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Tagebuch einer Sommerliebe

von Christine Casapicola

Die Sommer meiner frühen Kindheit habe ich mit meinem Großvater und seiner Schwester in Grado verbracht, wie viele Kinder der Sechzigerjahre, nur dass ich krank war und wir in den Ville Bianchi wohnten. Der Hausarzt meinte damals, Grado wäre gut für meine Nieren, und daher wurde ich täglich für eine mir unerträglich lang erscheinende Zeit bis zum Bauch im Sand vergraben, während die anderen im seichten Wasser herumtollten. Die Großtante stopfte erbarmungslos jedes Sandloch, wenn sich eine Zehe oder ein Knie mühsam in die Freiheit zu kämpfen versuchte.

Außer diesem Pflegetrieb hatte meine Großtante allerdings wenig Fürsorgliches an sich. Zwar fand sie Gefallen daran, von mir Nonna genannt zu werden, doch ihre Großmütterlichkeit beschränkte sich auf die Koketterie, dadurch möglichst italienisch zu wirken. Ich empfand sie als schillernden Paradiesvogel. Das alternde Blond ihrer Haare überspielte sie mit einem leuchtenden Lila, und ihre mutige Garderobe war ein unerschöpfliches Gesprächsthema beim allabendlichen Spaziergang. Der führte uns jeden Tag in einen anderen Winkel Grados. Wir wandelten dabei auf den Spuren einer weiteren Tante.

Vor allem die Nonna erzählte fortwährend von ihrer Tante Lilly. Die Gute war erst kürzlich verblichen. Sehr zum Bedauern der Nonna, die sich stets Mühe gegeben hatte, es der Tante an Extravaganz gleichzutun. Auch der Großvater bedauerte aufrichtig. Und zwar, dass "die alte Hexe" anstatt des versprochenen Vermögens nur persönlichen Krimskrams inklusive eines zerschlissenen Heftes mit dem Titel "Sommer 1913–1914" hinterlassen hatte.

ältere Ansicht eines Seebades mit zahlreichen Leuten in alten Schwimmkostümen.
Seebad Grado, 1907 (© Privatarchiv Giovanni Battista Panzera, Cormons, Italien)

Wir wandelten also zu dritt durch die Altstadt. Die Nonna suchte still das Andenken an ihre Lieblingstante, weshalb sie wohl an diesem Abend besonders schrill wirkte. Der Großvater blätterte in den Aufzeichnungen der Tante und konnte sich nicht vom 25. Juli 1913 lösen.

Er versuchte, die Hallen der ehemaligen Sardinenfabriken ausfindig zu machen, um den "besonders delikaten" Schauplatz einer Eintragung zu finden. Was er genau damit meinte, behielt er für sich. Das war nicht allzu schwierig, war er doch der Einzige in der Familie, der die handschriftlichen Kurrentaufzeichnungen der Tante entziffern konnte. Die Nonna plauderte munter vor sich hin, Anekdote um Anekdote kramte sie aus ihrem Gedächtnis, um damit dem Geist der verstorbenen Tante Gestalt zu verleihen. Ich durchsuchte mein kindliches Gehirn nach vagen Erinnerungen an die Tante, und nach Erklärungen, warum sie für den Großvater neuerdings so interessant war, hatte er die Tante doch zu Lebzeiten nie leiden mögen.

Kurzum, die Erwachsenenwelt bestand in diesem Sommer einmal mehr aus Dingen, deren Sinnhaftigkeit mir verschlossen blieb. So trabte ich geduldig den beiden hinterher und wunderte mich nicht, als wir bereits zum dritten Mal das alte Haus am Hafen umrundeten. Da passierte es. Die Nonna hatte sich auf den Rand der Kaimauer hinausgewagt, als sie plötzlich samt stöckelbeschuhter lila Eleganz von den glitschigen Steinquadern ins brackige Hafenbecken rutschte. Platsch! Sie landete direkt zwischen zwei Fischerbooten. Endlich etwas, das ich verstand. Mein Gerechtigkeitssinn sagte mir, dass es sich nur um den wohlverdienten Ausgleich für das Sandmartyrium und die langweiligen Spaziergänge handeln konnte. Doch als ein Kind der Sechzigerjahre bestens in die Benimmregeln der Erwachsenen eingeführt, warnte mich meine fünfjährige Wohlerzogenheit davor, lauthals loszulachen. Unsicher orientierte ich mich an den Erwachsenen. Der Großvater löste kaum den Blick von den Tagebuchseiten und murmelte etwas Unverständliches, das wie "dumme Gans" klang, wirkte ansonsten unbeeindruckt. Dann waren da noch die Prohaskas, die Tischnachbarn aus dem Hotel.

