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Die Wachen

von Pierre-Marie Le Lous

Die Wachen waren junge und sehr sympathische Soldaten, und wir hatten mit ihnen die besten Beziehungen, bis auf einen Ersatzmann gegen Ende zu. Immer waren sie bereit, uns entgegen zu kommen, vorausgesetzt, wir machten unsererseits keine Geschichten.

Die ersten zwei waren junge Korporale, frisch eingezogen. Sie wurden nach wenigen Monaten durch andere, etwas ältere, ersetzt, diese dann ebenfalls durch ältere, usw. Je länger der Krieg dauerte, desto älter wurden unsere Wachen. Die Jungen wurden nacheinander an die Front geschickt, zunächst nach Russland und dann in den Westen.

eine Gruppe von Kriegsgefangenen, Zigaretten rauchend, vor einem Gebäude
Die erste Zigarette nach der Ankunft der französischen Kriegsgefangenen im Kommando Thaya, der Autor als 1. von rechts in der vorderen Reihe (1941)

Bald nach unserer Ankunft ersuchte ich eine der beiden Wachen, die sich in unserer Bewachung abwechselten, ob er mir nicht ein Wörterbuch und eine deutsche Grammatik auftreiben könnte. Ich hatte ihm dafür Geld gegeben, und er brachte mir beides aus Krems mit. Sie waren mir leider nicht sehr nützlich, denn nachdem ich eine Reihe von Wörtern und Phrasen aus den Büchern auswendig gelernt hatte, versuchte ich sie bei den Leuten im Ort anzubringen. Die sahen mich bloß neugierig an und schienen mich nicht zu verstehen. Ich erkannte sehr schnell, dass die Bauern in Thaya nicht Hochdeutsch sprachen, sondern einen Dialekt. Ich legte meine Bücher beiseite und versuchte eine direktere Methode. Nach und nach gelang es mir genau zu verstehen, was man mir erklärte, und ich begann auch einfache Sätze selbst zu formulieren. Ich habe also nie Hochdeutsch gesprochen, wie man es im „Reich“ verwendete, sondern einen bescheidenen niederösterreichischen Dialekt.

Die ersten Wachen waren keine Burschen aus der Umgebung. Das Deutsch, das sie sprachen, entsprach eher dem Deutsch in meinen Büchern. Ich glaube sogar, dass die Jungen des Ortes auch hochdeutsch sprachen, aber ich hatte nur wenig Kontakt mit ihnen, weil sie bald eingezogen wurden. Die Erwachsenen, Männer wie Frauen, und die Alten sprachen untereinander und auch mit uns in ihrem Dialekt.

Die Dienst habende Wache hatte ihr Zimmer nahe unserem Schlafraum. In diesem Zimmer standen auch drei oder vier Kästen an der Wand aufgereiht. Darinnen wurden die Pakete, die wir bekamen, aufbewahrt. Wenn jemand von uns etwas aus seinem Paket wollte, musste er die Wache darum ersuchen. Dann wurde der Kasten geöffnet, und man konnte sich aus seinem Päckchen herausnehmen, was man wollte. Diese Vorschrift sollte verhindern, das Gefangene zu viele Nahrungsmittel bei sich lagerten, um für einen eventuellen Ausbruch gerüstet zu sein.

Es gab wenige, die versuchten zu flüchten – unsere Heimat war doch unendlich weit weg. Und wenn wir es schon aus dem Reich hinaus geschafft hätten, wäre das erst der halbe Weg gewesen. Dennoch sind eines Morgens vier von uns abgehaut. Statt in die Arbeit zu gehen, marschierten sie einfach davon. Alle vier zusammen und zu Fuß. Wo wollten die hin? Sie wussten es selber nicht. Sie hatten ihre Flucht auch in keiner Weise vorbereitet. Was sie wirklich wollten, war, einem anderen Bauernhof zugeteilt zu werden. Es gefiel ihnen dort, wo man sie hingeschickt hatte, nicht, und zum Zeichen ihres Protestes hatten sie sich auf die Straße begeben. Sie waren auch nicht weit gegangen, als man sie einholte und ins Kommando zurück brachte. Man teilte sie anderen Bauernhöfen zu, und sie kamen nie wieder in Versuchung, abzuhauen.

