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„Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse“

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Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse

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Der Hinterhof

von Gunda Plasser

Unser Klopfbalkon war im Hof, der von drei verschiedenen Häusern gebildet wurde: Bechardgasse 18 (mein Haus), Teile des Hauses Bechardgasse 16, wo Anni und Doris wohnten, und Kegelgasse 5. Die drei einzelnen Höfe waren zwar durch hohe Mauern voneinander getrennt, insgesamt war die Fläche aber ziemlich groß. Der Klopfbalkon war geräumig und ab Mittag sonnig. Man konnte ihn vom Dienstbotenzimmer aus betreten.

Eines schönen Frühlingstages Ende der Vierzigerjahre führte mich meine Mutter auf den Balkon hinaus, zeigte auf ein Fenster vis-à-vis auf gleicher Höhe und sagte: „Schau, dort wohnt die kleine Anni, sie ist genau so alt wie du!“ Ich schaute und dachte, die Sonne sei aufgegangen. Am Fenster stand ein Mädchen mit weißblonden, gekrausten Haaren, die in alle Richtungen abstanden – wie ein Strahlenkranz. Ich war von diesem Anblick fasziniert. Es dauerte nicht lange und wir hatten uns angefreundet.

Dieses Fenster des gegenüberliegenden Hauses lag etwa drei Meter von der Ecke meines Klopfbalkons entfernt. Wir konnten uns daher sehr gut sehen und miteinander sprechen. Unseren Eltern war es auch ganz recht, dass wir befreundet sein und miteinander spielen konnten, ohne das Haus zu verlassen. Und so begannen wir, in der Öffentlichkeit des Hinterhofes zu spielen.

Zunächst stellten wir einander unsere Puppen und Teddybären vor. Meine Puppe hieß Gerti, war aus Stoff, mit einem Kopf aus Papiermaché und einer Perücke aus roten Haaren. Annis Puppe hieß Susi und war eine kleine Schönheit aus Zelluloid, mit aufgemalten blonden Haaren. Aber ich hatte zusätzlich noch meinen Onno, den Teddybären. Er war ein Geschenk meines Großvaters an meinen ältesten Bruder im Jahr 1929 und soll einmal der schönste Bär mit goldenem Fell und bernsteinfarbenen Augen gewesen sein. Bevor er in meine Obhut gelangte, war er allerdings von meinen beiden Brüdern schon so geliebt worden, dass er bereits ziemlich hergenommen war. Er war praktisch kahl, hatte Ersatzarme aus Watte und Stoff und schwarze Knopfaugen. Aber deswegen wurde er nicht weniger geliebt. Er lebt übrigens noch heute im Alter von 80 Jahren und kommt immer wieder zu Weihnachten aus seinem Versteck.

Unsere Puppen wurden außerordentlich gut betreut. Sie gingen in die besten Schulen – ich glaube, es war ein Schweizer Internat – und erhielten die beste Erziehung. Es gab eigene Hefte und Schulbücher für sie, Kleider wurden aus Stoffresten, die es im Fundus meiner Großmutter in Mengen gab, mehr geschnitten als genäht, aber sie waren insgesamt beneidenswert; weil die Puppen so besondere Geschöpfe waren, erhielten sie schlussendlich auch die noch fehlenden Adelstitel: Sie hießen fortan „Gerti von Glückspilz“ (wohl ein Zusammenhang mit meinem eigenen Nachnamen Pilz) und „Susi von Friedburg“.

Bei unseren Spielen und der Betreuung unserer Puppen und Bären entstand aber die Notwendigkeit, verschiedene Spielsachen oder Gegenstände auszutauschen und einander zu zeigen. Wir waren aber zu weit voneinander entfernt. Hier bestand sehr bald großer Handlungsbedarf. Und wir waren natürlich einfallsreich.