Der Großvater und die Nonna bezeichneten die Prohaskas – in seltener geschwisterlicher Harmonie und mit einem geringschätzigen Unterton – als "die Wiener". Auch die Prohaskas zeigten wenig Reaktion. Was sie dachten, war allerdings nicht schwer zu erraten: Die drei aus Linz, aus der Provinz, tragen einiges zur Unterhaltung bei.

Es waren noch keine zehn Tage vergangen, seit die Nonna während des Abendessens die köstlichen Spaghetti alla "Ville Bianchi" in den geflochtenen Brotkorb gekotzt hatte. Es war das einzige Gefäß, das sie in der Eile erhaschen konnte, ehe eine erlösende Ohnmacht sie aus der Peinlichkeit befreite und sie zu Boden sank. Weiß wallend schlug das Tischtuch über ihr zusammen und verschluckte sie gnädig. Die Folgen einer bösen Fischvergiftung, hatte man noch am nächsten Morgen gemunkelt.

Es war klar, was "die Wiener" jetzt dachten: Untertags vergraben die Alten das Kind im Sand – und nun stolpert die eine auch noch ins Meer! "Die Wiener" spähten in unsere Richtung, natürlich aus sicherer Distanz. Sie wollten sich schließlich zu keiner Hilfeleistung verpflichten, jedoch nahe genug sein, um in spätestens einer Stunde die Szene im Speisesaal wiedergeben zu können.

Eines mussten jedoch auch die spitzzüngigsten Spötter zugeben: Wie ihre Tante, so war auch die Nonna eine bemerkenswert schöne Frau. Kein Wunder, dass im Nu vier nicht minder schöne Italiener herbeieilten, um sie zu retten und um nicht nur sie, sondern zu meiner Erleichterung auch meinen roten Plastikfisch, den Auslöser des Malheurs, aus dem Wasser zu angeln.

Mein Großvater versuchte, mir die heißen Sandbäder zu verkürzen, indem er mir Geschichten erzählte. Leider handelten die meisten von der Tante, oder wie es der Großvater formulierte, von einer, die immer schon "ein Luder" gewesen war. Damals wie heute setzen sich die Mosaiksteinchen seiner Erzählungen nur zu einem lückenhaften Bild zusammen. Ich erinnere mich, besser gesagt habe ich es in der Zwischenzeit des Öfteren erzählt bekommen, dass mein Ururgroßvater, der Vater der Tante Lilly, ein wohlhabender Weißwarenfabrikant aus Linz namens Gustav Wiener war. Gustav Wiener lieferte seine Wäsche von Abbazia bis Ragusa. Grado war stets die erste Station der Geschäftsreise, auf der ihn die Tante seit ihrem 18. Lebensjahr begleiteten durfte. Komisch, dass sich die Nonna als eine geborene Wiener ausgerechnet über "die Wiener" in unserem Quartier mokierte.

Wie auch immer, wir saßen also am Strand, die Nonna therapierte mich, der Großvater widmete sich dem Tagebuch der Tante Lilly. Aus den Aufzeichnungen der Tante ging hervor, dass sie mit ihrem Vater stets in der Pension Fortino hinter dem Wellenbrecher abgestiegen war. Das Fortino galt damals als der Treffpunkt der besseren Gesellschaft.

"Typisch, wo sonst", kommentierte mein Großvater die Tagebucheintragung und nickte vielsagend. Während er also amüsiert das Verzeichnis der heiratsfähigen Männer im Tagebuch studierte, prägten sich mir nur wenige Dinge wirklich ins Gedächtnis. Das Bild des Fortino war eines davon. "Die Pension liegt dicht am Meer", las mir der Großvater vor und setzte fort: "Mein Zimmer hat eine eigene kleine Veranda, die mit einem Arkadenbogen überdacht ist. Umwerfend, von hier am Abend die Sonne im Meer versinken zu sehen! Aber das Beste ist der Speisesaal. Er geht auf eine weite, gegen das Meer vorgeschobene Terrasse. Vom Deich aus gesehen gleicht das Fortino einem großen Schiff, das bereit ist, die Anker zu lichten." Ich beneidete die Tante um diese Unterkunft. Die Vorstellung eines Hauses, mit dem man über das Meer segeln konnte, beeindruckte mich sehr.

