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"So nach und nach lernte ich viele und vieles kennen..."

von Helene Gasser

Ich kam in das geehrte Haus der Frau von Fleischl im Jahre 1864, den 5. Oktober. Ich wurde aus einem Büro in der Stadt hingeschickt. Ich war vorher vier Jahre am Neubau bei einer Hausfrau. Damals kam ich noch ganz frisch gebacken aus meiner Heimat Tirol nach Wien. Es ging mir dort nicht schlecht, aber ich dachte mir: „Ich muss noch was anderes probieren!“ Was in diesem Hause zu sehen und zu lernen war, das konnte ich schon alles, da ich bereits das fünfte Jahr begonnen hatte; und doch war ich noch ein rechter Backfisch. Ich hatte in dieser Zeit nichts Neues probiert, bin mit wenigen Menschen in Verkehr gekommen, habe kaum gewusst, wo man zur Stadt geht. Es hat mich damals auch nichts interessiert. Eine Zeitung zu lesen war mir nicht eingefallen. Ich kümmerte mich nicht um alles Schöne und Künstlerische, ging niemals ins Theater, verstand nichts und war froh, dass es zu Ende ging. So ist die Zeit vergangen. Darum hatte ich dann das Bedürfnis, woanders wieder was zu sehen und zu lernen.

Nun ging ich in das obengenannte Büro, welches mir empfohlen wurde, weil man in dieser Anstalt nur solche Mädchen genommen hat, die von mehreren Jahren Zeugnisse hatten. Wie ein Büro ist und aussieht, davon hatte ich keine Ahnung. Ich hab mir vorgestellt, ich würde allein, ganz ungeniert mein Anliegen vorbringen können. Doch war das eine Täuschung. Als ich hineinkam (das Büro war in der Klostergasse), war das Lokal so voll, dass manche noch auf der Straße standen. Wie mir da zu Mute war, das habe ich nie vergessen. Zagend ging ich hinein mit dem Gefühl, als würde ich zum Kaufe angeboten, denn ich hatte so was noch nie gesehen. Als ich sechs Jahre in meiner Heimat in zwei Plätzen gedient habe, da war es anders; da suchten die Frauen ihre Mädchen selbst und forschten nach, ob sie die oder jene bekommen könnten. In dem Lokal waren auch mehrere Frauen, die die Mädchen selbst herausgesucht hatten; auch mich hatten einige haben wollen, aber diese Damen sind mir absolut nicht sympathisch gewesen. Ich dachte mir: „Ich mag nun einmal nicht!“

Dann bekam ich eine Adresse: Frau von Fleischl, Wieden, Taubstummengasse 10, erster Stock. Ja, wo wird denn Wieden sein? Zwei Mädchen aus dem Büro gingen mit mir in der Meinung, wenn es für mich nichts wäre, könnte es vielleicht für sie was sein.

Nun versuchte ich zuerst das Glück, ging hinauf und hinein. Die gnädige Frau wurde gerufen, ich stellte mich vor. Ich bekam durch das freundliche Entgegenkommen der gnädigen Frau Mut. Die erste Frage war: „Können Sie Herrenhemden nähen?“ Ich sagte: „Ja.“ – „Können Sie auch mit der Maschine nähen?“ Ich sagte, dass ich noch nie eine gesehen habe; auch die gnädige Frau hat damals noch keine gehabt, es wurde erst eine gekauft. Dann wurde ich gefragt: „Können Sie servieren?“ Da habe ich mir gedacht: „Was soll denn das sein?“ Ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte, und gab nur zur Antwort: „Ja, wenn man es mir zeigt, werde ich schon dreinkommen!“ Nun waren wir fertig, und nach ein paar Tagen bin ich schon eingestanden. Dann habe ich wohl gleich gesehen, dass man das Herrenhemdennähen brauchen kann – es waren nicht weniger als sechs Herren da.