Einer der vier, ein Kamerad aus der Gegend von Dinan, hat sich später freiwillig gemeldet, als uns vorgeschlagen wurde, in der Nähe von Wien als freie Arbeiter zu arbeiten. Nachdem er sich in seiner neuen Umgebung eingewöhnt hatte, kam er uns eines Sonntags nachmittags besuchen. Da an dem Tag das Wetter schlecht war, waren wir im Kommando geblieben, spielten Karten und tranken Bier. Er war aus Wien mit dem Zug gekommen. Der Empfang, den wir ihm bereiteten, war ziemlich kühl. Ich erinnere mich noch daran, was ich ihm gesagt habe: „Wie du noch bei uns warst, wolltest du auf und davon. Warum tust du das nicht jetzt, wo du Zivilkleidung trägst und in deinen Bewegungen frei bist? Du kannst doch den Zug nehmen, wie du willst. Indem du Zivilarbeiter geworden bist, hast du einem Arbeiter die Versetzung an die Front verschafft. Dort kämpft er jetzt gegen die Russen oder die Amerikaner. Das hast du damit erreicht!“

Zweifellos hatte er einen guten Grund, in die Nähe von Wien zu ziehen, wahrscheinlich eine Frau. Er ist dann auch nicht lange bei uns geblieben. Ich muss gestehen, das Gespräch wurde immer unangenehmer, und er hat sehr schnell selbst verstanden, was los war. Er ist weit vor der Abfahrtszeit seines Zuges aufgestanden, und wir haben ihn nicht wieder gesehen. Ich habe mich nicht dafür interessiert, ob er nach der Befreiung nach Frankreich zurückgekehrt ist.

Im Jahr 1942 wurde das Kommando in Ober-Edlitz aufgelöst, und die Kriegsgefangenen auf die Kommandos von Nieder-Edlitz und Thaya aufgeteilt. So waren wir statt bisher 18 jetzt 28. Mit den Kriegsgefangenen kam auch ein Unteroffizier, der dann der Chef der beiden Kommandowachen war. Unter diesem neuen Chef hat sich unsere Situation schnell verschlechtert. Er hat damit begonnen, die Pakete, die wir erhielten, zu durchsuchen, um zu überprüfen, ob sie nichts Verbotenes erhielten – Alkohol oder geheime Nachrichten. Dabei bemühte er sich, unsere Sachen so weit wie möglich in Unordnung zu bringen. Er zerstreute die Zuckerstücke und zerbrach die Schokoladetafeln. Dieses Benehmen störte uns zutiefst, so dass wir die anderen Wachen ersuchten, bei ihm zu intervenieren. Er möge sich ändern oder abhauen. Denn seine Art erzeugte bei uns schlechte Laune, und ein Kriegsgefangener mit schlechter Laune ist kein guter Arbeiter. Das führte aber zu nichts, er blieb in unserem Kommando und änderte sich nicht.

Also haben wir eines Tages beschlossen, unsere Unzufriedenheit deutlich zu zeigen. Statt am Morgen zur Arbeit zu gehen, gingen wir alle geschlossen zum Ortsbauernführer. Dieser war verantwortlich für alles, was die Landwirtschaft in Thaya betraf, und selbst Bauer. Er war der lokale Vertreter der Nazi-Verwaltung. Da standen wir nun alle im Hof des Ortsbauernführers. Eine echte Demonstration. Vor unserer Ankunft hatte Guillou, der Lehrer aus Esquibien, der besser deutsch sprach als wir, dem Vertreter der Behörde erklärt, wie sehr dieser Unteroffizier die Kriegsgefangenen schikanierte. Wenn dieser Zustand noch lange andauerte, hätte das Auswirkungen auf die Arbeitsleistungen auf den Bauernhöfen, und dann würden die Bauern sich bei ihm beschweren. Wir wussten, dass wir diese Drohung verwenden konnten, wir hatten das untereinander abgemacht. Außerdem war es Ende 1942, die Ostfront war eröffnet worden und verstärkte noch den Mangel an immer weniger werdenden Arbeitskräften. Zwei Tage später war der unangenehme Unteroffizier versetzt, und es herrschte wieder Ruhe.

