Mein "Portugiesisch für Anfänger" trägt Früchte und ich weiß, man spricht das ischpådå aus.

Geheimnis des Ozeans. Aalförmig, ohne Schuppen, zwei Meter lang, mit riesigen Augen. Sie lebt in unendlichen Tiefen, Tausende von Metern weit unten. Oder nicht ganz so tief, vielleicht fügt die Ehrfurcht noch einiges hinzu. Keiner hat je Laich oder Jungtiere gesehen. Wir wissen nur wenig über sie: Nachts kommt sie "herauf", um in mehreren hundert Metern Tiefe zu jagen. Man fängt sie mit Bündeln von Angelhaken an kilometerlanger Leine, zieht sie tot ins Boot, durch den Druckunterschied sind ihre Organe zerplatzt, die Augen herausgetrieben. Nie noch hat eine lebende Espada einen lebenden Menschen erblickt.

Sie muss ein schrecklicher Räuber sein. Espada heißt Degen. Das nadelspitze Gebiss gab ihr den Namen, von dem sich manche irreführen lassen und glauben, sie sei mit dem Schwertfisch verwandt; das ist sie nicht. Sein langer Schnabel wirkt im Vergleich zu ihrem blitzenden Maul unbeholfen.

Auf Madeira ist sie der häufigste Speisefisch, auch in Japan fängt man sie. Sonst nirgends. Gibt es sie nur an diesen beiden Orten, oder verbirgt sie sich? Manche behaupten, die Tiefsee gehöre ihr, überall.

Nachts spiegeln sich die Doppellichter der Fischerboote im Wasser, still liegen sie. Espada, du wirst überlistet, geködert. Dein Atemholen ist anders als meines, also wohl auch deine Atemnot, aber ich kann fühlen, wie der Druck in deinem Innern steigt, Todesangst, Schmerz, Bewusstlosigkeit. Getötet wie ein Bergsteiger in zu großer Höhe.

Und ich esse dich. Fast jeden Tag. "Ein überaus wohlschmeckender, würziger Speisefisch, verschiedenste Zubereitungsarten", so wirst du angepriesen. Auch ich bin ein Raubtier. Ich verehre dich, aber ich fresse dich.

14 Uhr 30. Die Sturmfront wütet schon sehr weit draußen, aber das Meer ist so nachtragend: Seit Stunden friedliche Sonnenlandschaft und es führt sich noch immer auf wie verrückt. Im Gegensatz zu ihm habe ich den wüsten Vormittag fast vergessen.

Eidechsen

Die Sonne kommt heraus - und da sind sie. Mauern aus unverputzten Steinen gibt es zu Tausenden und auf, zwischen, in ihnen Eidechsen zu Myriaden: sehr zarte mit hellen Tüpfelstreifen, ihre Farbe spielt von silbergrau bis silbergrün, und etwas bulligere graphitfarbene. Manche haben nachgewachsene Schwänze in glattem Grau, wie Prothesen.

Sie sind winzig, etwas größere finde ich nur an verlassenen Stellen. Leiden sie unter dem Stress der Besichtigung? Natürlich bleiben alle Touristen stehen. Ich gewöhne mich an den Anblick erstarrter Menschen, die, wenn ich näher komme, leichte Zeichen mit den Fingern wedeln, ich möge vorsichtig sein.

Eidechsen legen oder setzen sich nicht. Wenn sie an der richtigen Stelle angelangt sind, erstarren sie, hören einfach auf sich zu bewegen, oft mit erhobenem Kopf, oder ein Klauenfüßchen über der Spalte. Offenbar kennen sie den Begriff "unbequem" nicht. Glückliche Tiere! Ich ertappe mich, dass ich mich ähnlich verhalte: Um sie nicht zu erschrecken, erstarre ich mitten im Schritt. Und wedle den Nachkommenden leichte Zeichen mit den Fingern. Ach ja.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Regeninsel II - Ich schaue übers Meer ...

Verfasst von Traude Veran

Auf MSG publiziert im Jänner 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Portugal, Madeira
  • Zeit: Jänner 1998

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Erinnerungsbuch von Traude Veran: Regeninsel. Winter in Madeira, Wien 2000, S. 26 ff.

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