Manchmal legte der Großvater das Tagebuch zur Seite und gönnte uns allen eine Ruhepause. Er rückte sich im Liegestuhl zurecht und vergrub seine Beine genüsslich bis zu den Waden im Sand – und das freiwillig! Die Gespräche über bestickte Tisch- und Bettwäsche, alles Dinge, die im Fortino selbstverständlich das Hauswappen im Secessionsstil getragen hatten, verstummten. Mit etwas Glück konnte selbst die Nonna vergessen, dass sie die Enkelin eines Wäschefabrikanten war, und zeigte sich – endlich – von den Details aus dem Leben der Tante ermüdet.

Dann erzählte mir der Großvater die wirklich spannenden Geschichten. Wie die eines prachtvollen weißen Schlosses an der Steilküste vor Triest. In Miramare, so verriet mir der Großvater, wohnt ein Zauberer. Ich konnte kaum erwarten, ihn zu sehen. Sehnsüchtig spähte ich aus meinem Sandloch heraus über den weiten Golf, der Grado von Triest trennt, und war mir sicher, im dunstigen Blau die Umrisse eines Gebäudes mit Turm zu erkennen.

Tatsächlich ist es selbst an klaren Tagen schwer, Miramare auf diese Entfernung auszumachen. Für mich war es gänzlich unmöglich! Denn ob der Sorge um meine Nieren war niemandem aufgefallen, dass ich kurzsichtig wie ein Maulwurf war. Ich navigierte mich anhand von Umrissen, Geräuschen, Farben und Gerüchen nicht ungeschickt durch meine Kinderwelt, und was ich nicht sehen konnte, stellte ich mir vor. Wie den Zauberer in seinem Schloss.

Der ersehnte Ausflug nach Miramare entwickelte sich zu einer spannenden Suche nach dem Zauberer – in jedem Winkel des Schlosses und in den üppigen Blumengärten, so lange, bis der Großvater und die Nonna alles besichtigt hatten. Den Zauberer trafen wir nicht, er war kurzfristig verreist, ein magischer Notfall. Mein Großvater wusste als einer der besten Freunde des Zauberers natürlich genau Bescheid, warum er fortgeeilt war, doch wie die Geheimnisse der Tante, so behielt er auch dieses für sich.

Ich bin ihm damals nicht begegnet, dem Zauberer in seinen wallenden Gewändern, den spitzen Zauberhut tief in der Stirn. Und auch die Sommerfreuden der jungen Tante Lilly haben sich mir nie offenbart. Das Tagebuch blieb nach dem Tod des Großvaters unauffindbar.

Doch wenn ich heute, gut vierzig Jahre später, auf dem Weg nach Triest bei Schloss Miramare anhalte, dann höre ich meinen Großvater erzählen und bin mir sicher: Es gibt ihn, den Zauber von Miramare. Sobald ich die Brille abgenommen habe, kehren die Farben und die Geräusche meiner Kindheit zurück. Dann hören Kinderohren das Schlingern der Boote im Hafen, Kinderaugen sehen die gesamte Palette an Farben, die der Zauberer nach seinen Geheimrezepten mischt, um damit die Lagune von Grado zu bemalen. Und ein Kinderherz weiß, dass der Großvater dem Zauberer seit einigen Jahren dabei hilft.

Eine Menschengruppe in antiquierter Badekleidung im Wasser
Gruß aus Grado (© Privatarchiv Giovanni Battista Panzera, Cormons, Italien)

Grado – Chronik der Sommerfrische

Nachdem das Haus Habsburg als Folge des Krieges im Jahr 1866 die venezianischen Strände verloren hatte, waren die sonnenhungrigen Gäste gezwungen, nach neuen Zielen zu suchen. Die Wahl fiel auf Grado, dessen mildes Klima bis dahin nur die einheimischen Fischer zu schätzen gewusst hatten. So begann im späten 19. Jahrhundert der Aufstieg Grados vom Fischerdorf zu einer der führenden Sommerfrischen an der Adria. 1893 befürwortete der Kaiser einen Antrag der Grafschaft Görz auf Ausbau von Grado zum Seebad und Kurort.