Als ich schon einige Tage im Hause war, erfuhr ich erst, dass die gnädige Frau vor mir nicht weniger als 22 Mädchen aus dem genannten Büro hat kommen lassen; es hat ihr keines recht behagt, und wenn ihr eine gefallen hat, dann konnte die wieder nicht Herrenhemden nähen. Es kamen dann noch einige, um ihre Zeugnisse abzuholen, da sich die gnädige Frau Bedenkzeit vorbehalten hatte. Nun bekam ich nochmal Angst und wurde ganz verzagt, weil ich mir gleich gedacht habe: „Ich werde in das Haus wohl nicht passen und viel zu dumm sein!“ Doch es ist gegangen. Ich hab mir alle mögliche Mühe gegeben, um die Herrschaften zu befriedigen, und sie sind auch so nach und nach mit mir zufrieden geworden. Nun habe ich geschworen: „Büro, du siehst mich nimmer wieder; war nur das eine Mal da, um auf diesem Weg Arbeit und Brot zu suchen!“ Es ist mir auch gelungen, hab nie mehr ein Büro gebraucht.

Die Herren waren fast noch Kinder: Der Herr Richard, der jüngste, war erst zehn Jahre alt, ist noch in keine Schule gegangen. Es war auch ein Hofmeister da. Aber Professor Ernst, Dr. Otto und Paul, die waren mit ihrem Studium schon sehr fleißig. Der gnädige Herr war wenig zu Hause, da das Comptoir in der Leopoldstadt war.

Zur gnädigen Frau kamen viele Besuche, lauter berühmte Menschen. (...) So nach und nach lernte ich viele und vieles kennen. Das Frl. Betty Paoli habe ich erst später kennengelernt, denn sie war, als ich in das Haus kam, noch bei der Fürstin Bretzenheim in Sárospatak, wo sie jeden Herbst bis zu deren Tod hat sein müssen. Was das Frl. Betty Paoli war, das habe ich lange nicht verstanden – eine Schriftstellerin. Da habe ich mir vorgestellt, es wird halt jemand die Bücher und Schriften aufeinanderstellen, dass sie nicht so herumliegen, so eine Art Einräumen. Ja, mein Gott! Wo hätte ich denn in meinen jungen Jahren etwas hören sollen?

Dr. Otto von Fleischl samt Frau haben sich die Mühe gemacht und mir die große Ehre gegeben, mich im Jahr 1900, den 13. Juli, in meiner Heimat Lienz in Tirol zu besuchen. Da habe ich ihnen bei einem Spaziergang mein Geburtshäuschen gezeigt. Es ist unter einem Walde, nicht ein Haus in der Nähe, kein Verkehr mit Menschen, kann man sagen, nur mit Waldbewohnern. Das sind: Zeiseln, Stieglitze, Krummschnäbel, Amseln, Lerchen, Berggimpel (wie man hier sagt). Im Winter, wenn viel Schnee lag, sah man auch manchmal Vierfüßler: Gämsen und Hasen, die der Hunger heruntergetrieben hat.

Leider haben wir selbst auch Hunger gehabt, da der Familiensegen sehr groß war: zwölf an der Zahl – so ist es leicht erklärlich; und einen armen Schneider zum Vater und Ernährer. Von der obgenannten Nachbarschaft haben wir nichts Schriftstellerisches erfahren können, wenn schon, eher etwas Musikalisches.

Erst so nach und nach habe ich das Frl. Betty Paoli von innen und außen kennen und selbstverständlich auch schätzen gelernt. Ganz merkwürdig kamen mir im Hause Fleischl die vielen Bücher vor. Das konnte ich mir lange nicht enträtseln. In meinem Elternhaus waren außer den Schul- und Gebetbüchern nur zwei von immenser Größe: Das eine war das Leben Christi, das andere seine Leiden. Das waren unsere „Romane“. Wenn wir die zu Ende gelesen hatten, dann ist wieder von vorne angefangen worden, und an den Feierabenden oder an einem Sonntag hat uns der Vater vorgelesen. Erst in Wien ist es mir klar geworden, dass mein Vater einen schönen Vortrag gehabt hat. In der Schule wollte uns der Seelenhirt nicht schreiben lernen, nur lesen und Religion – das hat mein Vater nicht zugegeben. Was hätte ich da im Hause Fleischl getan, wenn ich nicht halbwegs hätte schreiben können?

Buchcover
Informationen zum Artikel:

"So nach und nach lernte ich viele und vieles kennen..."

Verfasst von Helene Gasser

Auf MSG publiziert im Februar 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien / Tirol, Osttirol, Lienz, Umland
  • Zeit: 1864

Anmerkungen

Dieser Beitrag ist ein Textausschnitt aus dem Erinnerungsbuch "Mit Kochlöffel und Staubwedel. Erzählungen aus dem Dienstmädchenalltag", herausgegeben von Andrea Althaus, 2010, S. 23ff.

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