Als die jungen Wachen durch ältere oder Invalide ersetzt wurden, brachte das das Leben im Kommando kein bisschen durcheinander. Die neuen Wachen waren Veteranen des Ersten Weltkrieges und litten darunter, dass man ihre Kinder jetzt in diesen gejagt hatte. Sie und wir, wir warteten auf das Gleiche, nämlich dass der ganze Spuk so schnell wie möglich zu Ende sei. Wir standen miteinander auf sehr gutem Fuß. Trotzdem habe ich mich über einen von ihnen beschweren müssen, und zwar über einen aus der letzten Mannschaft, den XY. Er war nicht an die Front geschickt worden, weil er vier Kinder hatte. Auf eine gewisse Art war er aber trotzdem Soldat, denn er trug eine Uniform. Allem Anschein nach gefiel ihm das sehr, denn es verlieh ihm Bedeutung. Ich kannte ihn schon, da er im Dorf wohnte. Er bearbeitete den ärmsten Hof im Dorf und da er offenbar nicht genug Platz hatte, um sein wenigen Geräte unterzubringen, hatte er sie bei Schreibers, wo ich arbeitete, eingestellt. Indem man ihn zur Wache gemacht hatte, hatte man ihm Autorität verliehen, und XY hatte sich so weit verstiegen, dass er sich als Verkörperung der Macht betrachtete. Und wie es nun häufig in solchen Fällen ist, war er bereit, sich dieses Umstandes zu bedienen, um sich für sein Schicksal zu rächen. Eines Sonntags morgens herrschte er mich an, ich solle sein Fahrrad putzen. „Hoppala, mein Freund“, antwortete ich, „ich werden Dein Fahrrad morgen putzen, aber sicher nicht heute. Ich arbeite nicht an einem Sonntag!“ Er war so dumm: „Wenn das so ist, bekommt ihr keinen Ausgang heute Nachmittag und werdet im Kommando eingesperrt!“ Und das hat er auch gemacht. Kaum waren wir vom Mittagessen bei den Bauern zurück, hieß er uns in den Gemeinschaftsraum gehen und verriegelte die Türe hinter uns. Es war schön draußen, das richtige Wetter um spazieren zu gehen, die anderen Kommandos zu besuchen und Haare zu schneiden. Nicht zu reden von Jean Guyomard, der am Waldrand auf uns warten und sich Sorgen machen würde, wenn niemand kam, um mit ihm ein bisschen zu plaudern. Da war nichts zu machen, der Riegel war vorgelegt und wir waren bis zum Abend eingesperrt.

Einige Zeit später allerdings schien der Mann Gewissensbisse zu haben, denn er ließ uns heraus. Leider war es jetzt zu spät, um sich noch auf den Weg zu machen. Von diesem Tag an sprach niemand mehr ein Wort mit ihm. „Warum spricht niemand mit mir?“ fragte er mich eines Tages. Da antwortete ich ihm „Du bist doch ein mieser Typ! Leg Dich nie wieder mit uns so an, denn dann werden wir grantig, und dann arbeiten wir nur halb so gut und die Bauern werden sich beim Ortsbauernführer beschweren, und man wird Dich weiß Gott wohin schicken.“ XY schien Angst um seine wunderbare Position zu haben, denn er bemühte sich, seine Haltung zu ändern und blieb bis zur Befreiung auf seinem Posten. Er hat sogar sein Fahrrad selbst geputzt.

Er war unglaublich dumm. Als die Russen Thaya einnahmen, behielt er seine Uniform der deutschen Armee an und blieb bei uns. Ich sagte ihm „Du Dodel, geh doch nach Hause und zieh dich um, die verschleppen dich doch sonst!“ Am Ende hat er auf mich gehört, aber es war ihm anzusehen, wie ungern er sich von dieser Uniform, auf die er so stolz war, trennte.

Mehr als einer von uns hatte gelegentlich gesagt: „Wenn der Krieg vorüber ist, dann werde ich mit dem abrechnen.“ Jetzt, als der Moment da war, fiel es niemandem ein, gegen ihn die Hand zu erheben. Es gab ja auch wirklich keinen ausreichenden Grund, um es zu tun. Was vorüber ist, ist eben vorüber. Jetzt war nur mehr eines wichtig: So schnell wie möglich nach Hause zu kommen.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Die Wachen

Verfasst von Pierre-Marie Le Lous, unterstützt durch Bernard Cabon (bretonische und französische Erstveröffentlichung), Brigitte Awart (Übersetzung ins Deutsche)

Auf MSG publiziert im April 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Niederösterreich, Waldviertel, Thaya
  • Zeit: 1941 bis 1945

Anmerkungen

Dieser Beitrag gibt ein Kapitel aus dem Erinnerungsbuch von Pierre-Marie Le Lous: "Kriegsgefangen in Österreich. Ein Bretone in Thaya", Weitra 2006, S. 28 ff., wieder.

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