Bereits drei Jahre davor hatte man vor dem Strand auf Höhe der Ville Bianchi (die es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab) eine Badeanstalt auf Eichenpfählen ins Wasser gesetzt. Dieses Strandbad war ein typisches Beispiel für die damalige Bäderarchitektur. Im Zentrum des Kreuzgrundrisses befand sich das mit einer Meeres-Terrasse ausgestattete Café-Restaurant, in dem man sich erfrischen konnte und ab und zu Konzerten lauschte. Links und rechts reihten sich mehrere Hundert Umkleidekabinen. Von der Badeanstalt führte eine Strandpromenade bis in die Altstadt. Dort pflegten sich die Damen und Herren des Wiener Adels aufzuhalten. Eine beliebte Abwechslung bestand darin, sich fotografieren zu lassen.

Gleich vier Fotoateliers wetteiferten mit Kiosken entlang der Promenade um die Gunst der Kunden. Zwischendurch traf man sich in Cafés oder stärkte sich in den Restaurants bei Wiener Küche und Pilsner Bier. Sportliche Geister versammelten sich auf dem gepflegten Rasen des Tennisplatzes, gleich gegenüber der Badeanstalt, zu einem freundschaftlichen Match. Zum Standardprogramm der Kurgäste gehörte auch eine Besichtigung der Sardinenfabriken.

Einen denkwürdigen Tag für die Entwicklung Grados stellt der 4. April 1900 dar. Grado war bis dahin eine Laguneninsel mit begrenzter Trinkwasserkapazität. Das Wasser wurde in einem ausgeklügelten Zisternensystem gesammelt, beziehungsweise von Aquileia per Schiff herbeigeschafft. Nach monatelangen Versuchen wurde in der Nacht zum 4. April die Vision des Bürgermeisters Marchesini Realität. In 217 Meter Tiefe war man auf Wasser gestoßen, aus dem Bohrloch auf der Piazza Grande schoss eine meterhohe Fontäne.

Mit dem Wasser schoss auch der Fremdenverkehr erst so richtig aus dem Boden. Während sich im Jahr 1900 die Zahl der Übernachtungen auf bescheidene 2000 beschränkte, zählte der Ort in der letzten Saison vor dem Ersten Weltkrieg 18.005 Kurgäste. Der Großteil kam dabei aus den Kronländern, doch immerhin, einer verirrte sich sogar aus dem fernen Ägypten an die obere Adria. In der Zeit nach 1900 entstanden die mondänen Villen und Hotels, so zum Beispiel die Villen des Barons Bianchi, die Villa Imperiale der Familie Anbelang und die Pension Fortino der Emma Auchentaller.

Die Pension Fortino spielte dabei eine besondere Rolle. Im Jahr 1902 erwarb Emma Auchentaller, die Frau des Malers Josef Maria Auchentaller, ein an der Spitze des Wellenbrechers gelegenes Grundstück. Auf den Grundrissen einer alten Befestigungsanlage entstand die Pension Fortino. Im Jahr 1903 nahm das Fortino den Betrieb auf. Josef Maria Auchentaller war Mitglied der Wiener Secession und viele seiner Kollegen, von Otto Wagner bis Carl Moll, verbrachten die Sommer in Grado. In ihrem Kielwasser folgten Schriftsteller, Komponisten, Gelehrte und das wohlhabende Bürgertum, so unter anderem Stefan Zweig und Sigmund Freud.

Im Fortino zu nächtigen gehörte zum guten Ton. Was als Idee einer gelangweilten Künstlergattin begonnen hatte, entwickelte sich zum durchschlagenden Erfolg. Emma ging in der Rolle der Geschäftsfrau auf, errichtete eine Dampfwäscherei und ließ Laguneninseln erschließen. Ihr Gatte war im touristischen Förderungskomitee der Insel vertreten und entwarf in dieser Zeit das berühmte Werbeplakat Reebad Grado".

Während Emma sich mehr und mehr zu Hause fühlte, verlor Josef Maria aufgrund der Distanz zu Wien als Künstler zunehmend an Bedeutung.

Das Fortino wurde 1942 geschlossen, Josef Auchentaller starb 1949, vier Jahre nach dem Tod seiner Gattin, vergessen von den Wiener Freunden. Doch zumindest in Grado ist man bis heute stolz auf "den Secessionisten an der Grenze des Reiches".