Es musste eine Verbindung gebaut werden, um die drei Meter zu überwinden. Bald war die Lösung gefunden. Eine Schnur musste her. Ich fand eine passende, sehr lange Schnur, beschwerte das Ende und begann sie in das schräg gegenüberliegende Fenster zu werfen. Ein schwieriges Unterfangen – aber Anni holte einen Besen und bald gelang das Kunststück. Die Schnur wurde über die Halterung des Außenfensters gelegt und nun wurde das Ende wieder zurückgeworfen. Diesmal benötigte ich einen Besen. Nun wurden die Enden um das Balkongeländer verknüpft, ein Leinensack angebunden und schon konnten wir Gegenstände quer über den Hof transportieren! Die Schnurpost oder „Blitzpost“, wie wir sie später nannten, war erfunden! Eine fantastische Idee war geboren! Diese Verbindung blieb den ganzen Sommer aufrecht, wurde erst mit Einbruch der kälteren Jahreszeit wieder entfernt und dann in den darauf folgenden Jahren mit Eröffnung der Spielsaison immer wieder aufgebaut.

Wir hatten Glück, dass die anderen Bewohner des Hinterhofes tolerant waren. Sie mussten nicht nur den Anblick unserer Schnurpost ertragen, sondern vor allem unser dauerndes Geschnatter. Am ärgsten war aber wohl, wenn wir einander riefen. Täglich mindestens einmal erschallten unsere Rufe nach der Freundin mit voller Lautstärke, bis diese am Fenster oder am Balkon erschien. In manchen Nachmittagsstunden, wenn ältere Bewohner gerne einen Mittagsschlaf hielten, fand das auch nicht immer ungeteilte Zustimmung.

Mit der Zeit und zunehmendem Alter wurde die Erfindung daher ergänzt um die Klingelschnur. Diese wurde zusätzlich zur Blitzpost gespannt und führte über Oberlichten bis tief in die Wohnungen hinein. An den Enden hingen Glöckchen. Wenn es klingelte, wussten wir, die Freundin hatte gerufen. Es war unser erstes Telefon – leider technisch noch nicht ausgereift, es tendierte dazu, sich zu verheddern und funktionierte nur sporadisch.

Mit dem Älterwerden änderten sich aber unsere Spiele. Die Beschäftigung mit Puppen und Teddybären wurde langsam durch andere Tätigkeiten ersetzt. Wir besuchten dieselbe Schulklasse und hatten natürlich auch darüber immer ausreichenden Gesprächsstoff. Aber das Leben im Hinterhof hatte auch bereits seine eigene Magie entwickelt. Es regte unsere Fantasie an. Und so begannen wir, unseren Hof im Geiste auszubauen. Zwischen dem Klopfbalkon und dem Fenster eines Hinterzimmers hatten wir schon so viel gemeinsam erlebt, dass wir diesen Raum für uns vereinnahmten. Andere Bewohner und Ereignisse traten in den Hintergrund, der Hof gehörte uns.

In unserer Fantasie nahm er Gestalt an. Die drei Höfe mit den dicken Mauern wurden zum Schwimmbad – sahen sie nicht ohnedies aus wie leere Bassins? Darüber wurden weitere Stockwerke errichtet: Es entstand ein Eislaufplatz im nächsten Stockwerk, darüber formten sich Hügel mit einer Rodelbahn und Schipisten. Dieses erfundene Gebäude bot alles, was sich Kinder nur wünschen konnten. Wenn abends die Dämmerung hereinbrach, hatten wir wieder einmal das absolute Traumschloss gebaut.

Dennoch – diese wunderschönen Kindheitsfantasien nahmen auch irgendwann ein Ende. Wir besuchten später verschiedene Schulen, hatten neue Aufgaben zu meistern und mussten uns wieder ganz neu orientieren. Aber auch das Älterwerden brachte – wie kann es anders sein? – das Ende dieser wunderbaren Zeit voller Spiele und Träume, die wir dennoch nie vergessen konnten. Vielleicht haben wir uns auch an den Satz von Max Reinhardt gehalten: „Man soll ein Stück Kindheit in die Tasche stecken und es durchs Leben tragen.“

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Der Hinterhof

Verfasst von Gunda Plasser

Auf MSG publiziert im März 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Wien, 3. Bezirk
  • Zeit: 1940er Jahre, 1950er Jahre

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt einen Textausschnitt aus dem von Dorothea McEwan, Gunda Plasser, Lotte Schwind und Anni Maria Tepser gemeinsam verfassten Erinnerungsbuch "Der Vater auf dem Bügelbrett und andere Geschichten aus der Bechardgasse", Glödnitz 2010, wieder.

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