In und um Grado

Das Vergnügen …

… in einer der alten Villen zu übernachten, ist teuer erkauft. Aber immerhin, es gibt sie noch. Führend sind wohl die nach modernstem Standard eingerichteten Ville Bianchi. Die ehemalige Villa Imperiale heißt jetzt Villa Reale, ansonsten hat sich am Ambiente nicht viel verändert. Empfehlenswert: die Villa Erica. Das Fortino findet man auf dem Largo della Vittoria. Aus dem ersten Haus am Platz wurde eine Wohnhausanlage, doch auch heutzutage muss man gut betucht sein, um sich hier einkaufen zu können. Bei näherer Betrachtung erkennt man die Schiffsform, die Arkadenfenster und den typischen Dachvorsprung. Die verspielten Details im Secessionsstil, wie zum Beispiel das breite Fries im Schachbrettmuster unter der Dachtraufe und die großflächigen Graffiti mit Meeresmotiven und dem Hauswappen, gibt es allerdings nicht mehr.

 

Gebäude nahe dem Meer, Aufschrift Pension
Pension Fortino, 1909 (© Privatarchiv Giovanni Battista Panzera, Cormons, Italien)

Vom Mythos des malerischen Fischerdörfchens …

… darf man sich ein für alle Mal verabschieden. Von den rund 1000 Berufsfischern und den 400 Fischerbooten, die man im Jahr 1900 zählte, finden sich nur noch traurige Reste. In irgendeiner Form lebte damals jeder Gradese vom Meer. Man sammelte Krabben und Muscheln, züchtete Austern, half bei Bau und Instandhaltung der Boote und Netze oder war in einer der drei Sardinenfabriken beschäftigt. Die erste Fabrik wurde von Karl Warhanek im Jahr 1871 errichtet, dessen Marke »Ocean« bis heute erhalten geblieben ist. Für Fischer und Fabriksleute gab es eine eigene Krankenkasse und Unfallversicherung.

Will man sich mit einem echten Gradeser Fischer über Lagune und Meer unterhalten so findet man diesen, nein, nicht im Hafen, sondern in der Calle Merlato 1. Im Vereinslokal der Graisani De Palù, der Menschen aus der Lagune von Grado, wurde noch jeder herzlich empfangen. Geöffnet ab 17 Uhr, Kenntnisse des Italienischen sind nicht hinderlich, helfen aber beim Gradeser Dialekt nicht wirklich weiter. Besser ist es, mit drei bis vier Gläschen Wein à Euro 1,50 im Blut die lästige Sprachbarriere zu überspringen. Mit viel Glück und noch mehr Zeit lässt sich vielleicht sogar ein Ausflug in die Lagune arrangieren – abseits des Massentourismus.

Einheimisches Strandvergnügen …

… bietet bei freiem Eintritt der alte Strand im Westen des historischen Zentrums – molto italiano. Ebenfalls fast ausschließlich italienisch besetzt ist der Lagunenstrand von Belvedere, kurz vor dem Zufahrtsdamm nach Grado zweigt eine Straße nach links ab. Die Lagune hat hier den Charakter eines riesigen Sees, an dessen Ufer sich Picknick- und Badegäste im Schatten alter Pinien ausruhen. Die Pinien sind der spärliche Rest eines breiten Waldgürtels, der noch im 19. Jahrhundert die Adriastrände von Ravenna bis Grado säumte. In Belvedere lag bis 1936 auch der kleine Hafen, von dem aus die Fährboote nach Grado übersetzten. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war Grado eine Insel und nur per Schiff erreichbar.

Buchcover
Informationen zum Artikel:

Tagebuch einer Sommerliebe

Verfasst von Christine Casapicola

Auf MSG publiziert im Mai 2011

In: Erinnerungsbücher

Der Beitrag wurde folgenden Regionen und Zeiträumen zugewiesen:
  • Ort: Italien, Friaul-Julisch Venetien, Grado
  • Zeit: 1900er Jahre, 1910er Jahre, 1960er Jahre

Anmerkungen

Der Textbeitrag gibt einen Ausschnitt aus Christine Casapicolas Buch "Wein für Wien, Wasser für Štanjel", S. 149 ff., wieder. Die Erzählung basiert auf eigenen Erinnerungen und Recherchen und nimmt Bezug auf ein Tagebuch ihrer Linzer Urgroßtante Lilly Leidenmüller-Wiener (1895–1990).

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